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06.03.2019

USA wollen noch stärker in maschinelles Lernen und Cybersicherheit investieren

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Disruption macht auch vor industriellen Kernbranchen nicht halt / Von Heiko Steinacher (Januar 2019)

San Francisco (GTAI) - Um die Führerschaft bei neuen Technologien international zu sichern, nehmen die USA viel Geld in die Hand. Eine umfassende KI-Strategie will die Trump-Administration 2019 vorlegen.

Digitalisierungsstrategie

Es ist nicht bekannt, ob die USA eine übergeordnete Digitalisierungsstrategie wie die Digitale Agenda in Deutschland, die die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung thematisiert, verfolgen. Es gibt allerdings gezielte Strategien, die zahlreiche Aspekte der Digitalisierung betreffen.

So treiben auch die USA das Thema Industrie 4.0 voran. Die Trump-Regierung führt mehrere unter dem früheren US-Präsidenten Barack Obama gestartete Forschungsinitiativen fort. Eine davon ist Manufacturing USA, ein Netzwerk aus vielen spezialisierten Instituten. Sie sollen die US-Führerschaft bei neuen Technologien international sichern. Allerdings will Trump das Budget für Manufacturing USA deutlich kürzen. Das Programm soll künftig vorrangig privat finanziert werden.

Alle vier Jahre stellt die Regierung einen Plan zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie auf. In der entsprechenden Strategy for American Leadership in Advanced Manufacturing vom Oktober 2018 spielen intelligente, digitale Fertigungsverfahren eine wesentliche Rolle.

Beim Mobilfunkstandard 5G wollen die USA wieder Weltmarktführer werden, wie bereits bei 4G. Dabei spielt gewiss eine Rolle, dass die US-Regierung bei 5G eine Einbindung chinesischer Technologie verhindern will.

Im Presidential Memorandum on Developing a Sustainable Spectrum Strategy for America`s Future vom Oktober 2018 hat Trump das Wirtschaftsministerium damit beauftragt, zusammen mit weiteren US-Behörden eine langfristige nationale Frequenzstrategie auszuarbeiten. Diese soll auch Politikempfehlungen beinhalten, die auf einen besseren Frequenzzugang für alle Nutzer, eine höhere Frequenzeffizienz und flexibles Frequenzmanagement abzielen.

Im September 2018 gab das Weiße Haus seine neue Cloud-Smart-Politik bekannt, die auf der Cloud-first-Policy der Obama-Regierung aufbaut. Regierungsstellen sollen Cloud-basierte Lösungen anderen vorziehen, solange sie sicher, verlässlich und kostengünstig sind. Um den Übergang zur Cloud zu beschleunigen, werden ausgewählte Regierungsstellen zusammenarbeiten. Sie sollen bis Ende 2019 einen Arbeitsplan mit technologieneutral formulierten Vorschlägen erstellen. Auch die Beschaffungsrichtlinien zur Cyber-Sicherheit werden überarbeitet.

Hohe Priorität räumt die Trump-Regierung dem Kampf gegen Cyber-Risiken ein. Die Bemühungen konzentrieren sich auf die IT-Sicherheit der Bundesbehörden, den Schutz kritischer Infrastrukturen sowie die Umsetzung einer Politik der Abschreckung und die Unterbindung der Einflussnahme ausländischer Mächte in nationale, politische Prozesse. Nähere Informationen enthält die Nationale-Cyber-Sicherheitsstrategie (http://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2018/09/National-Cyber-Strategy.pdf).

Strategie für künstliche Intelligenz

In den USA gibt es bislang keine umfassende Strategie, um künstliche Intelligenz (KI) zu fördern. Das Feld bleibt weitgehend den Technologiekonzernen überlassen. Im Februar 2019 hat der Präsident die Bundesbehörden per Dekret angewiesen, der Forschung und Entwicklung von KI bei der Mittelvergabe Priorität einzuräumen und KI-Forschern weiteren Zugang zu Regierungsdaten zu gewähren. Allerdings ist keine neue Förderung vorgesehen, Gelder sollen lediglich umgeschichtet werden. Erst im weiteren Jahresverlauf will die Regierung eine überarbeitete Fassung des National Artificial Intelligence Research and Development Strategic Plan von 2016 vorlegen.

Im September 2018 wurde im Repräsentantenhaus der Bericht Rise of the Machines mit Empfehlungen an die Politik zur Förderung von KI eingebracht und im Senat ein Gesetzentwurf (Artificial Intelligence in Government Act), der für Behörden mehr Ressourcen zur KI-Verwendung bereitstellen soll.

Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung über Förderstrategien aus dem Jahr 2018 sind die USA im Bereich KI führend. Ein Hauptgrund dafür seien etablierte Kooperationsstrukturen zwischen Regierung, Privatsektor und Hochschulen.

Ein Wettbewerbsvorteil für US-Firmen ist auch, dass es in den USA kein allgemeines und umfassendes Datenschutzgesetz gibt. Personenbezogene Daten unterliegen bundesweit nicht den gleichen strengen Datenschutz- und Sicherheitsbestimmungen wie in der Europäischen Union (EU). Der Trend geht aber klar in Richtung mehr Datenschutz. Laut der Zeitung Washington Post arbeitet der US-Kongress an Gesetzesvorlagen, die das Datenschutzniveau landesweit vereinheitlichen sollen.

E-Government

Die USA wollen die Möglichkeiten ausbauen, staatliche Dienstleistungen über das Internet nutzen zu können. Wie ihre Vorgängerin konzentriert sich die Trump-Regierung auf IT-Modernisierung in den Behörden und Serviceverbesserungen für Bürgerinnen und Bürger.

Eine Digitalstrategie für Bundesbehörden hat die frühere US-Regierung bereits im Mai 2012 verabschiedet. Sie soll Regierungsstellen als Richtschnur dienen, um ihre digitalen Dienste zu verbessern (Weitere Informationen: https://itmodernization.cio.gov).

Eine wesentliche Komponente der Strategie bildet Open Data, die Öffnung von Datenbeständen der öffentlichen Hand zur allgemeinen Weiterverwendung und -verbreitung. Über Fortschritte dabei informiert die Website http://www.state.gov/open.

Am 20. Dezember 2018 trat der 21st Century Integrated Digital Experience Act (IDEA) in Kraft, der Mindestanforderungen für die Funktionalität und Sicherheit öffentlicher Webseiten festlegt.

Zwar verweisen viele Untersuchungen darauf, dass US-Regierungs-Websites in puncto Benutzerfreundlichkeit und Design Internetseiten privater Unternehmen hinterherhinken. Nach dem vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen veröffentlichten E-Government Survey 2018 haben die USA seit dem letzten Bericht von 2016 aber Fortschritte gemacht.

Stärken/Schwächen

Das Innovationsverständnis in den USA unterscheidet sich von dem in Deutschland: Während Deutschland vor allem in ingenieursgetriebenen Branchen als innovativ gilt, haben sich die USA einen Vorsprung durch disruptive Innovationen verschafft, die ihren Ursprung im Silicon Valley haben. Häufig sind dadurch völlig neue Geschäftsmodelle entstanden, zum Beispiel digitale Plattformen. Dabei haben US-Unternehmen durch ihre Datendominanz einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Viele etablierte Unternehmen in den USA gründen derzeit In-House Innovation Labs, vor allem in der San Francisco Bay Area. Auf die Region entfallen rund 40 Prozent der gesamten US-Wagniskapitalinvestitionen und etwa ein Siebtel der US-Patente. Die meisten Patente halten IKT-Riesen, wie Cisco, Apple und Oracle.

Die Anreize für Start-ups sind verlockend. Es gebe weniger Finanzierungsrunden als in Deutschland, und die Dauer von der Seed- (zur Finanzierung erster Prototypen) bis zur Series A-Runde (für den Roll-Out nach erfolgtem Proof-of-Concept) sei nur etwa halb so lang, verlautet es aus Branchenkreisen. Denn die Anlagevorschriften, etwa für Versicherungsfirmen, sind in den USA weniger restriktiv als hierzulande, sodass Start-ups in der Wachstumsphase schneller Kapitalgeber finden können. (Mehr unter http://www.gtai.de/MKT201901168008).

Da das Silicon Valley gerade für deutsche Mittelständler enorme Chancen bietet, neue Geschäftsmodelle und branchenübergreifende Geschäftschancen zu identifizieren, bieten die regionale Wirtschaftsfördergesellschaft Baden-Württemberg International und die AHK San Francisco gemeinsam das InnovationCamp BW an. Dabei werden die Teilnehmer in das Ökosystem des Silicon Valley eingeführt, arbeiten an konkreten Herausforderungen der Digitalisierung und knüpfen Geschäftskontakte.

Mit der Entwicklung von Social-Media-Unternehmen und der App-Economy hat San Francisco als Standort an Bedeutung gewonnen. Als boomende Stadt der Innovationen, vor allem für das Gesundheitswesen, hat sich in den letzten Jahren auch Boston einen Namen gemacht.

Ausblick

Das disruptive Potenzial, das Unternehmen vor allem in der San Francisco Bay Area entwickelt haben, macht vor reifen industriellen Kernbranchen nicht halt. Das zeigt sich auch an der Entwicklung der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas: Ihr Schwerpunkt ist zwar Unterhaltungselektronik, doch wandelt sie sich zu einer Messe für Smart Living und vernetztes Wohnen.

Auch werden auf der CES zunehmend Entwicklungen beim autonomen Fahren präsentiert. Dass die Autoindustrie immer digitaler wird, offenbart sich in früher ungewohnten Allianzen, wie beispielsweise der von Volkswagen (VW) und Microsoft Ende September 2018: Im Rahmen einer strategischen Partnerschaft entwickeln sie gemeinsam die Volkswagen Automotive Cloud für digitale Dienste und Mobilitätsangebote.

Auch im Bereich Smart Cities investieren US-Städte enorme Summen in die öffentliche Sicherheit und Infrastruktur (Mehr unter: http://www.gtai.de/MKT201902058002). Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Akzeptanz räumen Beobachter zudem der Telemedizin in den USA großes Entwicklungspotenzial ein. Allerdings sind Ärzte und Pflegekräfte bisher untereinander erst schwach vernetzt, sodass der Austausch elektronischer Krankenakten oft noch gar nicht möglich ist. Ein weiteres Problem sind Cyber-Angriffe.

Besonders große Potenziale bietet branchenübergreifend die KI. Die USA und China profitieren dabei unter anderem von weniger strengen beziehungsweise fehlenden Datenschutzbestimmungen. Beide Staaten investieren massiv in selbstlernende Algorithmen sowie in den Ausbau von Speicherkapazitäten und Energieressourcen. Manche Beobachter sprechen bereits von einem "digitalen Wettrüsten".

Den großen US-Technologiekonzernen kommt dabei zugute, dass sie stark auf digitale Geschäftsmodelle, wie Plattformen und andere datengetriebene Modelle, trainiert sind. Sie investieren zweistellige Milliardenbeträge in Labors und Start-ups. Nach einer Analyse des Trendforschungsunternehmens CB Insights kommt der größte Teil der 100 vielversprechendsten KI-Start-ups aus den USA. Ferner berichten Insider, dass rund die Hälfte der 100 weltbesten KI-Forscher für Google arbeite.

Auch der Anspruch der USA, bei der neuen 5G-Funktechnologie wieder weltmarktführend zu werden, dürfte die Investitionen in neue Telekommunikationsausrüstungen in den nächsten Jahren spürbar beleben.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadressen Anmerkung
Department of Commerce (National Institute of Standards and Technology, International Trade Administration) Unter anderem http://www.manufacturing.gov, http://www.nist.gov/mep (weitere Programme dieser und weiterer Regierungsstellen sind im Anhang des folgenden Strategiepapiers aufgelistet: http://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2018/10/Advanced-Manufacturing-Strategic-Plan-2018.pdf) Bundesstaatliche Programme, die Industrie-, Hochschul- und Bundespartner innerhalb eines Netzwerks produktionstechnischer Institute zusammenbringen
Open Connectivity Foundation http://www.openconnectivity.org Plattform für Verbindungsstandards und Sicherheitszertifikate im IoT
National Network for Manufacturing Innovation Program (Manufacturing USA) http://www.manufacturingusa.com Netzwerk aus Staat, Wissenschaft/Forschung und Industrie zur Entwicklung und Anwendung von Hochtechnologie in der Produktion
Clean Energy Smart Manufacturing Innovation Institute http://www.cesmii.org Schwerpunkte sind smarte Sensoren, Datenanalysen und fortschrittliche Steuerungssysteme für die Produktion, in Zusammenarbeit mit dem Energieministerium
Industrial Internet Consortium http://www.iiconsortium.org Entwicklung, Einführung und Verbreitung von miteinander verbundenen Maschinen und Geräten
Society of Manufacturing Engineers http://www.sme.org gemeinnütziger Studenten- und Berufsverband für die Ausbildung und Weiterentwicklung der Fertigungsindustrie
Robotics Industries Association http://www.robotics.org Branchenverband
Association for Advanced Automation (A3) http://www.a3automate.org Dachverband für die Robotic Industries Association, AIA - Advancing Vision + Imaging und Motion Control Association
Deutsch-Amerikanische Handelskammern (AHK USA) http://www.ahk-usa.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
STEP USA http://www.stepusa.io Startup & Entrepreneur Program für Start-ups unterschiedlicher Branchen in New York City, Boston oder im Silicon Valley
InnovationCamp BW Silicon Valley http://www.innovationcampbw.de Programm primär für Unternehmen aus Baden-Württemberg zur Einführung in das Ökosystem des Silicon Valley, in Kooperation mit der AHK in San Francisco
German Accelerator http://www.germanaccelerator.com Wachstumsprogramm zur Unterstützung deutscher Startups aus IKT-relevanten Branchen beim Eintritt in den US-Markt

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in den USA finden Sie unter: http://www.gtai.de/usa.

Mehr zum Thema Digitalisierung unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital.

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Robert Matschoß

‎+49 228 24 993 244

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