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08.05.2018

USA versetzen Chinas IKT-Sektor in Aufregung

Technologielieferungen an Netzwerkausrüster ZTE sind seit April 2018 verboten / Aufbau der 5G-Netze in China gefährdet / Von Roland Rohde

Hongkong (GTAI) - Die Nachricht schlägt in China hohe Wellen: Die USA haben im April Technologiezulieferungen an den chinesischen Informations- und Telekommunikationsausrüster ZTE für sieben Jahre unter Strafe gestellt. Das Unternehmen, das eigentlich demnächst ins 5G-Zeitalter aufbrechen wollte, sieht nun seine Existenz bedroht. Das Beispiel zeigt: Die Volksrepublik will zwar bis 2025 in zehn Sparten zum weltweiten Technologieführer aufsteigen. Dies gestaltet sich anscheinend aber schwieriger als gedacht.

Chinas Sektor der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) produziert traditionell Erfolgsmeldungen am laufenden Band. Firmen wie Huawei, Tencent oder ZTE zeichnen sich durch eine hohe Innovationsrate aus. Ihre Produkte werden auch zunehmend auf ausländischen Märkten gekauft. Mit ihrer Hilfe will die Volksrepublik bis 2025 im Bereich Informationstechnologie und Cyber Security die weltweite Führung erringen.

Doch die hochfliegenden Pläne wecken in den USA, Japan und Europa eher Ängste als Hoffnungen, zielt das Reich der Mitte mit seiner offiziell "Made in China 2025" genannten Strategie doch auf die angestammte Domäne der Industrienationen. Die Reaktionen ließen daher nicht lange auf sich warten.

Das National Cyber Security Centre des Vereinigten Königreiches warnte im April 2018 die Telekommunikationsunternehmen des Landes davor, Ausrüstungen des chinesischen Anbieters ZTE zu verwenden. Die nationale Sicherheit könne Schaden erleiden. Im derzeitigen Netz sei bereits die Technologie einer anderen chinesischen Firma, nämlich Huawei, in Nutzung.

Über ein Viertel der elektronischen Komponenten bei ZTE stammt aus den USA

Fast zeitgleich stellte im April die US-amerikanische Regierung den Export von Technologie an ZTE für ganze sieben Jahre unter Strafe. Davon sind Lieferanten wie Qualcomm, Intel, Micron Technology, Microsoft oder Oracle betroffen. Als Begründung wurden sanktionswidrige Lieferungen chinesischer Firmen an den Iran und Nordkorea angeführt.

Gegen den chinesischen Konzern Huawei laufen ebenfalls Ermittlungen in dieselbe Richtung. Dabei handelt es sich nach Einschätzungen von ausländischen Diplomaten und Managern um ein vorgeschobenes Argument. Vielmehr, heißt es, wollten die Vereinigten Staaten den Aufstieg Chinas zum ernsthaften Konkurrenten nicht noch mit ihrer eigenen Technologie unterstützen.

Die Sanktionsankündigungen schlugen bei ZTE hohe Wellen. Schließlich ist das Unternehmen auf die US-amerikanischen Lieferungen dringend angewiesen. Wie die China Daily am 18.4.18 auf der Titelseite berichtete, stammten 25 bis 30 Prozent der elektronischen Komponenten von ZTE aus den Vereinigten Staaten. Laut der South China Morning Post kommen vor allem Radiofrequenz- und Speicherchips, aber auch optoelektronische Teile aus US-amerikanischer Fertigung.

ZTE warnte daraufhin öffentlich, dass das Lieferverbot den Bestand des Unternehmens gefährden könne. Zu einem Kollaps wird es wohl nicht kommen. Vorher ist zu erwarten, dass die Regierung in Beijing in die Bresche springt. Die Gesellschaft wird von Branchenkennern als systemrelevant eingestuft. Auf jeden Fall dürften die Firmenpläne zur Einführung eines 5G-Netzs und zur Entwicklung entsprechender Endgeräte ordentlich durcheinander geraten, sollte es bei dem Verbot bleiben.

Einführung des 5G-Mobilfunks könnte sich verzögern

Laut Einschätzung der South China Morning Post könnte sogar der Aufbau des nationalen 5G-Netzes ins Stocken geraten. Wenn auch noch Chinas zweiter großer Netzausrüster Huawei von den Sanktionen betroffen sein sollte, ist davon sogar mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auszugehen. Die Verzögerungen könnten dazu beitragen, dass die Volksrepublik beim Setzen von globalen Standards im Rahmen der Entwicklung der neuen Mobilfunkgeneration nicht entscheidend mitreden kann.

Die Sanktionen fördern vor allem zu Tage, dass die chinesischen IKT-Unternehmen in nicht geringem Umfang auf Technologieimporte angewiesen sind. Allerdings kommen diese überwiegend aus Japan, Südkorea und Taiwan beziehungsweise aus den Fabriken, die die drei Nachbarn in anderen asiatischen Ländern wie Malaysia oder den Philippinen betreiben.

Zudem lassen sie auch in China selbst fertigen, allerdings in der Regel nicht die jeweils modernsten Halbleiter. Deren Herstellung bleibt in der eigenen Heimat, zumal in der hochautomatisierten Produktion Lohnkosten kaum eine Rolle spielen. Mit anderen Worten: Auch bei den elektronischen Komponenten, die die chinesische IKT-Industrie im Inland einkauft, handelt es sich zum Teil um ausländische Technologie.

China importiert Großteil der elektronischen Bauelemente aus Asien

Laut UN Comtrade beliefen sich die chinesischen Importe von elektronischen Bauelementen 2017 auf 289 Mrd. US-Dollar (+12,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Rund 80 Prozent kamen dabei aus Asien. Die Vereinigten Staaten erzielten einen Lieferanteil von lediglich knapp 4 Prozent. Allerdings dürfte es sich dabei um besonders moderne Halbleiter und Chips handeln.

Bei aller Aufregung stellt sich die Frage, ob die Sanktionen langfristig den Vereinigten Staaten nicht mehr schaden als nützen. Der Volksrepublik wurde vor aller Welt vor Augen geführt, wie abhängig sie von ausländischem Knowhow ist. Dieser Gesichtsverlust dürfte die chinesischen Politiker dazu veranlassen, die Modernisierung der eigenen Halbleiterindustrie sogar noch stärker als bislang zu forcieren. Ob diese jemals mit den Amerikanern gleichziehen kann, steht auf einem anderen Blatt. Innovationen lassen sich nun einmal nicht von oben herab anordnen.

Zugleich dürften Japan, Südkorea und Taiwan versuchen, in die sich öffnende Lücke vorzustoßen und verstärkt in die Entwicklung und das Design von Halbleitern zu investieren. Firmen wie Samsung oder Taiwan Semiconductor haben gezeigt, dass sie technologisch ganz weit vorne stehen.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in China können Sie unter http://www.gtai.de/china abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

China, USA EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Software / EDV-Dienstleistungen, Elektronische Bauelemente, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk)

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