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08.10.2019

Türkische Regierung veröffentlicht neues Wirtschaftsprogramm 2020 bis 2022

Ab 2020 wieder hohes Wachstum erwartet / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Die türkische Regierung geht in ihrem aktuellen Wirtschaftsprogramm davon aus, dass das BIP ab 2020 wieder kräftig wachsen wird - um 5 Prozent jährlich. Woher diese Dynamik kommen soll, bleibt fraglich.

Das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll nach der Stagnation im Jahr 2019 in den kommenden drei Jahren um jeweils 5 Prozent wachsen. Das erklärte Finanzminister Berat Albayrak am 30. September 2019 bei der Vorstellung des "Neuen Wirtschaftsprogramms 2020 bis 2022". Eine Präsentation des Programms ist unter folgendem Link in englischer Sprache abrufbar: https://ms.hmb.gov.tr/uploads/sites/2/2019/10/I%CC%87NGI%CC%87LI%CC%87ZCE.pdf.

Bei einem angestrebten Wachstum von 5 Prozent kalkuliert die Regierung gleichzeitig mit einer deutlich geringeren Inflationsrate. Lag diese im Jahr 1018 noch bei 20,3 Prozent, soll sie bis 2022 auf 4,9 Prozent fallen, so die Prognose. Auch die Leistungsbilanz soll bis zu diesem Zeitraum ausgeglichen sein.

Regierung setzt auf private Investitionen

Die Regierung geht davon aus, dass in erster Linie private Anlageinvestitionen zum Wachstum beitragen sollen: Sie sollen nach einem erwarteten Einbruch 2019 um 7 Prozent im Jahr 2020 um gut 12 Prozent steigen und im Jahr 2021 um weitere 9,5 Prozent. Der Privatverbrauch soll im Jahr 2020 um 4,9 Prozent zulegen.

Eine nachvollziehbare Begründung für diese Annahmen liefert der Plan allerdings nicht. Zwar senkte die Zentralbank innerhalb von zwei Monaten ihren Leitzins von 24 auf 16,5 Prozent. Zudem locken türkische Staatsbanken Verbraucher mit günstigen, weil subventionierten, Auto- und Immobilienkrediten.

Vertrauen in die Wirtschaftspolitik ist gering

Dass hochverschuldete Unternehmen allerdings allein wegen der künstlich herabgesetzten Kreditzinsen wieder neue Maschinen kaufen, erscheint wenig wahrscheinlich. Die zuletzt deutlich gesunkenen Realeinkommen trüben die Konsumlaune türkischer Verbraucher. Kürzlich veröffentlichte Umfragen der Statistikbehörde TÜIK zeigen, dass das Vertrauen der Unternehmen und Bürger in die Wirtschaftspolitik gering ist.

Starke Wachstumsimpulse von der türkischen Exportwirtschaft sind ebenfalls nicht zu erwarten angesichts der derzeitigen Konjunkturschwäche in Europa, dem wichtigsten Absatzmarkt des Landes. Mehr als die Hälfte der türkischen Warenausfuhren gehen in die Europäische Union. Der deutsche Abnahmeanteil liegt bei knapp 10 Prozent.

Frage nach der Finanzierung des Wachstums bleibt offen

Unabhängige Wirtschaftsexperten kritisieren, dass die Regierung nicht erklärt, wie und aus welchen Mitteln das Wachstum finanziert werden soll, zumal die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland und die inländische Sparquote gering sind. Das Programm verstärkt zudem den Eindruck, dass die Regierung auf ein rasches Wachstum und weniger auf die Bekämpfung der hohen Inflation setzt.

Türken haben geringes Vertrauen in die Lira

Aufgrund des fehlenden Vertrauens in die Wirtschaftspolitik hält die Flucht der Firmen und der privaten Haushalte in den US-Dollar als sicheren Hafen an. Mehr als 50 Prozent der gesamten Einlagen bei türkischen Banken werden inzwischen trotz der zuletzt gestoppten Abwertung der türkischen Lira in US-Dollar und Euro gehalten. Ende September erreichten sie rund 192 Milliarden US$. Die Regierung versucht durch eine Reihe von regulatorischen Maßnahmen die schrittweise Auflösung der Devisenkonten herbeizuführen, jedoch bislang ohne Erfolg.

Wirtschaftsziele der türkischen Regierung
Indikator 2018 2019 2020 2021 2022
BIP-Wachstum (real, in %) 2,8 0,5 5,0 5,0 5,0
Anstieg der Verbraucherpreise zum Jahresende (in %) 20,3 12,0 8,5 6,0 4,9
Haushaltsdefizit/BIP (in %) -2,0 -2,9 -2,9 -2,9 -2,6
Leistungsbilanzdefizit/BIP (in %) -3,4 0,1 -1,2 -0,8 0,0
Arbeitslosenquote (in %) 11,0 12,9 11,8 10,6 9,8

Quelle: Türkisches Schatz- und Finanzministerium ("Neues Wirtschaftsprogramm 2020 bis 2022")

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Türkei sind unter http://www.gtai.de/tuerkei abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein

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