Suche

20.10.2016

Ukrainische Ernährungswirtschaft zieht Investitionen an

Internationale Geberbanken flankieren das Investitionsgeschehen / Von Uwe Strohbach

Kiew (GTAI) - Die Ernährungswirtschaft gilt in der wirtschaftlich angeschlagenen Ukraine als einer der dynamischsten Wirtschaftssektoren. In den nächsten Jahren sind zahlreiche Modernisierungs- und Ausbauvorhaben geplant. Für 2016 bis 2018 werden Investitionen von bis zu 8 Mrd. US$ erwartet. Die jährliche Wertschöpfung in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie des Landes liegt derzeit noch weit unter ihren Möglichkeiten.

Die Bedeutung der Ernährungswirtschaft für die ukrainische Wirtschaft wächst stetig. Seit 2015 nehmen auch die Investitionen in der Branche wieder an Fahrt auf. Ausländische Anbieter von Ausrüstungen und Dienstleistungen könnten hiervon profitieren.

Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine hat sich 2015 gegenüber 2009/10 in etwa verdoppelt und lag bei 12%. Die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie standen 2015 für etwa 38% der ukrainischen Exporte (Januar bis August 2016: circa 40%) - gegenüber 2010 ebenfalls eine Verdopplung.

Infolge der von Russland verhängten Importrestriktionen und der niedrigen Weltmarktpreise für eine Reihe von Nahrungsgütern gingen die Ausfuhren 2015 im Vergleich zu 2014 um 12,6% auf 14,6 Mrd. $ zurück. Die Lieferungen nach Russland schrumpften sogar um 65% auf nur noch 575 Mio. $. Dank der Erschließung neuer Exportmärkte wird für 2016 wieder mit Lieferungen von mindestens 15 Mrd. $ gerechnet. Der Handelsbilanzüberschuss der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie betrug 2015 beachtliche 11,1 Mrd. $ (Januar bis August 2016: 6,6 Mrd. $).

Wichtige Exportgüter sind Getreide (Marketingjahr 1.7.15 bis 30.6.16: 39,0 Mio. t; Prognose für 2016/17: 41,0 Mio. t), Sonnenblumenöl und Geflügelfleisch. Die insgesamt gute Entwicklung der Ausfuhren geht jedoch mit einem wenig erfreulichen Trend einher. Der Anteil von Erzeugnissen mit einer hohen Wertschöpfung hat sich in den letzten fünf Jahren von 33,6 auf 22,6% verringert.

Spürbare Investitionsbelebung setzt sich fort

Die Bruttoanlageinvestitionen in die Landwirtschaft entwickeln sich positiv. Im Vergleich zu 2014 stiegen sie 2015, bemessen in der Nationalwährung Griwna (UAH), laut der offiziellen Statistik um mehr als 60% auf 27,9 Mrd. UAH.

Das hohe Wachstum setzte sich im 1. Halbjahr 2016 fort: +74% auf 17,0 Mrd. UAH. Allerdings führte die starke Währungsabwertung dazu, dass die Investitionen auf Euro-Basis 2015 nur leicht auf 1,18 Mrd. Euro zugelegt haben. Doch auch dieses Ergebnis kann sich im Vergleich zu den anderen Branchen der Wirtschaft sehen lassen.

Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen (in Mrd. Euro) 1)
2014 2015 1. Hj. 2016
Investitionen, Industrie insgesamt 13,96 10,37 6,98
.Landwirtschaft und landwirtschaftliche Dienste 2) 1,17 1,18 0,60
..Pflanzenzucht 0,88 0,83 0,50
..Tierzucht 0,23 0,21 0,09
.Lebensmittelindustrie 0,68 0,41 0,19
Inbetriebnahme landwirtschaftlicher Gebäude und anderer Objekte (in 1.000 qm) 1.602 546,7 730,0 3)
.Bau von Getreidespeichern (Kapazität in 1.000 t) 833 1.881 2.100 3)
.Bau von Obst- und Gemüselagern (Kapazität in 1.000 t) 77 24 40 3)

1) das ukrainische Statistikamt weist die Indikatoren ab 2014 ohne Berücksichtigung der von Russland annektierten Autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol und ab 2015 zusätzlich ohne umkämpfte Gebiete in der Ostukraine aus; 2) inklusive Jagd; 3) Prognosen für das Gesamtjahr 2016

Quellen: Derzhstat; Berechnungen von Germany Trade & Invest

Die Investitionsbelebung geht vor allem auf das Konto von Agrarholdings und größeren landwirtschaftlichen Betrieben sowie ausländischen Investoren. Folgende Segmente zogen die Investitionen an: Produktion, Speicherung und Verkauf von Getreide, Herstellung von Sonnenblumenöl und Errichtung von Biogasanlagen (Verarbeitung organischer Abfälle). Hinzu kommen steigende Aktivitäten internationaler Geberbanken. Allein die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) hat 2011 bis 2015 mehr als 1,2 Mrd. $ in die ukrainische Ernährungswirtschaft investiert.

Neue Projekte für bis zu 8 Mrd. US$ bis 2018 erwartet

Das ukrainische Ministerium für Agrarpolitik und Ernährung sieht gute Chancen, dass die Investitionen in die Branche von 2016 bis 2018 bis zu 8 Mrd. $ erreichen könnten. Vor allem in folgenden Bereichen sind Projekte geplant: Getreidespeicher und -frachter (Modernisierung und Neubau), Hafenlogistik für agrarische Güter, Saatgutfabriken, Lager für Obst und Gemüse sowie Nahrungsmittelverarbeitung.

Ein erheblicher Teil der Anlagen stammt noch aus sowjetischer Zeit. Nach Angaben des ukrainischen Getreideverbands realisieren oder planen zurzeit mindestens acht Unternehmen den Bau oder die Modernisierung von Umschlagkapazitäten für den Getreideexport. Zudem sind die Aussichten für die Beschaffung von Landtechnik positiv.

Das künftige Investitionsgeschehen in der Branche wird durch internationale Kredite und Fördergelder sowie verschiedene Fördermaßnahmen der Regierung flankiert. So stellt zum Beispiel die Europäische Investitionsbank (EIB) für die Jahre 2016/17 bis 2020 Gelder in Höhe von 400 Mio. Euro für die Ausreichung günstiger Kredite an den Agrarsektor durch ukrainische Banken bereit. Die Finanzierungshilfen sollen unter anderem in Projekte für die Produktion von Getreide und Ölsaaten sowie die Modernisierung und den Ausbau der Fischereiwirtschaft und Fischverarbeitung fließen.

Die United States Agency for International Development (USAID) stellt im gleichen Zeitraum 30 Mio. $ für die Förderung von landwirtschaftlichen Kooperativen sowie kleinen und mittleren Unternehmen der Ernährungswirtschaft sowie den Ausbau der ländlichen Infrastruktur einschließlich Bewässerungswirtschaft zur Verfügung. Aus dem Staatshaushalt für 2017 werden voraussichtlich 8,3 Mrd. UAH (circa 290 Mio. Euro) der Entwicklung der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie zugutekommen, darunter sind 130 Mio. Euro für die Unternehmensförderung bestimmt.

Attraktive Liefer- und Investitionschancen, aber auch Marktrisiken

Die Gründe für das zunehmende Gewicht der Ernährungsbranche sind leicht auszumachen. Das Land profitiert von seinen günstigen natürlichen Bedingungen, darunter vor allem von seinen Schwarzerdeböden, einer wachsenden Nahrungsmittelnachfrage auf den Weltmärkten und einem steigenden Bedarf der einheimischen Bevölkerung an kostengünstigen Produkten.

Nach Angaben des Ministeriums für Agrarpolitik und Ernährung sind die Nettogewinne der landwirtschaftlichen Betriebe trotz geringer Weltmarktpreise 2015 im Vergleich zu 2014, bemessen in US-Dollar, um beachtliche 37% auf 4,1 Mrd. $ gestiegen. Als besonders ertragreich gilt der Anbau von Sonnenblumen, Getreide und Soja.

Die Ukraine punktet zudem mit günstigen Produktionskosten. Das Lohnniveau ist niedrig, und es gibt ein großes Angebot an engagierten Fachkräften. Vormaterialien können preiswert beschafft werden, Strom und Gas sind vergleichsweise günstig. Die Pachtgebühren für Agrarland sind niedrig, und das Land profitiert von seiner Nähe zur EU. In vielen traditionellen und wenig entwickelten Produktsparten gibt es eine Fülle von Kooperationsmöglichkeiten. Die ukrainischen Banken haben den Agrarsektor mit seinen guten Zukunftsaussichten als Geschäftsfeld entdeckt und bieten heute günstige Finanzierungen an.

Den Standortvorzügen stehen aber Schwächen gegenüber, mit denen sich potenzielle Investoren auseinandersetzen müssen. Zentrale Risikofaktoren sind die mangelhafte Infrastruktur (Transporte, darunter vor allem der Bahntransport, kommunale Dienstleistungen), eine ausgeprägte Bürokratie, langwierige und damit oft auch kostenintensive Genehmigungsverfahren, der mitunter häufige Wechsel von Ansprechpartnern in den Behörden, komplizierte Steuerverfahren, eine ausufernde Korruption und ein oft ineffizientes Management in den Partnerunternehmen. Als ein generelles Problem für ausländische Direktinvestitionen gilt der ungelöste Konflikt um die Ostukraine. Allerdings sind die betroffenen Gebiete geografisch von den westlichen und zentralen Landesteilen weit entfernt.

(U.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Ukraine Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Nahrungs- und Genussmittel, allgemein

Funktionen

Kontakt

Kathleen Beger

‎+49 228 24 993 283

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche