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12.04.2018

Türkische Wirtschaft 2017 um 7,4 Prozent gewachsen

Staatliche Subventionen heizen Konjunktur an / Investitionen der Industrieunternehmen stagnieren / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Die Türkei erzielte im Jahr 2017 dank großzügiger staatlicher Konjunkturprogramme ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent. Für das Jahr 2018 ist von einer Fortsetzung der expansiven Wirtschaftspolitik auszugehen. Eine anhaltend zweistellige Inflationsrate, hohe Zinsen für Unternehmerkredite und ein zunehmendes Leistungsbilanzdefizit gefährden jedoch die mittelfristige Entwicklung.

Das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs im vergangenen Jahr real um 7,4 Prozent und damit deutlich stärker als das Produktionspotenzial. Im 3. Quartal legte die Wirtschaftsleistung sogar um 11 Prozent zu. Die ursprünglichen Prognosen der Regierung und internationaler Institutionen wurden weit übertroffen. Vor allem die höheren Exporte von Waren und Dienstleistungen konnten laut nationalem Statistikamt TÜIK mit einem Plus von 12 Prozent weit überdurchschnittlich gesteigert werden.

Die Investitionen in der verarbeitenden Industrie blieben dagegen äußerst schwach. Während die Bauinvestitionen um 12 Prozent zulegten, stagnierten die Ausgaben für neue Maschinen. Diese Zurückhaltung im verarbeitenden Gewerbe deutet darauf hin, dass die Unternehmen wenig Vertrauen in die Nachhaltigkeit des derzeitigen Booms haben.

Tatsächlich kann von keinem selbsttragenden Aufschwung die Rede sein. Das Wachstum ist durch massive staatliche Konjunkturmaßnahmen herbeigeführt mit all seinen negativen Folgen für Inflation, Leistungsbilanz und Währung.

Teuer erkauftes Wachstum

Im März 2018 rangierte die jährliche Teuerungsrate mit 10,2 Prozent weit über dem Zentralbankziel von 5 Prozent. Zudem weitet sich aktuell auch das Leistungsbilanzdefizit aus. Sein Anteil am BIP, der im Jahr 2016 noch 3,8 Prozent betrug, dürfte 2017 etwa 5,5 Prozent erreicht haben und nähert sich in den ersten Monaten 2018 der 6 Prozent-Grenze.

Die Türkische Lira (TL) markierte am 10. April 2018 einen historischen Tiefstand. Der Euro war erstmals mehr als fünf Lira wert. Im Vergleich zum Jahr 2008 hat die Währung 60 Prozent an Wert verloren. Lokale Unternehmen, die einen Kredit aufnehmen wollen, müssen in der Türkei mittlerweile einen Zinssatz von 16 bis 18 Prozent hinnehmen.

Dabei bleibt das Land in hohem Maße auf Kapitalimporte angewiesen, um seine ehrgeizigen Entwicklungsprogramme und Infrastrukturprojekte zu finanzieren. Zurückzuführen ist das auch auf eine traditionell geringe inländische Sparquote.

Um wieder mehr Direktinvestitionen anzuziehen, bedarf es politischer Stabilität und verlässlicher sowie transparenter Rahmenbedingungen. Im Rechtswesen und in der öffentlichen Verwaltung besteht immenser Reformbedarf. Die Rechtstaatlichkeit leidet unter nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und Praktiken staatlicher Stellen. Das Vertrauen in die Justiz ist gering. Die Funktionsfähigkeit der Institutionen ist nicht immer gegeben.

Großzügige Konjunkturspritzen

Mit staatlich garantierten Krediten aus dem Kreditgarantiefonds KGF erhielten 2017 mehr als 325.000 kleine und mittlere Firmen Liquiditätshilfen in Höhe von 202 Milliarden TL (etwa 41,2 Milliarden Euro; 1 Euro = 4,90 TL). Dadurch konnten schätzungsweise 40.000 Betriebe vor dem Ruin gerettet werden. Parallel zu den geld- und kreditpolitischen Maßnahmen fuhr die Regierung die Staatsausgaben hoch und gewährte Steuerermäßigungen für die Bauwirtschaft sowie für bestimmte Industriezweige wie die Möbel- und Haushaltsgerätebranche.

Die von Wirtschaftsexperten immer wieder angemahnten Strukturreformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zum Abbau der hohen Importabhängigkeit des verarbeitenden Gewerbes blieben weitgehend aus.

Regierung setzt weiterhin auf Wachstum

Für 2018 erwarten Wirtschaftsbeobachter eine Fortführung der kompromisslosen Wachstumspolitik. Die Regierung hat in ihrem mittelfristigen Wirtschaftsprogramm 2018 bis 2020 ein reales BIP-Wachstum von 5,5 Prozent pro Jahr angesetzt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht von 4 Prozent aus. Die expansive Wirtschaftspolitik ist damit zu erklären, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass die für den November 2019 angesetzten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen auf das 2. Halbjahr 2018 vorgezogen werden.

Ausweitung der Zollunion mit der EU lässt auf sich warten

Die innen- und geopolitischen Risiken für die Wirtschaft sind weiterhin groß. Die angespannten Beziehungen zu den USA und zur Europäischen Union (EU) wirken sich ungünstig auf das Wirtschaftsklima aus. Nicht zuletzt die Verzögerung der geplanten Ausweitung der seit 1996 für den Industriesektor bestehenden Zollunion mit der EU auf Agrarprodukte, Dienstleistungen und das öffentliche Beschaffungswesen drückt die Stimmung.

Auch das sich wandelnde weltwirtschaftliche Umfeld bringt für die Türkei neue Herausforderungen. Die US-Notenbank macht ernst mit ihren Leitzinserhöhungen. Ängste vor einem zunehmenden Protektionismus steigen.

Erst kürzlich senkte die Ratingagentur Moody's ihre Ausfallbewertung für die Schulden der Türkei auf Ba2. Sie warnt dabei vor dem Risiko externer Schocks für Finanzzuflüsse, welche die Türkei zurzeit über Wasser halten. Viele internationale Anleger blicken bereits skeptisch auf das Land. Zwar könnte die Zentralbank mit Zinserhöhungen die Lira-Abwertung abbremsen. Doch solche Nothilfen sind erfahrungsgemäß kurzlebig, womit die Probleme nur verschoben, aber nicht gelöst werden.

Die Labilität der türkischen Wirtschaft öffnet Tür und Tor für spekulative Kapitalbewegungen mit starken Schwankungen des Wechselkurses. Dieser wiederum spielt bei der Kosten- und Preiskalkulationen der Unternehmen nicht zuletzt wegen der hohen Importabhängigkeit eine wichtige Rolle.

Reales BIP-Wachstum nach Verwendungskategorien (in %)
2015 2016 2017
BIP 6,1 3,2 7,4
Privater Verbrauch 5,4 3,7 6,1
Staatsverbrauch 3,9 9,5 5,0
Investitionen 9,3 2,2 7,3
.Bauinvestitionen 4,7 2,8 12,0
.Maschinen und Anlagen 18,5 1,2 0,7
Export von Waren und Dienstleistungen 4,3 -1,9 12,0
Import von Waren und Dienstleistungen 1,7 3,7 10,3

Quelle: Türkisches Statistikamt (TÜIK; http://www.tuik.gov.tr)

Reales BIP-Wachstum nach wichtigsten Entstehungskategorien/Sektoren (in %)
2015 2016 2017
BIP 6,1 3,2 7,4
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 9,4 -2,6 4,7
Verarbeitende Industrie 5,9 3,8 8,8
Bauwirtschaft 4,9 5,4 8,9
Information und Kommunikation 3,8 5,9 12,4
Finanzdienstleistungen 8,4 8,8 3,9
Immobilienwirtschaft 2,4 3,6 2,6
Öffentliche Verwaltung, Bildung, Gesundheit und Sozialdienste 2,0 5,4 3,7
Sonstige Dienstleistungen -0,3 2,8 7,8

Quelle: TÜIK

(N.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein

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