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08.05.2017

Tunesiens Wirtschaft mit hohem Industrieanteil

Verarbeitendes Gewerbe größtenteils exportorientiert / Steigende Investitionen in technisch anspruchsvollere Fertigung / Von Fausi Najjar

Tunis (GTAI) - Tunesiens verarbeitende Industrie nimmt mit einem Anteil am BIP von 16,1% (2014) und mit über 600.000 Beschäftigen (18,6% der aktiven Bevölkerung 2012) eine wirtschaftlich zentrale Rolle ein. Der hohe Industrieanteil ist vor allem auf die Ansiedlung exportorientierter Betriebe zurückzuführen, die größtenteils durch ausländische Direktinvestitionen entstanden sind. In der Regel bestreiten die Exportbetriebe mehr als 85% der Ausfuhren des verarbeitenden Gewerbes.

Tunesien verfügt über ein ausgebautes System für die Förderung von Innovation und technologischer Unterstützung. Dazu gehören eine Reihe von Technologieparks zur Förderung von Clustern, technischen Zentren und das Modernisierungsprogramm Mise-a-Niveau, das Modernisierungsmaßnahmen (Investitionen in neue Maschinen und in Ausbildung) auf Betriebsebene finanziert. Eine Reihe ausländischer Unternehmen haben in Tunesien Forschungs- und Entwicklungszentren eingerichtet. Tunesien verfügt über einen qualifizierten Ingenieursstamm, der über CAD-/CAM-Kenntnisse und über Kenntnisse zu weiteren digitalen Fertigungstechnologien verfügt. Zudem war in den letzten Jahren ein steigender Anteil von Investitionen in eine technologisch anspruchsvollere Fertigung zu verzeichnen.

Die Industrielandschaft in Tunesien ist durch einen Dualismus gekennzeichnet: moderne Produktionseinheiten auf europäischem Standard finden sich neben wenig entwickelten Gewerben (Reparatureinheiten, einfache Metallver- und -bearbeitung etc.). Der tunesische Maschinenbausektor ist klein. Gefertigt werden Ausrüstungsguter für die Landwirtschaft, verschiedene Motoren (maritim, für die Landwirtschaft), Pumpen und Schaltanlagen. Die Marktenge und der ausländische Wettbewerb erschweren die Entwicklung eines heimischen Maschinenbausektors. Viele Vor- und Zwischenprodukte und vor allem Anlagen und Maschinen müssen importiert werden.

Die im Hinblick auf die Wirtschaftsleistung wichtigsten Branchengruppen in der verarbeitenden Industrie (ohne Chemie und weiterer Schwerindustrien) sind die mechanische und elektrische Industrie (2008 bis 2013: 4,4% des BIP), gefolgt von der Bekleidungsindustrie und der Nahrungsmittelverarbeitung, auf die jeweils 3,5 und 2,7% des BIP entfallen. Die meisten Beschäftigten stellt mit 35,2% die Bekleidungsindustrie (2013), gefolgt von der mechanischen und elektrischen Industrie (19,7%) und der Nahrungsmittelverarbeitung (13,9%).

Siehe mehr zum Aufbau der tunesischen Wirtschaft unter http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Geschaeftspraxis/wirtschaftsfuehrer,t=wirtschaftsfuehrer-tunesien-2017,did=1636554.html

Metallindustrie: Kfz-Teile-Industrie dominiert

Rund 115 Kfz-Zulieferer sind der mechanischen Industrie zugeordnet. In diesem Bereich werden Airbags, Sicherheitsgurte, Ölfilter, Lenk- und Auspuffsysteme oder Brems- und Motorblocke sowie, für den lokalen Markt, Batterien hergestellt. Die Kfz- Industrie (inklusive kleine Produktionseinheiten für die Endmontage) bestreitet rund 30% der Produktion dieser Branchengruppe, die Stahlindustrie und Metallverarbeitung (rund 165 Betriebe mit über neun Mitarbeitern) mehr als die Hälfte. Vor allem die angesiedelte Flugzeugteileindustrie weist einen hohen Bedarf an hochpräzisen Produktionsanlagen auf. Angesiedelt sind in Tunesien rund 65 Unternehmen mit 7.500 Beschäftigten die zur Luftfahrtindustrie gehören.

Kabel und Elektrotechnik: Wachstum trotz schwacher Konjunktur in Europa

Wie stark das Wachstumspotenzial der elektrischen und elektronischen Industrie (einschließlich Haushaltsgeräte, Ventilatoren und Klimaanlagen) ausfällt, lässt sich an den hohen jährlichen Wachstumsraten in den Jahren 2010 bis 2015 von 12,8% ablesen. Trotz anhaltend schwacher europäischer Gesamtkonjunktur und der politischen Übergangsphase konnten die Ausfuhren 2010 bis 2015 von 2,8 Mrd. Euro auf 3,4 Mrd. Euro gesteigert werden. Die Herstellung von Kabelbaumen ist stark in der Gruppe der sogenannten elektrischen und elektronischen Industrie vertreten. Die Position Kabel und weitere Stromleitungen bestreitet rund 57% der Ausfuhren innerhalb dieser Industriekategorie. Die Quote für die Herstellung von elektronischen Produkten (Fernseher, Schaltkreise, Modems,) liegt bei 21%. Die Produktion von Ventilatoren oder Klimaanlagen ist vor allem für den lokalen und regionalen Markt bestimmt.

Textil- und Bekleidungsindustrie: Schwierige Konsolidierung

Seit dem Jahr 2000 ist der tunesische Textilsektor dem Kostendruck aus Asien und der Türkei ausgesetzt und unterliegt spätestens seit dem Auslaufen des Multifaserabkommens 2004 einem schmerzhaften Umstrukturierungsprozess. Von 1999 auf 2013 ist der Anteil des Textilsektors am BIP von 5,0 auf 3,5% gesunken. Der Textilsektor war und ist zu einem Strukturwandel gezwungen: Von einer einfachen Massenfertigung hin zu einer höher integrierten Produktion, die auf Qualifikation und Flexibilität fußt und auf Qualität- und Nischenprodukte abzielt. Eine wichtige Nische ist die Schuhherstellung und die Lederverarbeitung. Seine Funktion als Beschäftigungsmotor hat der Textil- und Bekleidungssektor in den letzten Jahren zunehmen eingebüßt.

Nahrungsmittelindustrie: Weitere Diversifizierung nötig

Auf die Nahrungsmittelverarbeitung sind von 2010 bis 2013 rund 17,0% des Industrieprodukts und 2,7% des gesamten BIP entfallen. In der Nahrungsmittelindustrie sind aufgrund einer geringen Diversifizierung bei der Produktion von Tomatenkonzentraten, der Wasserabfüllung und Verarbeitung von Getreide Überkapazitäten festzustellen. Dynamisch entwickeln sich die Biozertifizierung und die Fischzucht. Regierung und Produzenten versuchen seit einigen Jahren, den Anteil des in Tunesien abgefüllten und verpackten Olivenöls zu erhöhen. Eine führende Position nimmt das Land schon heute in der Produktion von Bio-Olivenöl ein. In der verarbeitenden Milchwirtschaft existieren moderne Strukturen für die Produktion von Milchpulver und Joghurt.

Pharmaindustrie, Kosmetik und Medizintechnik: Statistisch kaum erfasst

In Tunesien entwickelt sich die eher kleine lokale Produktion von Generika oder auf der Basis von Lizenzen dynamisch. Sie deckt mit rund 8.300 Beschäftigten wertmäßig etwas über 40% des Eigenbedarfs ab. Schwerpunkte sind Antibiotika, Penizilline, Impfstoffe und Seren sowie Einwegteile (zum Beispiel Spritzen). Aufgrund hoher pro Kopf-Ausgaben für die Gesundheit im Inland und weil die Nachbarländer Algerien und Libyen knapp 60% der tunesischen Ausfuhren abnehmen ist ein hohes Expansionspotenzial gegeben. Es gibt rund 44 Hersteller von Kosmetika. Der tunesische Staat unterstützt den Aufbau der Pharmaproduktion mittels Zoll- und Steuererleichterungen bei der Einfuhr von Maschinen. Die Herstellung von medizinischen Geräten und Apparaten ist in Tunesien statistisch kaum erfasst. Sie umfasst einfache, aber qualitativ gute Produkte wie Krankenhaus- und Praxiseinrichtungen, Rollstühle, orthopädische Erzeugnisse und medizinische Verbrauchsmaterialien sowie elektromedizinische Apparate.

Chemieindustrie: Phosphatverarbeitung braucht sozialen Frieden

Die chemische Industrie Tunesiens ist durch die Phosphatverarbeitung geprägt. Die im Phosphatabbau und in der Phosphatverarbeitung tätigen Staatsunternehmen sind das Bergbauunternehmen Compagnie des Phosphates de Gafsa (CPG) und die Groupe Chimique Tunisien (GCT) für die Verarbeitung von Phosphat. Die Oasenstadt Gafsa ist mit den weiter westlich liegenden Städten Metlaoui und Redeyef eine dominierende Bergbauregion für den Phosphatabbau. Die Weiterverarbeitung des Phosphatgesteins erfolgt in den Küstenstädten Ghannouch bei Gabes, Skhira und Sfax sowie in Mdhilla, das südlich von Gafsa liegt. Der staatliche Monopolist CPG hat 2010 rund 8,1 Mio. t Phosphatgestein abgebaut. In den folgenden vier Jahren zusammen lag die Produktion bei nur 11,2 Mio. t. Grund für den Rückgang der Produktion sind soziale Konflikte in der Phosphatregion Gafsa im Nachgang der tunesischen Revolution. Voraussetzung für Auslastung und Expansion der Düngemittelherstellung ist die Lösung der sozialen Konflikte in der Bergbauregion. Es gibt bei der Phosphatverarbeitung einen hohen Bedarf bei der Modernisierung von Anlagen und dem Aufbau neuer Kapazitäten.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Tunesien können Sie unter http://www.gtai.de/tunesien abrufen. Unter http://www.gtai.de/afrika erhalten Sie mittels interaktiver Karte unsere Informationen zum Land Ihrer Wahl.

(F.N.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Tunesien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftsstruktur, allgemein, Verarbeitende Industrie

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