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08.11.2018

Venetien erfindet sich neu

Comeback durch Innovation / Von Oliver Döhne

Mailand (GTAI) - Die norditalienische Region Venetien erwacht zu neuer Blüte und bietet mit ihrem zukunftsgewandten Umfeld auch deutschen Unternehmen interessante Perspektiven.

Einst eine Hochburg der Textil-, Juwelier- und Lebensmittelindustrie nahm Venetien während Italiens Wirtschaftskrise besonders großen Schaden. Viele Unternehmen gingen in Konkurs. Doch die Notlage verpasste der Region auch einen Innovationsschub, dessen Resultate nun erste Früchte tragen.

Venetien widmet sich zielgerichtet neuen Technologien, bringt Unternehmen und Forscher zusammen und meldet sich nun als eine der wettbewerbsfähigsten Regionen Italiens zurück.

Der Erfolg zeigt sich unter anderem am wiedererstarkten Export, der rund 14 Prozent der italienischen Auslandslieferungen von rund 448 Mrd. Euro ausmacht und Venetien 2017 ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) über dem Landesdurchschnitt verschaffte. Wichtigster Absatzmarkt ist Deutschland. Auch der Inlandskonsum der rund 5 Millionen Venetier legt wieder zu und wuchs 2017 um 1,5 Prozent, zumal die Arbeitslosigkeit die niedrigste in ganz Italien ist.

Top Standort für Start-Ups

Der Import aus dem wichtigsten Lieferland Deutschland nahm 2017 um 11 Prozent auf rund 10 Milliarden Euro zu, dabei entfielen 4,3 Milliarden auf Kfz, 1,4 Milliarden Euro auf bearbeitete Waren (vor allem Nichteisenmetalle, Eisen/Stahl und Metallwaren), 1,1 Milliarden auf Nahrungsmittel (vor allem Milcherzeugnisse), 1 Milliarde auf chemische Erzeugnissen (vor allem Kunststoffe) und 925 Millionen auf Maschinen. Im 1. Halbjahr 2018 wuchs die Einfuhr aus Deutschland sogar um 27,5 Prozent zu, wodurch der Anteil deutscher Lieferanten an der Gesamteinfuhr Venetiens auf über 25 Prozent stieg.

Auch die Investitionen nahmen im Veneto 2017 mit 3,9 Prozent überdurchschnittlich zu. Bei der Zahl der neuen Start-Ups liegt die Region unter den Top vier Italiens, besonders dynamisch entwickelt sich Padua, hier finden sich rund 220 Start-Ups. Die sieben Provinzen Venetiens (Verona, Vicenza, Padua, Venezia, Belluno, Rovigo und Treviso) waren 2017 gemeinsam für etwa 9,4 Prozent des italienischen BIP verantwortlich.

Laut einer Bestandsaufnahme der Deutsch-Italienischen Handelskammer (AHK) sind in Venetien etwa 300 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung aktiv, davon die meisten in den Provinzen Verona, Padua und Vicenza. Als Vorzüge der Region nannten die von der AHK befragten Unternehmen besonders die Infrastruktur, den Zugang zu Technologie sowie die Immobilien- und Arbeitskosten.

Eckdaten der Region Venetien
Indikator Venetien
Bevölkerung 4,9 Mio. (2018)
BIP 155,8 Mrd. Euro (2016)
BIP-Wachstum 1,6% (real, 2017)
BIP pro Kopf 31.731 Euro (2016)
Einfuhr 50 Mrd. Euro (2017)
Einfuhr aus Deutschland 10 Mrd. Euro (2017)
Industrieschwerpunkt Metallurgie, Maschinenbau, Lebensmittel, Mode/Textil, Leder

Quelle: ISTAT

Regionale Innovationsnetzwerke

Eine wichtige Säule der Innovationsstrategie Venetiens sind die regionalen Innovationsnetzwerke (Reti Innovative Regionali), thematische Exzellenzzentren innovativer privater und öffentlicher Akteure. Die Innovationsnetzwerke sind in vier Kategorien - Smart Agrifood, Smart Manufacturing, Sustainable Living und Creative Industries - untergliedert. Sie umfassen zurzeit etwa 15 Netzwerke, unter anderem zu den Themen "Gießerei der Zukunft", Energieeffizienz und Precision Manufacturing Engineering. Die Zertifizierung zu Exzellenzzentren übernimmt die staatliche Agentur Veneto Innovazione, die auch die Innovationsprogramme der Europäischen Kommission für die Region Veneto durchführt.

An den meisten Innovationsaktivitäten sind auch die vier renommierten Universitäten der Region in Padua, Verona und Venedig beteiligt, die zudem für ein gutes Angebot an hochqualifizierten Arbeitskräften sorgen. Während Padua besonders für seine Ingenieure bekannt ist, liegt der Fokus in Venedig auf Betriebswirtschaft (Ca Foscari) sowie Architektur/Design (Luav).

Auch deutsche Firmen suchen die Zusammenarbeit mit den Universitäten. Die Unternehmensgruppe Fischer vergibt in Kooperation mit der Universität Padua Stipendien, Praktikumsplätze, Ausbildungsverträge sowie Forschungsprojekte für Doktoranden. Als erstes Unternehmen hat sich Fischer der Forschungskooperation UniSmart angeschlossen und beteiligt sich an weiteren internationalen Förderprogrammen in den Bereichen Chemie, Bautechnik, Maschinenbau und Werkstoffkunde.

In der Umfrage der AHK unter deutschen Unternehmen im Veneto gaben 34 Prozent an, eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung vor Ort zu unterhalten, davon hatte die Hälfte schon mit lokalen Universitäten und Forschungsinstituten kooperiert und lobte die gute Verbindung zwischen Unternehmens- und akademischer Welt. Neben seinen Universitäten beherbergt Venetien eine Reihe renommierter Forschungsinstitute

Wichtige Technologie- und Forschungszentren in Venetien
Name Schwerpunkt Internetadresse
ICMATE Physik, Chemie, Werkstoffe http://www.icmate.cnr.it
IGI Thermonuklearfusion http://www.igi.cnr.it
ICB Biosysteme http://www.icb.cnr.it
IFN Fotonik, Nanotechnologie http://www.ifn.cnr.it
IGG Geologie http://www.igg.cnr.it
IN Neurowissenschaften http://www.in.cnr.it

Quelle: CNR (Consiglio Nazionale delle Ricerche)

Logistikdrehscheibe Verona

Außer den wichtigen Wirtschaftszweigen Landwirtschaft und Tourismus verfügt Venetien über eine breite Industriestruktur. Industrielles Zentrum sind die Provinzen Verona und Vicenza. Verona nimmt aufgrund seiner zentralen Lage an der Brennerverbindung zudem die Rolle als wichtigstes Logistikdrehkreuz Italiens ein. "Wir sind von Verona in 4 Stunden im Mutterwerk in Deutschland und zudem sehr gut mit allen norditalienischen Städte verbunden", sagt Stefano Olivotto, Italien-Direktor des Pumpenherstellers Netzsch, der seit 1995 in Verona präsent ist und dort produziert. Auch wegen der geringeren Kosten, der Dienstleisterstruktur sowie dem guten Angebot an Hallen, Büros sowie der Flexibilität der lokalen Behörden hält er Verona für "ideal".

Die regionale Textilindustrie, aus der unter anderem Weltmarken wie Benetton, Diesel und Replay hervorgingen, ist schwerpunktmäßig in Vicenza und Treviso ansässig. Die Lederindustrie sitzt in Verona, Schuhe kommen aus Riviera del Brenta (Venedig), Haushaltselektronik und Möbel aus Treviso, Glas und Brillen aus Belluno. Kühl- und Heiztechnik ist in Padua zu finden, Grafik/Kommunikation/Druck in Verona.

In Padua hat die Unternehmensgruppe Fischer ihre größte ausländische Landesgesellschaft. Rund 300 Mitarbeiter produzieren dort Befestigungssysteme für Italien und die gesamte Unternehmensgruppe. Am Standort in Padua befinden sich Produktion, Forschung & Entwicklung, Prüflabor, Logistik und ein Trainingszentrum.

Mit Venedig, der Laguna, dem Gardasee und den Dolomiten verfügt Venetien auch über eine große touristische Anziehungskraft. Bei der Anzahl der Übernachtungen lag das Veneto im 1. Halbjahr 2018 hinter dem Lazio (Rom) auf dem zweiten Platz.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/Italien Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, Ansprechpartnerin für Italien: Barbara Kussel, barbara.kussel@gtai.de
Regione Veneto http://www.regione.veneto.it Regionalverwaltung Venetien
Veneto Innovazione Spa http://www.venetoinnovazione.it Gesellschaft für angewandte Forschung, Innovation und Technologietransfer im Veneto
Clusters and industrial networks http://www.venetoclusters.it Exzellenzzentren und regionale Industriecluster
Deutsch-Italienische Handelskammer (AHK) http://www.ahk-italien.it Repräsentantin Venedig-Treviso-Belluno: Paola Nardini, nardini@ahk-italien.it; Repräsentant Venetien-West: Silvio Marzari, marzari@ahk-italien.it
Consiglio Nazionale delle Ricerche http://www.cnr.it Der nationale Forschungsrat

Weitere Informationen zu Italien finden Sie unter http://www.gtai.de/Italien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Export, Import, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

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