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10.10.2018

Süd- und Nordkorea planen Ausbau der Infrastruktur

Anbindung der Verkehrswege hat Priorität / Von Alexander Hirschle

Seoul (GTAI) - Nord- und Südkorea nähern sich weiter an. Die Vorbereitungen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit werden forciert. Zunächst müssten jedoch die UN-Sanktionen aufgehoben werden.

Das Treffen zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un Mitte September 2018 hat die Hoffnungen auf eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen angeheizt. Die Staatsoberhäupter vereinbarten während der Gespräche, erste Schritte in Richtung einer Anbindung der Verkehrsverbindungen vorzubereiten.

Als erste Projekte zur Diskussion stehen dabei die Kaesong-Pjöngjang-Schnellstraße mit einer Länge von 171 Kilometern sowie die Gyeongui-Eisenbahnverbindung zwischen Munsan und Kaesong. Auch die Donghae-Strecke könnte auf einer Länge von 105 Kilometern ausgebaut werden. Sie wird strategisch als besonders wichtig eingestuft, da sie den Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn gewährleisten könnte.

Eisenbahn könnte Südkorea an Eurasien anbinden

Die Kosten für die beiden Eisenbahnstrecken werden vom Ministry of Land, Infrastructure and Transport auf 460 Millionen US-Dollar (US$) beziehungsweise 2,1 Milliarden US$ taxiert. Die südkoreanische Regierung schätzt die Gesamtkosten für den Wiederaufbau der nordkoreanischen Infrastruktur auf rund 482 Milliarden US$, wovon alleine 135 Milliarden US$ auf Straßen- und Eisenbahnverbindungen entfallen dürften.

Auf der anderen Seite stehen enorme Vorteile für die wirtschaftliche Entwicklung und die Logistikinfrastruktur. Perspektivisch könnte das südkoreanische Schienennetz über Asien sogar mittelbar an Europa angebunden werden und lokalen Firmen somit einen besseren Zugang zum eurasischen Markt ermöglichen. Einige Beobachter sehen eine "Trans-Korea-Railway" sogar schon als potenziellen neuen Wachstumsmotor für die Halbinsel.

Telekommunikationsfirmen sehen großes Marktpotenzial

Aber auch Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK) haben ihr Augenmerk auf die Entwicklungen in Nordkorea geworfen. Nach Schätzungen von Brancheninsidern dürfte der IuK-Markt des Landes etwa 88 Milliarden US$ umfassen. Vor allem wären zunächst umfangreiche Investitionen in die Netzinfrastruktur nötig, um Nordkorea wieder an den Rest der Welt anzubinden.

Die beiden südkoreanischen Branchengiganten SK Telecom und KT analysieren Pressenangaben zufolge die Rahmenbedingungen der Telekommunikationsinfrastruktur im Nachbarland, um auf künftige Gemeinschaftsprojekte im Zuge einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit vorbereitet zu sein. In den vergangenen Jahren hatte die Zahl der Mobilfunknutzer bereits rapide zugenommen.

Mobile Telekommunikation in Nordkorea
Jahr Abgeschlossene Verträge pro Jahr Veränd. im Vergleich zum Vorjahr (in %)
2009 69.216 -
2010 431.919 524,0
2011 1.000.000 131,5
2012 1.700.000 70,0
2013 2.420.000 42,4
2014 2.800.000 15,7
2015 3.240.000 15,7
2016 3.606.000 11,3

Quelle: International Telecommunication Union in lokalen Medien

Ebenso wurde im Rahmen des Gipfeltreffens die Wiederaufnahme zwischenzeitlich eingestellter Projekte wie der Industriezone in Kaesong und der Tourismusregion Mount Kumgang besprochen. Beide Seiten erzielten auch Übereinstimmung darüber, gemeinsame Tourismus- und Industriezonen perspektivisch zu entwickeln. Bei all den ambitionierten Plänen bleibt die Frage offen, wie die nordkoreanische Seite konkret ihr bisher stark abgeschottetes Staatsmodell in eine offene Volkswirtschaft umwandeln will, die für die Realisierung großer Infrastrukturprojekte notwendig wäre.

Südkoreanische Unternehmen bereiten sich vor

Das Interesse südkoreanischer Firmen an einem Engagement im Norden steigt derweil. In der Delegation von Staatspräsident Moon nach Pjöngjang befand sich Mitte September eine Reihe hochkarätiger Geschäftsmänner der führenden Gesellschaften des Landes. Medienangaben zufolge haben mehrere lokale Unternehmen bereits Pläne für Projekte in Nordkorea in der Schublade oder bereiten sich auf eine etwaige Öffnung des Landes vor.

Hyundai hat sich schon im Jahr 2000 exklusive Rechte an sieben Infrastrukturprojekten bis 2030 gesichert, zum Beispiel in den Bereichen Stromversorgung, Kommunikation und Eisenbahnen. Das Unternehmen hat Presseinformationen zufolge bereits eine "Task Force" zur Wiederaufnahme seiner Projekttätigkeit im Norden eingerichtet.

Daewoo Engineering & Construction hat anscheinend auch eine Arbeitsgruppe gegründet mit Fokus auf Infrastrukturprojekte im Straßen- und Eisenbahnbau sowie Tourismus. GS Engineering & Construction, Samsung C&T und Daelim Industrial haben Experten zusammengeführt, um die Möglichkeiten einer Expansion der Geschäftstätigkeit in Nordkorea zu analysieren. Nach Einschätzung des Branchenverbandes Construction Association of Korea sollten von einer etwaigen Öffnung nicht nur die Großfirmen, sondern perspektivisch als Auftragnehmer auch kleine und mittlere Firmen profitieren.

Auch Finanzinstitutionen schielen auf die neuen Entwicklungen. So haben KB Finanical, Shinhan Financial, Hana Financial und Woori Bank interne Projektgruppen etabliert, um Daten zu recherchieren sowie Geschäftsmöglichkeiten in Nordkorea zu sondieren. Auch sollen Markteintrittsstrategien vorbereitet werden für den Fall, dass die UN-Sanktionen aufgehoben werden.

Budget für innerkoreanische Kooperation wird erhöht

Bereits wenige Tage vor dem Gipfeltreffen zwischen Moon und Kim wurde in Kaesong ein sogenanntes "Liaison Office" eingerichtet mit circa 40 Mitarbeitern aus Nord- und Südkorea, das künftig als Gesprächskanal und -zentrale dienen wird. So soll die Kommunikation zwischen den beiden Ländern künftig rund um die Uhr aufrechterhalten werden können. Die südkoreanische Regierung hatte im August ihr Budget für "Innerkoreanische Beziehungen" im Jahr 2019 um 14 Prozent auf 1 Milliarde US$ nach oben geschraubt.

Darüber hinaus wurde offenbar eine Übereinkunft darüber erzielt, dass sich Süd- und Nordkorea gemeinsam für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2032 bewerben wollen. Ebenso soll die Sportdiplomatie zwischen beiden Ländern in Form gemeinsamer Teilnahmen an internationalen Wettkämpfen fortgeführt werden.

Sanktionen müssen zunächst gelockert werden

Unabdingbare Voraussetzung für eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen mit Nordkorea ist die Lockerung der UN-Sanktionen und somit auch die Denuklearisierung des Landes. Wirtschaftsbeteiligten, die an Geschäften mit Nordkorea interessiert sind, wird daher dringend empfohlen, sich zuvor beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle über bestehende Regelungen zu informieren und sich strikt an die bestehenden Sanktionen der EU und der UN zu halten.

Kontaktadresse

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle http://www.bafa.de/DE/Aussenwirtschaft/Ausfuhrkontrolle/Embargos/Nordkorea/nordkorea_node.html Informationen zur Ausfuhrkontrolle bezüglich Nordkorea

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Südkorea können Sie unter http://www.gtai.de/korea abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Südkorea, Nordkorea Wirtschaftspolitik, allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Infrastruktur

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