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26.09.2018

US-Nahrungsmittelbranche investiert trotz Absatzsorgen

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Überangebot an Fleisch und Milchprodukten / Von Ullrich Umann (August 2018)

Washington (GTAI) - US-Nahrungsmittelhersteller weiten Produktion aus und investieren in neue Maschinen. Der Trend zu Bio-Lebensmitteln und höherwertigen Produkten besteht fort.

Die USA verfügen nach China und vor Brasilien weltweit über eine der leistungsstärksten Nahrungsmittelindustrien. Diesem Industriezweig sind 27.000 Unternehmen beziehungsweise Firmenniederlassungen mit ausländischen Kapitalanteilen zugeordnet. Der Wettbewerb auf dem Inlandsmarkt für Lebensmittel ist massiv. Um Marktanteile zu verteidigen oder gar auszubauen, müssen Hersteller hohe Investitionen tätigen, darunter in ihre Maschinenparks.

Nach Angaben des Marktforschers Hoovers hat die Nahrungsmittelindustrie 2017 einen Umsatz von 775 Milliarden US-Dollar (US$) erwirtschaftet. Das Statistikamt U.S. Census Bureau gibt den Wert der ausgelieferten Nahrungsmittel für das Jahr 2017 abweichend von Hoovers mit 819 Milliarden US$ an. Im ersten Halbjahr 2018 hatte der Branchenausstoß laut Census Bureau bei 396 Milliarden US$ gelegen. Um den Vorjahreswert zu übertreffen, müsste das Wachstum im zweiten Halbjahr gesteigert werden.

Die Erzeugung von Produkten aus Fleisch, Geflügel und Fisch hält an der gesamten Nahrungsmittelverarbeitung mit wertmäßig knapp 30 Prozent den größten Anteil. Auf Molkereierzeugnisse sowie auf die Getreide- und Ölsaatverarbeitung entfallen weitere 14 beziehungsweise 12 Prozent. Die höchsten Wertzuwächse verzeichnete im ersten Halbjahr 2018 die Getreide- und Ölsaatverarbeitung mit einem Plus von 7,6 Prozent im Vorjahresvergleich.

Überangebot an Fleisch und Milchprodukten

Der Wert der ausgelieferten Molkereierzeugnisse ging im gleichen Zeitraum um 1,7 Prozent zurück, was unter anderem an den Handelsrestriktionen der Trump-Regierung gegen Mexiko, China und auch gegen Kanada liegt. Im Gegenzug führten die genannten Abnehmerländer Strafzölle auf Milchprodukte aus den USA ein; zuletzt Kanada am 1. Juli 2018. Vor allem die Lieferverteuerung in Richtung Mexiko schlägt zu Buche, handelt es sich doch um den größten Exportmarkt für die US-Milchwirtschaft. Dadurch hat sich ein Rückstau auf dem US-Markt gebildet, was die Preise sinken lässt.

Gleiches gilt für Erzeugnisse aus Schweine- und Rindfleisch. Auch hier führt der Handelsstreit nebst Gegenmaßnahmen der genannten Abnehmerländer zu einem Überangebot und zu Preisabschlägen. Als ein Nebeneffekt bedrohen die nunmehr gesunkenen Preise auf rotes Fleisch die solide Marktposition von Geflügelfleisch, das bislang konkurrenzlos billig war. Das Landwirtschaftsministerium U.S. Department of Agriculture (USDA) sagt für das Gesamtjahr 2018 eine Produktion von 51,4 Millionen Tonnen Fleisch voraus, darunter 12,4 Millionen Tonnen Rindfleisch.

Auslieferungen nach bedeutenden Marktsegmenten (in Mrd. US$; Veränderungen in %)
Segment 2017 Veränderung 2017/16 Januar-Juni 2018 1) Veränderung Januar-Juni 2018/17 2)
Insgesamt 819,0 5,0 399,7 2,3
.Fleisch-, Geflügel- und Fischerzeugnisse 235,1 5,8 116,3 1,8
.Molkereierzeugnisse 116,7 4,1 56,5 -1,7
.Getreide- und Ölsaatverarbeitung 90,5 2,9 46,8 7,6

1) Für Juni ist nur der vorläufige Wert verfügbar; 2) Berechnung auf Basis nicht gerundeter Werte

Quelle: U.S. Census Bureau

Branche weitet Produktion aus

Laut dem Informationsportal "Food Processing" ist 2018 trotz der Absatzsorgen bei Milch und rotem Fleisch insgesamt mit anschwellenden Investitionen in die Nahrungsmittelverarbeitung zu rechnen. Investitionsfördernde Motive sind unter anderem der Austauschbedarf für amortisierte Verarbeitungslinien, aber auch Produktionsausweitungen. In diesem Zusammenhang steigt der Bedarf an Verpackungsmaschinen.

Die Manufacturing Alliance for Productivity and Innovation (MAPI) prognostiziert, dass der Mengenoutput der Nahrungsmittelindustrie 2018 um 3 Prozent zulegt. Ab 2019 soll sich das Wachstum auf jeweils 2 Prozent pro Jahr abflachen. Hoovers hält sogar ein wertmäßiges Wachstum der Branche um 4 Prozent pro Jahr für möglich, und das durchgängig bis 2022. Mengenzuwächse sowie Preissteigerungen würden diese Prognose laut Hoovers rechtfertigen.

Produktionsindizes der nahrungsmittelverarbeitenden Industrie (in %; realer Output; Jahresdurchschnitt 2012 = 100; saisonbereinigter Index)
Nahrungsmittelgruppe April 2018 Mai 2018 Juni 2018 *)
Nahrungsmittel insgesamt 115,1 114,3 114,3
.Getreide- und Ölsaaten 109,6 109,3 109,4
.Zucker und Süßwaren 120,9 117,9 116,0
.Obst- und Gemüsehaltbarmachung, Feinkost 111,3 110,2 107,5
.Molkereiprodukte 102,9 104,5 104,3
.Tierschlachtung und -verarbeitung 113,8 111,7 111,2
.Backwaren und Tortillas 111,1 110,2 111,2

*) vorläufige Daten

Quelle: Federal Reserve

Steigende Privateinkommen sowie der anhaltende Trend zu Biolebensmitteln, aber auch zu Nahrungsmitteln mit besonderen Qualitätsmerkmalen (kalorienarm, fettfrei, zuckerfrei oder glutenfrei) gehören zu den Wachstumstreibern. Um dem Nachfrageanstieg bei hochwertigen Nahrungsmitteln nachzukommen, investieren Hersteller in Anlagen, Maschinen und Technologie.

Produzenten proteinreicher Nahrung auf Pflanzenbasis weiten seit geraumer Zeit ihre Kapazitäten aus. Sie bedienen das steigende Bedürfnis nach vegetarischer und veganer Ernährung. So kündigte zum Beispiel Pinnacle Foods eine Investition von 32,7 Millionen US$ in eine Produktionslinie für proteinreiche Lebensmittel am Standort Hagerstown an.

Hausmarken liegen im Trend

Doch längst nicht jeder Konsument will oder kann sich teure Nahrungsmittel leisten. Daher erfreuen sich Handels- beziehungsweise Hausmarken ("private labels"), die in den großen Supermarktketten im unteren Preissegment zu finden sind, einer großen Beliebtheit in der einkommensschwachen Bevölkerung. Die Supermarktketten verdienen mit diesen Produkten trotz ihrer geringen Abgabepreise Milliardensummen und platzieren entsprechend große Losgrößen bei den Herstellern. Diese stocken ihre Kapazitäten auf. Nicht selten werden renommierte Marken und "private labels" im selben Produktionswerk auf parallel laufenden Linien gefertigt.

Bei den Verpackungen geht der Trend in Richtung umweltfreundlicher Materialien und praktischer Formen zum sofortigen Nahrungsmittelverzehr. Fleischhersteller verpacken zubereitungsfertige Portionen, bei denen Zutaten wie Gewürze und Soßen gleich in den Verpackungen mit enthalten sind. Ein weiterer Trend geht zu wiederverschließbaren Frischhaltepackungen sowie zu kleineren Behältnissen. Letztere richten sich an Singles sowie an gewichts- und gesundheitsbewusste Konsumenten, da durch die Portionierung der Kalorienkonsum besser kontrolliert werden kann.

Durch Marken- und Produktauffrischungen gewinnen Hersteller von Tiefkühlfrost verlorene Kunden zurück. Im Trend liegen Markennamen, die gesund klingen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Hersteller Conagra Brands mit seinen neu gestalteten Produktlinien Healthy Choice, Marie Callender´s und Banquet.

Ausgewählte Investitionsprojekte in der Nahrungsmittelindustrie (in Mio. US$)
Investor Investition Fertigstellung Anmerkung
Tyson Foods, Humboldt, TN 300 2020 Hühnerfarm und Fleischverarbeitung
Lamb Weston Holdings, Hermiston, OR 250 2019 Produktionslinie für tiefgekühlte Pommes Frites
Haribo, Pleasant Prairie, WI 242 2020 Süßwarenfabrik
J.M. Smucker Co., Longmont, CO 200 2019 Tiefkühllinie für Sandwiches
Cargill, Nashville, TN 146 2019 Erweiterung einer Fleisch- und Wurstanlage
Michael Foods, Norwalk, IA 85 2019 Erzeugung von Eiern und Erzeugnissen daraus

Quelle: Food Processing

Investitionen in die Schweinefleischerzeugung befinden sich in der Pipeline. Dazu gehören ein 300 Millionen US$ teures Schlachthaus nebst Verarbeitungslinie, die Prestage Foods im Jahr 2019 am Standort Eagle Grove (Iowa) eröffnen möchte. Die Wettbewerber Hormel Foods Corporation und die Butterball, LLC. sollen dem Vernehmen nach Großprojekte unter anderem zur Schinkenproduktion planen. Nähere Angaben darüber wurden bisher nicht gemacht.

Produktion im Fleischsegment (in Mio. Pfund; Veränderung in %)
Segment 2017 2018 *) 2019 *) Veränderung 2019/18 * )
Insgesamt 100.169 103.090 105.483 2,3
.Rindfleisch 26.187 27.150 27.690 2,0
.Schweinefleisch 25.584 26.745 27.700 3,6
.Masthähnchen 41.662 42.495 43.360 2,0
.Truthahn 5.981 5.942 5.970 0,5

*) Prognose

Quelle: U.S. Department of Agriculture (USDA)

Umsatzstärkste Unternehmen in der US-Nahrungsmittelindustrie 2017 (in Mio. US$) *)
Unternehmen Umsatz im Fiskaljahr 2017 Veränderung 2017/16
PepsiCo 63.525 1,2
Tyson Foods Inc. 38.260 3,7
Coca-Cola Co. 35.410 -15,4
Kraft Heinz Co. 26.232 -1,0
Mondelez International, Inc. 25.896 -0,1
General Mills, Inc. 15.740 0,8
Kellog Company 12.923 -0,7

*) Nur Umsätze von Nahrungsmitteln (inklusive Getränke)

Quelle: Hoovers

US-Amerikaner bevorzugen Mineralwasser und Wein

Etwa 1.200 Hersteller- und Abfüllbetriebe in den USA erzeugen alkoholfreie Getränke. Ihr Jahresumsatz liegt bei 50 Milliarden US$. Nicht eingerechnet sind Fruchtsäfte. Laut Hoovers wird der mengenmäßige Ausstoß bei nichtalkoholischen Getränken 2018 um 4 Prozent und 2019 um 3,9 Prozent wachsen.

Zum Wachstum sollen laut gleicher Quelle das steigende Angebot an Erfrischungsgetränken mit kalorienarmen natürlichen Süßstoffen sowie an Sport- und proteinreichen Getränken beitragen. Ebenfalls steigt der Absatz von kohlensäurehaltigem Mineralwasser sowie stillem Wasser laut Freedonia um 4,9 Prozent pro Jahr (ohne Mineralwasser mit Geschmacksstoffen und Vitaminzusätzen). Auch umweltfreundliche Verpackungen aus biologisch abbaubaren, recycelfähigen oder recycelten Materialien fördern den Absatz alkoholfreier Getränke.

Auslieferung von Trinkwasser (in Milliarden Gallonen)
2007 2012 2017 2022 *)
Gesamt 9,51 10,4 13,95 16,9
.stilles Wasser in PET-Flaschen 4,72 6,45 9,23 11,71
.stilles Wasser in Großbehältern 2,77 2,09 2,43 2,57
.stilles Wasser in anderen Behältnissen 1,18 1,06 1,25 1,46
.Wasser mit Geschmacksstoffen 0,55 0,46 0,4 0,37
.Mineralwasser mit Kohlensäure 0,29 0,34 0,64 0,79

*) Prognose

Quelle: Freedonia

Wird nicht die Erzeugermenge, sondern der wertmäßige Ausstoß betrachtet, kriselt es in der Branche. Das schließt auch die Hersteller alkoholischer Getränke ein. So weist das Bureau of Census einen Rückgang des wertmäßigen Getränkeausstoßes im Jahr 2017 um 6 Prozent auf 111,75 Milliarden US$ aus. Dieser Abwärtstrend setzte sich im ersten Halbjahr 2018 mit einem Rückgang um 2 Prozent auf 51,6 Milliarden US$ (auf jeweils vergleichbarer Vorjahresbasis) fort, wenn auch langsamer als zuvor. Generell greifen die Verbraucher zunehmend zu Mineralwasser statt kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken und mehr zu Wein als zu Bier.

Getränkeproduktion (ohne Wasser, in Milliarden Gallonen)
2007 2012 2017 2022 *)
Gesamt 43,5 43,7 45,9 48,9
.kohlensäurehalte Erfrischungsgetränke 14,6 13,2 12,2 11,3
.Bier 5,8 5,8 5,5 5,5
.Fruchtsäfte 3,3 3,3 3,3 3,2
.Sportgetränke 1,4 1,4 1,5 1,7
.Wein 0,6 0,7 0,8 0,9
.Spirituosen 0,3 0,3 0,4 0,5

*) Prognose

Quelle: Freedonia

Neue Anbieter sind auf dem Getränkemarkt in absehbarer Zeit nur in einer überschaubaren Zahl zu erwarten. Dies hängt mit den relativ hohen administrativen Hürden zusammen, die in Bezug auf Produktion und Vertrieb zu überwinden sind. Hinzu kommt die im Anfangsstadium fehlende Konsumentenloyalität in einem insgesamt schwierigen Marktumfeld. Dagegen sind die Investitionskosten für die am Markt eingeführten Hersteller wesentlich leichter zu stemmen.

Fusionen und Übernahmen sowie Umstrukturierungen des Produktportfolios sind an der Tagesordnung. So hat die Cott Corporation im März 2018 den Anbieter von Mineralwasser, Crystal Rock Holding, in den eigenen Firmenbestand eingegliedert. Nur zwei Monate zuvor, im Januar 2018, hatte Cott die Produktion von Erfrischungsgetränken an Refresco verkauft.

Im November 2017 übernahm Danone einen Minderheitsanteil am Wassererzeuger Kona Deep. Und im August 2017 verkündeten die Talking Rain Beverage Company und die Tata Global Beverages Company die Einrichtung einer Verkaufsallianz.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in den USA sind unter http://www.gtai.de/usa abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Getränke, Nahrungsmittel

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