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31.05.2018

Tschechien: Sorge um einen wichtigen Absatzmarkt

Vereinigtes Königreich kauft vor allem böhmische Autos und Elektronik / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Für Tschechien bedeutet der Brexit einige Unsicherheiten hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung. Das Vereinigte Königreich zählt zu den wichtigsten Handelspartnern und ist ein bedeutender Investor. Die Warenlieferungen auf die Insel entsprechen 3 bis 4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Besonders die Kfz-Industrie wäre von Handelsbeschränkungen betroffen. Als Nettoempfänger von Mitteln der Europäischen Union drohen Tschechien Einschnitte bei den Überweisungen aus Brüssel. (Kontaktadressen)

Wirtschaftsleistung könnte um einen halben Prozentpunkt schrumpfen

Untersuchungen der tschechischen Regierung haben ergeben, dass Tschechien durch den Brexit langfristig einen halben Prozentpunkt seiner Wirtschaftsleistung verlieren könnte. Der Rückgang ergibt sich vor allem durch geringere Exportvolumina auf die Insel und durch sinkende Fördermittel der Europäischen Union (EU). Das slowakische Regierungsinstitut für Strategie und Analyse ISA hat berechnet, dass Tschechien in der kommenden Förderperiode (2021 bis 2027) bei einem Wegfall des Nettozahlers Vereinigtes Königreich über 400 Millionen Euro weniger EU-Mittel bekäme.

Eine britisch-niederländische Expertengruppe hatte im Dezember 2017 eine Studie zu den Brexit-Auswirkungen auf die Regionen in Europa veröffentlicht ("Economic exposure to Brexit in regions and countries on both sides of The Channel"). Die Ökonomen erwarten für die Tschechische Republik, dass etwa 2,14 Prozent der Wirtschaftsleistung durch den Austritt des Vereinigten Königreichs beeinflusst werden könnten. Das ist innerhalb der 27 verbleibenden EU-Staaten der siebthöchste Wert.

Einfluss dürfte der Brexit auch auf die über 50.000 Tschechen haben, die zurzeit im Vereinigten Königreich leben und arbeiten. Umgekehrt waren laut Eurostat Ende 2016 etwa 6.300 Briten in der Tschechischen Republik registriert.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen der Tschechischen Republik und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimport aus dem VK am BIP 1,95
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP 0,55
Anteil Warenexport in das VK am BIP 4,10
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP 0,74
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in der Tschechischen Republik (Stand zum 31.12.2016) 2,95

Quellen: Tschechisches Statistikamt; Tschechische Nationalbank; Berechnungen von Germany Trade & Invest

Ein Viertel des Handelsüberschusses entfällt auf das Vereinigte Königreich

Bis zum Brexit-Referendum war das Vereinigte Königreich der viertwichtigste Absatzmarkt für tschechische Unternehmen. Zwischen dem EU-Beitritt Tschechiens (2004) und dem Jahr 2017 hat sich das Liefervolumen von rund 2,6 Milliarden Euro auf 7,8 Milliarden Euro verdreifacht. Seit dem Entscheid über das Verlassen der EU lässt die Dynamik der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen allerdings nach, so dass Frankreich 2017 am Vereinigten Königreich als viertgrößter Exportmarkt vorbeigezogen ist.

Dennoch gehen rund 5 Prozent der tschechischen Ausfuhren in das Königreich. Es ist damit viel wichtiger als große Wachstumsmärkte wie China oder Russland. Ein Drittel des Ausfuhrvolumens entfällt auf Autos und Kfz-Teile. Diese Position hat im Handel mit dem Vereinigten Königreich einen höheren Anteil als am tschechischen Export insgesamt (2017: 21 Prozent). Das gilt auch für die zweitgrößte Ausfuhrposition Computertechnik, die für ein Zehntel der Exporte in das Vereinigte Königreich steht. Tschechien ist ein wichtiger Montagestandort für asiatische Hersteller wie Foxconn oder Panasonic, die von hier aus die EU-Märkte beliefern.

Beim Import aus dem Vereinigten Königreich dominieren elektrische Maschinen, Apparate und Geräte, auf die ein Drittel der Einfuhren entfällt. Dabei fragt Tschechien auf der Insel vor allem integrierte elektronische Schaltungen nach. Beliebte Lieferanten sind britische Hersteller außerdem bei Computertechnik, Arzneimitteln und Metallwaren.

Seit dem Jahr 2000 erzielt Tschechien im Handel mit dem Königreich einen Überschuss. Er ist seit dem EU-Beitritt deutlich angestiegen und erreichte im Jahr vor dem Brexit-Votum laut Eurostat den Rekord von 4,2 Milliarden Euro.

Die durch den Brexit erwartete Abwertung des Pfund Sterling wird Tschechiens Exporte in das Vereinigte Königreich verteuern. Sollte es nach dem Austritt des Königreichs aus der EU kein Freihandelsabkommen geben, dürften vor allem den Herstellern von Pkw und Kfz-Teilen höhere Kosten für Zollabwicklung und Logistik entstehen. Da nach den Parlamentswahlen von Oktober 2017 die Regierungsbildung in Tschechien immer noch nicht gelungen ist (Stand Anfang April 2018), sind die Behörden bislang kaum auf die Herausforderungen vorbereitet.

Tschechischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 4,1 42,7
Rang in der Importstatistik 9 1
Exporte nach... (Mrd. Euro) 7,8 52,3
Rang in der Exportstatistik 5 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 11,9 95,0
Rang als Handelspartner 9 1

Quelle: Eurostat

Britische Einzelhändler und Mobilfunkbetreiber als Investoren aktiv

Vom Brexit besonders betroffen wären laut Untersuchungen der tschechischen Regierung die Automobilindustrie und mit ihr verbundene Branchen wie die Kunststoff- und Gummiindustrie. Größere Auswirkungen werden außerdem für den Maschinenbau und die Elektronikindustrie erwartet. Laut der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sorgt die britische Nachfrage für etwa 1,8 Prozent der Wertschöpfung in der verarbeitenden Industrie Tschechiens (aktuellste verfügbare Zahl von 2011).

Prag rechnet damit, dass in Folge des Brexits maximal 1.600 Arbeitsplätze im Land verloren gehen. Angesichts der aktuellen Lage am Arbeitsmarkt, die in vielen Regionen Vollbeschäftigung bedeutet, wäre dieser Verlust zu verschmerzen.

Als Investor rangiert das Vereinigte Königreich auf Rang 10 der Herkunftsländer ausländischer Direktinvestitionen. Der Bestand betrug Ende 2016 laut tschechischer Nationalbank 3,4 Milliarden Euro (Deutschland 16,3 Milliarden Euro).

Über die Hälfte der britischen Investitionen ist in den Dienstleistungssektor geflossen, vorrangig in den Einzelhandel sowie Banken und Versicherungen. In der verarbeitenden Industrie gingen über 330 Millionen Euro in die Chemiebranche, einschließlich Pharma und Kunststoffverarbeitung. Die ausländischen Direktinvestitionen von der Insel sorgen für rund 65.000 Arbeitsplätze im Land.

Zu den größten britischen Investoren in Tschechien gehören Vodafone (Mobilfunk), Tesco und Marks & Spencer (Einzelhandel), BAE Systems (Flugzeugindustrie), Smith Medical (medizinische Hilfsmittel), Mott MacDonald (Bauberatung und Ingenieurdienstleistungen), John Crane (Dichtungssysteme) und GlaxoSmithKline (Pharma).

Zerschlagen haben sich bislang die Hoffnungen in Prag, einen Teil der "Brexit-Beute" zu bekommen, also Sitz europäischer Behörden zu werden, die sich bislang in London befinden. Bei der Wahl neuer Standorte für die Bankenaufsicht EBA (künftig Paris) und für die Arzneimittelagentur EMA (künftig Amsterdam) ging Tschechien leer aus.

Auf der politischen Ebene rechnen tschechische Experten damit, dass der Brexit die Länder der Eurozone innerhalb der Europäischen Union stärkt. Tschechien erfüllt zwar die Kriterien für die Einführung des Euro, politisch und gesellschaftlich gibt es für einen Beitritt zum Euroraum aber derzeit keine Mehrheit.

Zugleich hat die Entscheidung der Briten in Tschechien die Frage nach einem eigenen Austritt aus der Europäischen Union auf die Tagesordnung gerufen. Bei Umfragen - zum Beispiel beim Eurobarometer - bekräftigt regelmäßig die Mehrheit der tschechischen Befragten Misstrauen gegenüber den EU-Institutionen. Eine Untersuchung der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) hat im Frühjahr 2018 ergeben, dass 83 Prozent der ausländischen und zwei Drittel der einheimischen Unternehmen besorgt sind wegen der "Czexit"-Diskussion. Jede vierte Firma würde bei einem EU-Austritt Tschechiens eine Verlagerung ihrer Investitionen in Betracht ziehen.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in der Tschechischen Republik können Sie unter http://www.gtai.de/tschechische-republik abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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