Suche

07.03.2017

Spaniens Baukonzerne mit wachsender Auslandsaktivität

Starke Position bei Bau und Betrieb von Verkehrsinfrastruktur / Verschuldung als Achillesferse / Von Miriam Neubert

Madrid (GTAI) - Die Perspektiven für Spaniens Tiefbausektor sind schlecht. Um 75% sind die Tiefbauausschreibungen laut Verband der Infrastrukturbau- und Konzessionsunternehmen SEOPAN seit dem Höhepunkt 2007 auf einen Wert von 6,0 Mrd. Euro 2016 geschrumpft. Kein Wunder, dass der Schwerpunkt des Geschäfts für die großen Baukonzerne inzwischen im Ausland liegt. Auch 2017 begann dort ermutigend - mit neuen EPC-Aufträgen und einer Einigung im aktuell größten Vorzeigeprojekt der Spanier im Ausland.

Spaniens Ministerium für öffentliches Bauwesen bezifferte den Wert des Auftragsportfolios der spanischen Konzerne im Ausland 2015 auf 75,0 Mrd. Euro. In den ersten drei Quartalen 2016 betrug der Wert der vergebenen internationalen Infrastruktur-Tender mit Beteiligung spanischer Partner 32,0 Mrd. Euro. Davon entfielen 21,0 Mrd. Euro auf das traditionelle Baugeschäft und 11,0 Mrd. Euro auf Konzessionen. Generell, so das Ministerium, würden gegenwärtig ein Drittel der großen Konzessionen zur Verkehrsinfrastruktur weltweit von spanischen Unternehmen gemanagt.

Die Bekanntgabe erfolgte nach der Ratifizierung einer Übereinkunft, die ein Prestigeprojekt spanischer Transportinfrastruktur in Saudi Arabien wieder aufleben ließ. Es geht um die 450 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke durch die Wüste, die Mekka und Medina verbindet. Ende 2011 war das 6,7 Mrd. Euro- Projekt dem spanisch-saudischen Konsortium Al Shoula unter Leitung der Spanier zugesprochen worden. Kostensteigerungen und Verzögerungen führten später zu Differenzen. Im Januar 2017 aber konnte eine Delegation mit König Felipe VI an der Spitze eine Einigung mit den saudischen Behörden zum Abschluss bringen. Dabei ging es Presseberichten zufolge um die Übernahme von Mehrkosten und die Verlängerung der Frist um 14 Monate bis März 2018. Im Konsortium sind öffentliche spanische Unternehmen (Schienenbetreiber Adif, Bahndienstleister Renfe, Bauingenieurunternehmen Ineco) neben den privaten Indra, Consultrans, Copasa, Imathia, Cobra, OHL, Dimetronic, Inabesa und der Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen Talgo. Es ist der mit Abstand größte, aber nicht der einzige Bauplatz spanischer Unternehmen in Saudi Arabien.

Weltweit sind die Spanier als Auftragnehmer sehr gut im Geschäft, wie sich am Ranking der TOP International Contractors des Engineering News Record 2016 ablesen lässt. Gemessen an den Erlösen aus dem Auslandsgeschäft 2015 lag Grupo ACS erneut in Führung (vor allem dank des internationalen Geschäfts von Hochtief, die auf Rang 2 folgt und an der ACS 70% hält). Mit von der Partie unter den ersten 100 sind auch Ferrovial (Rang 16), Técnicas Reunidas (26), OHL (28), das zur Abengoa-Gruppe gehörende Infrastrukturunternehmen Abeinsa (38), Grupo Isolux Corsán (61), Acciona Infraestructuras (63), Sacyr (70) und FCC (83). Auch in der Liste der international wichtigsten Konzessionsnehmer, die die Zeitschrift Public Works Financing Ende 2016 vorstellte, finden sich fünf spanische Namen gleich unter den ersten zehn: An der Spitze die zum Baukonzern ACS gehörende Gesellschaft Iridium mit 61 Konzessionsprojekten. Autobahnbetreiber Abertis, Cintra, Sacyr und Globalvía gehören ebenfalls zu den Top 10 gefolgt auf Position 12 von OHL und 18 von Acciona.

Woher kommt die Stärke der spanischen Unternehmen ?

Spaniens Bauingenieurwesen, seine Infrastrukturbau- und Konzessionsunternehmen sind mit dem Bauboom im eigenen Land gewachsen. Den spanischen Infrastrukturrückstand bauten sie mit Hilfe der EU-Fördermittel nach dem EU-Beitritt 1986 binnen 20 Jahren ab, wobei die Geographie ihnen zum Teil komplexe Lösungen abverlangte. Know-how und Erfahrung gewannen sie dank vieler fortschrittlicher, wenn auch nicht immer unumstrittener öffentlicher Projekte im Inland, die neue Märkte im Ausland vorwegnahmen (etwa bei Flughäfen, Hochgeschwindigkeitszügen, Autobahnen, Entsalzungsanlagen, Windkraftparks). Sie nutzten den Boom, um Spanien zum Schaufenster für diese Infrastrukturen auszubauen und auf dieser Referenzbasis internationale Großprojekterfahrung zu sammeln. Dann platzte die Blase. Dem folgenden siebenjährigen Bauwinter mit einem unablässig schrumpfenden Geschäft auf dem Heimatmarkt begegneten die stärksten durch noch mehr Internationalisierung über den Zukauf ausländischer Unternehmen. Wichtig war auch die zunehmende Diversifizierung in Segmente wie Entsorgung, Wasserwirtschaft, erneuerbare Energien, aber auch das Konzessionsgeschäft.

Anders als vor der Krise machen Spaniens größte Branchenvertreter heute den Großteil (rund drei Viertel) ihrer Umsätze jenseits der Landesgrenzen. Lateinamerika, der kulturell nahe Kontinent mit seinem Infrastrukturbedarf, ist nach wie vor der wichtigste Markt - aber nur noch einer von vielen. Spanische Firmen bauen heute in Konsortien Metrostrecken in Doha, Lima, Riad, Toronto, Sao Paulo oder Stadtbahnlinien in Australien. Hinzu kommen Brücken, Häfen, Flughäfen aber auch Schlüsselfertigbauten der Energie- und Wasserwirtschaft sowie Krankenhäuser.

Größte spanische Konzerne anhand der Erlöse aus dem Baugeschäft (in Mio. Euro)
Unternehmen Erlöse aus dem Baugeschäft 2014 Erlöse aus dem Baugeschäft 2015 Erlöse aus dem Baugeschäft Ausland 2015 Veränderung Auslandsgeschäft 2015/14
ACS 25.820 25.320 23.952 -1,9
Ferrovial 3.942 4.287 3.430 14,5
OHL 2.788 3.248 2.810 22,2
Isolux-Corsán 2.097 2.161 1.841 8,8
Acciona 2.521 2.065 1.270 -14,9
FCC 2.076 1.992 1.093 5,3
Sacyr 1.697 1.666 1.244 -0,5
Elecnor 1.399 1.410 775 2,6
Comsa 1.215 1.013 476 -16,6
Aldesa (2015 Schätzungen) 613 800 496 30,5

Quelle: Alimarket Construcción, Spaniens 500 größte Bauunternehmen und Entwickler

Umgang mit Risiken und Schulden

Zugleich heißt es für die vielfach hochverschuldeten Konzerne, ihre Refinanzierung über die Bühne zu bekommen. In einigen Fällen gelang das 2016 nur haarscharf oder brachte das Unternehmen in neue Hände. So ist die mit Finanzproblemen kämpfende Gesellschaft FCC mehrheitlich vom mexikanischen Milliardär Carlos Slim übernommen worden. Die in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Unternehmen Isolux Corsán und Abengoa mussten Restrukturierungspläne mit ihren Gläubigern aushandeln.

Geht es nach dem Deloitte-Bericht "European Powers of Construction" ist an der Schuldenfront viel geschehen. Unter 50 europäischen Unternehmen zeigten zwar die Spanier (Acciona, ACS, FCC, Ferrovial, OHL, Sacyr) die höchste Nettoverschuldung in Bezug auf die Marktkapitalisierung mit einer Ratio von im Schnitt 0,7. Doch sei diese Ratio seit 2012 um 0,7 Punkte gefallen. Die aggregierte Nettoverschuldung der spanischen Firmen betrug 2015 rund 26,0 Mrd. Euro und lag damit um 73% unter dem Niveau von 2007, als es fast 95 Mrd. Euro waren.

Die Bilanz des ersten Halbjahres 2016 war einem Bericht der Wirtschaftszeitung Expansión zufolge für diese sechs Konzerne insgesamt positiv mit einem Zuwachs von 47% des Gewinns auf 1,3 Mrd. Euro. Dies war jedoch ausschließlich Acciona zu verdanken, da die Gruppe im Zuge des Zusammenschlusses von Acciona Windpower und der deutschen Nordex mit 596 Mio. Euro fast sechsmal mehr erzielte als im 1. Halbjahr 2015. Die Umsätze nahmen wechselkursbedingt im Schnitt um 6,5% auf 30,2 Mrd. Euro ab. Die Verschuldung war mit 26,8 Mrd. Euro etwas höher als ein Jahr zuvor.

Auswahl aktueller EPC (Engineering Procurement Construction)- Projekte unter Beteiligung spanischer Unternehmen
Bauprojekt Land Summe in Mio. Euro Auftragnehmer Monat *)
Bau eines Terminals des neuen Flughafens von Mexiko Stadt Mexiko 3.900 Konsortium mit FCC und Acciona Infrastructures unter Führung der mexikanischen Grupo Carso von Carlos Slim Januar 2017
Verbesserung und Erweiterung der Interstate 405, Kalifornien USA 1.200 OHL USA leitet das Konsortium mit Astaldi Januar 2017
Phase 3 des Mohammed bin Rashid Al Maktoum Solarparks, Dubai VAE k.A. EPC-Vertrag gewann Konsortium unter Führung der spanischen GranSolar zusammen mit Acciona und Ghella Januar 2017
Autobahn 427, Ontario Kanada 255 Gruppe ACS gewann EPC-Vertrag durch die kanadische Filiale von Iridium mit Partner Miller Infrastructures Januar 2017
Zweiprovinzen-Krankenhaus Quillota-Petorca Chile 136 Konsortium aus Sacyr Chile und Somague wird das 282 Betten-Projekt bauen Februar 2017
Wasserkraftzentrale Gouaves Portugal 80 Ferrovial Agroman führt das Konsortium mit MSF zum Bau der 880 MW-Anlage für Iberdrola Januar 2017

*) der Vergabe oder Mitteilung

Quellen: Meldungen der Unternehmen oder vergebenden Stellen

(M.N.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Spanien Bauwirtschaft, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein

Funktionen

Karl-Heinz Dahm Karl-Heinz Dahm | © GTAI

Kontakt

Karl-Heinz Dahm

‎+49 228 24 993 274

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche