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14.12.2016

US-Kohleindustrie hat weiter zu kämpfen

Strukturwandel im Stromsektor ist nur schwer aufzuhalten / Abbau von Umweltauflagen erwartet / Von Martin Wiekert

Washington D.C. (GTAI) - Das Markumfeld für die amerikanische Kohlewirtschaft bleibt weiterhin schwierig. Die US-Energieversorger fragen aufgrund des stagnierenden Stromverbrauchs, niedriger Erdgaspreise und einer stärkeren Nutzung von Ökoenergien immer weniger einheimische Kohle nach. Auch in wichtigen Exportmärkten lässt das Interesse an dem Rohstoff zu wünschen übrig. Ein durch die Trump-Regierung initiierter Wegfall von Umweltregulierungen dürfte der Kohlebranche nur begrenzt helfen. (Internetadressen)

Der Niedergang des US-Kohlebergbaus hat sich 2016 fortgesetzt. Im 1. Halbjahr wurden im Land noch 334 Mio. "short tons" (MMst) gefördert (1 short ton = 907,2 kg). Dies waren rund 26% weniger als im Vergleichszeitraum 2015. Hauptverantwortlich für den Rückgang war die schwächere Nachfrage der US-Stromwirtschaft, die den Großteil der lokalen Kohleproduktion abnimmt. Der milde Winter und die reichliche Verfügbarkeit von billigem US-Erdgas minderten dort den Bedarf. Hinzu kam ein kräftiger Einbruch der Exporte, der auf die schwächelnde Weltkonjunktur und preisgünstige konkurrierende Energieangebote zurückzuführen war.

Produktion bleibt im Sinkflug

Schon im Jahr 2015 war die US-Kohleproduktion bei einem Rückgang von 10% auf ihr niedrigstes Niveau seit 1986 gesunken. Die Beschäftigtenzahl im Sektor reduzierte sich dabei um weitere 12% auf nur noch rund 66.000. Im Jahr 2016 Jahr wird sich der Produktionsrückgang nach den Prognosen der U.S. Energy Information Administration (EIA) in beschleunigtem Tempo fortsetzen.

Entwicklung des US-Kohlemarkts (in Mio. US-Tonnen) 1)
2014 2015 2016 2) 2017 2)
US-Produktion 1.000 897 758 772
Importe 11 11 10 11
Exporte 97 74 57 59
US-Verbrauch 918 798 737 755
.davon im Stromsektor 852 738 681 701
.davon in anderen Bereichen 66 60 56 54

1) 1 US-Tonne ("short ton") = 907,2 kg; 2) Prognosen

Quelle: U.S. Energy Information Administration, Short-Term Energy Outlook vom Dezember 2016

Erdgaskraftwerke übernehmen Hauptrolle in der Stromversorgung

Der Bedeutungsverlust des Energieträgers zeigt sich auch in seinem rückläufigen Beitrag zur US-Stromerzeugung. Die Konkurrenz durch billiges Erdgas und die staatlich unterstützte Ausweitung der erneuerbaren Energien hatten der Kohle dort in den letzten Jahren kontinuierliche Marktanteilsverluste beschert. Im Jahr 2016 dürfte Kohlestrom sogar erstmals hinter der Erzeugung aus Gaskraftwerken zurückfallen. Laut dem Short-Term Energy Outlook der U.S. Energy Information Administration (EIA) vom Dezember wird sein Versorgungsbeitrag nur noch etwa 30% erreichen, während Erdgasstrom circa 34% beiträgt. In den Jahren vor der Finanzkrise war Kohle noch für fast die Hälfte der US-Elektrizitätsproduktion verantwortlich.

Ein zentraler Treiber dieses Verdrängungsprozesses - die staatliche Umweltpolitik - könnte demnächst allerdings an Einfluss verlieren. So kündigte der designierte US-Präsident Trump an "arbeitsplatzvernichtende Regulierungen" im Energiesektor rückgängig zu machen. Im Visier dürften dabei vor allem die Maßnahmen der Obama-Regierung zur Verminderung des CO2-Ausstoßes von Kraftwerken und andere die Kohlewirtschaft einschränkende Vorschriften stehen. Ob auch die vom Kongress Ende 2015 beschlossenen Bundessteuerkredite für erneuerbare Energien wieder in die Diskussion geraten, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Umweltpolitik und Marktkräfte sorgen für Wettbewerbsdruck

Energiefachleute rechnen allerdings nicht damit, dass eine Trump-Regierung dem US-Kohlebergbau zu einer nachhaltigen Renaissance verhelfen kann. Zum einen treiben auch die US-Bundesstaaten, die in Energiefragen weitreichende Kompetenzen besitzen, den Strukturwandel in der Stromversorgung voran (siehe hierzu etwa die vielfältigen unter http://www.dsireusa.org aufgeführten Maßnahmen). Zum anderen haben schon länger implementierte Bundesregulierungen wie die Mercury and Air Toxic Standards (MATS) dafür gesorgt, dass viele ältere Kohlekraftwerke unwiderbringlich stillgelegt wurden.

"Eine künftige Trump-Administration kann nicht viel tun, um die Kohleproduzenten zu schützen", schreibt etwa der Reuters-Energiemarktanalyst John Kemp. Seiner Meinung nach ist die Krise der Branche eher auf starke ökonomische Kräfte zurückzuführen als auf die Politik oder die Regulierungen der Obama-Regierung. Vor allem das durch die Fracking-Revolution üppig und kostengünstig verfügbare Schiefergas macht der Kohle in den USA zu schaffen. Kemp verweist auch auf die operativen Vorteile der Gasstromerzeugung: "Gasbefeuerte Kraftwerke können kostengünstiger und schneller gebaut und effizienter betrieben werden. Zudem ermöglichen sie wichtige operative Flexibilität, die kohlebefeuerte Anlagen nicht bieten können."

Versorger kalkulieren langfristig

Ohnehin müssen Kraftwerksbetreiber langfristig planen und können angesichts jahrzehntelanger Anlagenlaufzeiten nicht nur auf temporäre politische Unterstützung bauen. Wegen des absehbaren Vormarsches von Erdgas und der erneuerbaren Energien wurden in den USA in den letzten Jahren kaum neue Kohlekraftwerke errichtet. Neben der Umweltpolitik war dafür die seit längerem recht schwache Entwicklung der US-Stromnachfrage verantwortlich.

Hunderte von Kohlekraftwerken wurden in den USA in der jüngeren Vergangenheit bereits stillgelegt. Die meisten Experten gehen nicht davon aus, dass diese Kapazitäten jemals wieder aufgebaut werden. Nach dem neuen Jahresenergieausblick der EIA sollte die Konsolidierung des Sektors allerdings künftig deutlich langsamer vonstattengehen.

US-Stromerzeugungskapazitäten (in Gigawatt, Veränderungen in %) 1) 2)
Kraftwerkstypen 2014 2015 2016 2017
Insgesamt 1.003,4 1.007,8 988,3 1.004,9
.Kohle 290,8 277,7 226,2 220,9
.Öl- und Erdgas-Dampf 91,9 91,0 95,4 96,5
.Combined-Cycle 198,1 202,3 210,9 221,3
.Verbrennungs-turbinen/Diesel 138,7 138,3 140,2 143,9
.Erneuerbare Energien 162,1 176,2 193,2 200,4
.Kernkraft 99,1 99,8 99,8 99,0
.Pumpspeicherwerke 22,6 22,6 22,6 22,6

1) Netto-Sommerkapazitäten, inklusive Stromerzeugung aus Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen; 2) Prognose Referenzszenario (setzt unveränderten Gesetzesrahmen voraus)

Quelle: U.S. Energy Information Administration (EIA), Annual Energy Outlook, September 2016

Zuliefermöglichkeiten sind weiterhin gegeben

Ein Abgesang auf die amerikanische Kohlestromerzeugung dürfte zumindest in den nächsten Dekaden noch nicht nötig sein. Dies gilt nicht nur wegen des neuen politischen Rückenwinds aus Washington, sondern auch wegen des zuletzt wieder anziehenden Wirtschaftswachstums. Bis auf weiteres bleiben Kohlekraftwerke deshalb als Standbein der US-Energieversorgung unverzichtbar.

Für deutsche Branchenausrüster bietet der US-Kohlebergbau mittel- bis langfristig weiterhin Chancen. Insbesondere in den Kohleregionen im mittleren und westlichen Teil des Landes, die gegenüber den traditionellen Fördergebieten im Osten über Kostenvorteile verfügen, dürften noch Spielräume für Investitionen bestehen. Sollten sich die Branchenhoffnungen auf eine wieder zunehmende Exportnachfrage materialisieren, könnten sich auch Auftragsmöglichkeiten in den Bereichen Kohletransport und -logistik ergeben.

Internetadressen

U.S. Department of Energy (DOE)

Internet: http://www.energy.gov

U.S. Energy Information Administration (EIA)

Internet: http://www.eia.gov

U.S. Environmental Protection Agency (EPA)

Internet: http://www.epa.gov

Database for State Incentives for Renewables and Efficiency (Förderdatenbank)

Internet: http://www.dsireusa.org

Deutsch-Amerikanische Handelskammern (AHK USA)

Internet: http://www.ahk-usa.de

Representative of German Industry and Trade (Delegierter der Deutschen Wirtschaft - RGIT)

Internet: http://www.rgit-usa.com

(W.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Kohle, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien

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