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29.04.2019

Serbien will zum Silicon Valley des Westbalkans werden

Regierung investiert 100 Millionen Euro in Bildung, Forschung und Entwicklung von Start-ups / Von Dominik Vorhölter

Belgrad (GTAI) - Serbiens IT-Industrie beruht auf Outsourcing. Damit die Branche weiter wettbewerbsfähig bleibt, muss das Land den Nachwuchs fördern und die Finanzierung von Start-ups verbessern.

Der Softwareentwickler Nordeus, bekannt für das Spiel "Top Eleven", ist ein Leuchtturm der serbischen IT-Industrie. Die Firma ist eine der wenigen international tätigen Branchenunternehmen, die aus Serbien stammen. Der Spieleentwickler gilt als Vorbild für die Zukunft der serbischen IT-Industrie. Denn diese soll langfristig von heimischen Unternehmen getragen werden und nicht von ausländischen Konzernen, die ihre Programmiertätigkeiten nach Serbien verlagern und hochqualifizierte Fachkräfte von den lokalen IT-Firmen abwerben.

Anstatt seine hellen Köpfe zu verlieren, will Serbien künftig selbst zu einem Silicon Valley auf dem Westbalkan werden und die Wertschöpfung der IT-Branche im Land behalten. Um dies zu erreichen, investiert die Regierung bis 2020 rund 100 Millionen Euro in Bildung, Forschung und Entwicklung. Ziel ist der Aufbau eines nachhaltigen Start-up-Ökosystems. Serbische IT-Unternehmen sollen eigene Lösungen anbieten oder diese gemeinsam mit Partnern entwickeln.

Serbiens IT-Zentren befinden sich im Norden

Die meisten IT-Unternehmen haben ihren Sitz im Norden des Landes. Microsoft betreibt in Belgrad ein Development-Center. In Novi Sad hat sich das IT-Forschungsinstitut für die Landwirtschaft, BioSense-Institut, etabliert. Dort befindet sich auch der Standort von Continental. Der Autozulieferer aus Hannover hat 2017 in Novi Sad ein Softwareentwicklungszentrum eröffnet. Ingenieure forschen an der Mobilität der Zukunft. Ihm folgen wird noch dieses Jahr ZF Friedrichshafen. Der Zulieferer für Antriebs- und Fahrwerktechnik will ein Werk zur Produktion von Hybridantrieben in der Nähe von Belgrad eröffnen. Dort soll außerdem ein Entwicklungszentrum entstehen.

IT-Industrie ist abhängig von Auslandsmärkten

Serbiens IT-Branche ist stark von ausländischen Auftraggebern abhängig. Das Land hat sich als Outsourcing-Standort für Software-, Telekommunikations- und Beratungsdienstleistungen etabliert. Der Markt wächst seit acht Jahren um durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr.

Im Jahr 2018 verdiente die IT-Branche 2,2 Mrd. Euro und trug damit 5,2 Prozent zur Bruttowertschöpfung des Landes bei. Serbische Entwickler exportierten rund 90 Prozent ihrer programmierten Software ins Ausland, hauptsächlich nach Deutschland, das Vereinigte Königreich und Österreich. Seit 2018 steigt auch der Export in die Nachbarländer Bosnien und Herzegowina sowie Nordmazedonien.

Doch die positive Entwicklung könnte schon bald an ihre Grenzen stoßen, weil ausländische IT-Firmen hochqualifizierte Softwareentwickler aus Serbien abwerben. Allein in Deutschland fehlen der IT-Branche 82.000 Fachkräfte, teilt der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) mit. Entsprechend ist die große Abhängigkeit von ausländischen Auftraggebern auch eine Schwäche der Branche.

Serbiens Außenhandel mit Informations- und Kommunikationsdienstleistungen (in Millionen Euro)
2015 2016 2017 2018 Veränderung 2018/2017 (in %)
Export 611 740 899 1.135 26
.davon IT-Dienstleistungen 455 590 760 1.016 34
Import 293 332 426 520 22
.davon IT-Dienstleistungen 167 193 296 406 37

Quelle: Nationalbank Serbiens Narodna Banka Srbije (NBS)

Serbiens Softwareentwickler verdienen im Schnitt 1.450 Euro pro Monat, rund 250 Euro weniger als der Durchschnittslohn in der IT-Industrie insgesamt. Verglichen mit dem durchschnittlichen Monatsgehalt in Serbien, das 2018 bei 480 Euro lag, bleibt die Branche damit sowohl für Arbeitnehmer als auch Auftraggeber attraktiv. Im serbischen IT-Sektor waren 2017 rund 56.000 Personen in Unternehmen beschäftigt. Davon waren 25.000 Softwareentwickler und weitere 16.000 im Bereich Telekommunikation tätig.

Investitionen in Ausbildung und Entwicklung der Start-up-Szene

Im Jahr 2019 stehen 5,5 Millionen Euro für die Anschaffung neuer IT-Ausrüstung für die Fakultät für Elektrotechnik sowie für den Wissenschafts- und Technologiepark Belgrad bereit. Die Initiative zur Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen in der serbischen Digitalwirtschaft, Digital Serbia, setzt sich für einen engen Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ein.

Die Initiative startete gemeinsam mit dem Ministerium für Forschung und Bildung am 1. März 2019 ein Ausbildungsprogramm mit der Wirtschaft zum Thema Industrie 4.0 und Big Data. Studenten sollen Lehrinhalte aus den Bereichen Computing sowie Datenanalyse und -management in einem Unternehmen anwenden können. Das Bildungsministerium hat hierfür 11 Millionen Serbische Dinar (RSD; 92.913 EUR; 1 Euro = 117,57 RSD, Stand 13.04.2019) im Haushalt eingeplant. Für einen langfristigen Erfolg eines solchen Programms spricht, dass in Serbien der Informatikunterricht ab der fünften Klasse obligatorisch ist.

Weitere 250 Millionen RSD sind für die Start-up-Szene auf dem Land vorgesehen: In Krusevac, Pirot, Subotica, Cacak, Stara, Pazova, Valjevo, Zrenjanin und Gornij Milanovav sollen Gründerzentren für die IT-Branche eröffnet werden.

Regierung legt Gesetzesentwurf für alternative Investmentfonds vor

Neben dem zunehmenden Fachkräftemangel ist der begrenzte Zugang zu Kapital ein weiteres Strukturproblem, das einer nachhaltigen Entwicklung der serbischen IT-Industrie im Wege steht. Dessen ist sich die serbische Regierung bewusst und arbeitet an einem neuen gesetzlichen Rahmen für mehr Finanzprodukte. Am 12. April 2019 legte das Parlament einen Gesetzesentwurf über alternative Investmentfonds vor.

Digital Serbia verspricht sich hiervon mehr Wettbewerb durch internationale Investmentfonds auf dem serbischen Kapitalmarkt und damit einen besseren Zugang zu Finanzquellen für Start-ups.

Entwicklung von Start-up-Ökosystemen steht noch am Anfang

Es sind allerdings noch Anpassungen nötig: Die Regierung solle steuerliche Vorteile für Investoren in Start-ups anbieten - zum Beispiel die Steuerbefreiung von Kapitalerträgen in den ersten drei Jahren, um das Risiko von Verlusten zu minimieren, teilte Digital Serbia mit. Besonders kleine und mittlere Unternehmen greifen auf Private-Equity-, Venture-Capital- und Risikokapitalfonds sowie Crowdfunding zurück, um ihre Aktivitäten zu finanzieren.

Bislang fällt die Entwicklung von Start-up-Ökosystemen allerdings bescheiden aus. Viele Vorhaben scheitern entweder an mangelndem Kapital, Misswirtschaft oder Problemen mit den Behörden. In Serbien gebe es keine Gründerkultur wie in Deutschland, berichtet Christoph Berndt, Senior Adviser für die Deutsch-Serbische Wirtschaftskammer (AHK). Entsprechend sei es für kleine Start-ups schwer, sich zu vernetzen und ein funktionierendes Ökosystem aufzubauen.

Kontaktadressen

ITC-Cluster Voijvodina

Ansprechpartner: Milan Solaja

Vojvodjanskih brigada 28

21000 Novi Sad, Serbien

milan.solaja@vojvodinaictcluster.org

Partnerschaftsinitiative "Digital Serbia"

Bulevar Mihaila Pupina 165v

11070 Belgrad, Serbien

http://www.dsi.rs

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Serbien sind unter http://www.gtai.de/serbien erhältlich.

Dieser Artikel ist relevant für:

Serbien EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Software / EDV-Dienstleistungen, Internetdienste, Business Process Outsourcing

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‎+49 228 24 993 321

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