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29.08.2017

Urbanes Megaprojekt für Spaniens Hauptstadt

Madrid Nuevo Norte: Geschäfts-City und Wohnungen / Grüne Lunge und modernster Bahnhof des Landes / Von Miriam Neubert

Madrid (GTAI) - Es ist eines der größten stadtplanerischen Vorhaben in Europa. Das Ziel: dem Norden der spanischen Hauptstadt ein repräsentatives Gesicht zu verleihen, mit Büroflächen Investoren anzulocken und Wohnraum zu schaffen. In dem Rahmen, auf den sich Stadtverwaltung, Bauministerium und Entwicklergesellschaft DCN im Sommer 2017 einigten, werden die Investitionskosten auf 6 Milliarden Euro geschätzt. Nach Änderung des städtebaulichen Entwicklungsplans könnte es 2019 losgehen. (Kontaktadressen).

Ein Vierteljahrhundert lang hat der Plan zur urbanen Erneuerung und Integration des Nordens der spanischen Metropole Madrid Stadtplaner, Regierung, Eisenbahner, Bürger, Architekten, Entwickler, Investoren und Juristen beschäftigt. Auch in den Projektübersichten vieler GTAI-Berichte zu Spanien tauchte der Plan immer wieder auf. Zuletzt hatte die aus den Kommunalwahlen 2015 hervorgegangene neue linke Stadtregierung Madrids das kurz zuvor mit der konservativen Vorgängerregierung ausgehandelte Projekt zu Fall gebracht. Es schien ihr überdimensioniert, unausgewogen und nicht hinreichend bürgernah.

Doch nun scheint der Schlusspunkt hinter die beschwerliche Genese der einstigen "Operación Chamartín" gesetzt. Nach mehrmaliger Umbenennung und langen Verhandlungen rückt unter dem Namen Madrid Nuevo Norte (Madrid Neuer Norden) die Verwirklichung näher. Am 27. Juli 2017 haben die Vertreter der beteiligten Seiten - Madrids Bürgermeisterin Manuela Carmena, der Minister für Bauwesen ĺnigo de la Serna und der Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Antonio Bejar eine Übereinkunft vorgestellt.

Zentraler Business- und Finanzdistrikt

Grundsätzlich geht es darum, eine unansehnliche Region um den alten Bahnhof Chamartín zu sanieren, bislang unzusammenhängende Viertel der nördlichen Ausfallregion zu integrieren und obsolete Infrastrukturen zu erneuern, um den Norden für die Stadt, ihre Wirtschaft und ihre Bürger zu erschließen. Madrid möchte einen zentralen Business-und Finanzdistrikt schaffen, eine City, um seine Chancen im internationalen Wettbewerb - nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Brexit - zu erhöhen. Die Entwicklungsgesellschaft Distrito Castellana Norte (DCN) besteht aus der Großbank BBVA und der Baugruppe San José. Sie besitzt die Ende 1993 durch den spanischen Schienenbetreiber Adif in einer öffentlichen Ausschreibung vergebenen Rechte zur Entwicklung der Flächen, wofür sie im Gegenzug 1,2 Milliarden Euro zahlen wird. Diese kann Adif in die Modernisierung und den Ausbau des Bahnhofs investieren.

Das komplexe Vorhaben umfasst fünf Handlungsfelder: Bahnhof Chamartín, Businessdistrict, Industriegebiet Fuencarral-Malmea, die Viertel Fuencarral-Tres Olivos und Fuencarral-Las Tablas (in denen große Unternehmen ihre Zentralen haben). Während nördlich der Autobahn M30 vor allem Wohnungen entstehen und gemischte Wirtschaftsaktivität eingeplant ist, wird die Fläche südlich der M30, die auch den Bahnhof umfasst, mehrheitlich Büros vorbehalten sein.

Das nun vorgestellte Konzept ist schlanker als in der früheren Version, grüner und stärkt die Rolle der städtischen Verwaltung. Es sieht eine bebaubare Fläche von 2,7 Millionen Quadratmeter vor, den Raum des Bahnhofs Chamartín (150.000 Quadratmeter) nicht eingerechnet. Dies wäre etwa ein Fünftel weniger als zuvor geplant. Rund 11.000 Wohnungen sollen gebaut werden, von denen 4.100 Sozialwohnungen sind oder anderen öffentlichen Zwecken dienen (was wiederum eine städtische öffentliche Wohnungspolitik begünstigt). Zuvor waren bis zu 17.000 Wohnungen geplant, der Sozialwohnungsanteil deutlich geringer.

Urbanes Referenzprojekt mit hoher Nachhaltigkeit

Um eine nachhaltige Mobilität zu ermöglichen, soll der einheitliche Geschäftsdistrikt (bebaubare Fläche 1,2 Milionen Quadratmeter) um den Bahnhof Chamartín entstehen und ihn aktiv miteinbeziehen. Damit er nach Büroschluss nicht komplett verwaist, sind zusätzlich 300.000 Quadratmeter für Wohngebäude, Parks, Sport- und Freizeitflächen eingeplant. Wie viele Wolkenkratzer letztlich gebaut werden und wie hoch die Gebäude ausfallen, steht noch nicht fest. Der Masterplan des von DCN beauftragten Stararchitekten Richard Rogers, der auch den avantgardistischen Terminal 4 des nur 13 Kilometer entfernten Madrider Flughafens Barajas entwarf, sah ursprünglich sechs von ihnen vor, darunter das mit 70 Etagen höchste Gebäude der EU. Klar ist, dass Nachhaltigkeit und Energieeffizienz nicht nur bei der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, sondern auch beim Bau selbst Hauptrollen spielen.

Priorität beim schrittweisen Ausbau hat der Bahnhof Chamartín (Baujahr 1967, zuletzt renoviert 2003). Er wird komplett saniert, modernisiert und von 21 auf 31 Gleise erweitert, davon 18 für Hochgeschwindigkeitszüge (AVE). Bauminister de la Serna zufolge soll Chamartín das Zentrum der künftigen AVE-Verbindung nach Kantabrien werden. Die Spanische Bahn (Renfe) und Schienenbetreiber Adif werden der Wirtschaftzeitung Cinco Días zufolge ihre neuen Zentralen in dem Bahnhofkomplex einrichten. Chamartín soll der modernste Bahnhof in Spanien und zu einer Referenz in Europa werden.

Startschuss nicht vor 2019

Die Stadt Madrid wird die Finanzierung der Autobahnknoten Nudo Norte (M30) und Fuencarral übernehmen. Das Projekt Nudo Norte war nach Angaben der Stadt im Sommer 2017 im Entwurfsstadium. Der Ausbau der U-Bahn und die Sanierung des Wasserkanals obliegt DCN.

Noch ist der Startschuss aber nicht gefallen. Die beteiligten Seiten haben sich eineinhalb Jahre gegeben, um 18 technische Punkte auszuarbeiten, die mit einer Überarbeitung der städtische Generalbauordnung Hand in Hand gehen. Abschließend genehmigt werden soll das Projekts bis zum 4. Quartal 2018. Voraussetzung ist eine Abänderung des Generellen Stadtbebaungsplans (Plan General de Ordenación Urbana PGOU), dem auch die Region Madrid zustimmen muss.

Geht alles nach Plan, könnten die vier 250 Meter hohen Wolkenkratzer Cuatro Torres, die heute im Norden die Skyline Madrids dominieren, ab 2019 zu Zuschauern eines Stadterneuerungsprojekts werden, das Analogien zu Londons Canary Wharf weckt und ihnen weitere Hochhäuser an die Seite stellen wird. Das neue Gesicht für den Madrider Norden aber benötigt Zeit. Die Realisierung ist auf 20 Jahre angesetzt.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Distrito Castellana Norte DCN http://distritocastellananorte.com/ Entwicklungsgesellschaft unter Beteiligung von BBVA und Grupo San José
Ayuntamiento de Madrid http://www.madrid.es/portal/site/munimadrid Rathaus Madrid (zuständig ist der Bereich für nachhaltige Stadtentwicklung
Adif http://www.adif.es Staatliche Schienenbetreibungsverwaltung
Ministerio de Fomento http://www.fomento.gob.es Ministerium für öffentliches Bauwesen, dem Gesellschaften wie Adif, Bahn Renfe, Flughafenbetreiber Aena gehören
Rogers Stirk Harbour+Partners https://www.rsh-p.com In London basiertes Architektenbüro, das den Generalplan für das Projekt Distrito Castellana Norte entwarf

(M.N.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Spanien Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Eisenbahnbau, Wohnungsbau, Hochbau

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