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31.05.2018

Slowakei: Brexit bremst Wirtschaftswachstum

Rund fünf Prozent der Exporte gehen in das Vereinigte Königreich / Von Gerit Schulze

Bratislava (GTAI) - Kein Land in Europa ist wirtschaftlich so eng mit der Europäischen Union verflochten wie die Slowakei. Über 80 Prozent des Außenhandels werden mit ihr abgewickelt. Wenn die drittgrößte Volkswirtschaft das Bündnis verlässt, bleibt das in Bratislava nicht ohne Folgen. Befürchtet werden geringere Zuwendungen aus EU-Strukturfonds und schwierigere Lieferbedingungen für die dominierende Autoindustrie. Relativ gering sind die Importe aus dem Vereinigten Königreich. (Kontaktadressen)

Weniger EU-Fördermittel und Risiken auf einem wichtigen Absatzmarkt

Das Vereinigte Königreich liegt nur auf Rang acht der wichtigsten Handelspartner der Slowakei, als Exportmarkt aber auf Platz fünf. Über fünf Prozent der Warenausfuhren gehen auf die Insel. Der britisch-indische Autokonzern Jaguar Land Rover baut zurzeit für rund eine Milliarde Euro eine Fahrzeugfabrik im westslowakischen Nitra. Mit dem Produktionsstart Ende 2018 werden die Lieferketten zwischen beiden Ländern verstärkt.

Die slowakische Nationalbank NBS hatte bereits vor dem Referendum des Vereinigten Königreichs über den Austritt aus der Europäischen Union (EU) die Auswirkungen sinkender Exporte über den Ärmelkanal sowie der allgemein wachsenden Unsicherheit analysiert. Demnach würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2020 um 0,34 Prozentpunkte langsamer wachsen als ohne Brexit und es würden 5.300 Arbeitsplätze weniger entstehen.

Inzwischen hat die NBS die Zahlen nach oben korrigiert und erwartet, dass 0,5 Prozent des BIP vom Brexit betroffen sein könnten. Neben einem schwächeren Export hätte ein EU-Austritt der Briten weitere Folgen für die Slowakei. Das Land ist ein großer Nettoempfänger von Mitteln aus EU-Strukturfonds. Das regierungsnahe Institut für Strategie und Analyse ISA hat berechnet, dass die Slowakei bei einem Wegfall des Nettozahlers Vereinigtes Königreich in der Förderperiode 2021 bis 2027 über 400 Millionen Euro weniger bekäme. Insgesamt werden die Zuwendungen aus Brüssel sogar noch stärker schrumpfen, da die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der EU-Länder ohne das Vereinigte Königreich sinkt und zugleich das Wohlstandsniveau in der Slowakei zugenommen hat.

Zu berücksichtigen ist auch, dass die Brexit-Auswirkungen in Deutschland besonders groß sein könnten. Das würde indirekt die slowakischen Unternehmen betreffen, weil Deutschland deren wichtigster Absatzmarkt ist.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen der Slowakischen Republik und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 2,09
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP (2016) 0,27
Anteil Warenexport in das VK am BIP 5,30
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP (2016) 0,34
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in der Slowakei(Stand zum 31.12.2016) 1,04

Quellen: Slowakisches Statistikamt; Nationalbank der Slowakischen Republik; Eurostat; Berechnungen von Germany Trade & Invest

Bilateraler Handel hat sich zuletzt sehr dynamisch entwickelt

Als Lieferant spielte das Vereinigte Königreich bislang nur eine untergeordnete Rolle. Etwa 3 Prozent der slowakischen Importe und 6 Prozent der Exporte entfallen auf das scheidende EU-Mitglied. Die Slowakei bezieht siebenmal mehr Waren aus Deutschland als aus dem Vereinigten Königreich. Dennoch hat dessen Bedeutung in der jüngsten Vergangenheit zugenommen. Die slowakischen Wareneinfuhren haben sich zwischen 2015 und 2017 nahezu verdoppelt - auf fast 2 Milliarden Euro. Das hängt allerdings in erster Linie mit einer Verzerrung in der Außenhandelsstatistik zusammen. Laut Eurostat haben sich die slowakischen Erdgasimporte aus dem Vereinigten Königreich und die Gasexporte in das Vereinigte Königreich 2017 mehr als verdoppelt - auf jeweils rund 1 Milliarde Euro. Nach Auskunft des für den slowakischen Gastransit zuständigen Unternehmens Eustream handelt es sich dabei aber nicht um physische Lieferungen, sondern eher um inkorrekte Deklarationen. Die Slowakei bezieht ihr Gas überwiegend aus Russland und ist ein wichtiges Transitland für den Rohstoff.

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Beachtlich ist die Handelsdynamik jedoch auch bei Industriegütern. So sind die Importe an Kfz und Zubehörteilen aus dem Vereinigten Königreich 2017 um fast die Hälfte auf über 73 Millionen Euro gestiegen. Mit der neuen Fabrik von Jaguar Land Rover dürften die Einfuhren an Komponenten weiter steigen. In der ersten Phase beträgt die Jahreskapazität 150.000 Autos.

Insgesamt fällt auf, dass sich der Warenaustausch mit dem Vereinigten Königreich seit der Finanzkrise 2008 schneller entwickelt hat als der slowakische Außenhandel insgesamt. Die Wachstumsraten waren in den vergangenen sechs Jahren immer zweistellig. Dazu trugen besonders die erfolgreichen Exporte slowakischer Unternehmen auf die Insel bei. Sie haben 2017 Waren für über 4,5 Milliarden Euro in das Königreich geliefert und erzielten damit einen Positivsaldo von 2,6 Milliarden Euro. Das war doppelt so viel wie der slowakische Handelsüberschuss insgesamt.

Wichtigste Ausfuhrposition sind Autos und Kfz-Teile. Auf sie entfällt mehr als ein Drittel der Exporte in das Vereinigte Königreich. In der Slowakei haben zahlreiche internationale Zulieferer Produktionsstätten aufgebaut, die auch britische Autofabriken als Kunden haben. Zu den Exportschlagern gehören außerdem Fernseher, Monitore und Waschmaschinen, denn Konzerne wie Samsung, Foxconn oder Whirlpool nutzen die Slowakei als günstigen Produktionsstandort für den europäischen Markt.

Slowakischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 1,9 14,1
Rang in der Importstatistik 11 1
Exporte nach... (Mrd. Euro) 4,5 15,5
Rang in der Exportstatistik 5 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 6,4 29,6
Rang als Handelspartner 8 1

Quelle: Eurostat

Jaguar investiert zurzeit über eine Milliarde Euro in der Slowakei

Die Slowakei ist mit rund 5,4 Millionen Einwohnern zwar ein kleines Land. Doch als wichtiger Produktionsstandort für die Automobilindustrie und für Elektronikprodukte ist sie fest eingebunden in internationale Lieferketten. Das Außenhandelsvolumen von fast 150 Milliarden Euro (2017) entspricht rund 180 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die enorme Verflechtung mit den anderen EU-Staaten macht die Slowakei anfällig für Störungen auf dem gemeinsamen Binnenmarkt. Mögliche Folgen des Brexits werden daher in Bratislava genau analysiert, auch wenn das Vereinigte Königreich in den Wirtschaftsbeziehungen nicht die Hauptrolle spielt.

Auch bei den Direktinvestitionen sind britische Unternehmen in der Slowakei nur wenig engagiert. Beim Bestand ausländischer Direktinvestitionen lag das Vereinigte Königreich 2016 lediglich auf Platz 14 (Deutschland Platz 8). Laut Nationalbank NBS wurden netto 433 Millionen Euro investiert. Aufgrund von Gewinnabführungen und Desinvestitionen war der Bestand in den vergangenen Jahren gesunken. Wichtigste Zielbranchen sind Banken und Versicherungen, Transport und Logistik, Chemische und Elektronikindustrie.

Die derzeit laufende Investition von Jaguar Land Rover von über einer Milliarde Euro wird das Vereinigte Königreich als ausländischen Direktinvestor in der Rangliste nach oben rutschen lassen. Experten erwarten, dass sich auch einige Zulieferer von der Insel im Umfeld der neuen Fabrik ansiedeln. Zu den großen britischen Investoren zählen Tesco (Einzelhandel), Shell (Tankstellen), GlaxoSmithKline (Produktion von Pflegeprodukten in Levice), Clamason (Formteile für Automobil-, Elektro-, Bau- und Medizinindustrie), Arlington Automotive und DS Smith (Verpackungen).

Laut dem Informationsdienst Bisnode gehörten 2017 rund 1.100 slowakische Firmen britischen Eigentümern. Führend in dieser Statistik sind tschechische Anteilseigner, die fast 10.000 Unternehmen besitzen.

Besonders beunruhigt wegen des Brexits sind die rund 100.000 Slowaken, die zurzeit im Vereinigten Königreich arbeiten. Ihre Rücküberweisungen in die Heimat sind für viele Familien, gerade im Osten des Landes, existenzsichernd. In der Slowakei hatten Ende 2017 rund 2.200 Briten einen regelmäßigen Aufenthalt.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in der Slowakei können Sie unter http://www.gtai.de/slowakei abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Slowakei Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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