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07.11.2018

Tansanisches Flüssigerdgasprojekt festgefahren

Ernste Folgen für die Stromversorgung / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Tansania hat enorme Erdgasreserven - aber nicht genug Know-how, um diese zu fördern. Kann Norwegen bei der Suche nach geeigneten Partnern helfen?

Tansania läuft Gefahr, im Wettrennen mit Mosambik über die Nutzung substanzieller Erdgasreserven vor der ostafrikanischen Küste ins Hintertreffen zu geraten. Nach Einschätzung von Marktkennern brauchen internationale Märkte, wenn überhaupt, nur einen neuen Lieferanten an der afrikanischen Ostküste, nicht aber zwei. Wer zuerst liefern kann, sichert sich die Abnahmeverträge, heißt es. Mosambik hat aktuell die besseren Karten, während sich Tansania nicht entscheiden kann.

Mangel an Know-how

Das offensichtliche Problem: Der tansanischen Seite fehlt schlichtweg das Know-how, einen Vertrag mit ausländischen Partnern für die Nutzung der Gasvorräte zu schließen. Nicht ganz zu Unrecht hat die tansanische Regierung Angst, über den Tisch gezogen zu werden. Immerhin geht es um Investitionen in einer Größenordnung von mehr als 30 Milliarden US-Dollar (US$), was für ein Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 55 Milliarden US$ (2018) geradezu unvorstellbar viel ist.

Zuerst müsste ein Rahmenvertrag zwischen der Regierung und einem Konsortium aus fünf internationalen Ölgesellschaften unter Führung der Royal Dutch Shell geschlossen werden. Zentraler Punkt der Vereinbarung ist ein Exportterminal für Flüssigerdgas (liquefied natural gas/LNG), mit dessen Hilfe Tansania seine Reserven in einer Größenordnung von 57 Trillionen Kubikfuß zu Geld machen will.

Die Verhandlungen zwischen der staatlichen Tanzania Petroleum Development Corporation (TPDC) und dem internationalen Konsortium, dem neben der britisch-niederländischen Shell noch ExxonMobil (USA), Statoil (Norwegen), Ophir Energy (Großbritannien) und Pavilion Energy (Singapur) angehören, aber kommen nicht voran. Im April 2018 hatte TPDC angekündigt mit einem Beraterunternehmen die Verhandlungen beschleunigen zu wollen - bislang ist es zu keinem Vertragsabschluss gekommen.

Jahrelange Vorlaufzeit

Und selbst wenn es bald zu einem solchen Vertrag mit der tansanischen Regierung kommen sollte, wäre dies nur der erste Schritt. Anschließend müsste ein Auftrag für das Front-End Engineering Design (FEED ) vergeben werden. FEED ist eine Methode der Konstruktionstechnik, um technische Anforderungen eines Projekts ermitteln und die Projektkosten einschätzen zu können. Sobald dieser Bericht vorliegt, kann ein Finanzierungspaket geschnürt und Käufer für das Gas gesucht werden. Erst dann kommt es zu einer tatsächlichen Investitionsentscheidung. Läuft alles gut, erscheint ein Baubeginn ab 2024 realistisch, sagen Kenner, wohingegen der tansanische Energieminister Medard Kalemani weiterhin von einem Baubeginn 2022 spricht.

Die Wetten, dass alles gut gehen wird, stehen allerdings nicht hoch. Die Regierung unter ihrem autokratisch auftretenden Präsidenten John Magufuli setzt zunehmend auf Protektionismus, vor allem wenn es um die Bodenschätze des Landes geht. Die zunehmende Einmischung des Staates - kombiniert mit Besserwisserei und Unberechenbarkeit - verschrecken derweil Investoren und Kreditgeber. Und das ist noch nicht alles: Eigentumsfragen an Land und Boden sind ungeklärt und politische Entscheidungen über lokale Beteiligungen stehen noch aus.

Nach einer Erhebung des Fraser Institut, einer Denkfabrik mit Hauptsitz im kanadischen Vancouver, gehört Tansania zu den unattraktivsten Investitionsdestinationen der Welt. Von 91 untersuchten Bergbaugebieten rangiert das Land auf Rang 79. Die im Rahmen der Erhebung befragten Bergbauunternehmen beklagen eine überraschende und rückwärts geltende Gesetzgebung. Beklagt wird auch eine überzogene und "beliebige" Besteuerung.

Nach Einschätzung der Denkfabrik spielt bei einer Investitionsentscheidung das mineralische Potenzial eines Projektes selbstverständlich die größte Rolle, die politischen Rahmenbedingungen aber dürften einen Einfluss von etwa 40 Prozent haben. Fazit: Es gibt in Tansania noch eine Menge Klärungsbedarf. Der erhoffte Wirtschaftsboom dank des Mega-LNG-Projektes und der anschließende Geldsegen bleiben wohl erst einmal aus.

Norwegische Vermittlung?

In den tansanischen Medien gibt es allerdings auch Optimisten, die ihre Hoffnung an Elisabeth Jacobsen (neuer Deputy Director General, Head of Section for Sub-Saharan Africa im norwegischen Außenministerium) festmachen. Als diese Anfang Oktober 2018 ihr Akkreditierungsschreiben überreichte, wurde sie von Magufuli um Unterstützung bei den Verhandlungen mit den internationalen Energiekonzernen gebeten. Eine Vermittlung von Norwegen wäre nach Ansicht von Beobachtern in der Tat eine gute Idee: Das Land verfügt über viel Erfahrung und gilt als seriöser Makler, der die unterschiedlichen Interessen auf einen Nenner bringen könnte.

Die Verhandlungen haben derweil noch eine andere Dimension: Die Ausbeutung der Vorkommen lohnt sich nach Ansicht der beteiligten Firmen nur, wenn es auch einen Export von Flüssigerdgas gibt. Anders formuliert: Ohne LNG-Export keine Entwicklung der Gasfelder. Damit gäbe zu wenig Gas für eine anderweitige Nutzung des Energieträgers. Beispielsweise für die Befeuerung einer beabsichtigten Düngemittelfabrik, für den Gasexport nach Uganda und weitere Erdgaskraftwerke. Schon die antizipierte Verzögerung zwingt Tansania auf andere Energieträger zu setzen, um seinen eklatanten Strommangel beseitigen zu können.

Dabei plant Tansania mit einem 2.100-Megawatt-Wasserkraftwerk am Rufiji-Fluss in der Stiegler-Schlucht, 200 Kilometer südwestlich von Dar es Salaam den ganz großen Wurf. Allerdings zirkulieren zu den Kostenschätzungen widersprüchliche Angaben - mal ist von zwei Milliarden, mal von 3,6 Milliarden US$ die Rede. Das Projekt liegt innerhalb des Selous-Wildreservats, dem größten seiner Art in Afrika (größer als die Schweiz). Das Kraftwerk und der Stausee würden sich über eine Fläche von 1.350 Quadratkilometern erstrecken.

Bislang fehlte es allerdings an Geld und an einer funktionierenden tansanischen Staatsbürokratie, um das Vorhaben zu verwirklichen. Jetzt soll es auf einmal ganz schnell gehen und mit dem Bau begonnen werden. Wer das Vorhaben finanzieren und bauen soll, weiß allerdings auch die Regierung noch nicht.

Unermesslicher ökologischer Schaden

Nach tansanischer Einschätzung wird die Tierwelt nicht gestört. Umweltschützer und die Unesco, auf deren World-Heritage-Liste der Tierpark steht, sehen das allerdings anders. Der abzusehende ökologische Schaden wird derweil weniger durch die Überflutung großer Gebiete verursacht, als durch das Ausbleiben von Wasser und Sedimenten im unteren Flussbereich. Riesige Feuchtgebiete mit sich verändernden Flussläufen würden unwiederbringlich zerstört. "Seen trocknen aus, die Fruchtbarkeit von Farmland nimmt ab und das Rufiji-Delta mit seinen Mangrovenwäldern wird schrumpfen", sagt die Natur und Umweltschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF).

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Tansania können Sie unter http://www.gtai.de/tansania abrufen. Unter http://www.gtai.de/afrika erhalten Sie weitere Informationen zum Land Ihrer Wahl in Afrika.

Dieser Artikel ist relevant für:

Tansania Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Öl, Gas

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Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

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