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06.03.2019

Türkische Regierung setzt auf den digitalen Strukturwandel

Inhalt

Großer Nachholbedarf bei KMU / Von Necip C. Bagoglu (Februar 2019)

Istanbul (GTAI) - Die türkische Industrie muss in den digitalen Wandel investieren, um wettbewerbsfähiger zu werden. Vor allem KMU haben einen hohen Nachholbedarf.

Digitalisierungsstrategie

Die türkische Regierung hat ehrgeizige Ziele, was die wirtschaftliche Entwicklung des Landes anbelangt: Bis zum 100. Geburtstag der Republik im Jahr 2023 soll sich die Wirtschaftsleistung auf 2 Billionen US-Dollar (US$) mehr als verdreifachen. Das soll vor allem mit Hilfe von Exporten erreicht werden, die auf 500 Milliarden US$ anwachsen sollen. Um dies zu erreichen, kommt der digitalen Transformation in der Industrie eine zentrale Bedeutung zu. Sie soll Unternehmen international wettbewerbsfähiger machen.

Anfang 2018 veröffentlichte das türkische Ministerium für Industrie und Technologie (http://www.sanayi.gov.tr) eine digitale Road Map (http://www.sanayi.gov.tr/tsddtyh.pdf). In diesem 170 Seiten langen Dokument werden alle Aspekte des digitalen Wandels behandelt und Ziele für die kommenden Jahre gesetzt. So plant das Ministerium die Errichtung von zehn landesweiten Zentren für den digitalen Strukturwandel. Ihre Aufgabe wird es sein, Unternehmen bei Digitalisierungs- und Automatisierungsthemen zu beraten. Rund 7.000 Betriebe aus dem verarbeitenden Gewerbe sollen davon profitieren.

Organisatorische Grundlage bildet die Plattform für die digitale Transformation in der Industrie. An dieser beteiligen sich die türkische Union der Industrie- und Handelskammern (TOBB) sowie wichtige Wirtschaftsverbände, darunter TIM (Exportverband), TÜSIAD (Industriellenverband), MÜSIAD (Vereinigung der Geschäftsleute), YASED (Verband für Auslandsinvestitionen) und die Stiftung für Technologieentwicklung (TTGV).

Jeder Verband hat einen anderen Themenschwerpunkt: TOBB ist für Infrastruktur zuständig, TIM beschäftigt sich mit Fragen zu digitaler Innovation und TÜSIAD mit der analytischen Bearbeitung von Big Data und Cloud-Technologien. Der Verband YASED

konzentriert sich auf Industrienormen, Rechtsvorschriften und das Patentwesen, und TTGV arbeitet an Fragen zur Berufsbildung.

Bei der Förderung des digitalen Strukturwandels geht es auch um die Erhöhung der digitalen Fähigkeiten der Nutzer. Nach einem Anfang 2019 veröffentlichten Bericht von PricewaterhouseCoopers (PwC; http://www.pwc.com.tr) besitzen nur 34 Prozent der türkischen Bevölkerung in der Altersgruppe von 16 bis 74 Jahren grundlegende und darüber hinausgehende digitale Fähigkeiten (Durchschnitt in der Europäischen Union laut Eurostat: 57 Prozent). Nach den Prognosen von PwC stehen in der Türkei in den 2020er Jahren 14 Prozent der Arbeitsplätze unter dem Automatisierungsrisiko. Dieser Anteil werde in den 2030er Jahren auf 33 Prozent steigen.

Strategie für künstliche Intelligenz

Beim Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) befindet sich die Türkei noch in den Anfängen. Eine KI-Strategie der Regierung gibt es noch nicht. Nach Schätzungen von PwC gibt es zurzeit circa 50 KI-Projekte; Themen sind unter anderem Einzelhandel, Chatbot, Bildbearbeitung, Sprach- und Tonerkennung. Vergleichsweise fortgeschritten ist der KI-Einsatz in der Finanzwirtschaft.

Eine wichtige Plattform für Unternehmen und Institutionen bildet das Internetportal Türkische KI-Initiative (http://www.turkiye.ai). Diese wurde 2017 unter der Führung des

Zukunftsforschungsunternehmens GelecekHane (http://www.gelecekhane.com) gegründet. Ein wesentliches Ziel ist der Informationsaustausch.

Zuletzt haben türkische Großunternehmen wie Sabanci, Koc und Yildiz-Holding ihre Investitionen in die Big-Data-Analyse verstärkt. Allein der Sabanci-Konzern, der über mehrere Tochterfirmen verfügt, besitzt nach eigenen Angaben Daten von 30 Millionen Verbrauchern beziehungsweise 10 Millionen Haushalten.

E-Government

Die Türkei hat bei der Digitalisierung von staatlichen und kommunalen Dienstleistungen in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. E-Government ist inzwischen weitverbreitet. Laut Statistikamt TÜIK (http://www.tuik.gov.tr) nutzten 2018 insgesamt 45,6 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 16 und 74 Jahren E-Government-Dienste. Die meisten türkischen Behörden wie Einwohnermeldeämter, Finanzämter und Sozialversicherungsstellen bieten Online-Dienste an, über die Bürger Informationen einholen, Anträge einreichen sowie Steuern und Gebühren bezahlen können. Die Qualität der digitalen Dienste der einzelnen Behörden ist sehr unterschiedlich.

Die Grundlage für die Entwicklung von E-Government bilden die Nationale E-Government-Strategie und der Aktionsplan 2016 bis 2019 des Kommunikationsministeriums. Um den digitalen Strukturwandel im Staatswesen zu koordinieren, wurde im Rahmen des neuen Präsidialsystems Mitte 2018 ein Büro für die digitale Transformation gegründet, das direkt dem Staatspräsidenten unterstellt ist. Zu den Aufgaben des Büros gehören auch die Entwicklung nationaler Technologien, die Durchführung von Big-Data-Analysen und die Förderung von KI-Projekten.

Nach einer insgesamt 193 Länder umfassenden Untersuchung der Vereinten Nationen steht die Türkei beim E-Government-Entwicklungsindex auf Platz 53. Beim Nutzungsindex erreicht das Land sogar Platz 37. Auch bei der vergleichenden Untersuchung eGovernment Benchmark (2018) der Europäischen Kommission für 34 Länder schneidet die Türkei relativ gut ab.

Stärken/Schwächen

Obwohl einige größere Firmen, darunter auch deutsche Unternehmen wie Siemens, Bosch und Hugo Boss, in Digitalisierung und Industrie 4.0-Anwendungen investieren, befindet sich der Digitalisierungsprozess in der Industrie noch in seinen Anfängen. Dies trifft vor allem auf die finanziell schwächeren kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu, die laut Industrieministerium 99,1 Prozent sämtlicher Betriebe im produzierenden Gewerbe ausmachen. Viele arbeiten zurzeit auf dem Niveau von Industrie 2.0 und Industrie 3.0.

Für die Fortentwicklung der Digitalisierung von KMU leisten die organisierten Industriezonen (OSB) und die Technologieentwicklungszonen (TGB) einen wichtigen Beitrag. In diesen von privaten Firmen verwalteten Gewerbegebieten finden die Betriebe eine gute Infrastruktur vor und können verschiedene staatliche Vergünstigungen wie Steuerermäßigungen, Zinssubventionen und Zollfreistellungen in Anspruch nehmen. Offiziellen Angaben zufolge waren Ende 2017 landesweit 177 OSB in Betrieb, mit schätzungsweise 50.000 Betrieben und insgesamt 1,7 Millionen Beschäftigten.

Die Türkei nimmt hinsichtlich der Internetgeschwindigkeit unter den G20-Ländern eine mittlere Stellung ein. Bei der Breitbanddurchdringungsrate und Breitband-Internet-Verbreitung liegt sie hinter den meisten OECD-Ländern. Bei Festnetz-Breitband-Diensten wird überwiegend die xDSL-Technologie eingesetzt. Die Nachfrage nach Hochgeschwindigkeitsinternet wächst kräftig. Nach Angaben des türkischen Kommunikationsministeriums ist der Anteil der Kunden mit einer Geschwindigkeit von 10 Mbps und darüber an der Gesamtzahl der Kunden allein in den letzten zwei Jahren (2017 und 2018) von 19 auf 72 Prozent gestiegen. Die rasche Ausweitung von Cloud-Technologien wird zurzeit wegen der rechtlichen Unsicherheiten, des unzureichenden Datenschutzes und des geringen Vertrauens in die Dienstleister erschwert.

Ausblick

Es ist zukünftig vor allem in der verarbeitenden Industrie verstärkte Projekttätigkeit für die Umstellung der Produktion auf digitale Prozesse und künstliche Intelligenz zu erwarten. Das betrifft vor allem exportorientierte Branchen wie die Automobil-, die Elektro- und die Bekleidungsindustrie, wo bereits interessante Ansätze für digitalisierte Fertigungsprozesse in Angriff genommen werden. Auch das Thema Cyber-Sicherheit wird an Bedeutung gewinnen. Hier liegt die Türkei hinter den meisten europäischen Ländern zurück. Beim globalen Cybersecurity Index Report 2017 des Internationalen Telekommunikationsverbandes (ITU) stand die Türkei auf Platz 43.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Informatics Industry Association (TÜBISAD) http://www.tubisad.org.tr Verband für Informationstechnologien
Türkiye Yapay Zeka Inisiyatifi (TRAI) https://turkiye.ai Initiative/Portal für künstliche Intelligenz
Dijital Türkiye Platformu (DTP) http://www.dijitalturkiyeplatformu.org (Präsident: Faruk Eczacibasi) Portal für Digitalisierung in der Türkei
E-Devlet Kapisi http://www.turkiye.gov.tr E-Goverment-Portal der Türkei

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Türkei sind unter http://www.gtai.de/tuerkei abrufbar.

Mehr zum Thema Digitalisierung finden Sie unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Robotik und Automation, Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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