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30.07.2019

Sozialversicherung in Frankreich zahlt künftig nicht mehr für homöopathische Mittel

Betroffen ist vor allem der lokale Branchenführer Boiron / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - In Frankreich werden homöopathische Mittel ab 2021 nicht mehr wie bisher zu 30 Prozent von der Sozialversicherung bezahlt. Zusatzversicherungen könnten dem Beispiel folgen.

Das Gesundheitsministerium hatte am 10. Juli 2019 verkündet, dass die Sozialversicherung ab 1. Januar 2021 die Ausgaben für homöopathische Mittel nicht mehr rückerstatten wird. Für 2020 wird zunächst ein reduzierter Satz von 15 Prozent gelten gegenüber 30 Prozent, die bisher gezahlt wurden. Die Änderungen sollen mit den Gesetzen zur Finanzierung der Sozialversicherung Ende 2019 und Ende 2020 umgesetzt werden.

Mit der Übergangsperiode bis 2021 will die Gesundheitsministerin Patienten und der Industrie Zeit geben, sich anzupassen. Die Ministerin hatte im August 2018 die unabhängige Gesundheitsbehörde (Haute Autorité de Santé HAS) angewiesen, die Wirksamkeit homöopathischer Präparate zu prüfen, und gleichzeitig angekündigt, sie werde der Einschätzung der Behörde folgen.

Die HAS prüft, ob zugelassene Medikamente von der Sozialversicherung rückerstattet werden sollten. Die Entscheidung obliegt aber dem Gesundheitsministerium. Die Behörde hatte am 26. Juni 2019 befunden, dass sich bei bestimmten Indikationen weder die Wirksamkeit von Homöopathie erwiesen habe, noch habe ihr Einsatz zu einer geringeren Einnahme anderer Medikamente geführt, wie von Befürwortern und Herstellern argumentiert wird.

Homöopathie genießt in Frankreich hohen Zuspruch in der Bevölkerung. Der inländische Marktführer Boiron, ist einer der größten Anbieter weltweit. Nach einer im Januar 2019 veröffentlichten Umfrage des Marktforschungsunternehmens Odoxa glauben 72 Prozent der Franzosen an die Wirksamkeit homöopathischer Präparate.

Etwa 77 Prozent haben laut einer Umfrage der Firma Ipsos vom Oktober 2018, in ihrem Leben mindestens einmal homöopathische Mittel genommen, 58 Prozent gaben an, mehrfach entsprechende Präparate eingenommen zu haben. Die Nutzung ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Nach letzten verfügbaren Daten der Sozialversicherung hatten 2012 rund 44 Prozent der Ärzte mindestens einmal ein rückerstattungsfähiges homöopathisches Mittel verschrieben. Von diesen 120.110 Ärzten waren 1.731 ausgebildete Homöopathen.

Die Sozialversicherung hat für die Rückerstattung homöopathischer Präparate 2018 lediglich 126,8 Millionen Euro aufgewendet, gegenüber einem gesamten Erstattungsvolumen von rund 200 Milliarden Euro. Vielfach zahlen die in Frankreich stark verbreiteten Zusatzversicherungen den Restbetrag. Diese dürften die Übernahme der Kosten für homöopathische Mittel künftig stärker als Zusatzleistung bis zu einem bestimmten Betrag pro Jahr anbieten und nicht mehr als Basisangebot. Für viele Patienten könnte daher die Rückerstattung ab 2021 von 100 Prozent auf Null sinken.

Ende der Rückerstattung dürfte Vertrauen untergraben

Wichtig ist aber auch der psychologische Effekt auf Patienten und Ärzte. Nach Aussagen des Präsidenten des Verbandes der Homöopathen (Syndicat national des médecins homéopathes français), Charles Bentz, war die Rückerstattungsfähigkeit für Patienten bisher ein Vertrauens- und Glaubwürdigkeitssignal. Das Vertrauen hatte bereits in den vergangenen Jahren unter der immer wieder aufkeimenden Diskussion über die Rückerstattungsfähigkeit gelitten. Der Vertrauensverlust könnte sich künftig noch verstärken, da die Ärztekammer in Frankreich im Oktober 2019 darüber entscheidet, ob Ärzte den zusätzlichen Titel Homöopath tragen dürfen oder nicht. Auch an den Medizinfakultäten der Universitäten gibt es Diskussionen über die Weiterführung von Lehrgängen in Homöopathie.

Gleichzeitig existiert auch in Frankreich der Trend hin zu einer gesünderen Lebensweise mit einer wachsenden Nachfrage nach Bio-Nahrungsmitteln und Gesundheitspräparaten. Dies dürfte mit ein Grund sein, warum Umfragen in Frankreich in den letzten Jahren auf eine stärkere Nutzung von homöopathischen Mitteln hindeuten.

Hersteller befürchten Umsatzeinbrüche

Die Aufhebung der Rückerstattung dürfte starke Auswirkungen auf die lokale Industrie haben. Obwohl es keine öffentlichen Zahlen zu Marktanteilen gibt, ist das französische Unternehmen Boiron mit großem Abstand, vor Lehning ebenfalls aus Frankreich und Weleda aus der Schweiz, Marktführer bei homöopathischen Produkten. Nach eigenen Angaben generierte das Unternehmen 60 Prozent seiner Umsätze 2018 in Frankreich. Von diesen 360 Millionen Euro entfielen 70 Prozent auf erstattungsfähige Präparate. Die Firma befürchtet nun, drei Viertel der Umsätze mit diesen Produkten zu verlieren. Von den 3.200 Beschäftigten in der Herstellung von homöpathischen Produkten in Frankreich arbeiten 2.500 bei Boiron. Die Firma hat für den Fall einer Aufhebung der Rückerstattung die Entlassung von 1.000 Mitarbeitern angekündigt. Die Mitbewerber wollen 300 Jobs abbauen.

Boiron gibt sich aber noch nicht geschlagen. Nach der Ankündigung über die Aufhebung der Rückerstattung durch Gesundheitsministerin Agnès Buzyn Mitte Juni 2019 sagte die Firmenchefin des Unternehmens, Valérie Lorentz-Poinsot, gegenüber der Wirtschaftszeitung Les Echos, dass sie eine Übergangszeit mit einer Rückerstattung von 15 Prozent für weitere fünf Jahre anstrebe.

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Syndicat national des médecins homéopathes français http://www.snmhf.net Verband der Homöopathen
Haute Autorité de Santé http://www.has-sante.fr Gesundheitsbehörde empfiehlt die Aufnahme von Medikamenten und Medizintechnik in Listen zur Rückerstattung durch Sozialversicherung

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Arzneimittel, Diagnostika

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