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13.09.2019

Steigende Energiepreise belasten polnische Metallbranche

Die Unternehmen investieren verstärkt in ihren Maschinenpark / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - In Polen steigt die Nachfrage nach Stahl weiter an. Bereits 2018 legten die Importe deutlich zu. Die Regierung will Firmen mit energieintensiver Produktion finanziell unterstützen.

Polens Metallbranche befindet sich insgesamt in einer guten Verfassung, blickt allerdings mit Sorge auf die internationale Wirtschaftspolitik. Besonders eine Eskalation des Handelskonflikts zwischen China und den USA sowie die Entwicklung auf den anderen europäischen Märkten treibt die Unternehmen um. Zu den größten Herausforderungen des Sektors gehören weiterhin die stark steigenden Energiepreise.

Vor allem für die energieintensive Produktion der Stahlunternehmen werden die wachsenden Kosten zu einem immer größeren Problem. Tadeusz Rutkiewicz, Präsident der polnischen Industrie- und Handelskammer für Altmetallverwertung (Izba Przemyslowo Handlowa Gospodarki Zlomem; IPHGZ), berichtet, dass die Energieausgaben bei diesen Unternehmen rund 30 Prozent der gesamten Betriebskosten ausmachen. Im Jahr 2017 zahlten die Eisenwerke in Polen laut Rutkiewicz rund 48 Euro pro Megawattstunde. Im Juni 2019 waren es bereits 88 Euro. Der Experte fürchtet deshalb um die Wettbewerbsfähigkeit der Branche.

Unternehmen mit energieintensiver Produktion können auf Hilfe hoffen

Unterstützung kommt nun seitens der polnischen Regierung. Ein Anfang August 2019 verabschiedetes Gesetz sieht die Möglichkeit von Kompensationszahlungen für Firmen mit einer energieintensiven Produktion vor. Die notwendige Verordnung zur Durchführung, welche weitere Details klärt, wurde bis zum 29. August öffentlich konsolidiert. Ergebnisse daraus waren bis Anfang September nicht bekannt.

Von den Zahlungen würden nicht nur Stahlwerke, sondern beispielsweise auch Chemie- und Papierwerke mit energieintensiver Produktion profitieren. Nach Schätzungen des Ministeriums für Unternehmertum und Technologie (Ministerstwo Przedsiebiorczosci i Technologii; MPIT) dürften insgesamt rund 300 Unternehmen betroffen sein. Die Ausgleichszahlungen sollen aus den Einnahmen der im Vorjahr durch die Regierung verkauften CO2-Zertifikate finanziert werden. Allerdings können die Behörden maximal 25 Prozent aus diesen Mitteln für die Entschädigungen verwenden.

Nach Schätzungen der Polnischen Kammer für die Chemische Industrie (Polska Izba Przemyslu Chemicznego; PIPC) beläuft sich die jährliche Höchstgrenze der Zahlungen für 2019 und 2020 jeweils auf rund 207 Millionen Euro. MPIT geht davon aus, dass ein polnisches Unternehmen mit energieintensiver Produktion 2019 etwa 15 Euro pro Megawattstunde mehr bezahlt als die Konkurrenz in Deutschland, die eine Unterstützung vom Staat erhält. Durch das neue Gesetz soll die Differenz für 2019 auf 6,30 Euro gesenkt werden.

Marek Suchowolec, Mitglied des Vorstands der Wirtschaftskammer für Nichteisenmetalle und Recycling (Izby Gospodarczej Metali Niezelaznych i Recyklingu; IGMNiR), übt im Gespräch mit der Tageszeitung Rzeczpospolita allerdings Kritik an dem Vorhaben der Regierung. Zum einen würden die Ausgleichszahlungen nur einen kleinen Teil der Unternehmen der Metallbranche betreffen, zum anderen sei der Erhalt mit einem hohen Maß an Bürokratie verbunden.

Energiesparer und Technologien zur Produktivitätssteigerung sind gefragt

Die Entwicklung der polnischen Metallbranche wird nach Einschätzung von Suchowolec in Zukunft durch die Automatisierung und Lösungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz beeinflusst. Dies sei eine Reaktion auf den Arbeitskräftemangel und die steigenden Lohnkosten im Land. Für die Unternehmen geht es nach Aussage des Experten aber nicht nur darum, die Mitarbeiterlücken zu schließen. Vielmehr seien sie an Lösungen, die langfristige Einsparungen mit sich bringen und die Produktivität der Unternehmen steigern, interessiert.

Wie die Kapazitätsauslastung der Branche zeigt, läuft die Produktion bei vielen Firmen auf Hochtouren. So lag die Auslastung der Hersteller von Metallerzeugnissen im Juli 2019 bei über 84 Prozent. Anders die Unternehmen aus dem Bereich der Metallgewinnung: Bei ihnen fiel die Auslastung zwischen Juli 2018 und Juli 2019 von 86,4 auf 78,8 Prozent.

Ähnlich sieht es bei der Investitionstätigkeit der Firmen aus. Während Letztere ihre Ausgaben zwischen Januar und Juni 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,6 Prozent auf 159 Millionen Euro zurückschraubten, investierten die Hersteller von Metallerzeugnissen mit 400 Millionen Euro fast 10 Prozent mehr als im 1. Halbjahr 2018.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Doch auch in der Gruppe der Metallhersteller gibt es einige Unternehmen, die nicht über leere Auftragsbücher klagen können. Wie Krzysztof Zola, Mitglied des Vorstands bei Cognor (Hersteller von Stahlprodukten und Verarbeiter von Altmetall), berichtet, ist die Nachfrage nach metallurgischen Produkten in Polen so hoch, dass einige Lieferanten ihre Produktionskapazitäten überschreiten.

Auch Cognor hat in seinen Werken bereits die volle Auslastung erreicht. Das Unternehmen plant deshalb, 2019 und 2020 insgesamt fast 60 Millionen Euro in die Modernisierung seiner Anlagen zu investieren. Im Werk in Stalowa Wola soll beispielsweise ein neuer Ofen gebaut werden. Dank der Investitionen sollen die Kapazitäten des Unternehmens gesteigert und die Kosten durch den Einsatz modernerer Maschinen gesenkt werden. "Dies ist vor allem eine Reaktion auf den Anstieg der Strompreise, der für unsere Branche schmerzhaft sein wird", sagte Zola gegenüber der Tageszeitung Parkiet.

Stahlexporteure haben gute Chancen in Polen

Dabei bietet die polnische Metallbranche nicht nur Chancen für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer. Den Stahlunternehmen im Land gelingt es nicht, von der steigenden Inlandsnachfrage nach ihrem Produkt zu profitieren. Stattdessen wird der größere Bedarf nach Stahl vor allem durch den Import befriedigt.

Bereits 2018 importierte Polen nach Angaben des weltweiten Branchenverbands der Stahlindustrie (World Steel Association) mit 12,2 Millionen Tonnen 14 Prozent mehr Stahl als noch im Jahr zuvor. Damit belegt das Land im Ranking der größten Importeure den neunten Platz. Deutschland gilt als wichtigster Lieferant. Im Jahr 2018 kam jeder vierte importierte Euro Stahl aus dem Nachbarland westlich der Oder. Die inländische Produktion von Rohstahl stagnierte in Polen mit 10,2 Millionen Tonnen hingegen auf dem Vorjahresniveau.

Nach Angaben von Stefan Dzienniak, Präsident der Metallurgischen Industrie- und Handelskammer (Hutnicza Izba Przemyslowo Handlowa; HIPH), belief sich die inländische Nachfrage nach Stahl in Polen 2018 auf 14,8 Millionen Tonnen. Mit einem Anteil von 45 Prozent ist die Baubranche laut HIPH der wichtigste Abnehmer. Die Nachfrage des Sektors nach Stahl stieg 2018 um 18 Prozent. Ein zunehmendes Interesse wurde außerdem seitens der Produzenten von Schiffen, Waggons und Straßenbahnen verzeichnet.

Die zehn größten Unternehmen der polnischen Metallbranche 1)
Unternehmen Umsatz 2018 (in Mio. Euro) 2) Tätigkeit
ArcelorMittal Poland SA 3.880,8 Erzeugung von Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen
Grupa Can-Pack SA 1.714,3 Herstellung von Dosen und Behältern aus Metall
Stalprodukt SA GK 928,3 Herstellung von Kaltband, Kaltprofilen, Blech
Impexmetal SA GK 774,2 Erzeugung und Bearbeitung von Aluminium sowie anderen NE-Metallen
CMC Poland sp. z o.o. GK 752,5 Erzeugung von Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen
Celsa Huta Ostrowiec sp. z o.o. 747,6 Erzeugung von gewalzten und geschmiedeten Stahlprodukten
Grupa Kety SA GK 704,7 Erzeugung und Bearbeitung von Aluminium
Pruszynski sp. z o.o. GK 489,0 Erzeugung von Dachpfannenprofilen und Fassadeblechen
Cognor SA GK 488,4 Verarbeitung von Altmetall, Erzeugung von Stahlprodukten
Alumetal SA GK 388,4 Erzeugung und Bearbeitung von Aluminium

1) PRODCOM Code 24 und 25; 2) Umrechnung anhand des Jahresdurchschnittskurses 2018: 1 Euro = 4,2623 Zloty (Zl)

Quelle: Rzeczpospolita Lista 500, 2019

Weitere Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

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Polen Metallerzeugung, -verarbeitung, allgemein

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