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31.05.2018

Spanien: Unternehmen bereiten sich auf den Brexit vor

Das Vereinigte Königreich ist bedeutendster Investitionsstandort und viertwichtigster Handelspartner / Von Miriam Neubert

Madrid (GTAI) - Investitionen, Warenhandel, Tourismus: Gleich an mehreren neuralgischen Stellen ist Spanien mit dem Vereinigten Königreich eng verbunden und an einer möglichst undramatischen Scheidung interessiert. Zum Teil wirft der Brexit bereits seine Schatten voraus. Im Vergleich zum Vorjahr sind 2017 die spanischen Exporte auf die Insel gesunken. Zugleich sehen Unternehmen und Regierung auch Chancen durch die mögliche Anwerbung von Investoren und europäischen Institutionen. (Kontaktadressen)

Unsicherheit über Ausmaß möglicher Brexit-Schäden

Geht es nach einer Studie von Forschern der Erasmus Universität Rotterdam, gehört Spanien zu den vom Brexit potenziell geringer betroffenen Volkswirtschaften in der Europäischen Union (EU). Der Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP), der betroffen wäre, wird bei 0,77 Prozent angesetzt, in Deutschland wären es 5,48 Prozent. Spaniens Regierung hat bislang keine Prognosen veröffentlicht.

Klar ist allen Seiten, dass der Brexit sich durch die Verflechtungen zwischen beiden Handels- und Finanzpartnern negativ auswirken wird. Den bilateralen Handel von Waren und Dienstleistungen beziffert Spaniens Zahlungsbilanz 2016 auf rund 60 Milliarden Euro. Er fällt in beiden Bereichen in hohem Maße zugunsten Spaniens aus. Der gegenseitige Bestand an Direktinvestitionen belief sich laut der Spanischen Zentralbank auf 148 Milliarden Euro und ist Spaniens höchster mit einem Land. Den größeren Anteil daran haben die spanischen Investoren, die im Vereinigten Königreich 81 Milliarden Euro angelegt haben, besonders im Dienstleistungssektor, so die Großbanken Santander und Sabadell, der Telekomkonzern Telefónica, der Flughafenbetreiber Ferrovial (vier Flughäfen, darunter Heathrow) und die Energiegesellschaft Iberdrola. Dass der Bruttozufluss spanischer Direktinvestitionen ins Vereinigte Königreich 2017 im Vergleich zum Vorjahr um drastische 94 Prozent auf 571 Millionen Euro gefallen ist, spricht für Verunsicherung.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Spanien und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2016
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 1,0
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP 0,9
Anteil Warenexport in das VK am BIP 1,7
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP 1,5
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Spanien 12,9

Quelle: Banco de España (Boletin Estadístico)

Selbst wenn die Extreme einer Rezession im Vereinigten Königreich und einer Einführung von Zöllen ausbleiben sollten, treffen abschwächende Kaufkraft und Wirtschaftsleistung des Vereinigten Königreichs, neue Verwaltungs- und Logistikkosten sowie ein schwächeres Pfund Sterling die Gewinnlage der dort engagierten Investoren. Außerdem verteuern sie die Einfuhren aus Spanien. Das betrifft nicht nur Waren. Briten sind Spaniens wichtigste Touristengruppe. Sie stellten 2017 fast ein Viertel der Rekordzahl von 82 Millionen ausländischen Gästen. Die Tourismusnation fürchtet einen Rückgang, falls ihr Service für die Besucher aus dem Vereinigten Königreich zu teuer wird. Das war 2017 noch nicht der Fall. Mit 18,8 Millionen Briten kamen 6,3 Prozent mehr als 2016. Auch gaben sie mit 17,4 Milliarden Euro erneut mehr aus.

Zudem wohnen in Spanien mindestens 250.000 Briten, häufig Rentner, die mit ihrer Kaufkraft zum BIP beitragen. Sie spürten 2017 bereits Einbußen bei der Kaufkraft und würden weiter beeinträchtigt, wenn der Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen in Spanien durch neue Regelungen versperrt würde. Auch auf dem Wohnimmobilienmarkt gab es negative Brexit-Spuren. Umgekehrt ziehen jedes Jahr in kein Land so viele junge Spanier wie in das Vereinigte Königreich. Auch ihre künftige Lage ist noch ungeklärt; ebenso die der etwa 10.000 Spanier, die als Pendler in Gibraltar arbeiten.

Warenexporte ins Vereinigte Königreich gingen 2017 erstmals seit 2009 zurück

Das Ausfuhrgeschäft auf die Insel nahm 2017 um 5,1 Prozent auf 19,6 Milliarden Euro ab. Als Absatzmarkt rutschte das Vereinigte Königreich für Spaniens Warenexporteure laut vorläufigen Eurostat-Daten an die fünfte Stelle nach Frankreich, Deutschland, Italien und Portugal. Noch 2016 stand es auf Rang 3.

Spanischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus ? (Mrd. Euro) 12,6 44,1
Rang in der Importstatistik 6 1
Exporte nach ? (Mrd. Euro) 19,6 32,0
Rang in der Exportstatistik 5 2
Handelsvolumen mit ? (Mrd. Euro) 32,2 76,0
Rang als Handelspartner 4 2

Quelle: Eurostat

Betroffen war vor allem die im Export dominierende Kategorie Maschinenbauerzeugnisse und Fahrzeuge (-12,1 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro), darunter Straßenfahrzeuge (-10,1 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro). Beförderungsmittel und Kraftmaschinen brachen um jeweils ein Viertel ein. Die zweitwichtigste Kategorie Nahrungsmittel schrumpfte leicht um 0,6 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro. Dabei schlug die Abnahme des Gemüse- und Früchteexports in das Vereinigte Königreich um 3,5 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro besonders zu Buche.

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Die Einfuhren aus dem Vereinigten Königreich schwanken seit 2010 um die 12 Milliarden Euro. Sie haben laut Eurostat 2017 im Vergleich zum Vorjahr um fast 2 Prozent auf 12,6 Milliarden Euro zugenommen. Als Beschaffungsmarkt blieb das Vereinigte Königreich für Spanien auf Rang sechs.

Mindestens die Hälfte der Firmen mit Geschäftsbeziehungen zur Insel fürchtet eine Abwertung des britischen Pfunds und eine Abschwächung der Wirtschaftsleistung im Vereinigten Königreich. Das ergab die im März 2018 von der Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG vorgestellte Studie "Spanische Unternehmen vor dem Brexit". Mögliche Zollbarrieren und geänderte Regularien beschäftigen vier von zehn Geschäftsführern. Um ihre Lieferketten sorgen sich Transportsektor, Automobilbranche und generell die Industrie, aber auch Distributoren und Einzelhandel. Wie KPMG feststellt, halten zwei Drittel der Unternehmen Eindämmungsstrategien für nötig, die 22 Prozent von ihnen, allen voran die des Finanzsektors, bereits umgesetzt haben, und 43 Prozent in Kürze vornehmen wollen.

Vereinigtes Königreich ist zweitwichtigster produktiver Investor

Das Vereinigte Königreich ist laut dem Investitionsregister des spanischen Wirtschaftsministeriums nach den USA zweitwichtigster Direktinvestor in Spanien mit einem Bestand von 44,7 Milliarden Euro (2015). Erfasst wird das Ursprungsland, ohne Finanzholdings. Deutschland steht an fünfter Stelle mit 30,2 Milliarden Euro. Von der Zahl der Firmen her liegt das Vereinigte Königreich mit 1.224 auf Rang vier nach den USA, Deutschland und Frankreich. Ähnlich ist es bei den 111.300 direkt beschäftigten Arbeitnehmern.

Mit über einem Drittel des britischen Direktinvestitionsbestandes dominieren die Telekommunikationsdienstleistungen. Weitere Segmente sind Stromerzeugung (3 Milliarden Euro), Handel (2,5 Milliarden Euro) und Luftfahrt (1,4 Milliarden Euro). Im verarbeitenden Gewerbe liegt der Schwerpunkt auf der Tabakindustrie (6,2 Milliarden Euro), der Eisen- und Stahlerzeugung (2,2 Milliarden Euro), aber auch der Nahrungsmittel- (0,7 Milliarden Euro) und Papierindustrie (0,6 Milliarden Euro). Wichtigste Investoren sind Vodafone, Altadis Imperial Tobacco, British American Tobacco, Rolls Royce, GlaxoSmithKline, BT, British Petroleum, IAG (Verbund aus Iberia und British Airways).

Spanien ist die viertgrößte Volkswirtschaft im Euroraum und nach dem Brexit auch in der EU und bleibt durch das gute Geschäftsklima ein attraktiver Standort. Ihm strömten 2017 brutto 3,1 Milliarden Euro Direktinvestitionen aus dem Vereinigten Königreich zu - ein Zuwachs von 38 Prozent. Nur aus Deutschland und Luxemburg kam noch mehr Anlagekapital.

Geht es nach dem jüngsten Wirtschaftsausblick der British Chamber of Commerce in Spain haben sich die Gemüter ein Jahr nach dem Referendum beruhigt. Die Mehrheit der befragten britischen Niederlassungen in Spanien glaubt demzufolge nicht, dass der Brexit ihre Investitionen im Land beeinflussen wird. Die 18 Prozent, die negative Folgen für ihr Investment sehen, rechnen inzwischen mit deutlich geringeren Auswirkungen als in der Befragung 2016 unmittelbar nach dem Referendum. Der Prozentsatz derer, die wegen des Brexits ihr Engagement ausweiten wollen, ist auf 12 Prozent gestiegen.

Fast ein Drittel der Befragten schließt nicht aus, dass es zu Verlagerungen aus dem Vereinigten Königreich in die EU kommen wird. Speziell Spanien sehen 17 Prozent als mögliches Ziel von Standortwechseln. Das iberische Land rechnet sich vor allem Chancen im Finanz- und Versicherungssektor aus. Nicht zuletzt treibt der Brexit auch das Projekt einer Geschäfts- und Finanzcity im Norden Madrids voran. Sie soll die Chancen der spanischen Hauptstadt im internationalen Wettbewerb erhöhen.

Presseberichten zufolge hat als ein erstes britisches Unternehmen der Versicherer Admiral im Frühjahr 2018 angekündigt, nach dem Brexit seinen Sitz nach Madrid zu verlagern, wo die Gesellschaft bereits tätig ist. Auf institutioneller Ebene beschloss die EU-Kommission im Januar 2018, den Zweitstandort des Sicherheitskontrollzentrums für das EU-Satellitennavigationssystem Galileo aus dem Vereinigten Königreich nach Spanien zu verlegen.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll können Sie unter http://www.gtai.de/Spanien abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Spanien Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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