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18.03.2019

US-Kliniken zwischen Innovation und Sparzwang

Technologiekonzerne drängen in den Gesundheitsmarkt / Von Heiko Steinacher

San Francisco (GTAI) - Wegen jahrelang ausufernder Gesundheitskosten sind US-Krankenhäuser in enormen Sparzwang geraten. Dennoch bestehen in den Vereinigten Staaten große Absatzpotenziale für Medizintechnik.

Der Gesundheitsdienstleister Tenet Healthcare investiert zweistellige Millionenbeträge in die Modernisierung des Baptist Medical Center Hospital in San Antonio, Texas. Die noch bevorstehende zweite Phase des Sanierungsplans kostet voraussichtlich 11 Millionen bis 15 Millionen US-Dollar (US$). Vorgesehen sind neue Räume zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Auf der Einkaufsliste des Investors stehen daher modernste diagnostische Bildgebungsgeräte sowie Instrumente für die Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie.

Immer mehr Patienten in den USA werden dagegen in kleineren und ambulanten Operationszentren behandelt. "Wir sehen, dass zwei verschiedene Arten von Einrichtungen für Kranke entstehen", sagte Brady Phillips, der Strategiechef des Krankenhauses, gegenüber US-Medien. "Zum einen sind da die älteren und größeren Kliniken, in denen vor allem kritische Patientenzustände erkannt und behoben werden. Zum anderen bauen wir aber auch kleinere, stärker spezialisierte Gesundheitszentren, wo Patienten in weniger akuten Fällen näher an ihrem Zuhause behandelt werden können."

Potenzial trotz Kostendruck

Die Anzahl der Krankenhäuser in den USA dürfte aber mittelfristig kaum steigen, trotz zahlreicher Aus- und Neubauprojekte. Denn den Neubauten stehen angesichts des hohen Kostendrucks Zusammenlegungen oder Schließungen in Ballungsgebieten gegenüber (weitere Informationen: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Branchen/Branche-kompakt/branche-kompakt-medizintechnik,t=branche-kompakt-usmarkt-fuer-medizintechnik-gibt-nach,did=2169776.html). Mit einem Anteil von knapp 50 Prozent bilden Krankenhäuser die wichtigste Kundengruppe für Medizintechnik.

Dennoch ist das Potenzial groß. Moody's zum Beispiel erwartet, dass der US-Markt für medizinische Ausrüstungen 2019 und 2020 um jeweils 4,5 bis 5,5 Prozent wachsen wird. Die Ratingagentur stützt ihre Prognose unter anderem auf den starken Umsatz mit relativ neuen, margenstarken Produkten von Unternehmen wie Edwards Lifesciences und Medtronic, darunter vor allem Geräte für Diabetiker, Transkatheter-Herzklappen und Robotersysteme für die Chirurgie. Auch geht Moody's davon aus, dass Abbott Laboratories und Becton Dickinson die Firmen, die sie in den letzten Jahren übernommen haben, relativ schnell in ihre Konzernstrukturen eingliedern und dadurch Synergien erzielen können.

US-Einfuhr von Medizintechnik 2018 (in Mio. US$)
Produktgruppe (HS-Pos.) Einfuhr davon aus Deutschland
Orthopädietechnik, Prothesen etc. (9021) 13.408,6 937,5
Andere Instrumente, Apparate und Geräte (9018.9) 11.844,9 1.403,2
Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc. (9018.31 bis .39) 6.676,4 155,4
Elektrodiagnoseapparate und -geräte (9018.11 bis .20) 5.485,8 1.153,0
Röntgenapparate etc. (9022) 4.540,7 1,393,6
Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc. (9019, 9020) 3.940,0 113,6
Medizinmöbel etc. (9402) 1.001,1 110,4
Zahnmed. Instr.; a.n.g. (9018.41, .49) 930,9 285,0
Ophthalmologische Instrumente (9018.5) 455,3 99,8
Rollstühle (8713) 339,8 1,6
Sterilisierapparate (8419.2) 186,3 8,0

Quelle: U.S. International Trade Commission

Neuentwicklungen treiben Wachstum

Die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde (Food and Drug Administration; FDA) hat 2018 mehr als 40 medizintechnische Geräte zugelassen, darunter einen ophthalmologischen Laser, eine künstliche Herzklappe, ein magnetisches Lokalisierungssystem zur Behandlung von Brustkrebs und ein Glukoseüberwachungssystem. Und die Entwicklung schreitet voran. So haben die USA 2018 gleich eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Erforschung und Erprobung innovativer Therapietechniken eingeleitet. Laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) sollen die Ausgaben der USA im Gesundheitsbereich für Forschung und Entwicklung 2019 weiter steigen.

Immer mehr Einwegprodukte

Zur Verminderung von Infektionsrisiken ersetzen US-Krankenhäuser zunehmend wiederverwendbare Materialien durch Einwegprodukte. Die Nachfrage danach (all types of disposable medical supplies) soll laut dem Marktforschungsunternehmen Freedonia bis 2022 um jährlich 4,1 Prozent (nominal) auf 66,6 Milliarden US$ steigen. Den größten Anteil machen chirurgische Einweginstrumente und Hilfsgüter aus, deren Umsatz 2022 rund 14,2 Milliarden US$ erreichen dürfte (im Schnitt +3,8 Prozent pro Jahr). Der Markt für Einwegverbrauchsmaterial für Dialyse soll bis 2022 um jährlich 6,3 Prozent auf dann 2,6 Milliarden US$ zulegen: Die Marktforscher erwarten eine starke Zunahme von unheilbaren Nierenerkrankungen, die eine Dauerbehandlung erfordern, und damit verbundene Operationen.

Vielversprechende Laseranwendungen

Die hohe Nachfrage nach kosmetischen und dermatologischen Behandlungen und Eingriffen bietet Anbietern von Lasern gute Absatzchancen. Ende Juli 2018 setzte die FDA mehreren Herstellern allerdings ein deutliches Zeichen: Nach Berichten über unerwünschte Nebenwirkungen hat sie den betroffenen Unternehmen verboten, bestimmte Lasergeräte für kosmetische Eingriffe im Genitalbereich zu bewerben.

Angesichts der Alterung der Bevölkerung besteht außerdem ein hoher Bedarf an Lasertechnik für Vorsorgeuntersuchungen. Im roten Spektralbereich, vor allem bei holografischen Anwendungen, werden Gaslaser zunehmend durch Diodenlaser ersetzt, verlautet aus Branchenkreisen. Eine noch kleine, aber stark wachsende Marktnische bilden Dentallaser: Der Hersteller Biolase berichtet, dass sein US-Umsatz mit Dentallasern im 4. Quartal 2018 gegenüber demselben Vorjahreszeitraum um über die Hälfte gestiegen ist (weitere Informationen: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=usmarkt-bietet-enorme-wachstumspotenziale-fuer-laseranwendungen,did=2226306.html).

Hardwarebetonte Branche goes software

Auch die großen US-Technologiekonzerne im Silicon Valley treiben ihre Ideen im Gesundheitsbereich voran, oft in Kooperation mit Start-ups. Dabei geht es nicht nur um Apps, Smartwatches oder Fitnesstracker, sondern zum Beispiel auch um Speicher für Gesundheitsdaten. Amazon hat laut dem "Wall Street Journal" eine Software entwickelt, die komplett automatisiert Details über Patienten ausweist, um so Ärzten und Krankenhäusern die Behandlung zu erleichtern.

Als boomende Stadt der Innovationen, vor allem für das Gesundheitswesen, hat sich in den letzten Jahren Boston einen Namen gemacht. Amazon Web Services (AWS), eine Tochtergesellschaft des Onlineversandhändlers, sponsert dort gerade ein Programm in einem Lehrkrankenhaus, das der Harvard-Universität angeschlossen ist. Ziel ist, durch Künstliche Intelligenz (KI) die Effizienz und Wirtschaftlichkeit in Hospitälern zu verbessern.

Das zu Google gehörende Unternehmen DeepMind hat eine KI namens AlphaFold entwickelt, welche die Faltung neuer Proteine genauer als jedes andere Computerprogramm vorhersagt. Fachleute erwarten dadurch große Fortschritte in der Molekularbiologie.

Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Akzeptanz räumen Beobachter in den USA auch der Telemedizin großes Entwicklungspotenzial ein. Allerdings sind Ärzte und Pflegekräfte bisher erst schwach untereinander vernetzt, sodass der Austausch elektronischer Krankenakten oft noch gar nicht möglich ist. Ein weiteres Problem sind Cyber-Angriffe.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in den USA finden Sie unter http://www.gtai.de/usa.

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein

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