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01.02.2016

Türkei setzt bei erneuerbaren Energien auf Windenergie

Anreize für die lizenzfreie Stromgewinnung / Unternehmen investieren zunehmend in die energetische Verwertung von Abfällen / Von Necip Bagoglu

Istanbul (gtai) - In punkto erneuerbare Energien hat sich die Türkei ehrgeizige Ziele vorgenommen: Bis 2023 sollen die Windkraftwerke eine Gesamtkapazität von 20.000 MW erreichen - fast das Fünffache vom Stand Mitte 2015. Auch der Fachverband für Solarenergie erwartet eine Steigerung der Kapazitäten von knapp 100 MW auf 5.000 MW bis 2020. Hier dürften sich die geplanten Sonderzonen für Solarenergie auswirken. Zudem steht der Bau von Kohlekraftwerken und der Ausbau der Stromleitungen auf der Agenda.

Branchenbeobachter erwarten eine Investitionswelle auf dem türkischen Windenergiemarkt. Im August 2015 lagen der Regulierungsbehörde für den Energiemarkt EPDK 1.018 Windkraftprojekte mit einer Gesamtkapazität von rund 40.000 MW zur Prüfung vor. Bei 36 der eingereichten Anträge handelte es sich um Kraftwerke von über 100 MW. Allerdings: Aufgrund der begrenzten Netzkapazitäten kann nur ein geringer Teil der Projekte bewilligt und tatsächlich verwirklicht werden. Die endgültigen Genehmigungen werden wahrscheinlich erst 2016 erteilt.

Die beantragten Projekte konzentrieren sich auf die Provinzen Canakkale, Balikesir, Karaman, Bursa und Mersin, die gute Voraussetzungen für die Nutzung der Windenergie bieten. Neben großen Energieunternehmen wie Zorlu, Enerjisa und Bereket betreten zunehmend neue Firmen wie Tesla Enerji, Nesim Elektrik und Kongul Enerji den Windenergiemarkt. Dieser wird zurzeit deutlich schneller ausgebaut als andere regenerative Energien. Mitte 2015 erreichten die installierten Windkraftwerke eine Gesamtkapazität von 4.193 MW. Bis 2023 sollen es 20.000 MW werden. Das Potenzial für die Nutzung von Windkraft ist ist groß und liegt nach Angaben des Windenergieverbandes TÜREB im Schnitt um 25 bis 30% höher als in Europa.

Hohes Interesse an lizenzfreien Solaranlagen

Immer mehr Investoren machen von der gesetzlichen Möglichkeit der lizenzfreien Energieerzeugung Gebrauch. Sie können im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen Kraftwerke bis zu maximal 1 MW errichten, um den Eigenbedarf an Strom zu decken und um die überschüssige Elektrizität in das öffentliche Stromnetz einzuspeisen. Der Fachverband LI-DER (http://www.lisanssizelektrik.org), der die Interessen kleinerer Energieinvestoren vertritt, erwartet in den kommenden zehn Jahren Investitionen von 11 Mrd. US$ im Bereich der lizenzfreien Stromgewinnung. Nach Verbandsangaben wurden bis Mitte 2015 insgesamt 5.643 Anträge eingereicht. Davon wurden 2.463 bewilligt und 944 abgelehnt. Von den bewilligten Anträgen sind 995 Solar- und 321 Windkraftwerke. Bei den restlichen Projekten handelt es sich um geplante Investitionen in Ko-Generationsanlagen, Wasserkraftwerke sowie in Biogas- und Hybridanlagen.

Investoren, die lizenzfrei Strom aus erneuerbaren Energien produzieren, profitieren von staatlichen Förderungen. Bei Genehmigungsanträgen für lizenzfreie Kraftwerke müssen neuerdings keine Umweltverträglichkeitsbescheinigungen mehr vorgelegt werden. Des Weiteren gab EPDK-Präsident Mustafa Yilmaz Ende September 2015 bekannt, dass die Regulierungsbehörde einen Energieatlas mit Daten zum Energiemarkt bereitstellen wird, um Investoren die Standortwahl zu erleichtern. Die Informationen können über die Internetseiten http://www.enerjiatlasi.org.tr und http://www.enerjiatlasi.gov.tr abgerufen werden.

Der Fachverband für Solarenergie GENSED (gensed.org) erwartet, dass die noch sehr geringen Solarenergiekapazitäten (mit und ohne Lizenz) von 93 MW Ende 2014 bis 2020 auf 5.000 MW steigen werden.

Konya plant Solarenergie-Sonderzone

Bislang waren die Investitionen in lizenzpflichtige Solarenergieerzeugung bescheiden. Das könnte sich ändern: Die Vorbereitungen in der zentralanatolischen Provinz Konya für die Errichtung einer Sonderzone für Solarenergie schreiten voran. Diese soll auf einem 3.000 ha großen Gebiet in Karapinar entstehen. Das Potenzial wird auf 1.300 MW geschätzt. Wie verlautet, hat das Industrieministerium die Geländebereinigung in dem Gebiet abgeschlossen, sodass die infrastrukturellen Voraussetzungen für den Bau und die Erteilung der Kapazitätskontingente für Investoren geschaffen wurden.

Die EPDK hat bei der ersten Lizenzvergabe für Fotovoltaik in Karapinar bislang nur Anlagen mit insgesamt 46 MW bewilligt. Dem Vernehmen nach wird in der Nähe von Karapinar auf einer Fläche von 3.240 ha der Bau einer weiteren Solarenergie-Sonderzone mit einem Potenzial von rund 3.000 MW erörtert. Große türkische Energiekonzerne zeigen Interesse an Solarenergieprojekten. Das Unternehmen Zorlu Enerji will zum Beispiel nach eigenen Angaben mit bis zu 500 Mio. $ eine Fabrik für Solarpaneele bauen.

Energiegewinnung aus Abfällen

Die Energieerzeugung aus Abfall, darunter Biomasse, nimmt langsam zu. Fachleuten zufolge können aus Abfällen Kraftwerkskapazitäten von bis zu 600 MW geschaffen werden. Kraftwerke, in denen aus Abfällen Energie gewonnen wird, mit einer Kapazität von circa 100 MW sind laut EPDK bereits in Betrieb, davon 31 MW in Ankara, 15 MW in Adana, 10 MW in Bursa und 6 MW in Konya. Für kombinierte Müllentsorgungs- und Energieerzeugungsprojekte hat die EPDK 40 Lizenzen erteilt. Weitere Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 80 MW werden zurzeit gebaut. Auch Großunternehmen investieren in die energetische Verwertung von Abfällen. Die Sabanci-Holding gewinnt in ihren Zementunternehmen Cimsa und Akcansa Energie aus Abfällen und Rückständen. Der Papierhersteller Eren Holding erzeugt Energie aus seinen Abfällen.

In den kommenden Jahren sollen Kohlekraftwerke gebaut werden. Die Regierung plant, dass bis 2023 Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 17.000 MW in Betrieb genommen werden. Nach dem Rückzug der Gesellschaft TAQA (Vereinigte Arabische Emirate) aus einem Projekt zum Betrieb von Braunkohlebergwerken und dem Bau von Kraftwerken im anatolischen Braunkohlerevier Afsin-Elbistan interessieren sich nach Angaben des Energieministeriums zwei namentlich nicht genannte südkoreanische Unternehmen sowie je eine Firma aus der VR China und Japan für das Vorhaben.

Bau von neuen Kohlekraftwerken und Ausbau von Stromleitungen

In Afsin-Elbistan befinden sich mit 4,4 Mrd. t etwa 40% der gesamten türkischen Braunkohlereserven. Der Region wird ein Energieerzeugungspotenzial von 8.200 MW zugeschrieben. Nach den Plänen der Regierung werden hier für 10 Mrd. bis 12 Mrd. $ drei Kohlekraftwerke entstehen. Außerdem soll die bestehende Anlage der staatlichen Elektrizitätsproduktionsgesellschaft EÜAS privatisiert werden.

Die Stromleitungen werden parallel zur Erhöhung der Erzeugungskapazitäten und zum steigenden Stromverbrauch ausgebaut. Der Elektrizitätsverbrauch von 255 Mrd. kWh (2014) wird nach Prognosen der Regierung bis 2023 auf 500 Mrd. kWh steigen. Für den Ausbau des Stromnetzes und der Transformatorstationen will der Staat 15 Mrd. Türkische Lira (TL; 1 TL = 3,0255 Euro, Jahresdurchschnitt 2015) investieren, so der Energieminister Ali Riza Alaboyun. Der Privatsektor soll 200 Mrd. TL beisteuern. Die Gesamtlänge der Hochspannungsleitungen lag Mitte 2015 bei rund 55.000 km. Die installierte Kapazität der Umspannstationen betrug 130.000 MVA, so Alaboyun.

Ausgewählte Großprojekte im Energiesektor (Investitionssumme in Mrd. Euro)
Projektbezeichnung Investitionssumme Projektstand Anmerkung
Kernkraftwerk Akkuyu, EÜAS, Akkuyu NGS A. S. 20,0 Bau gestartet; Fertigstellung bis 2022 vorgesehen; Projektdurchführung durch das russische Unternehmen Rosatom Bau eines Kernkraftwerkes mit 4.800 MW an Mittelmeerküste in der Provinz Mersin
Kernkraftwerk Sinop, EÜAS 20,0 Auftragsvergabe an japanisch-französisches Konsortium Mitsubishi, Areva und GDF Suez 2013; Bau hat noch nicht begonnen Bau eines Kernkraftwerkes mit 4.800 MW an Schwarzmeerküste in der Provinz Sinop
Trans-Anatolian Natural Gas Pipeline Project (TANAP) 8,7 Baubeginn März 2015, Fertigstellung bis 2018 geplant Pipeline für Durchfuhr von Erdgas aus Aserbaidschan über die Türkei nach Europa mit Jahreskapazität von 16 Mrd. cbm durch Ölgesellschaften TPAO (Türkei) und SOCAR (Aserbaidschan)
Erdgaslager Silivri (Kapazitätsausbau der Pumpstation) 0,9 In Vorbereitung Ausbau der Pumpkapazität des Erdgaslagers in Silivri von zurzeit 20 Mio. cbm/Tag auf 40 Mio. cbm bis 2017 und 75 Mio. cbm bis 2019 durch die staatliche Ölgesellschaft TPAO
Erdgaslagerprojekt unter dem Salzsee (Tuz Gölü) 0,4 Fertigstellung bis 2018; Weltbankkredit über 400 Mio. $ zugesagt Steigerung der Erdgaslagerkapazität um 1 Mrd. auf 2,1 Mrd. cbm, Bau durch Pipelineunternehmen Botas und Chian Tianchen (China)

Quelle: Recherchen Germany Trade & Invest

(N.B.)

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Türkei Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Kraftwerksbau, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien, Strom-/ Energieerzeugung, Bioenergie, alternative Energien

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