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15.10.2019

Unruhen machen Wirtschaft in Hongkong schwer zu schaffen

Einzelhandelsumsatz, Besucherankünfte und Geschäftsmieten im freien Fall / Von Roland Rohde

Hongkong (GTAI) - Ein Unglück kommt selten allein. Nachdem der Handelskonflikt mit den USA bereits seinen Tribut verlangt, legen seit dem Sommer 2019 politische Unruhen Teile der Wirtschaft lahm.

In Hongkongs Einzelhandel herrscht im Herbst 2019 Untergangsstimmung. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hatte bereits im 1. Halbjahr für ein schwaches Geschäft gesorgt. Chinesische Touristen, eine äußerst wichtige Kundengruppe, zeigten sich in Folge deutlich weniger ausgabefreudig. Im 3. Quartal bescherten dann Massenproteste und gewalttätige Ausschreitungen einen regelrechten Umsatzeinbruch.

Die Demonstrationen finden nämlich regelmäßig zum Wochenende statt. Dann frönt Hongkongs Bevölkerung normalerweise ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Shoppen. Doch infolge der Proteste bleiben viele zu Hause. Auch chinesische Touristen trauen sich immer weniger, der unruhigen Sonderverwaltungsregion (SVR) einen Besuch abzustatten.

Ausgabefreudige chinesische Touristen meiden Hongkong

Die Statistiken des Hong Kong Tourismus Board sprechen Bände: Im August 2019 ging die Anzahl der ausländischen Besucherankünfte gegenüber dem Vorjahresmonat um nahezu 40 Prozent zurück. Die Hotelbelegungsquote sank von 94 auf 66 Prozent. Einen dermaßen starken Rückgang hatte es zuletzt 2003 während der Lungenepidemie SARS, die weite Teile des sozialen Lebens lahmlegte und fast 300 Menschenleben kostete, gegeben.

Der Abwärtstrend beschleunige sich anschließend nach Angaben des Tourismusbeauftragten der SVR sogar noch. Besonders enttäuschend verlief die erste Oktoberwoche 2019. Normalerweise kommen dann besonders viele Chinesen, da im Reich der Mitte Ferien sind. Tatsächlich gingen aber die Touristenankünfte um mehr als die Hälfte zum Vorjahr zurück. Die Belegungsquote der Gästehäuser sank auf 50 Prozent.

Ausländische Touristenankünfte in Hongkong (Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat in %)
2019 Insgesamt .aus China
März 17,3 22,1
April 5,2 4,7
Mai 19,5 23,6
Juni 8,5 10,1
Juli -4,8 -5,5
August -39,1 -42,3

Quelle: Tourismusbehörde

2018 kamen nach Angaben der Behörde 51 Millionen chinesische Besucher in die SVR. Das entsprach 80 Prozent aller registrierten Touristenankünfte. Viele verbinden ihren Aufenthalt mit ausgiebigen Shoppingtouren. Die Preise für Konsumgüter sind in Hongkong aufgrund fehlender Einfuhrzölle und Mehrwertsteuern günstiger als in der Volksrepublik. Zudem ist die Gefahr geringer, an gefälschte oder mit Umweltgiften belastete Produkte zu gelangen.

Noch nie war das Einzelhandelsgeschäft dermaßen stark eingebrochen

Der Einzelhandelshandelsumsatz der ehemaligen britischen Kolonie legte 2018 laut dem Hongkonger Statistikamt noch um nominal fast 9 Prozent zu. Doch im 1. Halbjahr 2019 ging er um 3 Prozent zurück, um anschließend regelrecht abzustürzen. Im August belief sich das Minus im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 23 Prozent. Dabei handelt es sich um den mit Abstand schlechtesten jemals gemessenen Wert: Mehr als -15 Prozent hatte die Statistik noch in keinem Monat ausgewiesen.

Einzelhandelsumsatz (nominale Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat in %)
2019 Veränderung
März -0,2
April -4,5
Mai -1,4
Juni -6,7
Juli -11,5
August -23,0

Quelle: Statistikamt Hongkong

Zudem handelt es sich dabei nur um einen Durchschnittswert. In den Geschäften in den Innenstadtgebieten Causeway Bay, Wanchai, Admiralty oder Central, wo regelmäßig Demonstrationen stattfinden, dürfte das Minus noch einmal wesentlich höher ausgefallen sein. In der renommierten South China Morning Post werden Werte von -40 Prozent genannt. Die ersten Geschäfte mussten bereits aufgeben.

Es zeigt sich aber auch: In Supermärkten und im Lebensmitteleinzelhandel kam es zu keinem Einbruch. Nach wie vor muss die Bevölkerung schließlich essen und trinken. Im Gegensatz dazu gab es in den Sparten Textilien, Schmuck und Uhren sowie Kosmetika, klassischen Mitbringseln chinesischer Touristen, überdurchschnittlich hohe Rückgänge.

Auch im Außenhandels- und Immobiliensektor sieht die Lage ernst aus

Daneben ist der Immobiliensektor in den Abwärtsstrudel geraten. Die Transaktionszahlen sind nach Angaben von praktisch allen Maklergesellschaften deutlich gesunken, ebenso die Preise und Mieten. In den zentralen Geschäftsvierteln soll es für Einzelhandelsflächen Nachlässe um bis zu 40 Prozent geben. Auch Versicherungsgesellschaften berichten von einem Umsatzrückgang. Ein Teil ihrer Kunden kommt nämlich vom chinesischen Festland.

Zeitgleich macht der Zollstreit zwischen den USA und China dem Hongkonger Außenhandelssektor zu schaffen. Dieser erweist sich als zäher als erwartet und gewann im Spätsommer 2019 noch an Schärfe hinzu. Für die Metropole ist das besondere brisant, denn die ihre 100.000 Import- und Exportgesellschaften stellen mit etwa einer halben Million Angestellten das Rückgrat der Wirtschaft dar.

Außenhandel (Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat in %)

2019 Warenexporte Warenimporte
März -0,1 -1,2
April -5,5 -2,6
Mai -4,3 -2,4
Juni -7,5 -9,0
Juli -8,7 -5,7
August -11,1 -6,3

Quelle: Statistikamt Hongkong

Am Arbeitsmarkt hat die Doppel-Krise erstaunlicherweise noch kaum Spuren hinterlassen. Die Erwerbslosenquote lag gemäß dem Statistikamt im Zeitraum Juni bis August 2019 bei unter 3 Prozent. Das hat einen Grund: In Hongkong herrscht seit Jahren Arbeitskräftemangel. Wer jetzt Personal entlässt, dürfte Schwierigkeiten haben, nach dem Ende der Unruhen neue qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Doch lange können insbesondere die vielen kleinen Mittelständler nicht durchhalten.

Wirtschaft befindet sich zum Herbst 2019 in einer Rezession

Noch sind die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das 3. Quartal 2019 nicht veröffentlicht. Doch allen Analysten dürfte klar sein, dass sich die Stadt zum Herbst bereits in einer Rezession befindet, die nicht nur technischer Natur ist. Es bleibt die Frage, wie sich 2020 entwickeln wird. Kaum jemand traut sich, eine belastbare Prognose abgeben. Ein Blick in die Vergangenheit könnte aber weiterhelfen. Sowohl bei der SARS-Epidemie 2013 als auch bei den letzten Protesten 2014 folgte auf starke Einbrüche eine rasche Erholung. Hongkong hat offensichtlich gelernt, mit Krisen umzugehen.

Deutsche Firmen sind rein ökonomisch betrachtet nicht sonderlich stark von den politischen Unruhen betroffen. Relativ wenige von ihnen verkaufen Produkte auf dem einheimischen Markt. Vor Ort sind vielfach Logistiker, Beschaffungsfirmen oder Banken anzutreffen, die den gesamten asiatischen Markt bearbeiten und daher eher mit den Folgen des Handelskonfliktes zu tun haben. Die Demonstrationen beeinflussen aber ihre Geschäfts- und Tagesabläufe und erfordern ein gewisses Maß an Flexibilität und Frustrationstoleranz.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Census and Statistics Department http://www.censtatd.gov.hk/home/index.jsp (Startseite); https://www.censtatd.gov.hk/hkstat/sub/sp320.jsp?tableID=089&ID=0&productType=8 (Zahlen zum Einzelhandel); https://www.censtatd.gov.hk/hkstat/sub/sp230.jsp?tableID=055&ID=0&productType=8 (Zahlen zum Außenhandel) Statistik-amt Hongkong
Hong Kong Tourism Board https://www.censtatd.gov.hk/hkstat/sub/sp230.jsp?tableID=055&ID=0&productType=8 (Touristenankünfte) Tourismus-behörde Hongkong

Zusatzinformationen

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Hongkong können Sie unter http://www.gtai.de/hongkong abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in der Region.

Dieser Artikel ist relevant für:

Hongkong, SVR Außenhandel / Struktur, allgemein, Einzelhandel, Tourismus

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Bernhard Schaaf

‎+49 228 24 993 349

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