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05.12.2017

Trotz Fragezeichen treibt Israel die Entwicklung seiner Erdgaswirtschaft voran

Entwicklungspläne gebilligt, auch wenn Auslandsmärkte noch fehlen / Massiver Investitionsschub zu erwarten / Von Wladimir Struminski

Jerusalem (GTAI) - Israel treibt die Entwicklung seiner Erdgaswirtschaft kraftvoll voran, obwohl deren Rentabilität von, bisher noch fehlenden, Exportmärkten abhängt. Ein Offshore-Vorhaben wird erschlossen, zwei weitere sollen bald folgen. Die Suche nach neuen Vorkommen wurde wieder freigegeben. Allerdings wäre der Erdgassektor notfalls auch ohne umfangreiche Exporte ausbaufähig, wenngleich nicht in demselben Umfang. Stärkere inländische Nutzung würde zusätzliche, massive Investitionen nach sich ziehen.

Im Lauf des Jahres 2017 hat Israel drei wichtige Schritte zum Ausbau seiner Förderungskapazitäten für Erdgas vollzogen, wobei alle bisher entdecken Vorkommen offshore sind. Die Erschließung des mit 620 Milliarden Kubikmeter (cbm) größten Feldes, Leviathan, lief nach einer durch kartellrechtliche Bedenken bedingten Verzögerung an. Erste Gaslieferungen werden 2019 erwartet.

Ein weiterer Schritt war die Genehmigung der Erschließungspläne für die zwei kleineren Erdgasfelder Karish und Tanin. Im November 2017 erklärte die griechische Firma Energean, die die beiden Vorkommen erworben hat, einer nach oben revidierten Schätzung zufolge lägen die Erdgasreserven der beiden Felder bei insgesamt 136 Milliarden cbm; frühere Schätzungen sprachen von 85 Milliarden cbm. Die beiden Felder sollen 2020 oder 2021 in Betrieb genommen werden.

Schließlich führte das Energieministerium (Ministry of Energy and Water Resources) nach einer vierjährigen Suchpause eine Ausschreibung für Erdgas- und Erdöl- Suchlizenzen in den Wirtschaftsgewässern durch. Insgesamt verfügt Israel über nachgewiesene Reserven von 1.182 Milliarden cbm. Allein das ist etwas mehr als das Doppelte des vorgesehenen einheimischen Erdgasbedarfs bis 2030. Nach Schätzung des Energieministeriums dürfte mindestens eine ähnliche Menge an weiteren Reserven in den israelischen Wirtschaftsgewässern lagern. Um das volle Potenzial seiner nachgewiesenen und vermuteten Erdgasreserven auszuschöpfen, ist Israel auf Exporte angewiesen.

Diese aber sind eine Unbekannte. Die Ausfuhr in die Nachbarländer ist keine Option, die für rentabilitätsgerechte Nachfrage sorgen kann. Wohl hat das Betreiberkonsortium von Leviathan im September 2016 einen Vertrag für die Lieferung von rund 45 Milliarden cbm an Jordanien über eine Zeitspanne von 15 Jahren geschlossen, doch wären das nur rund 7 Prozent des Leviathan-Vorkommens. Israelische Erdgaslieferungen an die palästinensischen Gebiete wären eine Möglichkeit, aber nicht sicher. In jedem Fall wird der Erdgasbedarf dieser Gebiete im kommenden Jahrzehnt bei wahrscheinlich rund 7 Milliarden cbm liegen.

Die Aussichten auf langfristig angelegte Erdgasexporte nach Ägypten haben sich im November 2017 faktisch zerschlagen als der ägyptische Erdölminister Tarek el Molla erklärte, Ägypten werde dank des großen Zohr-Vorkommens nicht nur im Laufe des Jahres 2018 seine Importe von verflüssigtem Erdgas einstellen, sondern 2019 selbst Exporte aufnehmen.

Pipelines nach Italien und in die Türkei im Gespräch

So strebt Israel Exporte nach Übersee an. Dabei werden gegenwärtig zwei Optionen erwogen. Die erste ist der Bau einer unterseeischen Pipeline nach Griechenland und von dort nach Italien, damit israelisches - aber auch zypriotisches - Erdgas nach Kontinentaleuropa fließen kann. Im April 2017 unterzeichneten Israel, Zypern, Griechenland und Italien eine vorläufige Vereinbarung über die Prüfung des Vorhabens. Die Kosten solch einer Pipeline wurden auf rund 5 Milliarden bis 6 Milliarden Euro geschätzt, doch glaubt die israelische Energieberatungsfirma Eco Energy Financial & Strategic Consulting (Eco Energy), der Investitionsbedarf könnte bis zu 9 Milliarden Euro erreichen. In jedem Fall wäre die Pipeline, wie Israels Energieminister Yuval Steinitz erklärte, frühestens 2025 fertig.

Eine Pipeline in die Türkei wäre kürzer sowie technisch und finanziell leichter zu bewältigen. Allerdings sind die politischen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel sowie Zypern, durch dessen Wirtschaftsgewässer die Pipeline verlaufen müsste, gespannt. Auch müssten vor dem Bau der Rohrleitung erst kommerzielle Lieferverträge geschlossen werden, so dass auch diese Option allenfalls in längerer Frist zu erwarten wäre.

Unter diesen Umständen hielt sich das Interesse ausländischer Energiefirmen an der letzten Ausschreibung von Suchlizenzen in eher überschaubaren Grenzen. Im November 2017 teilte das Energieministerium mit, ihm seien zwei Suchangebote ausländischer Interessenten unterbreitet worden: eines von Energean, die bereits die Erdgasfelder Tanin und Karish kontrolliert, und ein weiteres von einem Konsortium der indischen Firmen ONGC Videsh, Bharat PetroResources, Indian Oil Corporation und Oil India.

Einheimische Nutzung kann massiv ausgebaut werden

Trotz solcher Unwägbarkeiten schreitet die Entwicklung der Erdgaswirtschaft voran. Das aber ist, wie der Generaldirektor von Eco Energy, Amit Mor, erklärt, kein Vabanque-Spiel. Vielmehr könnte der Erdgassektor notfalls mit Hilfe der einheimischen Nachfrage überleben, wenngleich dabei nicht das volle Förderungspotenzial ausgeschöpft würde. Gegenwärtig, so Mor gegenüber der GTAI, besage die offizielle Schätzung, der einheimische Erdgasbedarf werde 2030 bei 18 Milliarden cbm liegen. Indessen seien auch Szenarien möglich, bei denen der Inlandsbedarf diese Vorgabe deutlich überträfe.

Zu diesem Zweck müsse Israel jedoch ein umfassendes Programm zur Erdgasnutzung entwickeln. Wohl mache die Umstellung der Energiewirtschaft auf Erdgas große Fortschritte. Eine Vielzahl großer Industriebetriebe habe ihre Energieversorgung bereits auf Erdgas umgestellt; jetzt laufe die Umstellung kleinerer und mittelgroßer Betriebe (KMU) an. Bis Herbst 2017 seien 30 bis 40 KMU, vor allem im Landessüden, auf Erdgas umgestellt worden; der Prozess gehe weiter und werde auch andere Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser oder Hotels umfassen. Die Stromerzeugung stütze sich jetzt schon vorwiegend auf Erdgas: 2016 habe der Erdgasanteil an der Stromerzeugung bei 63 Prozent gelegen und werde binnen weniger Jahre auf 80 Prozent steigen.

Darüber hinaus seien jedoch weitere Maßnahmen erforderlich, so etwa eine massive Umstellung des Straßenverkehrs auf Erdgas. Dies würde Investitionen ins Transport- und Verteilungsnetz sowie in den Aufbau entsprechender Betankungskapazitäten für komprimiertes Erdgas verlangen. In diesem Bereich sei, so das renommierte Samuel Neaman Institute für Wirtschafts- und Sozialforschung in Haifa, bisher so gut wie gar nichts geschehen.

Auch eine nennenswerte Umstellung des Straßenverkehrs auf Elektroautos würde die Nachfrage nach Erdgas steigern - und zwar, weil der Strombedarf für Elektrowagen durch Strom aus Erdgaskraftwerken gedeckt würde. Dies würde den Bau zusätzlicher erdgasgestützter Stromerzeugungskapazitäten erfordern.

Schließlich könne Erdgas, so Mor, als Rohstoff für die petrochemische Industrie zur Herstellung von Methanol, Diesel, Benzin, Ammoniak oder Harnstoff dienen. Um die Rentabilität solcher Produktion auf dem Weltmarkt zu gewährleisten, müsste die Regierung zwar Fördermaßnahmen ergreifen, beispielsweise durch Steuervergünstigungen. Allerdings wären diese in gesamtwirtschaftlicher Hinsicht rentabel, weil dadurch hochwertige Arbeitsplätze geschaffen und die Exporte gesteigert würden. Ein weiterer Vorteil aus Sicht der Regierung wären erhöhte Steuereinnahmen aus der Erdgasförderung.

Natürlich kann die Regierung die einheimische Nachfrage nach Erdgas auch dann fördern, wenn Exporte anlaufen. In jedem Fall wird gesteigerte einheimische Erdgasnutzung Investitionen in Milliardenhöhe erfordern.

(S.T.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Israel Wärme- und Gasversorgung, Öl, Gas, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien

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