Suche

14.05.2018

Vielfältige Chancen für Naturheilmittel und Naturkosmetik in Brasilien

Inhalt

Rahmenbedingungen und Marktpotential stimulieren Investitionen/ Von Gloria Rose

São Paulo (GTAI) - Das Potenzial der immensen Pflanzenvielfalt Brasiliens blieb lange ungenutzt. Neue Rechtsgrundlagen bieten Unternehmen nun sowohl im Bereich Pflanzenextrakte als auch in der Entwicklung innovativer Pharma- und Kosmetikprodukte zahlreiche Geschäftschancen. Zeitgleich entwickelt sich die brasilianische Nachfrage nach Naturprodukten. Auch in der öffentlichen Gesundheitsversorgung gewinnt Pflanzenheilkunde an Bedeutung. (Kontaktadressen)

Staatliches Gesundheitssystem fördert Naturheilmittel

Zehn Jahre nach Förderbeginn verzeichnet das Programm für Heilpflanzen und Naturheilmittel erste Erfolge. Die Zahl der mit Pflanzenmedizin behandelten Patienten im öffentlichen Gesundheitssystem Sistema Único de Saúde (SUS) stieg von 6.000 im Jahr 2013 auf fast 90.000 im Jahr 2016. Mittlerweile zählen zwölf Heilpflanzen zum SUS-Angebot. Das Gesundheitsministerium fördert Naturheilkunde über Bildungsangebote für Ärzte, die Ausstattung der SUS-Apotheken mit Naturheilmitteln und den lokalen Anbau von Heilpflanzen über Kleinstbauern. Einige öffentliche Laboratorien stellen bereits Phytopharmaka (Arzneimittel pflanzlichen Ursprungs) für SUS her.

Die Anwendung von Heilpflanzen ist in der brasilianischen Bevölkerung verankert. Insbesondere traditionelle Heilmittel der indigenen Stämme bieten interessante Forschungsansätze. Im Rahmen des staatlichen Förderprogramms entstanden die Informationsplattformen http://www.retisfito.org.br und http://redesfito.far.fiocruz.br zum Austausch von Wissenschaft, Industrie, Land- und Forstwirtschaft sowie Gemeinden.

Steigende Nachfrage belebt Investitionen der Pharmaindustrie

Mit zunehmendem Bewusstsein für Gesundheit und Nachhaltigkeit steigt die Nachfrage nach Naturheilmitteln. Während der Wirtschaftskrise wuchs der Umsatz laut dem Beratungsunternehmen IMS Health (heute IQVIA) jährlich zwischen 5 Prozent und 8 Prozent. 2017 verzeichnetet IMS Health ein nominales Wachstum um 6,4 Prozent auf einen Jahresumsatz von 1,86 Milliarden brasilianischen Reais (R$, etwa 516 Millionen Euro, Durchschnittswechselkurs 2017: 1 Euro = 3,6054 R$). Noch stärker entwickelt sich der Markt für Nahrungsergänzungsmittel. Dem Branchenverband Brasnutri zufolge erwirtschaftete das Segment 2017 einen Zuwachs um 9,5 Prozent auf einen Jahresumsatz von 1,65 Milliarden R$ (458 Millionen Euro). Damit ist Brasilien dem Verband zufolge nach den USA und Australien der drittgrößte Markt weltweit. Im Segment Nutrikosmetika wurden 2015 etwa 450 Millionen R$ umgesetzt.

Brasiliens Marktführer für medizinische Pflanzenpräparate Natulab vertreibt nur einen Bruchteil an das öffentliche Gesundheitssystem SUS. Für den Unternehmenserfolg sorgt die private Nachfrage. Im Jahr 2017 steigerte die Gruppe den Umsatz mit Phytopharmaka um fast 40 Prozent, sechsmal so stark wie das Umsatzwachstum des Phytopharmakamarktes insgesamt. Die Absatzsteigerung lag mit 14 Prozent viermal so hoch. Damit baute Natulab seine Marktführung erneut deutlich aus. Der Pharmakonzern Aché erweiterte Mitte 2016 durch die Übernahme von Laboratório Tiaraju sein Angebot um zwölf Naturheilmittel. Darüber hinaus vergrößerte Aché sein Angebot an Nutraceuticals und tritt in den Nutrikosmetikmarkt ein. Das hohe Wachstum im Bereich Nutraceuticals animiert auch den Generikakonzern Laboratório Prati-Donaduzzi zu Investitionen.

Bedeutendste Hersteller von Phytopharmaka in Brasilien 2017
Gruppe/Unternehmen Wachstum* (in %) Marktanteil*(in %) Internetadresse
Natulab 14,3 14,7 http://www.natulab.com.br
NC Farma (EMS, Brace, CPM, Legrand, Novamed, Germed) 9,9 9,6 http://www.gruponc.net.br
Kley Hertz 2,9 9,4 http://www.kleyhertz.com.br
FQM 7,7 8,0 http://www.fqm.com.br
Almeida Prado 0,3 6,7 http://www.homeopatiaalmeidaprado.ind.br

*bezogen auf den Absatz von Phytopharmaka

Quelle: IMS Health

Hohe Importe pflanzlicher Wirkstoffe verdeutlichen Marktpotenzial

Brasiliens Pharmaindustrie importiert einen Großteil der Pflanzenextrakte. Laut Angaben des Leiters der Pharmaabteilung von Natulab Olavo Rodrigues werden etwa 70 Prozent der verwendeten Phytowirkstoffe importiert, fast ausschließlich aus Deutschland. Für den Zulieferer Finzelberg der deutschen Martin-Bauer-Gruppe ist Brasilien der wichtigste Exportmarkt. Auch in der Krise registrierte das Unternehmen eine stark steigende Nachfrage. Die zunehmenden Importe eröffnen auch für andere deutsche Hersteller Geschäftschancen. Einen Einstieg in die Produktion vor Ort plant Finzelberg derzeit aber nicht. Morten Sorensen, Leiter der brasilianischen Tochtergesellschaft, erklärt die Zurückhaltung durch das umfangreiche Management der kompletten Lieferkette, welches für die Herstellung von qualitativ hochwertigen Extrakten erforderlich ist.

Erfolgreich baute Centroflora eine solche Struktur auf. Die Versorgung mit Rohstoffen erfolgt zu einem Großteil über kleine Agrargemeinschaften. Exportorientiert vermarktet die brasilianische Gruppe das Konzept der nachhaltigen Produktion. Mitte 2014 investierte Centroflora in Verarbeitungstechnologie von Boehringer Ingelheim. Für den deutschen Pharmakonzern produziert Centroflora zudem in Partnerschaft mit dem deutschen Unternehmen CMS Pharma acht pflanzliche Wirkstoffe in Indien. 2017 verkaufte Centroflora die Sparte der Nahrungsergänzungsmittel an den Schweizer Konzern Givaudan. Erklärtes Ziel ist die Konzentration auf Extrakte für die Pharmaindustrie. Bis 2020 investiert Centroflora nun fast 20 Millionen Euro (75 Millionen R$) in das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum in Campinas (São Paulo) und in eine neue Produktionsanlage. Über eine Qualitätsproduktion mit standardisierter Wirkstoffkonzentration und die Anvisa-Zulassung als Zulieferer für Phytopharmaka verfügen neben Centroflora nur wenige brasilianische Extraktehersteller wie Sanrisil, BioTae und Atina.

Bei einigen Herstellern von Extrakten für die Kosmetik- und die Nahrungsmittelindustrie besteht Interesse zur Erweiterung des Angebots. Das Unternehmen Heide beispielsweise forscht bereits über akademische Partnerschaften mit Universitäten und ist offen für Partnerschaften mit Pharmaproduzenten, insbesondere im Bereich Tiermedizin (http://www.heide.com.br). Mapric fokussiert sich auf Extrakte aus heimischen Pflanzen. Weitere Hersteller von Pflanzenextrakten für Kosmetika sind Beraca, a Extratec, Sustentec und Cosfito.

Innovationen aus unbekannten Heilpflanzen erfordern Investitionen

In der Entwicklung neuer Phytopharmaka konzentriert sich Brasiliens Pharmaindustrie auf bereits anerkannte Heilpflanzen mit vereinfachtem Zulassungsverfahren (IN 02/2014). Für innovative Phytopharmaka sind die Anforderungen sehr restriktiv. Der hohe Kostenaufwand für dokumentierte Wirkungsnachweise erfordert breite Kooperationen unter Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Folglich laufen Investitionen in Pharmaprodukte aus der Pflanzenvielfalt Brasiliens nur langsam an. Im April 2017 waren nur 316 Arzneimittel der Pflanzenheilkunde für den brasilianischen Markt zugelassen. In Deutschland gab es zeitgleich 1.374 zulässige Arzneimittel.

Die Wachstumsmärkte Veterinärmedizin und Tiernahrung eröffnen zahlreiche Chancen für innovative Pflanzenpräparate. Investitionen in die Entwicklung veterinärmedizinischer Pflanzenpräparate werden jedoch durch die fehlende Rechtsgrundlage behindert. In der Norm zur Zulassung von Tiermedikamenten (IN 25/2012) werden Phytopharmaka bisher nicht behandelt.

Auch im Segment der Nahrungsergänzung besteht ein großes Nachfragepotential für Extrakte aus brasilianischen Heilpflanzen. Nutraceuticals und Nutrikosmetika werden in der Regel als Lebensmittel behandelt und unterliegen damit weniger strengen Zulassungsverfahren. Ohne eigene Marktregelung mangelt es jedoch auch hier an Rechtssicherheit.

Verbesserte Rahmenbedingungen für Kooperationen

Mit dem Gesetz zur Nutzung der Biodiversität (Lei 13.123/2015) und der anschließenden Gesetzesverordnung (Decreto 8.772/2016) wurden erste Grundlagen für Rechtssicherheit und Investitionsanreize geschaffen. Der Verband für Feinchemikalien und Biotechnologie Abifina erwartet für die kommenden Jahre eine Steigerung der privaten Investitionen. Darüber hinaus verstärkt das neue Gesetz zur Innovation (Lei 13.243/2016) Kooperationen zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen.

Ein Positivbeispiel ist die Entwicklung des ersten Phytopharmakas aus der brasilianischen Flora. Aché entwickelte zusammen mit vier bedeutenden Universitäten die entzündungshemmende Formulierung Acheflan. Als Partner liefert Centroflora bis heute 100 Prozent der Phytowirkstoffe aus Cordia verbenacea. Die Vielzahl weiterer Forschungsprojekte spricht dafür, dass das Potential für Kooperationen noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Unterstützung finden die Projekte nicht nur über CNPq, Finep, Fapesp und weitere öffentliche Fonds, sondern auch durch das zunehmende Angebot wissensintensiver Dienstleistungen (KIBS). Lychnoflora und Phytobios bieten Beratungen bis zur Durchführung vorklinischer Studien an. Nanomed nutzt moderne Technologien zur Isolierung und Analyse von Pflanzeninhaltsstoffen. Pharmagenix unterstützt Projekte bei klinischen Studien und Marktzulassung. Derzeit sucht Pharmagenix beispielsweise Produktionspartner für ein weit fortgeschrittenes Projekt der Universität Univali: Ein Analgetika aus Extrakten des Lichtnussbaums.

Kleine Anbieter strömen auf Markt für Naturkosmetik

Das wachsende Bewusstsein brasilianischer Konsumenten stimuliert die Nachfrage nach Naturkosmetik. Dafür sprechen die Erfolge des deutschen Herstellers Alva (Markteinführung 2010) sowie von brasilianischen Marken, darunter der Marktführer für organische Kosmetikprodukte Surya, Cativa Natureza, Bioart, Arte dos Aromas, Ikove Organics, Herbia und andere. Auch der gehäufte Markteintritt kleinerer Naturkosmetikmarken wie Piatan Natural und Souvie belegt die Marktdynamik. Über die Plattformen http://www.e-cosmetique.com.br und https://www.lohasstore.com.br werden ausschließlich organische Produkte vertrieben.

Als problematisch gilt auch hier der fehlende nationale Rechtsrahmen. Zur Vermarktung greifen die Hersteller üblicherweise auf die international anerkannten Zertifizierungen Natrue Cosmetics (angeboten über den brasilianischen Zertifizierer IBD) und Ecocert zurück.

Organische Produkte werden hauptsächlich durch kleine und mittelständische Unternehmen hergestellt und vermarktet. Auch in der Forschung insbesondere im Bereich Dermakosmetik betätigen sich Start-up-Unternehmen: Profitus brachte 2016 vier verschiedene Heilcremes mit Wirkstoffen des Annattostrauchs auf den Markt. Nanofitotec entwickelte eine nanoverkapselte Creme gegen Hautalterung auf Grundlage der Heilpflanze Indischer Wassernabel. Unter den großen Konzernen sind Natura und Chamma da Amazônia besonders aktiv in der Forschung.

Angetrieben durch das hohe Wachstum und das Potenzial der Naturkosmetikbranche entstehen auch im Bereich der Pflanzenextrakte zahlreiche Start-ups. In den Inkubatorprogrammen Cide und FIT des Bundesstaates Amazonas finden sich derzeit mehr als 20 innovative Unternehmen aus dem Bereich Bioökonomie. Hebram produziert Extrakte aus 30 Pflanzen des Amazonas. Aroma Ativo entwickelte über 80 Kosmetikprodukte. Weitere junge Unternehmen sind Sohervas da Amazônia, Amazon Biocare Cosmético, Loja das Essências, Harmonia Nativa und Pharmakos.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse
Ministério da Saúde (Gesundheitsministerium) http://portalms.saude.gov.br
Agência Nacional de Vigilância Sanitária - Anvisa (Gesundheitsbehörde) http://portal.anvisa.gov.br
Associação Brasileira da Indústria de Química Fina, Biotecnologia e suas Especialidades - Abifina (Verband für Feinchemikalien, Biotechnologie und Spezialchemie) http://www.abifina.org.br
Associação Brasileira das Empresas do Setor Fitoterápico, Suplemento Alimentar e de Promoção da Saúde - Abifisa (Verband für Pflanzenheilkunde und Nahrungsergänzung) http://www.abifisa.org.br
Associação Brasileira dos Fabricantes de Suplementos Nutricionais e Alimentos para Fins Especiais - Brasnutri (Verband für Nahrungsergänzung und Spezialnahrung) http://www.brasnutri.org.br
FCE Farma und FCE Cosmetique (Messen für Zulieferer der Pharma- und Kosmetikindustrie) Datum: 22.-24.05.2018 http://www.fcepharma.com.br, http://www.fcecosmetique.com.br
Naturaltech / Bio Brazil / Biofach America Latina, Datum: 06.-09.06.2018 http://www.naturaltech.com.br, http://www.biobrazilfair.com.br, http://www.biofach-americalatina.com.br

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Gesundheitswesen allgemein, Pflanzenproduktion, Arzneimittel, Diagnostika, Körperpflegemittel und Kosmetika

Funktionen

Kontakt

Judith Illerhaus

‎+49 228 24 993 248

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche