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14.11.2018

Türkische Industrie bei Digitalisierung schlecht aufgestellt

Umfrage: Jeder zweite Industriebetrieb will in Automatisierung investieren / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Der Digitalisierungsprozess in der türkischen Industrie steckt noch in seinen Anfängen. Vielen Betrieben fehlt das Bewusstsein für die Bedeutung von Industrie 4.0.

Die türkische Regierung hält trotz aktueller Wirtschaftskrise an ihrem ehrgeizigen Ziel fest, bis 2023 zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt zu gehören. Bis dahin muss dem Land allerdings der digitale Strukturwandel gelingen: Die Türkei ist kein Billiglohnland mehr und benötigt Investitionen in moderne Technologien, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Themen wie intelligente Fabriken, Robotertechnologien und künstliche Intelligenz sollten daher auch bei Unternehmen am Bosporus auf der Tagesordnung stehen.

Doch davon ist die von Kleinst- und mittleren Betrieben geprägte Wirtschaft noch weit entfernt. Zwar gibt es einige große Unternehmen, die in Digitalisierung und Industrie 4.0 investieren, darunter deutsche Firmen wie Siemens, Bosch und Hugo Boss. Allerdings steckt der Digitalisierungsprozess in der verarbeitenden Industrie noch in seinen Anfängen. Dies betrifft vor allem die finanziell schwach aufgestellten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die immerhin 99,1 Prozent aller produzierenden Betriebe im Land ausmachen, so die Zahlen des Industrieministeriums.

Jedes fünfte Unternehmen hat keine Ahnung von Digitalisierung

Wie wenig sich Unternehmen der Bedeutung von Automatisierung und Industrie 4.0 bewusst sind, zeigt eine Umfrage der staatlichen Wissenschaftsanstalt TÜBITAK aus dem Jahr 2016. Unter 10.000 befragten Betrieben verfügen nur 22 Prozent über umfassende Kenntnisse zu intelligenten Fertigungssystemen. Etwa 59 Prozent der Unternehmen besitzen nur allgemeine Informationen zum Thema Digitalisierung; 19 Prozent haben gar keine Kenntnisse.

Einen überdurchschnittlich hohen Informationsstand haben dagegen die Branchen EDV, Elektronik, Optik und Materialwirtschaft.

Ein weiteres Ergebnis der TÜBITAK-Untersuchung: 50 Prozent der befragten Industriebetriebe wollen in den kommenden drei bis fünf Jahren in Automatisierung investieren.

Bewusstseinsgrad der Betriebe für die Bedeutung von Industrie 4.0 (Anteile in %)
Teilbereich Betriebe bis 19 Beschäftigte Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten
3D-Drucker
.sind informiert, betrachten es aber für die zukünftige Entwicklung des Betriebes nicht als wichtig 24 30
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs als wichtig 13 19
Internet der Dinge
.sind informiert, betrachten es aber für die zukünftige Entwicklung des Betriebes nicht als wichtig 9 12
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs als wichtig 5 6
Big Data
.sind informiert, betrachten es aber für die zukünftige Entwicklung des Betriebes nicht als wichtig 11 14
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs als wichtig 6 10
Cloud-Technologien
.sind informiert, betrachten es aber für die zukünftige Entwicklung des Betriebes nicht als wichtig 13 19
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs als wichtig 7 13
Nanotechnologie und generische Technologien
.sind informiert, betrachten es aber für die zukünftige Entwicklung des Betriebes nicht als wichtig 14 20
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs als wichtig 7 11
RFID (Radio Frequency Identification)
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs wichtig 6 11
.sind informiert, betrachten es für die zukünftige Entwicklung des Betriebs als wichtig 2 3

Quelle: Ministerium für Industrie und Technologie, 2016

Road Map für den digitalen Strukturwandel

Um den digitalen Strukturwandel voranzutreiben, veröffentlichte das Ministerium für Industrie und Technologie (http://www.sanayi.gov.tr) Anfang 2018 eine digitale Road Map (http://www.sanayi.gov.tr/tsddtyh.pdf). Organisatorische Grundlage dafür bildet die "Plattform für die digitale Transformation in der Industrie", an der sich mehrere Verbände beteiligen, darunter die türkische Union der Industrie- und Handelskammern (TOBB), TIM (Exportverband), TÜSIAD (Industriellenverband), MÜSIAD (Vereinigung der Geschäftsleute), YASED (Verband für Auslandsinvestitionen) und die Stiftung für Technologieentwicklung (TTGV).

Die TOBB arbeitet an der technologischen und physischen Infrastruktur für die Digitalisierung (Energie, Internet, Cybersicherheit). Der TIM beschäftigt sich mit digitalen Innovationen. TÜSIAD bearbeitet die Themen Big Data und Cloud-Technologien. YASED kümmert sich vornehmlich um Industrienormen, Rechtsvorschriften und das Patentwesen. Die TTGV arbeitet an Fragen der Berufsbildung. Die Road Map gilt nicht nur als Wegweiser zur digitalen Zukunft des Landes, sondern enthält auch zahlreiche Informationen zum Stand der Digitalisierung in der Industrie.

Ferner sollen Industriezonen sowie Forschung- und Entwicklungszentren dabei helfen, die Digitalisierung der Wirtschaft voranzutreiben. In der Türkei gibt es die sogenannten

organisierten Industrie- (OSB) und Technologieentwicklungszonen (TGB). In diesen von privaten Firmen verwalteten Gewerbegebieten finden KMU eine gute Infrastruktur vor und können verschiedene staatliche Vergünstigungen wie Steuerermäßigungen in Anspruch nehmen. Ende 2017 gab es landesweit 177 OSB, in denen schätzungsweise 50.000 Betriebe registriert waren. Insgesamt haben sie 1,7 Millionen Menschen beschäftigt. Die Zahl der OSB soll in absehbarer Zeit auf 312 steigen.

Landesweit gibt es 56 TGB mit insgesamt 5.000 Betrieben sowie knapp 900 F&E-Zentren mit 47.000 Beschäftigten. Diese Zentren sind mehrheitlich in den wirtschaftlich entwickelten Provinzen Istanbul, Kocaeli, Bursa, Ankara und Izmir angesiedelt.

Digitalisierungsprojekte der Firmen in Technologieentwicklungszonen (TGB) und F&E-Zentren *)
Teilbereich Projekte der Firmen in TGB Projekte in F&E-Zentren
Künstliche Intelligenz 94 22
Big Data und fortgeschrittene Analyse 70 32
Erhöhte virtuelle Realität 62 15
Cloud Computing 46 8
Internet der Dinge 27 15
Cyber-Sicherheit 22 4
Industrielle Automatisierung und Robotertechnologien 13 7
Intelligente Sensortechnologien der neuen Generation 13 8
Additive Fertigung 7 14

*) Stand: Anfang 2018

Quelle: Ministerium für Industrie und Technologie

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Türkei sind unter http://www.gtai.de/tuerkei abrufbar.

Link zur Umfrage der staatlichen Wissenschaftsanstalt TÜBITAK: http://www.tubitak.gov.tr/sites/default/files/akilli_uretim_sistemleri_tyh_v2-03ocak2017.pdf

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