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21.12.2017

Turkmenistan investiert 46 Milliarden US-Dollar in die Öl- und Gaswirtschaft

Regierung setzt auf veredelte Gas- und Ölprodukte als Devisenbringer / Von Uwe Strohbach

Aschgabat (GTAI) - Die Öl- und Gasbranche bleibt auch künftig der mit Abstand bedeutendste Investitionssektor in der Industrie Turkmenistans. Von 2018 bis 2024 sollen fast 46 Milliarden US-Dollar (US$) in die Förderung und den Transport von Kohlenwasserstoffen sowie in die Verarbeitung von Öl und Gas fließen. Von der Umsetzung der schon gestarteten und geplanten Projekte können ausländische Anbieter von Ausrüstungen und Dienstleistungen profitieren. Die Marktbearbeitung bleibt allerdings schwierig.

Turkmenistan sitzt auf einer Erdgasblase. Etwa 4 Milliarden bis 5 Milliarden US$ beziehungsweise bis zu 80 Prozent der alljährlich in der Industrie des Landes realisierten Bruttoanlageinvestitionen fließen in die Öl- und Gasbranche. An der großen Bedeutung des Kohlenwasserstoffsektors für die Volkswirtschaft wird sich auch künftig nichts ändern. Doch bei der Nutzung seiner mineralischen Ressourcen als Devisenbringer setzt das Land auf eine neue Strategie: Lag der Fokus der Kapitalanlagen bislang fast ausschließlich auf der Exploration von Lagerstätten, so steht jetzt die Gas- und Petrochemie vor einem großen Investitionsschub.

Die langfristigen Ziele der turkmenischen Regierung im Öl- und Gassektor sind im staatlichen Ausbauprogramm für die Öl- und Gasindustrie bis zum Jahr 2030 aufgezeigt. Die mittelfristigen Pläne für die Umsetzung des Dokuments haben die zentralen Planer in dem 11. Oktober 2017 verabschiedete Programm für die sozioökonomische Entwicklung des Landes für den Zeitraum 2018 bis 2024 präzisiert.

Viele neue Projekte für die Gasveredelung in der Planung

Veredelte und hochwertige Gas- und Ölprodukte sollen Erdgas und Rohöl künftig nicht mehr die alleinige Spitzenzpositionen im Exportgeschäft des Landes überlassen. Von den im Zeitraum 2018 bis 2024 insgesamt vorgesehenen Investitionen in die Öl- und Gaswirtschaft in einem Volumen von 159,9 Milliarden Turkmenistans-Manat (TMM) beziehungsweise umgerechnet von 45,7 Milliarden US$ sind mehr als 20 Milliarden US$ für Projekte in der Gas- und Petrochemie bestimmt.

So entsteht gegenwärtig im westturkmenischen Kiyanly (Region Balkan) der erste turkmenische Gaschemiekomplex für die Produktion von Polymeren. Die Anlagen sollen Ende 2018/Anfang 2019 in Betrieb genommen. Die LG International Corp., eine Tochter der südkoreanischen LG Group, übernimmt nach Angaben der turkmenischen Regierung die Produktvermarktung zunächst für einen Zeitraum von zehn Jahren. Als Exportregionen und -länder werden Asien, die EU und die Türkei genannt. Der Wert der Absatzvereinbarung beträgt 7 Milliarden US$.

Kenndaten der Öl- und Gasverarbeitung Turkmenistans
2012 2013 2014 2015
Industrieausstoß insgesamt (in Mrd. US$) 22,1 23,2 19,9 18,4
.Ölverarbeitung 2,7 2,5 2,1 1,2
.Gasindustrie (Förderung und Verarbeitung) 12,2 11,7 11,9 7,9
Produktion ausgewählter Ölprodukte (in Mio. t)
.Benzin 2,0 2,1 2,1 2,1
.Dieselkraftstoff 2,2 2,2 2,2 2,1
.Kerosin 0,6 0,6 0,6 0,6

Quelle: Zusammengestellt nach Angaben des Staatlichen Komitees für Statistik

In Kiyanly soll auf mittlere Sicht ein Cluster für die Gaschemie entstehen. Vorgesehen ist hier ab etwa 2018/2019 die Errichtung weiterer Anlagen für die Produktion von Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid, kaustischer Soda, Salzsäure und technischer Salze. Auch die Herstellung von Flüssigchlor soll hier angesiedelt werden.

Ambitionierte Projekte in der Gasverarbeitung gibt es ebenso in den Produktgruppen Dieselkraftstoff, Kerosin, Benzin, Flüssiggas, Harnstoff und Ammoniak. Der Bau von Anlagen für die Produktion der zuletzt genannten beiden Erzeugnisse in Garabogaz (Region Balkan) befindet sich bereits in einer fortgeschrittenen Realisierungsphase.

Die neue Projektliste umfasst auch die Modernisierung der Anlagen für die Gasverarbeitung und die Produktion von Flüssiggas sowie den Bau eines Gaschemiekomplexes für die jährliche Herstellung von 45.000 Tonnen Polystyrol und 80.000 Tonnen Styrol-Butadien-Kautschuk in Bagadzha (Region Lebap). In der Lagerstätte Töresyh (Landkreis Tagtabazar, Region Mary) ist die Errichtung einer Anlage für die jährliche Produktion von 13.000 Tonnen Flüssiggas geplant.

Am Standdort Yylanly in der zentralen Karakum-Wüste (Region Daschogus) gibt es Pläne für den Bau eines Gasverarbeitungswerkes mit einer Kapazität von bis zu 2 Milliarden Kubikmeter Erdgas In einer ersten Phase sollen hier jährlich bis zu 70.000 Tonnen Flüssiggas und in einer zweiten Phase jährlich bis zu 200.000 Tonnen Polyethylen niederer Dichte produziert werden. Das Düngemittelwerk in Mary kündigte den Bau einer Anlage für die jährliche Produktion von 15.000 Tonnen Formaldehyd an. Ausbauprojekte für mehr als 2 Milliarden US$ stehen in den beiden turkmenischen Ölraffinerien an. Der Fokus liegt auf der Produktion von Kraftstoffen.

Geschäftsumfeld bleibt schwierig

Für deutsche Firmen bieten sich bei der Umsetzung der Projekte in Gas- und Petrochemie vielfältige Chancen sowohl für technologische Zulieferungen als auch im Dienstleistungssektor (Projektierung, Bauberatung und -überwachung, ökologische Gutachten und Vermarktung). Investoren und Auftraggeber sind die Staatskonzerne Türkmengaz (Turkmenisches Gas), Türkmennebit (Turkmenisches Öl), Türkmenhimiya (Turkmenische Chemie) sowie der Raffineriekomplex Turkmenbaschi mit den beiden Ölverarbeitern in Turkmenbaschi (Region Balkan) und Seydi (Region Lebap). Unter der zentralen Internetadresse für die Öl-, Gas- und Chemiebranche http://www.oilgas.gov.tm sind die Kontaktdaten dieser Unternehmen.

Ausländische Unternehmen, die den turkmenischen Markt mit ihren Produkten bedienen wollen, müssen sich auf eine schwierige Marktbearbeitung einstellen. Die Öl- und Gasbranche und ebenso die Chemieindustrie unterliegen einer strengen staatlichen Kontrolle. Ohne eine direkte Mitwirkung des Staates lässt sich in der GUS-Republik ein auch noch so kleines Projekt nicht realisieren. Deutsche Unternehmen sollten aufgrund der schwierigen und spezifischen Marktbedingungen in dem Land die Beratungs-, Dienstleistungs- und Kontaktangebote der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien nutzen (Internet: http://zentralasien.ahk.de).

Ausgewählte Großprojekte in Turkmenistan
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Realisierungszeitraum Anmerkung/Ansprechpartner (Bauherr/Durchführer; Hauptauftragnehmer)
Produktion von synthetischen Flüssigkraftstoff (Verarbeitung von 3,8 Mrd. cbm Erdgas pro Jahr, Tramsport über die Ost-West-Pipeline), Region Ahal 3.900 Projekt in Vorbereitung Staatskonzern Türkmengaz, EPC-Lieferant: japanisch-südkoreanisches Konsortium (Itochu Corporation/Japan, LG International Corp und Hyundai Engineering Co. Ltd/Korea, Rep.)
Gaschemiekomplex für die jährliche Verarbeitung von 5 Mrd. cbm Gas und die Produktion von 386.000 t HD-Polyethylen, 81.000 t Polypropylengranulat und 49.000 t Pyrolysebenzin, Kiyanly (Region Balkan) 3.430 2014 bis Ende 2018/Anfang 2019 (1. Ausbauphase) Staatskonzern Türkmengaz, EPC-Lieferant: japanisch-südkoreanisches Konsortium (Toyo Engineering Corp./Japan, Hyundai Engineering Corp. Ltd und LG International Corp./Korea, Rep.)
Produktion von jährlich 600.000 t Benzin der Marke A-92 (Euro-Norm-5), 12.000 t Dieselkraftstoff und 115.000 Flüssiggas aus 1,79 Mrd. cbm Erdgas, Owadandepe (Region Ahal) 1.700 2014 bis Ende 2018/Anfang 2019 Staatskonzern Türkmengaz, EPC-Lieferant/Bauausführung: japanisch-türkisches Konsortium (Kawasaki Heavy Industries Ltd./Japan, Rönesans Endüstri Tesisleri Insaat Sanayi ve Ticaret A.S./Türkei)
Produktion von jährlich 1,16 Mio. t Harnstoff und 640.000 t Ammoniak (Garabogazkarbamid), Garabogaz (Region Balkan) 1.570 2014 bis Ende 2018/Anfang 2019 Staatskonzern Türkmenhimiya, EPC-Lieferant/Bauausführung: japanisch-türkisches Konsortium (Mitsubishi Corporation/Japan, Gap Insaat Yatirim ve Dis Ticaret A.S./Türkei)
Gaschemiekomplex für die jährliche Produktion von 200.000 t linearem LD-Polyethylen, 390.000 t Polypropylen, 100.000 t Polyvinylchlorid, 82.000 t kaustischer Soda, 10.000t Salzsäure und 118.000 technische Salze, Kiyanly (Region Balkan) k.A. 2018/19 bis 2023/24 Staatkonzern Türkmengaz, zurzeit Abstimmungen mit potenziellen Technologie-Lieferanten

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Entwicklung der Förderung und des Inlandsverbrauchs von Erdgas und Erdöl
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Erdgasförderung (in Mrd. cbm) 47,0 66,0 69,1 69,2 76,2 71,9 k.A.
.dto. lt. BP (British Petroleum) 42,4 59,5 62,3 62,3 67,1 69,6 66,8 1)
Inlandsverbrauch von Gas lt. BP (in Mrd. cbm) 22,6 23,5 26,3 22,9 25,6 29,4 29,5
Förderung von Erdöl und Gaskondensat (in Mio. t) 9,8 10,6 11,0 11,2 11,6 12,2 k.A.
.dto. lt. BP 10,7 10,7 11,0 11,4 11,8 12,7 12,7 2)
Inlandsverbrauch von Erdöl und Gaskondensat lt. BP (in Mio. t) 5,7 6,0 6,2 6,2 6,5 6,6 6,7

1) Anteil an der weltweiten Förderung: 1,9 Prozent; 2) Anteil an der weltweiten Förderung: 0,3 Prozent

Quellen: Staatliches Komitee für Statistik; BP (Statistical Review of World Energy, 2017); Regierung Turkmenistans

Dieser Artikel ist relevant für:

Turkmenistan Öl, Gas, Petrochemie

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