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04.06.2019

Vietnam treibt die Vernetzung der Produktion voran

Kleinere Betriebe haben noch wenig Sinn für Industrie 4.0 / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Vietnam ist im Industrie 4.0-Fieber. Die Regierung forciert die Digitalisierung der herstellenden Industrie. Der Bedarf an ausländischen Maschinen und Sensoren steigt.

Die Digitalisierung der vietnamesischen Industrie wird mittelfristig richtungsweisend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes sein. Die Regierung weiß darum und identifiziert in ihrem Industrieentwicklungspapier 2018 die vierte industrielle Revolution als Kernelement ihrer Entwicklungsstrategie. Die Vernetzung von Maschinen und Anlagen, die Nutzung von Cloud-Anwendungen, Datenanalyse und Künstliche Intelligenz werden landesweit und prominent in Medien und auf einer Vielzahl von hochrangig besetzten Foren thematisiert.

Der wirtschaftliche Nutzen dürfte nach Prognosen des Central Institutes for Economic Management (CIEM), einem Think Tank des vietnamesischen Planungs- und Investitionsministeriums, beachtlich sein. Das Institut schätzt, dass allein die Digitalisierung der lokalen herstellenden Industrie bis 2030 zu einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum von bis zu 3,6 Prozent beziehungsweise einer absoluten Steigerung des Bruttoinlandsproduktes von zwischen 7 und 14 Milliarden US-Dollar (US$) führen wird.

Dass Vietnam den Weg Richtung Digitalisierung der herstellenden Industrie gehen muss, darüber besteht in Politik und Wirtschaft weitestgehend Einigkeit. Sollte Vietnam es in den kommenden fünf bis zehn Jahren nicht schaffen, 5G, Internet of Things und Industrie 4.0 in Unternehmen zu verankern, drohe dem Land, so Branchenexperten, industriell, technologisch und qualitativ den Anschluss zu verlieren. Die vietnamesische Regierung fürchtet die Aussicht, in der sogenannten "Middle Income Trap" gefangen zu werden.

Das CIEM erarbeitet zurzeit im Regierungsauftrag einen Entwurf einer digitalen Strategie, um den Sektor gezielt zu fördern. Der Entwurf identifiziert vier Kernerfordernisse als Voraussetzung einer erfolgreichen Implementierung von Industrie 4.0. So ist zum einen der Aufbau eines strategisch und rechtlich auf die Ansprüche einer digitalisierten Industrie eingerichteten Umfelds erforderlich. Auch muss die übergeordnete technische Infrastruktur auf- und ausgebaut werden. Dies umfasst nicht nur die Digitalisierungs-Hardware, wie die Einführung von 5G und den Ausbau von Rechenzentren, sondern auch den Schutz von Daten vor Cyberangriffen.

Als drittes Element sieht der Strategieentwurf die Aus- und Fortbildung von Mitarbeitern für die vierte industrielle Revolution sowie die Umschulung derjenigen Arbeitnehmer vor, die im Zuge zunehmender Digitalisierung und Automatisierung den Arbeitsplatz verlieren. In einem vierten Kernpunkt plant der Strategieentwurf ein umfassendes finanzielles Förderprogramm insbesondere für kleinere und mittlere lokale Unternehmen, das auch Realleistungen wie Beratung einschließt.

Unternehmen und Regierung legen das Fundament für Industrie 4.0

Um die rein technische Infrastruktur ist es im Land verhältnismäßig gut bestellt. Viettel hat in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Unternehmen Ericsson im April 2019 mit Probeläufen zu 5G begonnen, die flächendeckende Einführung soll 2020 erfolgen.

Große Telekommunikationsunternehmen, wie Viettel, VNPT, FPT oder CMC bauen landesweit Rechenzentren auf. Internationale Anbieter, unter anderem Siemens, Amazon Webservices, Microsoft oder SAP, bieten in Vietnam ihre Plattformen, Clouddienste und Datenanalysesysteme an. Die Regierung und große Privatunternehmen, unter anderem FPT und die Vingroup, arbeiten am Aufbau von Innovationszentren, die gezielt auf die Förderung von Startups sowie Forschung und Entwicklung abgestellt sind.

Großunternehmen steigen in die vernetzte Produktion ein

Lokale Großunternehmen wie die Vingroup, das Stahlunternehmen Hoa Phat oder wichtige staatliche oder halbstaatliche Unternehmen wie Electricity of Vietnam (EVN), oder Vinamilk sind bereits dabei, ihre Produktion Industrie-4.0-tauglich zu machen.

So kooperiert das Autounternehmen Vinfast, ein Tochterunternehmen der Vingroup, mit Siemens, um die digitale Entwicklung des Unternehmens voranzutreiben. Das hochmoderne Stahlwerk Dung Quat des Unternehmens Hoa Phat arbeitet seit Anfang 2019 mit dem SAP S/4HANA Management-System, das sämtliche Produktions- und Managementprozesse digital integriert und steuert. Vinamilk, das größte vietnamesische Molkerei- und Lebensmittelunternehmen des Landes, hat seine Produktion mit dem Tetrapak Plant Master System auf Industrie-4.0-Anforderungen umgerüstet.

Industrie 4.0 spielt bei kleinen und mittleren Firmen eine untergeordnete Rolle

Außerhalb dieser international wettbewerbsfähigen Großunternehmen ist es aber um Internet of Things und Industrie 4.0 in Unternehmen noch schlecht bestellt. Die Vernetzung von Maschinen oder Begriffe wie präventive Wartung, dezentrale Prozesssteuerung oder Big Data sind in einem Großteil der vietnamesischen KMU noch kaum ein Thema. Nicht wenige Betriebe arbeiten mit veralteten Anlagen unter Einsatz von viel menschlicher Arbeitskraft.

Nach dem "Vietnam Industry 4.0 Readiness Report 2019" der UNDP sind bislang 85 Prozent der repräsentativ befragten vietnamesischen Unternehmen IoT-"Außenstehende". Sie haben sich also weder mit dem Thema befasst noch verfügen sie über eine technische Ausstattung, die mit Industrie-4.0-Anforderungen kompatibel ist.

Vietnamesische Mikro- und Kleinunternehmen der verarbeitenden Industrie werden zu rund 95 Prozent als Industrie-4.0-Außenstehende qualifiziert. Auch planen 80 Prozent dieser Gruppe keine oder nur minimale Anpassungen an Industrie-4.0-Anforderungen. Allerdings machen Mikro- und Kleinunternehmen nach dem Zensus 2017 des Statistikamtes 93 Prozent aller Branchenunternehmen aus. Damit die Industrie-4.0-Strategie der Regierung greifen kann, muss es daher gelingen, zumindest einen Teil auch dieser Unternehmensgruppe von den Vorzügen eines auf Industrie 4.0 basierenden Wirtschaftsmodells zu überzeugen.

Hierfür bedarf es, so Vertreter des CIEM, zunächst vor allem eine konkret auf die Bedürfnisse des jeweiligen Betriebs abgestimmte Beratung, um die tatsächlichen Potenziale zur Steigerung von Effizienz und Profitabilität zu ermitteln. Vietnamesische Unternehmen werden nämlich nur dann in die Vernetzung der Produktion investieren, wenn handfeste und geldwerte Vorteile daraus resultieren.

Finanziell sind zudem die wenigsten Betriebe in der Lage, Produktionsanlagen komplett auszutauschen oder umfassend zuzukaufen. Wichtig ist es daher, den bestehenden Maschinenpark auf die Nachrüstbarkeit mit Sensoren und Steuerungen zu überprüfen. Auch bislang im Land noch kaum bekannte Geschäftsmodelle wie "machine-as-a-service" und darauf abgestimmte Finanzierungen dürften die Akzeptanz von IoT-Lösungen erhöhen.

Umstellung auf Industrie 4.0 schürt die Nachfrage nach Maschinen und Sensoren

Eine Umstellung der Produktion auf Industrie 4.0 wird, so sie in den lokalen Betrieben Fuß fasst, eine Vielzahl von Geschäftschancen für ausländische Anbieter eröffnen. Nicht nur im Bereich Beratung werden nach Auskunft des CIEM ausländische Branchenexperten gefragt sein.

Eine passende IT-Soft- und Hardware sowie Sensoren sind Grundvoraussetzungen der Vernetzung einer Produktion. Gerade im Bereich Sensoren aber ist das Land auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen. Sollte in neue, Industrie-4.0-fähige Maschinen und Anlagen investiert werden, so werden vietnamesische Käufer mangels inländischer Produktion auch hier auf ausländische Produkte zurückgreifen müssen.

UNDP; Industry 4.0 Readiness of Industry Enterprises in Viet Nam:

http://www.vn.undp.org/content/vietnam/en/home/library/I40.html

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

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Vietnam Robotik und Automation, Digitalisierung

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