Suche

24.08.2016

Südchinas Shenzhen fördert Innovation und Start-ups

Silicon Valley der Hardware-Entwicklung / 200 Mrd. US$ werden in Stadtentwicklung gepumpt / Von Achim Haug

Hongkong (GTAI) - Shenzhen im Süden Chinas ist auf dem Wege zu einem zweiten Silicon Valley. Getrieben durch hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung sind innovative Hightechunternehmen entstanden. Doch die Immobilienpreise explodieren, und die Stadt platzt aus allen Nähten. Daher wird die Entwicklung des neuen Stadtviertels "Shenzhen East" vorangetrieben. Für junge Firmen und Start-ups im Hardwarebereich bietet die Stadt beste Bedingungen.

Seit der Einrichtung der ersten Sonderwirtschaftszone Chinas 1980 in Shenzhen, hat sich die südchinesische Metropole rasant entwickelt. 2015 erwirtschafteten die über 10 Mio. Einwohner rund 270 Mrd. US$, real 8,9% mehr als im Vorjahr. In den kommenden Jahren dürfte die Stadt die Wirtschaftsleistung von Hongkong überholen (2015: 305 Mrd. US$), 2016 liegt das Wachstumsziel bei 8,0 bis 8,5%.

War in den 30 Jahren Shenzhen die verlängerte Werkbank der Welt, hat sich der Fokus zuletzt stark auf Innovation und Hightech verlagert. Die Stadt steckt seit 2013 jährlich 4% der Wirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung (F&E), was sie vom Prozentsatz her in eine Liga mit Südkorea und Israel bringt. China insgesamt liegt bei 2,1% des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Innovation als Wachstumstreiber soll das BIP bis 2020 auf 2,6 Bill. Renminbi Yuan (RMB; circa 420 Mrd. US$; 1 RMB = 0,16035 US$, Jahresdurchschnittskurs 2015) heben, so Bürgermeister Xu Qin bei Vorstellung des 13. Fünfjahresplans für die Stadt. Laut Xu sorgten vor allem Innovationsbranchen wie Internet und IT für das überraschend hohe Wachstum im Jahr 2015. Sie tragen heute bereits 40% zum BIP bei. Über 110 Mrd. RMB oder 4,25% des BIP sollen jährlich in F&E fließen, so der Plan.

F&E-Investitionen steigen auf 4,25% des BIP

Das Perlflussdelta - in dem Shenzhen liegt - spielt in der Höherpositionierung der chinesischen Wirtschaft eine Schlüsselrolle. Dabei sollen traditionelle, umweltbelastende Industrien modernen Hightechbranchen weichen und Dienstleistungen das verarbeitende Gewerbe überholen. Seit 2011 seien so schon über 17.000 Fabriken, die schmutzige oder einfache Arbeiten beheimateten, aus Shenzhen abgezogen, berichtet Bürgermeister Xu stolz.

Diese Entwicklung hat Auswirkungen auch auf deutsche Firmen vor Ort. Als traditionell verarbeitende Unternehmen sind sie nicht mehr unbedingt willkommen und werden zum Beispiel bei auslaufenden Landnutzungsrechten vertrieben. Auch hat kaum ein deutsches Unternehmen im Perlflussdelta den offiziellen Status als "Hochtechnologieunternehmen", obwohl es dadurch Steuervorteile gäbe. Die administrativen Hürden sind zu groß. Dies verschlechtert die Verhandlungsposition.

Doch die Herausforderung für die häufig als Auftragsfertiger groß gewordenen Fabriken im Süden Chinas bleiben. Seit 2015 steht mit Ma Xingrui ein ausgewiesener Technikpionier an der Spitze von Shenzhens Verwaltung. Mit seinem erfolgreichen Aufbau des chinesischen Raumfahrtprogramm hat Ma einen einzigartigen Hintergrund als Parteisekretär der Stadt.

Ausländische Unternehmen verlieren Sonderstatus

Der Erfolg Shenzhens hat aber auch den Fokus der Politikplaner verändert. Nicht mehr ausländisches Kapital und Produktionsstätten sind gefragt, sondern vielmehr sollen lokale Champions aufgebaut werden, die den Sprung auf die Weltmärkte schaffen. Dazu ist Hightech notwendig, ein hohes Interesse besteht an Industrie 4.0-Lösungen. Dieser Logik folgt auch die Übernahme des deutschen Roboterherstellers Kuka durch Midea, den Haushaltsgerätehersteller aus dem benachbarten Foshan. Nicht nur soll dadurch Mideas Produktion von Kühlschränken und Klimaanalagen effizienter werden. Vielmehr wird der Markenname für Innovation und Hightech positioniert.

Bereits in der deutschen Öffentlichkeit bekannter sein dürfte Huawei. Das Telekommunikationsunternehmen gilt als größter chinesischer Arbeitgeber in Deutschland und entwickelt neben Smartphones die mobilen Datennetze der Zukunft sowie eine eigene Chiparchitektur. Die Handy-Auslieferungen des Shenzhener Privatunternehmens stiegen im 1. Halbjahr 2016 um 25% und zementierten den dritten Platz nach Samsung und Apple bei den weltweiten Verkäufen.

Auf Rang vier landete mit Oppo eine südchinesisches Smartphonemarke, die noch nicht so geläufig ist. Die Marke gehört zum Elektronikgiganten BBK, der nach Auftragsfertigung inzwischen neben Oppo noch die Eigenmarken Vivo und One Plus aufgebaut hat. Während Vivo 2015 ein Wachstum von 150% auf 45 Mio. verkaufte Einheiten verzeichnete, gilt One Plus als Geheimtipp für Technikaffine. Das Start-up aus Shenzhen konnte bereits Lorbeeren für die hohe Qualität seiner Produkte ernten.

Seinen Beitrag zu den Erfolgen der Firmen hat Intel geleistet. Seit die Firma 2013 sein China Technology Ecosystem in Shenzhen aufbaute, werden immer mehr tragbare Geräte mit den Chips ausgestattet. Die Amerikaner unterhalten ein großes F&E-Team in Shenzhen. Auch im Bereich Apps und Internet setzt Shenzhen die Maßstäbe. So hat Tencent, nachdem es ein amerikanisches Chat-Programm kopierte, mit WeChat eine Social-Media-Umgebung geschaffen, die mehr Funktionen bietet als Facebook, Twitter und WhatsApp zusammen. Und mit BGI ist eines der stärksten Unternehmen der Biotechnik weltweit in der Stadt beheimatet, die Firma unterhält eine Niederlassung in München.

Bis 2020 sollen sechs Schlüsselindustrien 42% zum BIP beitragen. Die sechs Wachstumsbranchen umfassen neben IT und Internet auch alternative Energien, Biotechnik, neue Materialen sowie kreative und kulturelle Industrien. Dazu sollen auch Start-ups und "Maker" beitragen. Die chinesische Regierung fasst junge Wachstumsunternehmen ins Auge, nachdem im Staatssektor immer mehr Probleme mit Zombie-Firmen offensichtlich werden, die nur dank üppiger Kreditspritzen am Leben erhalten werden.

Start-up-Szene in Südchina dynamisch

Shenzhen entwickelt sich neben Beijing, Shanghai und Hangzhou zu einem der Epizentren dieser Start-up-Welle. Im Unterschied zum Silicon Valley in Kalifornien hat Südchina aber eine funktionierende Produktionsindustrie und breit ausgebaute Lieferketten. Dieses Umfeld nutzen vor allem Firmen aus dem Hardware-Bereich, die in Berlin und San Francisco kaum Zulieferer finden. Befragte Start-ups bezeichnen neben den deutlich niedrigeren Kosten für Komponenten vor allem die Schnelligkeit als großes Plus des Standortes. Ein Prototyp kann in wenigen Wochen mit den Fabriken direkt erarbeitet werden. Zum Teil wird über Nacht ein neues Design fertiggestellt.

Für Benjamin Joffe bietet Shenzhen die 4S: Skills, Speed, Scale und Sourcing. Joffe ist Partner bei HAX, einem auf Hardware-Start-ups spezialisierten Accelerator in Shenzhen. Dieser ist in Huaqiangbei angesiedelt, dem Herz der unzähligen Elektronik-Komponentenshops und bietet neben Räumen und Geld vor allem Kontakt zu Fabriken. Auch deutsche Unternehmen wie Hoard aus Berlin haben an dem Beschleunigungs-Programm teilgenommen. Weitere Inkubatoren sind Seeed Studio und Highway1. Bis 2020 will die Stadt über 200 Makerspaces einrichten, mit 3D-Druckern und Laserschneidmaschinen.

Allerdings explodieren die Kosten in der südchinesischen Metropole. So verdienen Universitätsabsolventen gerne 10.000 RMB pro Monat (circa 1.600 US$), was zwei bis dreimal über dem chinesischen Durchschnitt liegt. Und auch deutsche Firmen klagen, dass die lokalen IT-Riesen Ingenieure mit Spitzengehältern abwerben. Der Immobilienmarkt hat seit Mai 2015 Beijing und Shanghai als teuersten Chinas überholt. Bis April 2016 sind die Preise um 62% gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen.

Um weitere Expansion zu ermöglichen und Wirtschaftswachstum zu generieren, geht Shenzhen daher nun die Entwicklung der westlichen Stadtregionen an. Neben dem zentralen Futian-Lowu-Distrikt und den Hightech starken westlichen Gebieten von Nanshan, Qianhai und Bao'an wird daher Shenzhen East mit den Bezirken Longgang, Pingshan, Yantian, und Dapeng entwickelt.

Rund 213 Mrd. US$ will die Stadt in das Megaprojekt pumpen, zehn Autobahnen und 14 Metrolinien sollen so über die kommenden fünf Jahre gebaut werden. Dazu werden Förderpolitiken ausgerufen und öffentliche Einrichtungen aufgebaut. Neben Industrieparks sollen auch Universitätscampusse entstehen. Die östlichen Gebiete machen 46% der Landfläche Shenzhens aus, aber nur 24% der Bevölkerung und 22% des BIP. Bereits in Longgang im Osten der Stadt baut der Yale-Absolvent Brian Yang den Inkubator Higgs Hub auf. Elektroauto- und Batteriespezialist BYD wie auch Huawei sind dort angesiedelt. Und der Hafen Yantian, der größte Shenzhens, ist nicht weit.

(H.G.)

Dieser Artikel ist relevant für:

China Bauwirtschaft, allgemein, Planung / Consulting, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Forschung und Entwicklung, Architektur, Bau-Consulting, Bauüberwachung, Architektur, Bau-Consulting, Bauüberwachung

Funktionen

Christina Otte Christina Otte | © GTAI/Rheinfoto

Kontakt

Christina Otte

‎+49 (0)228 24 993-323

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche