Suche

13.09.2019

Türkei verkündet neuen Fünfjahresplan für 2019 bis 2023

Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Die türkische Regierung geht im neuen Fünfjahresplan 2019 bis 2023 von einem jährlichen BIP-Wachstum von 4,3 Prozent aus. Angesichts der aktuellen Lage erscheinen ihre Ziele als zu optimistisch.

Die Türkei leidet unter sinkender Wirtschaftsleistung, hoher Inflation und Arbeitslosigkeit. Nach langen Verzögerungen hat die Regierung ihren Fünfjahresplan für 2019 bis 2023 verkündet. Er beinhaltet zahlreiche Prognosen und Zieldaten für 2023 - das Jahr, in dem die Türkei ihr 100-jähriges Jubiläum begeht. Die Nationalversammlung hat das umfangreiche Dokument bestätigt (Beschluss Nr. 1225 vom 18. Juli 2019); die Veröffentlichung im Staatsanzeiger ("Resmi Gazete") Nr. 30840 ist am 23. Juli 2019 erfolgt.

Revision der geschätzten BIP-Entwicklung

Mit dem neuen Fünfjahresplan hat die Regierung ihre ursprünglichen Wirtschaftsziele für 2023 endgültig aufgegeben. Bis vor Kurzem hatte sie für 2023 noch ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2.000 Milliarden US-Dollar (US$), Warenexporte von 500 Milliarden US$ und ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 25.000 US$ angepeilt. Nach dem jetzt vorgelegten Entwicklungsplan soll(en) das BIP bis 2023 nur noch auf 1.080 Milliarden US$, die Exporte auf 227 Milliarden US$ und das Pro-Kopf-Einkommen auf 12.484 US$ steigen.

Das reale BIP-Wachstum, das laut Statistikamt TÜIK zwischen 2014 bis 2018 im Durchschnitt 4,9 Prozent pro Jahr erreichte, wird im Zeitraum 2019 bis 2023 mit 4,3 Prozent pro Jahr voraussichtlich etwas geringer ausfallen. Die Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit - bei wachsender Bevölkerung und Zuwanderung aus den nahöstlichen Krisenländern - dürfte dadurch erschwert werden. Um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, müsste nach allgemeiner Einschätzung ein reales BIP-Wachstum von mindestens 5 Prozent erzielt werden.

Auch neue Wachstumsziele zu optimistisch

Angesichts der Krise, der politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten sind auch die nach unten revidierten Wachstumsprognosen der Regierung zu optimistisch, glauben viele Wirtschaftsanalysten. Die im Fünfjahresplan angesetzten Zahlen entsprechen eher dem "optimistischen Szenario" der Studie "Türkei 2023", das als weniger realistisch gilt. Diese Studie hatte das Wirtschaftsmagazin "Ekonomist" (http://www.ekonomist.com.tr) am 2. Juni 2019 veröffentlicht.

Da mit einer jährlichen Abwertung der Landeswährung von etwa 20 Prozent zu rechnen sei, dürfte das BIP 2023 rund 622 Milliarden US$ betragen, haben die Analysten von "Ekonomist" in ihrem "Basisszenario" für 2023 errechnet. Bei einer geschätzten Bevölkerung von 87 Millionen Einwohnern läge das jährliche Pro-Kopf-Einkommen damit nur bei 7.142 US$. Die Arbeitslosigkeit würde nach dieser Berechnung im Jahr 2023 etwa 13,3 Prozent betragen. Das "pessimistische Szenario" von "Ekonomist" liefert noch schlechtere Werte.

Lockere Geld- und Finanzpolitik soll Wirtschaftswachstum ankurbeln

Präsident Erdogan wird die Wirtschaftspolitik des Landes nach eigenen Vorstellungen bestimmen, mutmaßen Wirtschaftsbeobachter und berufen sich dabei auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre. Er dürfte weiter versuchen, die abgeschwächte Wirtschaftskraft um jeden Preis mit geld- und kreditpolitischen Lockerungen sowie großzügigen staatlichen Ausgabenprogrammen anzukurbeln. Dabei setzt er vor allem auf stark sinkende Kreditzinsen. Das alles ungeachtet des offiziellen Inflationsziels von 5 Prozent.

Diese Inflationspolitik wird sich negativ auf die Realeinkommen und die Kaufkraft auswirken. Darunter wird die ohnehin schwache Inlandsnachfrage mittel- bis langfristig leiden. Die Währungsabwertung soll zwar den Export fördern. Die höheren Importpreise werden allerdings die lokale Nachfrage weiter dämpfen. Mit solch einer Politik kann die Krise nicht nachhaltig bewältigt werden. Notwendig hierfür wären grundlegende Strukturreformen.

MKT201909128008.15

Hauptziele des türkischen Fünfjahresplans 2019 - 2023
Indikator 2018 2023
BIP (in Mrd. TL, zu laufenden Preisen) 3.701 7,453
BIP (in Mrd. US$, zu laufenden Preisen) 784 1.080
BIP pro Einwohner (in US$) 9.632 12.484
Bevölkerung (zur Jahresmitte, in Mio. Personen) 81,4 86,5
Arbeitslosenquote (in %) 11,0 9,9
Inländische Sparquote (in %) 26,5 30,3
Inflation (jährlicher Anstieg der Verbraucherpreise zum Jahresende) 20,3 5,0
Budgetdefizit/BIP (in %) -2,0 -2,0

Quelle: Türkischer Fünfjahresplan 2019-2023 (Staatsanzeiger vom 23.07.2019)

Privatinvestitionen sollen Konjunktur ankurbeln

Die Planer in Ankara gehen davon aus, dass der Anteil des privaten Verbrauchs am BIP von 2018 bis 2023 von 61,3 auf 58,9 Prozent sinken wird. Gleichzeitig erwarten sie, dass der Anteil der privaten Anlageinvestitionen am BIP von 25,1 auf 26,8 Prozent steigen wird. Eine Begründung für diese Vorhersage fehlt aber. Es ist unwahrscheinlich, dass die hochverschuldeten Unternehmen bei schwacher Inlandsnachfrage, sich eher verschlechternder globaler Konjunktur und politischen Unsicherheiten investieren.

Die öffentliche Hand plant für 2019 bis 2023 Anlageinvestitionen von insgesamt 754,1 Milliarden Türkische Lira zu Preisen von 2018 (132,1 Milliarden Euro; 1 Euro = 5,71 TL, Jahresdurchschnittskurs 2018). Davon fließen mit 262,3 Milliarden TL über ein Drittel in die Verkehrs- und Transportbranche.

Der Beitrag der Landwirtschaft zur Entstehung des BIP wird laut Fünfjahresplan bis 2023 leicht sinken - von 5,8 auf 5,4 Prozent. Auch der Beitrag des Dienstleistungssektors dürfte von 61,5 auf 60,1 Prozent zurückgehen. Demgegenüber soll der Anteil der Industrie (einschließlich Bergbau und Energie) am BIP von 22,2 auf 24,2 Prozent zulegen. Als Grund werden technologische Neuerungen genannt, welche die Produktivität steigern sollen. Für den Zeitraum 2019 bis 2023 rechnen die Planer im Durchschnitt mit einem jährlichen realen Wachstum der Industrie von 5,7 Prozent.

Modernisierung der verarbeitenden Industrie

Im Mittelpunkt der Industriepolitik steht die verarbeitende Industrie, die mit steuerlichen Mitteln und diversen anderen Vergünstigungen gefördert werden soll. Ziel ist es, die hohe Importabhängigkeit in der Produktion abzubauen und die Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben, etwa durch höhere Forschungsaufwendungen und den Ausbau der Digitalisierung. Im Fokus der Planer stehen dabei die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU). Die Zahl der KMU in prioritären Industriezweigen, die über industrielle Cloud-Plattformen Dienstleistungen erhalten, soll bis 2023 rund 10.000 erreichen.

Prioritäre Industriezweige, die mit finanziellen und anderen Anreizen gefördert werden sollen
Chemische Industrie Kraftfahrzeugbau
Arzneimittel, Medizintechnik Elektronik
Maschinenbau, elektrische Ausrüstungen Schienenfahrzeuge

Starker Abbau des Leistungsbilanzdefizits wenig realistisch

Der Fünfjahresplan geht bis 2023 davon aus, dass sich das Leistungsbilanzdefizit merklich reduzieren wird. Dieses ist infolge der Rezession und des starken Importrückgangs von mehr als 20 Prozent im Jahr 2019 zwar spürbar zurückgegangen. Aufgrund der anhaltend hohen Importabhängigkeit der Produktion wird es jedoch wieder zunehmen, sobald sich die Konjunktur verbessert. Das von der Regierung angestrebte BIP-Wachstum von durchschnittlich 4,3 Prozent dürfte somit einem Rückgang des Leistungsbilanzdefizits im Wege stehen.

MKT201909128008.14

Außenwirtschaftsziele des türkischen Fünfjahresplans 2019-2023
Indikator 2018 2023
Warenexport (fob, in Mrd. US$) 167,9 226,6
Warenimport (cif, in Mrd. US$) 223,0 293,5
Leistungsbilanz (in Mrd. US$) -27,1 -9,9
Leistungsbilanz/BIP (in %) -3,5 -0,9
Tourismuseinnahmen (in Mrd. US$) 25,2 55,3
Ausländische Direktinvestitionen (in Mrd. US$) 13,0 23,8
Rangfolge des Landes bei "Doing Business in ?" 43 30
Anteil am globalen Volumen internationaler Direktinvestitionen (in %) 1,0 1,5

Quelle: Türkischer Fünfjahresplan 2019-2023

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Türkei sind unter http://www.gtai.de/tuerkei abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein

Funktionen

Sofia Hempel Sofia Hempel | © GTAI/Rheinfoto

Kontakt

Sofia Hempel

‎+49 228 24 993 215

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche