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18.09.2018

Südafrika weiter mit zu niedrigem Wachstum

Nur schwache Rezession zu erwarten, jedoch keine Entwarnung möglich / Von Fausi Najjar

Johannesburg (GTAI) - Südafrikas Wirtschaft ist im 1. Quartal 2018 zum Vorquartal um 2,6 und im zweiten um 0,7 Prozent geschrumpft. Ein moderater Zuwachs ist in Sicht. Strukturelle Hürden bleiben.

Für das Negativwachstum im 1. Quartal haben vor allem die südafrikanische Landwirtschaft mit -33,6 Prozent und mehr noch der Bergbausektor mit -10,3 sowie das verarbeitende Gewerbe mit -6,7 Prozent gesorgt. Im 2. Quartal konnten sich der Bergbausektor kräftig und die Industrie mäßig erholen. Im Agrarsektor gab es nochmals einen Rückgang von 29,2 Prozent. Negativ haben zudem der Handel und der Transportsektor abgeschnitten.

Technische Rezession

Bei einem Minuswachstum zweier Quartale in Folge ist das Kriterium einer sogenannten technischen Rezession erfüllt. Ob Südafrika damit in eine voll ausgebildete Rezession geraten ist, darf bezweifelt werden.

Zum einen ist die Landwirtschaft nach Rekordernten auf ein normales Niveau zurückgekehrt. Zum anderen liegt die Steigerungsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gegenüber den entsprechenden Vorjahresperioden immer noch im Plus und zwar mit 0,8 im 1. Quartal und 0,4 Prozent im 2. Quartal. Nicht zuletzt dürfte sich die Landwirtschaft im Zeitraum Juli bis September deutlich erholen. Auch der Bergbausektor dürfte nach einem Plus von 4,9 Prozent im 2. Quartal den Aufwärtstrend im Laufe des 2. Halbjahres 2018, wenn auch mäßig, fortsetzen.

Dennoch bleibt die Wirtschaftslage kritisch. Hauptprobleme sind das allgemein viel zu niedrige Wachstum in der Vergangenheit sowie dessen schwache Aussichten. Denn: Die durchschnittliche Steigerungsrate in den letzten fünf Jahren liegt bei realen 1,5 Prozent. Jedoch erst ab einem BIP-Plus von 4 bis 5 Prozent kann die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit spürbar gesenkt werden, so Experten. Darüber hinaus blieb das durchschnittliche Wachstum im besagten Zeitraum unter dem der Bevölkerung. Auch 2018 dürfte das Pro-Kopf-Einkommen in Südafrika fallen.

Vor allem der Industriesektor müsste zulegen

Die Frage bleibt, woher (schnell) neue Impulse für mehr wirtschaftliche Dynamik kommen können. Die beiden wichtigen Wachstumsstützen verarbeitendes Gewerbe und Bergbau weisen massive Probleme auf. Der Bergbau hat in den letzten fünf Jahren um 1,2 und das verarbeitende Gewerbe gerade einmal um 0,3 Prozent im Durchschnitt real zugelegt. Und: Südafrikas Dienstleistungssektor wird selbst mit seinem gut entwickelten Bankensektor und dem Tourismus kaum das gesamtwirtschaftliche Wachstum nennenswert antreiben können.

Im Bergbau sinkt nach jahrzehntelanger guter Ausbeute die Produktivität (und Arbeitssicherheit) der Goldminen, alleine schon weil diese immer tiefer in die Erde getrieben werden müssen. Auch beim Abbau von Platin fallen die mittelfristigen Marktaussichten eher schwach aus. Mit rund 80 Prozent der weltweiten Reserven haben Bergbauunternehmen in Südafrika ein gutes Geschäft gemacht. Jetzt sind Massenentlassungen in der Diskussion. Denn: Der Platinbedarf beim Einbau von Katalysatoren geht zurück. Statt Gold und Platin stützt mittlerweile die Kohlebranche mit Ausfuhren nach China und Indien den Bergbausektor; ein Markt, dem mittelfristig eine eher geringe Wachstumsdynamik nachgesagt wird.

Unbestritten ist das Potenzial des Industriesektors. Er ist unter anderem mit der Automobilfertigung, mechanischen und chemischen Industrie sowie Nahrungsmittelverarbeitung vergleichsweise breit und oftmals modern aufgestellt. Es müsste allerdings ein spürbarer Trendwechsel eingeleitet werden. Vor allem kleinere und mittlere Industrieunternehmen leiden unter Stromausfällen, fehlenden Fachkräften, hohen Wechselkursschwankungen und einer stagnierenden Binnennachfrage. Kosten für Wasser, Transport und Elektrizität fallen höher aus als in Vergleichsländern. All das geht zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit.

Neue Regierung hat Aufräumarbeiten begonnen

Nicht nur die strukturellen Defizite in Bergbau und Industrie sorgen für ein schwaches Wachstum, sondern auch die Misswirtschaft der letzten Jahre. Der seit Februar 2018 amtierende neue Präsident Cyril Ramaphosa tritt ein schweres Erbe an. Ramaphosas Regierung muss nun Korruptionsfälle aufwändig aufarbeiten und vor allem die staatlichen Unternehmen sanieren und neu aufstellen.

Unter dem Amtsvorgänger Jacob Zuma gab es eine nahezu systematische Vereinnahmung des Staates und von Staatsunternehmen durch private Interessengruppen (state capture). Zu den Opfern des "state capture" gehören der überschuldete Energieversorger Eskom, das staatliche Transportunternehmen Transnet und die einst effiziente Steuerbehörde SARS.

Die neue Regierung arbeitet die Umstrukturierungen durchaus ernsthaft ab. Dennoch steht Ramaphosa vor einem Dilemma: Angesichts geringer Budgetspielräume und finanziell eingeschränkter Staatsbetriebe gibt es jetzt kaum Möglichkeiten, der gegenwärtigen Investitions- und Wachstumsschwäche mittels staatlicher Ausgaben entgegenzutreten. Maßnahmen zur Konsolidierung als Signal an ausländische Investoren und internationale Geber stehen niedrige Investitionsquoten der Privatwirtschaft, ein schwacher Konsum und Steuerausfälle gegenüber.

Ein Ausweg aus der Finanzierungslücke könnten die 15 Milliarden US-Dollar sein, die China Südafrika als Kredit zugesagt hat. Kritiker führen jedoch an, dass Landwirtschaft, Bergbau und Industrie nicht alleine durch Geld wieder angeschoben werden könnten.

Vertrauensbildung wichtig

Zudem hat sich das steil angestiegene Vertrauen der Geschäftswelt kurz nach der Ernennung Ramaphosas zum Präsidenten kaum gehalten. Das Thema Enteignung von Land ohne Entschädigung beherrscht bislang wie kaum ein anderes die innenpolitische Diskussion. Offenbar wegen der Wahlen 2019 unter politischem Druck stehend hat Ramaphosa angekündigt, die kompensationslose Enteignung von Landbesitz mithilfe einer Verfassungsänderung vorantreiben zu wollen. Auch wenn Ramaphosa die Bedingung stellt, dass Maßnahmen weder die Ernährungssicherheit noch die Produktivität des Landwirtschaftssektors gefährden dürften, könnte die Diskussion das Vertrauen in die Besitzrechte untergraben.

Das ist problematisch, weil Südafrika besonders von ausländischen Anlegern abhängig ist. Sowohl ein schlechtes Geschäftsklima im Land als auch Verunsicherungen auf den globalen Finanzmärkten könnten den (weiteren) Abzug von Kapital zur Folge haben. Zudem sind aus der diskutierten Umverteilung von Land kaum zielführende Maßnahmen zugunsten der Bildung und Stärkung einer kleineren und mittleren Bauernschaft oder der Armutsbekämpfung abzusehen. So bleibt das treuhänderisch von traditionellen Führern verwaltete Staatsland von Brachen und einer ineffizienten Bebauung gekennzeichnet. Flankierungsmaßnahmen für neue Landwirte sind mangelhaft.

Insgesamt ist in der praktischen Politik bislang nicht abzusehen, wie die Regierung Wachstum, Armutsbekämpfung und die für eine funktionierende Marktwirtschaft wichtige Reduzierung der hohen Ungleichheit in Südafrika in Angriff nehmen will.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Südafrika können Sie unter http://www.gtai.de/suedafrika abrufen. Unter http://www.gtai.de/afrika erhalten Sie weitere Informationen zum Land Ihrer Wahl in Afrika.

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Südafrika Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Konjunktur, allgemein

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