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27.07.2018

Spaniens Gesundheitswirtschaft als Innovationsmotor

Gute Bedingungen für klinische Studien ziehen Forschungsprojekte ins Land / Von Miriam Neubert

Madrid (GTAI) - Der spanische Gesundheitsmarkt wächst durch demografischen Wandel und steigende Ansprüche. Das stärkt die industrielle Gesundheitswirtschaft und fordert sie gleichzeitig bei Forschung und Entwicklung in Pharmazie, Biotechnologie und Medizintechnik. Spanien hat früh die Verordnung der Europäischen Union für klinische Studien umgesetzt und bietet eine spannende Forschungs- und Gründungslandschaft, die auch für deutsche Unternehmen interessant ist.

In Barcelona arbeitet ein Supercomputer daran, das menschliche Herz und Eingriffe in seine Blutzirkulation zu simulieren. Herz-Kreislaufkrankheiten stehen weltweit und auch in Spanien an der Spitze der Todesursachen beim Menschen. Ihre Verhinderung und Behandlung sind ein weites Forschungsfeld, das durch die exponentielle Entwicklung der Datenverarbeitungskapazitäten neue Wege beschreitet.

Herzstück des Barcelona Supercomputing Center BSC ist ein Höchstleistungscomputer mit Namen MareNostrum 4. Er gehört zu den fünf schnellsten Rechnern in Europa und den 20 schnellsten weltweit. Seine 13,7 Petaflops Peak Rechenkapazität stehen im Dienst der Forschung, wie Josep M. Martorell, Vizedirektor des BSC, im Juni 2018 auf einem deutsch-spanischen Unternehmertreffen in Madrid erklärte, das sich, organisiert von der Deutschen Botschaft und der AHK Spanien dem Thema Innovation widmete.

Das BSC forscht nicht nur selbst, sondern stellt auch Wissenschaftlern und Unternehmen aus dem In- und Ausland Rechenkapazitäten zur Verfügung. Unter den Projekten, die Martorell vorstellte, betrafen gleich mehrere die Gesundheit. So hat die rechnerische Nachbildung des kardiovaskulären Systems in Zusammenarbeit mit Pharma- und Medizintechnikherstellern das Ziel, ein weltweit einmaliges Simulationswerkzeug zu schaffen.

Eine weitere Forschungslinie simuliert die Atemwege und die Wirkung von medizinischen Inhalationsmitteln in Lunge und Körper. Auch speichert MareNostrum die Genomdatenbank des sogenannten European Genome-phenome Archive (EGA).

Pharmazeutische Laboratorien mit hohen Forschungsausgaben

Die Gesundheitsindustrie ist der Wachstumsmotor für den Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) in Spanien. "Durch eine vorteilhafte Gesetzgebung ist Spanien ein wichtiges Land für klinische Studien geworden und bietet dafür ein gutes Ökosystem", sagte Ana Polanco, Direktorin für institutionelle Beziehungen von Merck España, auf dem deutsch-spanischen Forum.

Merck, das als deutsches Unternehmen 2018 sein 350jähriges Bestehen feiert, ist nach wie vor mehrheitlich in der Hand der Gründerfamilie. Das Unternehmen gibt 20 Prozent seiner Umsätze für F&E aus. Seit 1924 in Spanien vertreten, verfügt Merck aktuell über eine Pharmaproduktion und ein Chemiewerk bei Barcelona sowie ein Biotechnologieunternehmen bei Madrid. Polanco zufolge investierte Merck España in den vergangenen drei Jahren 40 Millionen Euro, davon fast ein Viertel in F&E. Aktuell laufen 60 klinische Studien. Bei diesen arbeitet das Unternehmen mit renommierten spanischen Forschungsinstitutionen zusammen, darunter dem Instituto de Salud Carlos III.

Die Pharmaindustrie steht bei den Forschungsausgaben in Spanien an der Spitze, noch vor der Kraftfahrzeugindustrie. Wie ihr Verband Farmaindustria mitteilte, haben die Investitionen in F&E im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um 5,7 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro zugenommen. Davon läuft die Hälfte in vertraglicher Kooperation mit Krankenhäusern und Forschungszentren. Die Branche stellt über ein Fünftel der industriellen F&E-Ausgaben. Dabei machen ihre Umsätze (2017: 15 Milliarden Euro, davon zwei Drittel aus dem Exportgeschäft) nur 2,4 Prozent der Industrieumsätze aus.

Erstes tragbares Exoskelett für Kinder entwickelt

Spaniens Hersteller und Distributoren von Medizintechnik haben nach Angaben ihres Verbandes Fenin 2017 über 7,5 Milliarden Euro umgesetzt. Das war ein Plus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Innovationen stehen zunehmend in Verbindung mit Technologien wie dem 3D-Druck oder der Robotik und erlauben eine größere Personalisierung der Produkte.

Fenin hat 2017 seinen Preis für Unternehmergeist in der Medizintechnik an die Firma Marsi Bionics vergeben. Diese entwickelt Exoskelette, eine technische Hilfe aus Elektronik, Sensoren und Software, die Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen, Querschnittlähmung oder Gehirnparalyse bei der räumlichen Bewegung oder der Rehabilitation des Laufens unterstützen. Gegründet wurde Marsi Bionics 2013 von Elena García, einer promovierten Robotik-Ingenieurin, als Spin-off des Spanischen nationalen Forschungsrats CSIC (Consejo Superior de Investigaciones Científicas), der größten öffentlichen Forschungseinrichtung des Landes. Finanzierungshürden haben dem Projekt zu schaffen gemacht. Doch inzwischen wird das nach Angaben der Firma weltweit erste tragbare Exoskelett für Kinder in Krankenhäusern erprobt.

Biotechnologie gegen Krebs

Während in Barcelona einer der schnellsten Computer der Welt Herzfunktionen simuliert, arbeitet ein Biotech-Startup aus Sevilla gegen die Zeit, um die passende Formel zur Früherkennung von Krebs zu finden. "Universal Diagnostics hat sich als Ziel gesetzt, die Sterblichkeitsrate von Darmkrebs signifikant zu senken", erklärt Geschäftsführer Christian Hense. "Wir arbeiten dazu eng mit Krankenhäusern in Europa und den USA zusammen. Krebs ist die zweithäufigste Todesursache in Spanien, dabei steht Darmkrebs mit an der Spitze."

Universal DX setzt innovative Technologien ein, um auf der Basis einer normalen Blutprobe einen Screening-Test zu entwickeln, der zum Routine-Checkup werden soll. Das Startup hat bereits 10 Millionen Euro von Investoren und aus EU-Fonds investiert. Im Februar 2018 wurde eine neue Finanzierungsrunde über 7 Millionen Euro abgeschlossen und eine weitere ist geplant. Gelingt die Entwicklung, soll der Test mit 120 Euro erschwinglich bleiben.

In Spaniens Biotechnologiesektor herrscht rege Dynamik. Sein Verband Asebio registrierte 2017 Finanzoperationen von über 150 Millionen Euro. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Zuwachs von 17 Prozent. So konnten biomedizinische Firmen wie MedLumics und Anaconda Biomed erfolgreiche Finanzierungsrunden abschließen. Aktienemissionen führten unter anderem Oryzon, Atrys Health, Sygnis, Reig Jofre, Inkemia durch. Von den über 560 Unternehmen, die sich laut Statistikamt INE in ihrer Hauptaktivität der F&E im Bereich Biotechnologie widmen, haben 70 Prozent die menschliche Gesundheit zum Ziel.

Weitere Informationen zu Spanien finden Sie unter http://www.gtai.de/spanien

Dieser Artikel ist relevant für:

Spanien Medizintechnik, allgemein, Gesundheitspolitik

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