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08.12.2016

Stromverteilnetze in Frankreich werden intelligenter

Engpässe im Netz bei Verbrauchsspitzen / Regionalpläne zeigen freie Netzkapazitäten auf / Von Marcus Knupp

Paris (GTAI) - Anders als in Deutschland entstehen Engpässe im französischen Stromnetz derzeit nicht durch die wachsende Zahl von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, sondern in erster Linie durch Spitzen beim Verbrauch. Neben dem behutsamen Ausbau der Netze steht daher die möglichst flexible Anpassung und Steuerung des Verbrauchs oben auf der Prioritätenliste. Die flächendeckende Einführung intelligenter Stromzähler soll dabei helfen. (Internetadressen)

Der Anschluss einer großen Zahl von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien an das Elektrizitätsnetz stellt auch die französischen Netzbetreiber vor neue Herausforderungen. Im Vergleich zu Deutschland erleichtern jedoch der geringere Zubau von Anlagen pro Jahr und die stärkere Beteiligung der Anlagenbetreiber an den Anschluss- und Ausbaukosten die Lage aus Sicht der Netzgesellschaften. Für das Übertragungsnetz ist der Anpassungsdruck durch die gleichmäßigere Verteilung der neu hinzukommenden Stromerzeugung weniger stark.

Zubau bei Windkraft und Photovoltaik in Frankreich 2016
Energie Zahl der Anlagen am 30.9.16 Installierte Leistung am 30.9.16 (MW) Neue Anlagen Jan.-Sep. 2016 Neu installierte Leistung Jan.-Sep. 2016 (MW)
Windkraft 1.465 11.166 85 804
Photovoltaik 378.899 7.017 12.456 449

Quelle: Commissariat général au développement durable

In der Regel werden in Frankreich Anlagen mit einer Leistung bis zu 12 MW an das Verteilnetz angeschlossen, jene über 12 MW an das Übertragungsnetz, wobei Ausnahmen möglich sind. Rund 95% der Verteilnetze im Mittel- und Niederspannungsbereich betreibt das EDF (Electricité de France)-Tochterunternehmen Enedis (ehemals ERDF), dessen Leitungslänge circa 1,3 Mio. km umfasst. Das etwa 100.000 km lange Übertragungsnetz mit 63 bis 400 kV liegt in der Verantwortung der Gesellschaft Réseau de Transport d'Electricité (RTE), die ebenfalls zu 100% zum nationalen Versorgungsunternehmen EDF gehört.

Erleichterung bei den Netzanschlusskosten

Die Kosten für den Netzanschluss muss in Frankreich der Anlagenbetreiber übernehmen. Wird wegen ausgeschöpfter Kapazitäten der Bau einer neuen Trafostation notwendig, musste dies bis vor kurzem ebenfalls der Betreiber bezahlen. Insbesondere für kleine Anlagen sind diese Kosten zum Teil prohibitiv. Zudem profitiert unter Umständen der nächste Bewerber von den zusätzlichen Anschlusskapazitäten, ohne sich hieran finanziell beteiligen zu müssen. Daher wurde im Zuge der Einführung regionaler Pläne zur Netzanbindung 2012 jenseits des direkten Anschlusses eine gemeinsame Finanzierung durch den Anlagenbetreiber und die Netzgesellschaft vorgesehen.

Die sogenannten Schémas Régionaux de Raccordement au Réseau des Energies Renouvelables (S3REnR) stellen für jede Region die verfügbaren Netzkapazitäten sowie den voraussichtlich notwendigen Ausbau fest. Auf dieser Basis wird ein Anteil an den Netzausbaukosten auf alle neuen Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Energien ab einer Leistung von 100kVA umgelegt. Die Kosten für Arbeiten am Hochspannungsnetz und für entsprechende Umspannwerke trägt weiterhin RTE.

Die für erneuerbare Energien reservierten Kapazitäten sind in den 21 Regionen in der ehemaligen Abgrenzung, für die die Pläne aufgestellt wurden, in sehr unterschiedlichem Maße ausgeschöpft, am stärksten beispielsweise in der Piccardie mit einer großen Dichte von Windkraftanlagen. Entsprechend ist auch die Höhe der anteiligen Umlage recht unterschiedlich. Sie reicht von 0 bis knapp 70.000 Euro pro MW installierter Leistung. Die zur Verfügung stehenden Anschlusskapazitäten können bis auf die Ebene der einzelnen Trafostationen auf der Webseite http://capareseau.fr eingesehen werden.

Smart Grid soll Spielräume schaffen

Das zentrale Problem für die französischen Netzbetreiber ist indes nicht die Integration der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und den entsprechenden Spitzen in der Einspeisung. Schwierigkeiten bereitet eher die Organisation des Spitzenbedarfs. Da in Frankreich sehr viele Haushalte über elektrische Heizgeräte verfügen, ist dies insbesondere an kalten Wintertagen der Fall. Pro Grad Celsius geht die Regulierungsbehörde CRE von einem Mehrbedarf von rund 2,4 GW aus. Der im August 2017 in Kraft tretende Tarif für die Stromübertragung TURPE 5 (Tarifs d'utilisation des réseau publics d'èlectricité 5) setzt hier stärker auf ökonomische Anreize. Differenziert wird zukünftig zwischen Winter und Sommer sowie zwischen Spitzenzeiten und Perioden niedrigen Bedarfs.

Die in den kommenden Jahren vorgesehene flächendeckende Installation von intelligenten Stromzählern ("Linky") soll hierzu eine genauere Differenzierung des Verbrauchs und eine feinere Steuerung ermöglichen. Im Zeitraum 2015 bis 2021 werden circa 35 Mio. neue Zähler eingesetzt. Sie bilden einen wichtigen Baustein im Aufbau von Smart Grids, die die Nutzung der Netzinfrastruktur optimieren sollen.

Der Tarif sieht zudem die Eigengeneration von Elektrizität vor. Zwar ist die Netzparität in der Photovoltaik in Frankreich aufgrund der im Vergleich zu Deutschland niedrigeren Strompreise noch nicht erreicht. Es wird aber davon ausgegangen, dass dies etwa 2020 der Fall sein wird, insbesondere in Spitzenzeiten könnte der Zeitpunkt auch früher erreicht werden.

Internetadressen

Umfangreiche Informationen zur Entwicklung des Energiesektors und der relevanten Regelungen stellt das Deutsch-französische Büro für die Energiewende zur Verfügung.

Internet: http://www.dfbee.eu

Ministerium für Umwelt, Energie und Meeresangelegenheiten

Internet: http://www.developpement-durable.gouv.fr

Regulierungsbehörde Commission de Régulation de l'Energie (CRE)

Internet: http://www.cre.fr

Übertragungsnetzbetreiber Réseau de Transport d'Electricité (RTE)

Internet: http://www.rte-France.com

Der größte Verteilnetzbetreiber ist Enedis (ehemals ERDF).

Internet: http://www.enedis.fr

(S.K.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Strom-/ Energieerzeugung, sonst. erneuerb. Energien, Stromübertragung und -verteilung, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, alternative Energien

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