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23.03.2017

US-Automobilindustrie setzt bei innovativen Technologien auf Start-ups

Fokus liegt auf selbstfahrenden Fahrzeugen / Software im Bereich künstlicher Intelligenz stark gefragt / Von Christian Janetzke

San Francisco (GTAI) -Start-ups drängen in den USA mit einer immer breiteren Palette an innovativen Technologien und Geschäftsmodellen in den Automobilsektor vor. Jungunternehmen, hochspezialisiert in Bereichen wie künstliche Intelligenz (KI) und Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation (V2V), entwickeln Lösungen für selbstfahrende Automobile. Sie erregen zunehmend das Interesse von Automobilherstellern und Zulieferern. Zahlreiche Übernahmen und strategische Partnerschaften sind die Folge. (Internetadressen)

Der Innovationsdruck auf Automobilhersteller steigt, um bei der Entwicklung selbst fahrender Automobile eine führende Rolle einzunehmen. Die Entwicklungsaktivitäten von Technologieunternehmen wie Waymo (Tochterunternehmen des Technologiekonzerns Alphabet) ziehen an. Auch der kalifornische Fahrdienstvermittler Uber mischt bei autonom fahrenden Fahrzeugen kräftig mit.

Einige OEM im Land stecken sich ambitionierte Ziele. Ford plant ab 2021 die Großserienproduktion autonom fahrender Automobile für Anbieter digitaler Mobilitätsdienstleistungen wie "Ride Sharing" oder Robotertaxis. Immer mehr innovative Start-ups - vor allem im Silicon Valley - fokussieren sich auf Technologien für die Realisierung von selbstfahrenden Autos. Um ihre Ziele zu erreichen, benötigen die OEM die Expertise von Start-ups, berichtet Richard Wallace, Marktexperte beim Center for Automotive Research. Es findet gemäß Wallace ein Rennen unter den Automobilherstellern statt, um mittels Zukäufen von oder strategischen Partnerschaften mit hochspezialisierten Jungunternehmen die Entwicklung zu forcieren.

Ein Grund für OEM in Start-ups zu investieren, ist der Mangel an umfassenden Softwarekenntnissen bei zahlreichen Schlüsseltechnologien, berichtet Wallace. Dazu zählen beispielsweise Lösungen in den Bereichen KI sowie Big Data. Zudem gibt es laut Wallace nur einen begrenzten Pool an Experten, die Hochtechnologielösungen in diesen Segmenten zur Marktreife bringen können.

Zulieferer müssen sich den wandelnden Technologieanforderungen der OEM rasant anpassen, berichtet Evangelos Simoudis, Geschäftsführer bei der Venture Capital-Firma Synapse Partners. Immer mehr interdisziplinäres, technisches Know-how sei von hoher Relevanz. Daher steige das Interesse von Zulieferfirmen, mit Tech-Start-ups zu kooperieren, die in der Regel wesentliche kürzere Produktzyklen haben.

Insgesamt haben sich laut Simoudis Zulieferer sowie OEM relativ spät Marktsegmenten zugewendet, die aktuell von Start-ups dominiert werden, beispielsweise in Bereichen wie Big Data und Softwareplattformen. Daher seien Branchenunternehmen zunehmend mit Forschungs- und Entwicklungszentren im Silicon Valley vertreten und forcieren die Zusammenarbeit mit lokalen Start-ups. Auch diese haben neben finanziellen Aspekten Anreize, Kooperationen einzugehen. So versuchen junge Tech-Firmen gemäß Simoudis schnellstmöglich in Zulieferketten eingebunden zu werden, solange ihre Lösungen für die Weiterentwicklung unverzichtbar sind.

Umfangreiche Investitionen in Start-ups

In den kommenden Jahren sind signifikante Investitionen in Start-ups mit Kompetenzen in AI, Big Data und modernster Sensor- sowie Kartentechnologie zu erwarten, berichtet Simoudis. In diesen Segmenten waren jüngst zahlreiche Fusionen und Übernahmen zu verzeichnen. Ford erklärte Anfang 2017, rund 1 Mrd. US$ in das auf KI spezialisierte Start-up Argo AI aus Pittsburgh zu investieren. Gemeinsam soll eine Softwareplattform für selbstfahrende Autos entwickelt werden. Zudem erwarb Ford 2016 das israelische Start-ups SAIPS, welches an Bilderkennungs- und Videoverarbeitungsalgorithmen arbeitet, die das maschinelle Lernen effizient ermöglichen sollen. General Motors (GM) übernahm im Frühjahr 2016 für rund 1 Mrd. US$ das kalifornische Start-up Cruise Automation, das bei der Softwareentwicklung für autonom fahrende Fahrzeuge in Branchenkreisen mit als führend gilt.

Das Start-up Drive.ai verfolgt einen viel beachteten Ansatz. Das Unternehmen testet ein System mit einem auf dem Fahrzeugdach zu montierenden LED-Monitor. Dieser zeigt anderen Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern Textbotschaften an. Um die für die Kommunikation entsprechende Verkehrssituation zu erfassen, wird die KI-Software per "Deep Learning" trainiert. Dabei handelt es sich um eine Technik aus dem Bereich des maschinellen Lernens. Der KI werden Beispielsituationen aus dem Straßenverkehr präsentiert, anhand derer sie selbstständig Regeln ableitet.

BMW und Toyota beteiligten sich 2016 an dem Silicon Valley-Start-up Nauto. Das Unternehmen entwickelte eine cloud-Plattform, die Daten über das Fahrverhalten sammelt und mithilfe von "Deep Learning"-Technologien auswertet.

Das Interesse an Lidar wächst stark. Mit diesen Lasersensoren können Geschwindigkeit und Position von beweglichen Objekten in der unmittelbaren Umgebung des Autos aufgezeichnet werden. Zahlreiche Start-ups entwickeln innovative Lidar-Produkte. Der Tier1-Zulieferer Delphi Automotive investierte 2016 in Quanergy System und erhofft sich dank der Technologieentwicklung des kalifornischen Start-ups ab 2019 Lidar-Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten zu können. Diverse Start-ups sind mit der Ausarbeitung von Systemen zur Kommunikation von V2V sowie Fahrzeug zu Infrastruktur (V2I) befasst. Auch junge Firmen mit Fokus auf digitale Karten bieten in einem rasanten Tempo neue Technologien an.

Start-ups drängen in die Elektroautofertigung

Nicht nur bei selbstfahrenden Automobilen, auch bei der Optimierung von Technologien in Segmenten wie der Autoreparatur und der Motoreneffizienz haben Start-ups laut Wallace mit innovativen Lösungen bedeutenden Einfluss auf die Branche.

Mit finanzstarken Investoren im Rücken drängen einige Start-ups in die Elektroautomobilfertigung. Das kalifornische Start-up Faraday Future will trotz finanzieller Schwierigkeiten 1 Mrd. US$ in ein Werk zur Fertigung von Luxus-Elektrofahrzeugen in Nevada investieren. Mit Lucid Motors plant ein weiteres Jungunternehmen aus dem Silicon Valley in dem Segment für Furore zu sorgen. Das Unternehmen beabsichtigt, für 700 Mio. US$ eine Produktionsstätte in Arizona zu errichten.

Ein bedeutender Kostenfaktor bei der Elektroautoherstellung sind die Lithium-Ionen-Speicher. Im Bereich der innovativen Batterielösungen tummeln sich zahlreiche Start-ups.

Autohersteller erproben neue Geschäftsmodelle

Einige Automobilhersteller passen ihre Geschäftsmodelle dem sich rasch wandelnden Marktumfeld an, berichtet Wallace. Nicht zuletzt Aktivitäten von Start-ups im Bereich "Mobilität auf Nachfrage" bringen OEM unter Innovationsdruck. Ford plant Innovationen auf den Gebieten Vernetzung, autonomes Fahren und Big Data in einem "Smart Mobility"-Plan zu bündeln und will sich auch zu einem Mobilitätsunternehmen entwickeln. Ford testet neue Mobilitätskonzepte, wie flexible "Car-Sharing"-Modelle und übernahm 2016 das kalifornische Start-up Chariot. Dieses entwickelte einen Shuttle-Service, der über eine App gesteuert wird.

Auch GM geht neue Wege und gab Anfang 2016 bekannt, beim Fahrdienstvermittler Lyft einzusteigen. GM investierte rund 500 Mio. US$ in das Start-up, das autonom fahrende Taxis entwickelt. Lyft plant, über eine Fahrdienst-Plattform gebuchte Fahrten mit autonomen Fahrzeugen durchzuführen. Zudem gründete GM 2016 in einigen US-Städten unter der Marke "Maven" eine eigene "Car Sharing"-Flotte.

Deutsche OEM forcieren ebenfalls ihre Bemühungen, via strategischer Partnerschaften mit Start-ups im Land, innovative Mobilitätskonzepte anzubieten. BMW beispielsweise beteiligte sich 2016 an Scoop Technologies aus San Francisco. Das Unternehmen bietet einen Smartphone-basierten Mitfahrservice an.

Internetadressen

Center for Automotive Research

Internet: http://www.cargroup.org

Association for Unmanned Vehicle Systems International

Internet: http://www.auvsi.org

Original Equipment Suppliers Association

Internet: http://www.oesa.org

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen), Personenkraftwagen (Pkw), Robotik und Automation, Elektromobilität

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