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30.08.2018

Vietnam steigt in die Automobilproduktion ein

Vinfast - Ein Auto "Made in Vietnam" mit deutscher Technologie / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Mit dem Großprojekt von Vinfast ist der Grundstein zum Bau des ersten vietnamesischen Autos gelegt. Beim Projekt dabei: Die Elite deutscher Automobil- und Zulieferunternehmen.

Seit der Ankündigung des Großprojektes arbeitet Vinfast in Haiphong in hohem Tempo am Aufbau der 335 Hektar großen Produktionsstätte in der Dinh Vu -Cat Hai Economic Zone. Die Pläne sind ehrgeizig. Vinfast, ein Tochterunternehmen des Immobilien und Industriekonglomerats Vingroup, möchte Ende 2018 den ersten Elektroscooter auf den Markt bringen, Ende 2019 den ersten Benziner und für die kommenden Jahre steht die Entwicklung eines Elektroautos sowie von Elektrobussen auf dem Programm.

Der Produktionsbetrieb wird Unternehmensplänen zufolge höchsten internationalen Standards entsprechen und ist auf die Anforderungen von Industrie 4.0 ausgerichtet. Das Projekt mit einer Investitionshöhe von 3,5 Milliarden US-Dollar (US$) rüttelt eine Branche auf, die nicht nur nach Ansicht von Experten, sondern auch der Regierung, den Anschluss an den Weltmarkt verloren hatte.

Da eigenes Know -how im Land noch nicht hinreichend vorhanden und der Zeitplan eng gestrickt ist, treibt Vinfast nicht nur den Bau der Produktionsstätte voran, sondern geht international auf Einkaufstour, um Technologie und Bausteine für Produktionsanlagen und Fahrzeuge zu beschaffen.

In der ersten Reihe der Lieferanten für Technologie, Anlagen und Fahrzeuge stehen deutsche Unternehmen. Die Liste der Partner, mit denen Vinfast seit September 2017 Kooperations- und Liefervereinbarungen geschlossen hat, liest sich wie das Who's Who der deutschen Auto- und Zulieferindustrie: BMW, Bosch, Siemens, ZF Friedrichshafen und eine Reihe weiterer deutscher, international renommierter Automobilzulieferer sind am Bau des ersten vietnamesischen Autos beteiligt.

Auswahl an Vinfast Kooperationspartnern
Projektpartner Projekt Projektstand /Anmerkung
AVL Motorenentwicklung, Ausstattung mit Testtechnologie
BMW Plattformtechnologie Kooperationsvertrag Januar 2018
Bosch Zulieferung von technischen Lösungen (Hard- und Software) für die Produktion von Scootern und Automobilen
Dürr Smart Air Management System (EcoSmart VEC) Aufbau Lackieranlage in Haiphong
Eckert Schulen Train-the-trainer-Ausbildung Ausbildung von Ausbildern für die AHK-zertifizierten dualen Ausbildungslehrgänge Mechatroniker und Industriemechaniker
EDAG Gesamtentwicklung Elektroauto Beauftragung Mai 2018
Eisenmann Fördertechnik für die Endmontage Lieferbeginn August 2018
Grob Werke Fertigungsanlage Motoren
Magna Steyr Komplette Fahrzeugentwicklung SUV und Limousine
Pininfarina Fahrzeugdesign Auswahl durch landesweite Online-Abstimmung
R.Scheuchl GmbH Zulieferer für Engine Shop
Siemens Produktionsmanagement, Antriebstechnik Elektrobusse
ZF Friedrichshafen Zulieferung von Fahrzeugachsen Aufbau einer Produktion in Haiphong

Quellen: Pressemeldungen; Eigenrecherche GTAI

Politische Unterstützung ist dem Projekt sicher

Zur Produktion der Fahrzeugrohlinge hat Vinfast im Juni die Errichtung eines Joint Venture-Unternehmens mit der thailändischen AAPICO vereinbart, eine Investition in Höhe von 60 Millionen US$. Auch die Organisation des Vertriebs ist gesichert. So wird Vinfast ab Dezember 2018 das Händlernetz von General Motors übernehmen. Im Juli 2018 hat Vinfast ein Büro in Frankfurt errichtet, um von Deutschland aus weitere Zulieferer zu sichten. Ebenso betreibt das Unternehmen die Gründung weiterer Niederlassungen in Shanghai und Korea, um auch die dortigen Branchenmärkte besser beobachten zu können.

Das Projekt genießt die volle Unterstützung der vietnamesischen Regierung. Die lokale Presse verfolgt mit Begeisterung die Fortschritte bei der Verwirklichung des nationalen Traums vom ersten vietnamesischen Automobil.

Trotz aller Euphorie aber bleiben Zweifel am Megaprojekt. Wird Vinfast in der Lage sein, den eng gestrickten Zeitplan einzuhalten und auch mittel- und langfristig das erforderliche Qualitätsniveau halten können? Und, vermutlich die wichtigste Frage: Wer soll das Auto kaufen?

Ausländische Investitionen wurden noch nicht langfristig angelegt

Eins, so Beobachter, ist sicher: Wenn Vinfast die Preise für seine Fahrzeuge in Schach halten möchte, muss es die Lokalisierungsrate massiv erhöhen. Geplant ist ein heimischer Zuliefergrad von 50 bis 60 Prozent. Ein Anfang ist gemacht. Ausländische, auch deutsche Branchenunternehmen zieht es im Sog des Großprojekts vermehrt nach Haiphong.

Der koreanische Zulieferer Pyeong Hwa Automotive investiert 16,7 Millionen US$ in den Aufbau einer eigenen Produktion und bringt noch fünf weitere Unternehmen als Sublieferanten mit. Deutsche Unternehmen wie ZF Friedrichshafen und Dürr sind Beobachtern zufolge ebenfalls dabei, eigene Standorte in Haiphong hochzuziehen.

Allerdings sind viele der mit Vinfast in Verbindung stehenden Unternehmen angesichts der eher ungewissen Zukunftsaussichten des Großprojektes noch zurückhaltend. Noch dazu sind die Vereinbarungen mit Vinfast bislang auf einen recht kurzen Zeitraum von vier bis fünf Jahren ausgelegt, so Branchenkenner. Entsprechend werden Fabrikhallen lediglich angemietet und nicht nach eigenem Bedarf neu gebaut, investiert wird höchstens in die notwendigen Anlagen.

Beobachter sehen jedoch durchaus Chancen, dass sich das noch lockere Engagement ausländischer Zulieferer verfestigt. "Wenn sich ein bis zwei OEM-Produzenten dauerhaft ansiedeln, werden auch andere Zulieferer, denen das Einzelprojekt Vinfast noch zu unsicher ist, kommen um zu bleiben", so die Einschätzung eines Brancheninsiders.

Zudem gehen Experten davon aus, dass Vinfast sich, wie bereits Samsung, eigene vietnamesische Zulieferer ausbilden wird. Internationalen Anforderungen genügende vietnamesische Zulieferbetriebe sind noch rar. Bislang gibt es im Land laut Ministry of Planning and Investment nur rund 200 Teilezulieferer, von denen die meisten allerdings in technologisch wenig entwickelten Bereichen tätig sind.

"German Technology" als Marketinginstrument?

Wer die Vinfast-Fahrzeuge letztlich kaufen wird, muss abgewartet werden. Das vietnamesische Publikum ist zugleich preissensibel und prestigebewusst. Bislang verfügen Vinfast-Autos noch nicht über eine gewachsene Reputation, dürften aber ebenso teuer sein wie vergleichbare, schon lange im Markt präsente und geschätzte Fahrzeuge wie beispielsweise von Toyota.

Um das Reputationsproblem zu beheben, werden die Marketingexperten auch die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen und Zulieferern nutzen. "Vietnamese identity - Italian design - German technology - international standard", so werden die Vinfast-Fahrzeuge bereits heute angekündigt.

Vinfast wird auch vom Renommee des Mutterhauses profitieren: Der Gründer der Vingroup, Pham Nhat Vuong, ist als Macher und Erfolgsmensch bekannt. Die Projekte, die die Vingroup in der Vergangenheit anging, waren - zumindest der Außenwirkung nach - erfolgreich. In den Städten ziehen Menschen in Vinhomes, schicken ihre Kinder auf Vinschools, kaufen in einem der zahlreichen Vinmarts ein und machen Urlaub in Vinpearl Resorts mit angeschlossenem Freizeitpark.

Wenn auch der Ausgang der Vinfast-Unternehmung noch offen ist, eines jedoch ist auch nach Ansicht kritischer Beobachter sicher: Das Großprojekt "Auto Made in Vietnam" hat es bereits jetzt geschafft, einer Branche neues Leben einzuhauchen, für die es lange wenig Hoffnung gab.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vietnam Straßenfahrzeuge, allgemein, Elektromobilität

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