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18.10.2017

Tschechiens Städte nutzen Vorteile der Digitalisierung

Thema Smart City rückt in den Fokus / Deutsche Unternehmen hoffen auf neue Geschäftsfelder / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Tschechiens Städte und Gemeinden wollen smarter werden. Für fast drei Viertel aller Kommunen steht das Thema Smart City oben auf der Tagesordnung. Das hat eine Umfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer ergeben. Allerdings beschränken sich die Aktivitäten bislang auf einzelne Pilotprojekte, ein komplexer Ansatz fehlt noch. Deutsche Unternehmen zeigen großes Interesse, bei der Entwicklung von smarten Lösungen mit Tschechien zu kooperieren. (Kontaktanschrift)

Energieeffizienz, Wasserwirtschaft, Luftverschmutzung, Parkraumüberwachung oder die direkte Kommunikation mit der Verwaltung - dank digitaler Technologien gibt es schon heute viele technische Lösungen, um Städte lebenswerter zu machen. Solche Ideen stehen deshalb auch in Tschechien hoch im Kurs. Immerhin 73 Prozent der Gemeinden betrachten Smart City-Konzepte als wichtiges Thema für ihre künftige Entwicklung. Doch erst ein Drittel der Kommunen hat dafür bereits eine konkrete Agenda entwickelt. Das ergab eine Umfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (AHK Prag), deren Topthema 2017 "intelligente Infrastruktur" ist. An der Erhebung haben sich 120 Städte und Gemeinden beteiligt.

"Für ein zukunftsorientiertes Land ist es enorm wichtig, das Potenzial von smarten Lösungen flächendeckend zu nutzen", sagte AHK-Geschäftsführer Bernard Bauer bei der Präsentation der Umfrageergebnisse. Doch genau daran scheitert es bislang.

Nur sechs von zehn tschechischen Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern haben einen eigenen Koordinator für das Thema Smart City. Jede vierte Stadt hat noch keine smarte Lösung implementiert, besonders kleine Ortschaften sind zurückhaltend. Zu Unrecht, wie AHK-Chef Bauer findet: "Für kleine Gemeinden bieten sich besonders digitale Technologien in den Bereichen Verwaltung, Lebensmittelversorgung und Gesundheitswesen an."

Zu den Prioritäten bei digitalen Innovationen in Tschechiens Städten gehören bislang E-Government, also der elektronische Datenaustausch zwischen Bürgern und Verwaltung, effiziente kommunale Beleuchtung, Energiespeichertechnik und der öffentliche Nahverkehr. Auf diesen Feldern haben die Gemeinden schon mehrere Pilotprojekte gestartet oder planen Vorhaben.

Weniger im Fokus stehen Telemedizin und Carsharing, wie die AHK-Umfrage ergeben hat. Die größten Hemmnisse für die Umsetzung sind geringe Finanzressourcen, fehlendes Fachpersonal und Know-how sowie bürokratische Hürden.

Deshalb würden Tschechiens Städte und Gemeinden sich gern intensiver über Erfolgsbeispiele austauschen, mehr Pilotprojekte initiieren und auch mehr staatliche Förderung abrufen. "Für die meisten kleinen Orte rechnen sich Smart City-Projekte wirtschaftlich nicht", so Dan Jiranek, Vorsitzender des tschechischen Verbandes der Städte und Gemeinden (SMO), bei der AHK-Präsentation im Oktober 2017. "Sie sollten sich daher zusammenschließen und gemeinsam Lösungen entwickeln." Jiranek ist überzeugt, dass neue Technologien durchaus helfen können, den laufenden Strukturwandel zu bewältigen. Er denkt angesichts schließender Arztpraxen im ländlichen Raum vor allem an Telemedizin.

Den technologischen Rückstand zum Westen Europas könne Tschechien aufholen, wenn es einige Entwicklungsstufen überspringe, sagt Verbandsexperte Jiranek. Statt auf zentrale Kläranlagen könnten die Kommunen zum Beispiel gleich auf dezentrale Abwasserreinigung setzen.

Pilsen weckt schon im Kindergarten das Interesse an smarten Technologien

Für die westböhmische Großstadt Pilsen bedeutet smart vor allem eine technische Ausbildung von Kindesbeinen an, erklärt Veronika Cholinska, Projektmanagerin für Informationstechnologien im Rathaus. Die Stadt wolle ein Zentrum für Innovationen, Forschung und Entwicklung sein. Pilsen hat dafür das Programm SmartEdu gestartet, um den Nachwuchs vom Kindergarten bis zur Hochschule für Technik zu begeistern - mit Kursen, Festivals, Cyberwettbewerben, Praktika in Betrieben, einem Roboterzentrum oder einem Drohnentestgelände. Auch im Alltag kommen smarte Technologien testweise zum Einsatz, so Veronika Cholinska. "Über Störungen im städtischen Nahverkehr informiert bei uns eine spezielle Smartphone-App."

Die Stadt Litomerice bei Usti nad Labem setzt auf smarte Lösungen, um die Energieeffizienz zu verbessern. Jaroslav Klusak, Energiemanager der Stadt, kritisiert, dass viele Gemeinden bei Smart City immer erst an intelligente Beleuchtung denken. "Viel größer wäre das Einsparpotenzial aber bei der Energieversorgung öffentlicher Gebäude. Sie verbrauchen 40 Prozent unseres Energiebedarfs." Wie der Verbrauch gesenkt werden kann, will Litomerice bei der Sanierung eines ehemaligen Kasernengeländes zeigen.

Bislang folgen solche Smart-City-Projekte in Tschechien keinem strategischen Konzept. Vielmehr handelt es sich um kleinere Vorhaben, die selten aufeinander abgestimmt sind. Hier eine Parkbank mit USB-Ladefunktion, dort ein Müllcontainer mit Funksensor, der die Füllhöhe überträgt. Hinzu kommen ein paar Apps mit Informationen zum Nahverkehr oder zu Verwaltungsvorgängen.

"Die Städte müssten zunächst ihre Betriebsdaten und den Bedarf der Bürger an smarten Lösungen analysieren", sagt Lenka Solcova, die bei der AHK Tschechien für das Thema intelligente Infrastruktur zuständig ist. Sie empfiehlt deutschen Unternehmen, die auf diesem Gebiet ins Geschäft kommen wollen, ihre Experten direkt in die Gemeinden zu schicken. "Vor Ort können sie dann individuelle Anwendungsmöglichkeiten entwickeln", so Solcova. "Hilfreich wäre auch ein Katalog erfolgreicher Pilotprojekte als Handreichung für die Städte."

Um die Partnerschaft zwischen Unternehmen, Gemeinden, staatlichen Behörden und Fachinstituten zu stärken, wurde im Technologiezentrum Pisek (Südböhmen) ein Czech Smart City Cluster (CSCC) gegründet. Mitglieder sind Unternehmen der Abfall- und Energiewirtschaft, Banken, Beratungsfirmen und Anwaltskanzleien, Softwareentwickler und Technologieproduzenten (http://czechsmartcitycluster.cz).

Kontaktanschrift

Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (AHK Tschechien)

Ansprechpartnerin: Lenka Solcova (Leiterin Kompetenzzentrum Zukunftstechnologien)

Vaclavske namesti 40

110 00 Praha 1, Tschechische Republik

T +420 (0)732 11 27 92

solcova@dtihk.cz

http://www.dtihk.cz

(S.Z.)

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