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02.07.2018

Smartphone-Hersteller in China setzen auf immer hochwertigere Kameras

Labore und Kfz-Industrie generieren steigenden Bedarf an Fototechnik / Brancheneinfuhren wachsen stetig / Von Roland Rohde

Hongkong (GTAI) - Im Jahr 2017 schloss der japanische Nikon-Konzern eine Fabrik für Kompakt-Kameras in der VR China. Der Markt war praktisch zusammengebrochen. Zwei weitere Werke, die Komponenten herstellen, bleiben derweil in Betrieb. Die Nachfrage von Seiten der chinesischen Smartphone-Hersteller, die auf immer hochwertigere Kameras setzen, boomt. Zugleich generiert die Innovationsstrategie "Made in China 2025" einen steigenden Bedarf an Fototechnik. Die Brancheneinfuhren legen kontinuierlich zu.

Man kann sie in Köln auf der Domplatte oder vor dem Münchener Rathaus entdecken: Gruppen von Chinesen, die fleißig Fotos mit ihren Smartphones schießen. Dagegen gibt es kaum Touristen aus dem "Reich der Mitte", die mit einer edlen Kamera von Nikon oder Leica ihre Fotos schießen.

Natürlich existiert auch in der riesigen Volksrepublik eine kleine und zugleich wachsende Fangemeinde für hochwertige Spiegelreflexkameras und Objektive. Diese werden allerdings nur ungern mit in den Urlaub genommen. Schließlich können sie dabei gestohlen oder beschädigt werden. Im Zuge der steigenden Nachfrage sind in den letzten Jahren in immer mehr chinesischen Städten - auch im Hinterland - Verkaufsstellen für exklusive Fotoapparate entstanden.

Huawei kooperiert mit Leica

Schätzungsweise 98 bis 99 Prozent aller Chinesen verwenden allerdings ausschließlich ihr Smartphone um Fotos zu schießen, zumal die darin eingebauten Kameras immer besser geworden sind. Deren Qualität und Leistungsfähigkeit spielen bei der Kaufentscheidung eine zunehmende Rolle. Daher setzen die chinesischen Handyhersteller im Premiumsegment auch auf ausländische Markennamen. Der Branchenprimus Huawei beispielsweise verwendet für seine Spitzenmodelle Technologie und Knowhow von Leica.

So entwickelten beide Unternehmen für das Smartphone P9 eine sogenannte Dual-Lens-Kamera. Auf der deutschsprachigen Huawei-Webseite wird so auch damit geworben: "Durch die Verbindung von herausragender Hard- und Software mit Leica-Dual-Objektiven gelingen [...] erstklassige Aufnahmen".

Vor diesem Hintergrund haben es Anbieter von Kompaktkameras der unteren und mittleren Preisklasse enorm schwer. Sie mussten in den letzten Jahren sehr starke Umsatzrückgänge verzeichnen und ihre Kapazitäten entsprechend nach unten anpassen. Der japanische Anbieter Nikon etwas ließ 2017 eine Fabrik in China schließen. Der Umsatz an dort produzierten Fotoapparaten war gegenüber 2012 um 68 Prozent gefallen. Rund 2.200 Angestellte verloren ihren Arbeitsplatz. Zwei weitere Fabriken, die Teile für Kameras herstellen, produzieren allerdings weiter.

Es werden immer weniger Kameras produziert

Der landesweite Ausstoß an fertigen Kameras ist vor diesem Hintergrund in den letzten Jahren stetig und kräftig zurückgegangen. Liefen laut dem chinesischen Statistikamt 2013 noch 88 Millionen digitale und analoge Geräte von den Bändern, waren es 2016 nur noch 23 Millionen Einheiten. Damit ist der Output um nahezu drei Viertel zurückgegangen.

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Im Gegenzug wurden (bis 2016 zumindest) immer mehr Smartphones hergestellt. So verließen 2017 laut chinesischem Statistikamt knapp 1,9 Milliarden Handys die Fabrikhallen. Gegenüber dem Vorjahr wurde ein Wachstum von 2 Prozent verzeichnet. Laut dem von der Behörde herausgegebenen China Statistical Yearbook belief sich der entsprechende Output allerdings 2016 auf nahezu 2,1 Milliarden Einheiten. Demzufolge wäre der Ausstoß 2017 um fast 8 Prozent geschrumpft. Dass sich Zahlen von ein und derselben Quelle widersprechen, ist in der Volksrepublik nichts Ungewöhnliches. Statistiken sind eher als Trend zu betrachten.

Klar ist eines: Der einheimische, aber auch der globale Markt für Smartphones zeigt seit 2017 Sättigungserscheinungen. Die Endgeräte sind inzwischen derart leistungsfähig und teuer, dass es sich die Konsumenten zweimal überlegen, ehe sie sich eine neues Modell anschaffen. Laut der China Academy of Infomation and Communication Technology sanken die Auslieferungen von 4G-tauglichen Geräten für den chinesischen Markt 2017 um ganze 11 Prozent zum Vorjahr auf rund 460 Millionen Stück.

Dafür werden die in der VR China verkauften und produzierten Smartphones immer leistungsfähiger und teurer. Davon profitieren wiederum ausländische Anbieter von Fototechnik wie Leica. "Made in Germany" besitzt in der Volksrepublik - auch bei den jungen Verbrauchern - einen sehr guten Ruf. Die chinesischen Handyhersteller dürften verstärkt Kameratechnik im Ausland einkaufen, um sich als Premiumanbieter zu etablieren.

"Made in China 2025" generiert steigenden Branchenbedarf

Daneben stellen Labore und Institute eine wichtige Abnehmergruppe von Fototechnik dar. China hat in den letzten Jahren seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E) kontinuierlich gesteigert. Die entsprechenden Ausgaben beliefen sich 2016 laut Angaben des Ministry of Science and Technology auf stattliche 2,1 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). In Beijing, wo besonders viele nationale Institute angesiedelt sind, lag die Quote sogar rund dreimal so hoch.

Doch das Ende der Fahnenstange ist damit noch lange nicht erreicht. Die F&E-Anstrengungen sollen weiter verstärkt werden. Im Rahmen der Strategie "Made in China 2025" will das Land in zehn Sektoren zum globalen Technologieführer aufsteigen. Die Forschungsabteilungen in staatlichen Instituten und privaten Unternehmen dürften in Folge auch mehr Fototechnik nachfragen.

Die meisten Ausrüstungen kaufen sie, wenn möglich, im eigenen Lande. Die VR China ist sehr protektionistisch ausgerichtet. Bei öffentlichen Beschaffungen müssen per Gesetz einheimische Produkte bevorzugt werden. Nur wenn diese nicht vorhanden oder zu teuer sind, kommen Ausnahmeregelungen zum Greifen. Das dürfte auch auf den Fototechnik-Bereich zutreffen. So können rein einheimische Branchenhersteller nicht immer die besten und modernsten Produkte anbieten.

Trend zu autonomem Fahren treibt Bedarf an Spezialkameras

Schließlich generiert Chinas Kfz-Industrie einen steigenden Bedarf an Fototechnik. Schon jetzt beheimatet die VR den größten Automobilmarkt der Welt. So liefen 2017 rund 29 Millionen Kraftfahrzeuge von den Bänder, eine Plus von gut 3 Prozent zum Vorjahr. Große Fortschritte will das Land im Rahmen der Strategie "Made in China 2025" im Bereich des autonomen Fahrens erzielen. Dazu benötigt es auch ausländische Hochleistungskameras.

Insgesamt importierte China 2017 laut Zahlen des International Trade Centre Fototechnik (im weiteren Sinne) im Wert von 2,9 Milliarden US-Dollar (US$). Dies kam zum Vorjahr einer Steigerung von 6 Prozent gleich. Bei über 80 Prozent der Lieferungen handelte es sich um Zubehör wie Filme, Platten oder fotochemische Erzeugnisse. Die Einfuhren von Kameras und mechanischer/elektronischer Fototechnik summierten sich auf rund 500 Millionen US$.

Mehr als 80 Prozent der Branchenimporte stammten 2017 aus Japan, den USA, Korea (Rep.) und Taiwan. Der deutsche Lieferanteil lag bei nur gut 1 Prozent. Die entsprechenden Einfuhren aus Israel stiegen 2017 um den Faktor 3,5 gegenüber dem Vorjahr. Dort sitzen mehrere Anbieter von Kameras, die im Bereich des autonomen Fahrens zum Einsatz kommen.

VR Chinas Einfuhren an Fototechnik nach Lieferländern (in Mio. US$) *)

Länder/Jahr 2015 2016 2017
Japan 1.060,5 1.111,5 1.178,3
USA 610,0 529,1 536,1
Korea (Rep.) 287,7 374,1 432,0
Taiwan 216,2 213,7 264,9
Belgien 155,6 164,9 160,5
Deutschland 52,4 62,8 38,7
Israel 10,7 9,6 33,5
Mexiko 9,3 16,8 23,2
Frankreich 14,0 11,4 16,3
Andere 218,7 225,5 201,1
Insgesamt 2.635,1 2.719,4 2.884,6

*) Fototechnik im weiteren Sinne; HS-Zolltarifpositionen 3701 bis 3705, 3707, 9006 bis 9008, 9010

Quelle: International Trade Centre

(R.R.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

China Unterhaltungselektronik, Audio-, Videotechnik, Augenoptik, Fototechnik u. Imaging

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