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25.01.2018

Stockholm will bis 2040 die "smarteste" Stadt der Welt sein

Städtebaumodelle basieren auf nachhaltigen Stoffstromkreisläufen / Im Nahverkehr bereits weitgehend erneuerbare Kraftstoffe / Von Heiko Steinacher

Stockholm (GTAI) - Nach der Kür zu Europas grüner Hauptstadt 2010 hat Stockholm seine Anstrengungen zu Gunsten einer nachhaltigen Entwicklung noch verstärkt. Schwedens Hauptstadt will bis 2040 klimaneutral sein und verfolgt zahlreiche Smart-City-Projekte mit ganzheitlichen Ansätzen für zukunftsträchtige Mobilitäts-, Abfallwirtschafts- und Energieversorgungslösungen. Im öffentlichen Nahverkehr setzt sie auf erneuerbare Energien und Elektroantriebe. Deutschen Firmen bieten sich interessante Geschäftschancen.

Mit fast 936.000 Einwohnern (Jahresende 2016) ist Stockholm deutlich größer als die Hauptstädte seiner skandinavischen Nachbarländer Dänemark (Kopenhagen mit gut 602.000 Einwohnern) und Norwegen (Oslo rund 668.000). Auch bildet der Großraum der schwedischen Metropole (über 2,1 Millionen Einwohner) das größte Ballungsgebiet in Skandinavien. Stockholm hat in den letzten Jahren eine hohe Zuwanderung verzeichnet, und bis 2026 soll die Einwohnerzahl pro Jahr im Schnitt um weitere 15.000 anwachsen.

Nach der im Herbst 2015 verabschiedeten "Vision 2040 - Ett Stockholm för alla" will die Stadt bis zum Jahr 2040 klimaneutral sein. "Außerdem wollen wir bis dahin die smarteste Bonn der Welt sein", sagt Stockholms Bürgermeisterin Karin Wanngard. Die Stromerzeugung soll bereits 2030 ausschließlich auf erneuerbaren Quellen basieren und somit noch zehn Jahre früher als im "Energieabkommen" (schwedisch: Överenskommelse om den svenska energipolitiken) zwischen der rot-grünen Regierung und der Opposition vom 10. Juni 2016 für ganz Schweden vereinbart. Ebenfalls ab 2030 will Stockholm sowie das übrige Land auch kein Fahrzeug mehr zulassen, das mit fossilen Brennstoffen betrieben wird.

Energieeffizienzanforderungen gehen teils über bestehende Standards hinaus

Zu den größten Wohnungsbauprojekten zählen Hagastaden (unter anderem etwa 6.000 neue Wohnungen), Stockholm Royal Seaport (Umbau eines alten Industrie- und Containerhafens; bis zu 12.000 Wohnungen) und Arstafältet (6.000 neue Wohnungen). Die Gebäude und Anlagen sind so gestaltet, dass der Energieverbrauch auf ein Minimum reduziert wird. Die Energie soll weitestgehend aus erneuerbaren Quellen kommen, unter anderem durch Solaranlagen auf den Dächern. Regenwasser wird nach Starkregengüssen in Sammelflächen zwischengespeichert und später auf Grünflächen umgeleitet.

Die Städtebaumodelle basieren auf verschiedenen Stoffkreisläufen. So wird am Stockholm Royal Seaport die Wärme des Abwassernetzes per Wärmepumpe zum Heizen von Gebäuden verwendet. Brennbare Abfälle werden per Vakuumsauger eingesammelt und über ein unterirdisches Röhrensystem in ein Heizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung weitergeleitet. Um auch mehr Abwärme für das Fernwärmenetz nutzen zu können, will Stockholm verstärkt Rechenzentren anlocken. Allein die Abwärme von Rechenzentren soll bis 2035 ein Zehntel des Heizbedarfs der Metropole decken.

Basisdaten Stockholm
Indikator 2016 1)
Einwohner (Mio.) 0,936
Fläche (qkm) 187 2)
BIP/Kopf (Euro) 63.999 3)
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 4.999
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität (%) 4)
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Jahr) 9.177 5)
Länge des ÖPNV (km) 10.035 6)
Abfall pro Einwohner (kg/Jahr) 318,7 3)
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (%) 4)
Wasserverbrauch pro Kopf (Liter/Tag) 289,0 3)

1) falls nicht anders angegeben; 2) Landfläche (ohne Gewässer); 3) 2015; 4) keine Angabe (vermutlich nahezu 100 Prozent); 5) Durchschnitt für die Provinz Stockholms län; 6) Pendlerzüge, Straßenbahn, U-Bahn, Bus;

Quellen: auf Grundlage von Daten des Statistikamts SCB, der Stadt Stockholm; Storstockholms Lokaltrafik (SL) und Stockholm Vatten/Sweco

Erheblicher Sanierungsbedarf in Stadtrandgebieten

Auf dem Sanierungsmarkt besteht erheblicher Modernisierungsbedarf bei Mehrfamilienhäusern in Stadtrandgebieten aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Schwedische Baukonzerne engagieren sich seit einigen Jahren weniger stark bei Sanierungsprojekten und überlassen das Feld vielmehr spezialisierten kleineren Firmen, verlautet es aus Branchenkreisen. Deutsche Unternehmen, die insbesondere größere Modernisierungsvorhaben durchführen, hätten danach aufgrund der begrenzten Anzahl einheimischer Wettbewerber in Schweden generell gute Marktchancen.

Gerade im Zusammenhang mit den gewaltigen Wohnungsbauplänen in Schwedens Hauptstadt fordert so mancher Beobachter, dass der Markt auch für ausländische Unternehmen weiter geöffnet werden müsse, da die heimische Bauwirtschaft in den nächsten Jahren zunehmend an ihre Kapazitätsgrenze stoßen dürfte. Ähnlich war es vor einigen Jahren schon bei größeren Transportinfrastrukturprojekten der Fall.

Ausländischen Wohnungsbaufirmen soll Markteintritt erleichtert werden

Mit Informationstreffen im Ausland wirbt die Stadt daher neue Baupartner an. Bislang geben aber erst wenige ausländische Akteure Angebote in Schweden ab, weil sie nicht genug Wissen über und Erfahrung im Umgang mit den speziellen Bauregeln im schwedischen Wohnungsbau haben. Das Zentralamt für Wohnungs-, Bauwesen und Raumplanung Boverket baut nun eine neue Internetseite auf, auf der die Bauregelungen in mehreren Sprachen erhältlich sein sollen.

Im Transportbereich spielen erneuerbare Energien und Energieeffizienz eine herausragende Rolle. Bereits 2030 will Schweden kein Fahrzeug mehr zulassen, das mit fossilen Brennstoffen betrieben wird. Neben der Elektromobilität spielen dabei auch Biokraftstoffe, insbesondere Biogas, eine wichtige Rolle. Bereits heute treiben erneuerbare Energien das gesamte rollende Material der Stockholmer Verkehrsbetriebe SL an. Eisenbahnlinien werden mit Strom aus Wind- und Wasserkraft versorgt, sämtliche Busse in der Innenstadt laufen mit erneuerbaren Kraftstoffen. Ferner verteilt Stockholm in den nächsten beiden Jahren 5.000 E-Bikes, die zusätzlich zu herkömmlichen Fahrrädern an rund 300 Stationen ausgeliehen werden können.

In seinem "Public Transport Plan 2020" sieht SL einen umfangreichen Ausbau des Schienen- und Busliniennetzes vor. Das Strategiedokument basiert auf dem Nationalen Transportplan (NTP), einem multimodalen Masterplan, in dem die Regierung die wichtigsten Projekte für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur in den nächsten zwölf Jahren vorstellt. Ein erheblicher Teil der NTP-Vorhaben zielt auf die Verbesserung der Verkehrsleistung im Großraum Stockholm ab. Ziel ist es, die nördlichen und südlichen Teile der Hauptstadt besser zu verbinden und das Stadtzentrum vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Zu den wichtigsten Vorhaben im Bereich Straßenbau zählt die 21 Kilometer lange Umgehungsautobahn "Stockholm Bypass", von der 18 Kilometer als Tunnel gebaut werden sollen.

Größte Investition in die Stockholmer U-Bahn seit den 1970er Jahren

Auch ein umfangreicher Ausbau der U-Bahn in Stockholm steht bevor. Neben der Erweiterung bestehender Strecken werden zahlreiche neue Haltestellen und neue Wohnungen entlang der Ausbaustrecken entstehen. Auch für neue Depots und Fuhrparks sind hohe Summen vorgesehen. Die Bauarbeiten für den U-Bahn-Ausbau sollen 2018 beginnen. Für die insgesamt über 30 Einzelverträge im Gesamtwert von rund 2,6 Milliarden Euro wollen sich Bauunternehmen aus zahlreichen Ländern bewerben.

Ausgewählte Großprojekte in Stockholm
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) 1) Geplanter Baustart 2) Bauherr
Umbau des Verkehrsknotenpunktes Slussen 800 bis 850 In Bau seit Mai 2016 Stockholms stad
Um- und Ausbau des Einkaufszentrums Mörby Centrum 315 Februar 2018 Skandia Fastigheter AB
Ausbau der Tvärbanan (Straßenbahn) zwischen dem Flughafen Bromma und Helenelund 210 bis 315 September 2018 AB Storstockholms Lokaltrafik
Neubau von Mehrfamilienhäusern an der U-Bahn-Station Telefonplan 160 bis 210 Oktober 2018 SSM Bygg & Fastighets AB
Abriss und Neubau des Krankenhauses Ersta Nya Sjukhus 150 bis 160 2018 Ersta diakonisällskap

1) Umrechnung gemäß Euro-Referenzkurs der Europäischen Zentralbank EZB: 1 Euro = 9,4689 Schwedische Kronen im Jahresdurchschnitt 2016; 2) sofern noch nicht begonnen

Quelle: Byggsök

(S.H.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Schweden Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Stromerzeugungs- und -verteilungstechnik, Baunebengewerbe, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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