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09.05.2018

Türkische Landtechnikhersteller gut aufgestellt

Ausländische Unternehmen investieren in lokale Traktorenfertigung / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - In der Türkei dominieren lokale Hersteller den Markt für Landtechnik. Sie produzieren zumeist kleinere, wenig leistungsstarke Maschinen und Traktoren - gemäß dem Bedarf der überwiegend familiengeführten Subsistenzbetriebe. Bis 2023 sollen allerdings 14 Millionen Hektar Ackerland zusammengelegt und großflächig bewirtschaftet werden. Damit dürfte deutsche Technik zukünftig verstärkt gefragt sein.

Knapp 80 Prozent der türkischen Agrarbetriebe sind kleine Subsistenzwirtschaften, die ausschließlich eigene Äcker bewirtschaften. Solche Betriebsstrukturen stellen das größte Hindernis für den Einsatz großer Landmaschinen dar. Stattdessen kommen meistens kleinere Maschinen und Traktoren mit einer Motorleistung von unter 100 PS zum Einsatz.

Diese werden zumeist von einheimischen Anbietern produziert, die einen Umsatzanteil von 75 Prozent am Traktorenmarkt erreichen. Der gesamte Markt für Landmaschinen umfasste im Jahr 2016 etwa 2,8 Milliarden US-Dollar (US$). Traktoren machten mehr als 60 Prozent aus, also rund 1,7 Milliarden US$. Zwischen 2013 und 2016 wuchs der Umsatz mit Zugmaschinen im Durchschnitt um 11 Prozent jährlich.

Die eingesetzte Technik gilt als veraltet. So sind mehr als die Hälfte der landesweit 1,3 Millionen eingesetzten Traktoren älter als 20 Jahre, gemäß den Angaben des türkischen Statistikamtes TÜIK.

Die wichtigsten 220 einheimischen Landmaschinenhersteller sind im Fachverband TARMAKBIR (http://www.tarmakbir.org) zusammengeschlossen. Bedeutendster Fertigungsstandort ist die Provinz Konya in der Region Zentralanatolien. Größter lokaler Hersteller ist Türk Traktör (Koc-Gruppe). Dieser fertigt unter Lizenz Zugmaschinen der Marken New Holland und Case IH. Im Jahr 2016 produzierte Türk Traktör 46.031 Traktoren. Weitere wichtige Hersteller sind Basak (Sanko Holding), Erkunt, Hattat und Tümosan. Letzterer wird in die Produktion von 30.000 Motoren und 15.000 Traktoren in Konya umgerechnet rund 7 Millionen Euro (35 Millionen Türkische Lira) investieren.

Türkischer Markt für Traktoren (Stück)
Jahr Absatz Produktion Import Export
2014 59.458 64.342 13.634 17.739
2015 66.788 66.615 20.659 17.533
2016 70.178 66.915 21.634 15.767
2017 72.909 72.032 k.A. 13.821

Quelle: Verband der Landmaschinenindustrie TARMAKBIR (http://www.tarmakbir.org)

Ausländische Hersteller bauen lokale Fertigung aus

Mitte 2017 beschloss das US-amerikanische Unternehmen Agco, Hersteller von Traktoren der Marke Massey Ferguson, in der Türkei ein Werk zu errichten. Im selben Jahr übernahm der indische Hersteller Mahindra & Mahindra (M&M) den viertgrößten türkischen Traktorenproduzenten Erkunt Traktör. Zuvor hatte M&M auch 75 Prozent am türkischen Hersteller Hisarlar Makina in Eskisehir für umgerechnet 16,4 Millionen Euro erworben. An Hisarlar ist auch die Europäische Entwicklungsbank EBRD zu 19 Prozent beteiligt.

Die Anadolu-Gruppe will die lokale Herstellung von Traktoren der Marke Landini mit der italienischen Firma Argo Tractors aufnehmen. Die Gruppe ist schon seit mehreren Jahren Vertriebspartner für Landini-Traktoren. Das Joint Venture Anadolu Landini wird in der Türkei vier Modelle von Gartentraktoren und Zugmaschinen mit drei Zylindern und einer Motorleistung von 50 bis 75 PS produzieren. Die Fertigung wird in den Werken der Anadolu-Tochterfirma Anadolu Motor in Sekerpinar erfolgen. Nach Angaben des Anadolu-Vorstandsvorsitzenden, Tuncay Özilhan, sind in einer ersten Etappe Investitionen von 40 Millionen Euro vorgesehen, davon 10 Millionen Euro in den Aufbau der Anlage und 30 Millionen Euro als Betriebskapital. Im ersten Jahr ist eine Produktion von 2.000 Traktoren geplant. Danach soll die Fertigung bis auf 6.000 pro Jahr erhöht werden.

Der belarussische Hersteller Minsk Tractor Works (MTW) und das aserbaidschanische Unternehmen Ganja Automobile Plant wollen gemeinsam den türkischen Markt bearbeiten. Zunächst sollen Traktoren aus aserbaidschanischer Produktion in die Türkei exportiert werden, in den ersten drei Jahren 2.500 bis 3.000 Stück jährlich. Für die Zeit danach planen die beiden Unternehmen eine lokale Fertigung. Es ist von einem Investitionsvolumen von anfänglich circa 5 Millionen US$ die Rede.

Wichtigstes Herkunftsland für importierte Traktoren ist Italien, gefolgt von Indien und Frankreich. Der deutsche Lieferanteil belief sich auf etwa 9 Prozent (2016).

Importe Landmaschinen in die Türkei (Mio. US$) *)
2008 2014 2017
Gesamt 360,1 635,6 604,1
Italien 127,3 120,9 161,8
Indien 10,6 93,3 91,3
Frankreich 10,4 55,5 69,3
Deutschland 24,0 82,8 77,5

*) SITC 721 und 722

Quelle: Comtrade

Schutz inländischer Hersteller

Die Investitionen in lokale Produktionsstätten sind nicht zuletzt auf Maßnahmen der türkischen Regierung zum Schutz lokaler Hersteller zurückzuführen. So wurden Traktoren aus Drittländern ab 2018 mit einem zusätzlichen Einfuhrzoll von 21 Prozent belegt. Importe aus der Europäischen Union sind nicht betroffen. Allerdings ist in der türkischen Importpraxis generell eine Zunahme nichttarifärer Handelshemmnisse zu beobachten, die auch Unternehmen aus der EU treffen können.

Claas organisiert Vertrieb neu in der Türkei

Im Oktober 2017 vereinbarte der deutsche Landmaschinenhersteller Claas eine exklusive Vertriebspartnerschaft mit dem Unternehmen ASKO (Sanko-Holding). Bei Mähdreschern strebt Claas in absehbarer Zeit einen Marktanteil von 10 Prozent und bei Feldhäckslern von 50 Prozent an.

Die Absatzchancen für deutsche Landtechnikhersteller dürften sich mittel- bis langfristig verbessern. Denn nach dem Integrationsprogramm des Landwirtschaftsministeriums sollen bis zum Jahr 2023 insgesamt 14 Millionen Hektar bisher zersplittertes Ackerland zusammengelegt und großflächig bewirtschaftet werden. Ein Gesetz aus dem Jahr 2014 sorgt außerdem dafür, dass eine weitere Zerteilung der Agrarflächen im Erbfall und bei Hofabgabe verhindert wird. Mit Gesetz Nr. 7139 (Staatsanzeiger Nr. 30405 vom 28. April 2018) wurde die Zuständigkeit für Zusammenlegungsprojekte vom Landwirtschaftsministerium auf die Generaldirektion für Wasserwirtschaft DSI übertragen.

Darüber hinaus werden in den kommenden Jahren durch große Entwicklungs- und Bewässerungsprojekte zusätzliche Agrarflächen geschaffen, so in Ost- und Südostanatolien und im Konya-Tal. Allein durch das laufende Südostanatolienprojekt GAP wird nach Abschluss der Arbeiten eine Fläche von 1,8 Millionen Hektar bewässert werden und zur landwirtschaftlichen Nutzung bereitstehen.

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Ausländische Traktorenhersteller planen Produktion in der Türkei

http://www.gtai.de/MKT201710238001

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Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Nutzfahrzeuge (Nfz)

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