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14.08.2017

Vietnams Bekleidungsindustrie muss sich modernisieren

Freihandelsabkommen erfordern Erweiterung der Produktion / Deutsche Textilmaschinen gefragt / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Vietnam ist aus der Beschaffungskette internationaler Bekleidungsunternehmen, Sport- und Outdoorartikelhersteller nicht mehr wegzudenken. Die Bekleidungsindustrie ist eines der wichtigsten Standbeine der vietnamesischen Wirtschaft. Dennoch steht sie vor Herausforderungen. Die Branche muss ihre Fertigungstiefe und Produktivität erhöhen, wenn sie die Vorteile von Freihandelsabkommen nutzen und die Abwanderung von Firmen in Nachbarländer abwenden will. (Internetadressen)

Vietnam konnte sich 2016 erneut als der fünftgrößte Textil- und Bekleidungsexporteur der Welt positionieren. Zahlen von Customs Vietnam zufolge führte das Land in den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 Textilien und Bekleidung im Wert von 11,7 Mrd. US$ aus, gegenüber dem Vorjahreszeitraum eine Steigerung von 8,5%. Für das gesamte Jahr 2017 strebt die Branche ein Exportwachstum von 7 bis 8% an, die Ausfuhren werden Schätzungen der Vietnam Textile Association auf über 30 Mrd. $ steigen.

Bekleidungsindustrie Vietnam auf einen Blick
Branchen-unter-nehmen Davon ausländisch investierte Unternehmen (FIE) (in %) Beschäftigte (in Mio.) Bekleidungsexporte (ohne Textilien) 2016 (in Mrd. US$) FIE-Anteil an Bekleidungsexporten 2016 (in %) Anteil Bekleidungsexporte an Gesamtexporten 2016 (in %)
Bekleidungs-industrie 6.000 25 2,5 23,8 70 13,5

Quelle: Customs Vietnam; Vietnam Textile Association

Trotz guter Kennzahlen steht die Branche vor Herausforderungen. Sie muss sich umstrukturieren, will sie die Herausforderungen der Zukunft meistern. Bislang kann das Land noch mit niedrigen Löhnen und einem Pool fleißiger und lernbereiter Arbeitnehmer punkten. Die Löhne aber steigen schneller als die Produktivität. Eine Abwanderung von Unternehmen an günstigere konkurrierende Standorte wie Bangladesch, Kambodscha und auch Myanmar steht als Option am Horizont.

Mangelnde eigene Wertschöpfung wird zum Problem

Vietnam ist damit gezwungen, die Produktivität des Textil- und Bekleidungssektors zu erhöhen. Dies, so Branchenkenner, setzt vorrangig eine Modernisierung, verstärkte Automatisierung und steigende eigene Wertschöpfung voraus. Ein Großteil der in Vietnam ausgeführten Arbeiten sind bislang reine Näharbeiten. Vorgelagerte Tätigkeiten wie Spinnen, Färben, die Herstellung moderner Stoffe sowie Design finden nur vereinzelt statt. Angaben des vietnamesischen Textilverbandes VITAS zufolge mussten daher 2016 rund 70% der Vorprodukte (Garne, Stoffe und Accessoires) importiert werden.

Auch internationale Freihandelsabkommen wie das EU-Vietnam Free Trade Agreement zwingen die vietnamesischen Produzenten dazu, ihre Fertigung auf Vorprodukte wie Stoffe und Garne auszuweiten. So sieht das Abkommen mit der sogenannten Double Transformation Rule strikte Ursprungsvorgaben vor. In Vietnam hergestellte Bekleidung profitiert danach nur dann von Zollerleichterungen, wenn neben der reinen Verarbeitung auch eine eigene vertiefte Wertschöpfung enthalten ist.

Für Bekleidung bedeutet dies, dass zumindest der verarbeitete Stoff in Vietnam produziert wurde. Sonderregelungen gelten für Stoffe, die aus der EU oder Südkorea (einem anderen Freihandelspartner der EU) nach Vietnam importiert wurden, um dort für den Export nach Europa weiterverarbeitet zu werden. Diese Stoffe sind von der Double Transformation Rule befreit.

Insbesondere ausländische Unternehmen packen die Gelegenheit beim Schopf und errichten Spinnereien, Webereien und Färbereien. Die bedeutendsten Investitionen kommen aus Taiwan. Zwischen 2012 und 2016 errichteten taiwanische Unternehmen 22 Projekte im Gesamtwert von 1 Mrd. $. Korea (Rep.) folgte mit 79 Projekten im Wert von 865 Mio. $, chinesische Unternehmen investierten in 26 Projekte im Gesamtwert von 680 Mio. $. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 registrierte das Ministry for Planning and Investment Neuinvestitionen und Produktionserweiterungen von rund 750 Mio. $.

Nach wie vor ist der Süden des Landes, hier insbesondere die Provinz Binh Duong, Hauptmagnet für ausländisches Engagement im Textil- und Bekleidungssektor. Vor allem von chinesischen Einfuhren von Vorprodukten abhängige Produzenten aber schätzen zunehmend den Norden als Ansiedlungsziel. Die geringe Entfernung zum chinesischen Festland und dem Perlflussdelta bietet bessere Bedingungen für Lieferungen an Tochtergesellschaften in Vietnam.

Neuer Textilpark für die Stoff- und Garnproduktion

Auch große vietnamesische Unternehmen wie die Vinatex-Gruppe oder Garco10 fokussieren sich vermehrt auf technische Innovationen und bauen der reinen Näherei vorgelagerte Prozesse aus. So will Zeitungsberichten zufolge allein Vinatex bis Ende 2017 rund 170 Mio. $ in die Garn- und Stoffproduktion investieren.

Zudem hat Vinatex Investment im April 2017 die Bauarbeiten am neuen Rang Dong Textilindustriepark in der 150 km von Hanoi entfernten Provinz Nam Dinh aufgenommen. Bis 2025 sollen hier in- und ausländische Unternehmen 1,5 Mrd. qm Stoffe produzieren. Mit rund 2.000 ha wird Rang Dong der größte Textilpark des Landes sein. Der erste Bauabschnitt soll 2018, der zweite 2021 fertiggestellt werden.

Ausgewählte Projekte in der vietnamesischen Textil- und Bekleidungsindustrie

Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mio. US$) Projektstand Anmerkungen
Textilfabrik, Provinz Binh Duong 486 Baustart 2015, Fertigstellung 2017 Herstellung von Polyesterfasern; Investor: Polytex Far Eastern (Taiwan)
Rang Dong Industrial Park, Provinz Nam Dinh 440 Baustart 2017, Fertigstellung 2021 Textilindustriepark; Entwickler/Investor: Vinatex Investment JSC
Textilfabrik in VSIP, Provinz Bac Ninh 110 Baustart 2016, Fertigstellung 2018 Herstellung von Bekleidung; Investor: Maple Ltd. (Singapur)
Garnfabrik, Provinz Binh Duong 100 Baustart 2016, Fertigstellung 2017 Garnherstellung und -färbung, Endfertigung; Investor: De Licacy (Taiwan)

Quelle: Pressemeldungen

Deutschland ist fünftwichtigster Lieferant von Textilmaschinen

Die Ausweitung der Industrie und die höhere Produktionstiefe bieten Chancen auch für deutsche Exporteure von Textilmaschinen. Waren die Verkäufe in den Jahren 2012 und 2013 eingebrochen, verzeichnen deutsche Maschinenexporteure seit 2014 wieder deutliche Zuwächse. In 2016 stiegen deutsche Ausfuhren an Maschinen für die Textil- und Lederindustrie um 47% auf einen Wert von 104 Mio. Euro. Damit hat sich das Exportvolumen gegenüber 2013 vervierfacht.

Deutsche Ausfuhr von Textil- und Ledermaschinen (SITC-Position 724, in Mio. Euro, Veränderung zum Vorjahr in %)

Jahr Ausfuhrwert Veränderung
2012 28,0 -8,0
2013 26,5 -5,5
2014 58,4 120,4
2015 70,8 20,6
2016 104,3* 47,3*

* Schätzung

Quelle: Destatis, Berechnungen von Germany Trade & Invest

Wichtigste Lieferanten von Textilmaschinen bleiben jedoch die vier ostasiatischen Nachbarn Vietnams: die VR China, Japan, Taiwan und Südkorea. Deutschland folgt auf Rang fünf.

Weiterführende Informationen:

Vietnam Textile Association: http://www.vietnamtextile.org.vn/default_p1_1-1_2-2.html

Rang Dong Textile Industrial Park: http://rangdongip.com.vn/en/

(F.B.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vietnam Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Textil- und Ledermaschinen, Handels-, Zollabkommen, WTO, Bekleidung (inkl. Wirkwaren, Arbeitsbekl.)

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