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25.05.2017

Vietnams Kunststoffindustrie wächst zweistellig

Produktion lokaler Betriebe überwiegend veraltet / Vorprodukte und Maschinen müssen importiert werden / Von Frauke Schmitz-Bauerdick

Hanoi (GTAI) - Vietnams Kunststoffprodukte werden nicht nur im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt nachgefragt. Allerdings konzentriert sich die vietnamesische Herstellung vorrangig noch auf einfache Waren mit geringer Wertschöpfung wie Plastiktüten und Verpackungsmaterial. Dies will die Regierung ändern. Weil es der Industrie sowohl an Vorprodukten als auch an modernen Maschinen fehlt, sind die Branchenunternehmen auf Importe angewiesen. Hiervon profitieren auch deutsche Lieferanten.

Vietnams Kunststoffindustrie zählte mit Wachstumsraten von jährlich 16 bis 18% im Zeitraum von 2010 bis 2015 zu einer der dynamischsten Branchen des Landes. Die Viet Nam Plastics Association prognostiziert auch für die kommenden Jahre ein konstantes Wachstum zwischen 14% und 16% per annum.

Ein Wachstumstreiber ist die steigende heimische Nachfrage nach Plastikprodukten. 2015 lag der durchschnittliche Kunststoffverbrauch in Vietnam bei lediglich 41 kg pro Jahr und damit weit unter dem, was in Europa (146 kg/Jahr), den USA (155 kg/Jahr) oder Japan (118 kg/Jahr) konsumiert wird. Stetig steigende Einkommen, der Trend hin zu mehr Supermärkten und eine expandierende Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie lassen den Bedarf an Haushaltskunststoffwaren und Verpackungsmaterial steigen.

Auch der Export stützt die Branche. 2016 führte das Land Kunststoffprodukte, insbesondere Plastiktüten und -planen, im Wert von 2,1 Mrd. US$ aus. Wichtigste Exportmärkte sind Japan, die USA und Europa. Die Vietnam Plastics Association prognostiziert für 2017 eine Steigerung der Ausfuhren um weitere 3 bis 6%.

Vietnamesische Exporte von Kunststoffprodukten (in Mio. US; Veränderung in %)
Exportprodukte 2016 Anteil (%) Veränderung zum Vorjahr
Plastiktüten 621,6 28,8 4,5
Kunststoffplatten 328,7 15,2 11,4
Plastikplanen 281,1 13,0 20,2
Haushaltsplastikprodukte 213,4 9,9 18,1
Transport-/Verpackungsmaterial 191,8 8,9 -2,5
Dekorationsprodukte 116,6 5,4 20,1
Industrieplastik 102,6 4,8 -29,2
Büroprodukte 64,0 3,0 -0,6
Röhren und Zubehör 55,7 2,6 7,6
Sonstige 181,5 8,4 -

Quelle: Vietnam Plastics Association

Die rund 2.200 Branchenunternehmen Vietnams produzieren Waren aus den Segmenten Verpackung, Haushaltskunststoffe (Möbel, Spielzeug etc.), Baukunststoffe und technische Kunststoffe. Verpackungsplastik wie die in die ganze Welt verkauften Plastiktüten machten 2015 mit 37,4% das Gros der Gesamtproduktion aus, Haushaltsplastik 29% und Baukunststoffe 18,2%. Nur 15% der Produktion entfallen auf anspruchsvolle technische Kunststoffe, wie sie beispielsweise im Automobilbau oder der Elektronikindustrie benötigt werden. Nach Plänen der Regierung soll der Anteil dieses Segments bis 2025 aber auf 25% gesteigert werden.

Regierung fördert Modernisierung der vietnamesischen Produktion

Kleine und mittlere Unternehmen liefern einen Großteil der Produktion insbesondere von Haushaltsplastikartikeln für den heimischen Markt. Allerdings stellen sie vorwiegend Waren der unteren Qualitäts- und Preissegmente her. Die Maschinen, die zur Fertigung genutzt werden, sind häufig veraltet oder technologisch wenig entwickelt. Die Wertschöpfung ist gering, aufgrund des intensiven Wettbewerbs die Gewinnmargen schmal. Die vietnamesische Regierung aber misst der Kunststoffindustrie für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes eine hohe Bedeutung zu. Sie fördert daher die Modernisierung und Technologisierung der Branche durch Steuererleichterungen und vereinfachten Zugang zu Krediten.

Zu den großen, international wettbewerbsfähigen Unternehmen zählen im Segment Verpackungen die An Phat Plastics and Green Environment JSC. Bei Haushaltskunststoffprodukten ist Rang Dong Plastics führend. Thien Phong Plastic JSC und Binh Minh Plastics JSC hingegen sind wichtige Akteure in der Baukunststoffproduktion.

Bei anspruchsvolleren Kunststoffprodukten, ob im Verbraucher- oder Technologiebereich, dominieren ausländisch investierte Unternehmen die Branche, beispielsweise die südkoreanische Firma Lock&Lock bei Haushaltsplastik. Zudem entdecken mehr und mehr ausländische Unternehmen, insbesondere aus Thailand und Malaysia, den vietnamesischen Markt und kaufen sich ein.

Vorprodukte müssen überwiegend importiert werden

Vietnam ist bislang noch nicht in der Lage, den Bedarf an Roh- und Primärmaterialien für die Kunststoffproduktion selbst zu decken. So kann die vietnamesische Chemieindustrie lediglich rund 900.000 t der jährlich benötigten 3,5 Mio. t an Rohmaterialien zuliefern. Bis 2020 soll der Bedarf an Vorprodukten auf 5 Mio. t per annum steigen. Der Rest an Harzen, Additiven und sonstigen Primärkunststoffen, insgesamt zwischen 70 und 80% des Gesamtbedarfs, muss aus dem Ausland importiert werden. Allein Deutschland lieferte 2016 Zahlen von Statista zufolge Vorprodukte (Kunststoffe in Primärform) im Wert von rund 50 Mio. Euro, eine Steigerung zum Vorjahr um 29%.

An diesem internen Versorgungsengpass wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern. Zwar arbeitet das Land am Aufbau einer eigenen Chemie- und Raffinerieinfrastruktur. Allerdings sind einige Großprojekte ins Stocken geraten. Die Long Son-Raffinerie, die eigentlich ab 2016 die Produktion aufnehmen sollte, wird nunmehr nicht vor 2021 eröffnet werden. Ein thailändisch-saudi-arabisch finanziertes 20 Mrd.-$-Raffinerieprojekt wurde 2016 von den Behörden wegen anhaltender Verzögerungen kassiert.

Die Anstrengungen fokussieren sich nunmehr auf die Nghi Son- und die Vung Ro-Raffinerien, die 2017 beziehungsweise 2019 die Produktion aufnehmen sollen. Da die bislang bestehenden und im Neubau befindlichen Raffinerien im Wesentlichen Polypropylene produzieren werden, wird der Bedarf an sonstigen Vorprodukten wie Polyethylen allerdings auch in Zukunft hoch bleiben.

Ausgewählte Projekte
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkungen
Long Son Petrochemical Complex 5.400 Baubeginn 3.Quartal 2017 Raffinerie und Chemiekomplex, Produktion von Polypropylen, Polyethylen und Alken
Nghi Son Refinery and Petrochemical Complex 6.200 Fertigstellung geplant 2017 Raffinerie- und Chemiekomplex, Produktion von Polypropylen, Paraxylen, Benzen und Schwefel
Vung Ro Refinery 4.000 Fertigstellung geplant 2019 Raffinerie und Chemiekomplex, Produktion von Polypropylen, Paraxylen und Benzen

Quelle: Pressemeldungen

Mit einem steigenden Markt- und Produktionsvolumen wächst auch der vietnamesische Bedarf an Kunststoffmaschinen. Bislang kaufen die Unternehmen einen Großteil der Anlagen aus der VR China. Aber auch deutsche Maschinen stehen in der Gunst weit oben. So konnten deutsche Maschinenbauer zwischen 2014 und 2015 ihre Exporte nach Vietnam um 66% steigern und lagen mit einem Anteil von 6,2% an den Gesamtlieferungen an sechster Stelle der Lieferländer.

Vietnamesische Einfuhr von Kunststoffmaschinen 2014, 2015 nach Lieferländern (in Mio. US$; Veränderung in %)
Einfuhr (SITC 728.42) 2014 2015 Veränderung ggü. Vorjahr
Gesamt 570,3 671,4 17,7
.VR China 176,8 252,5 42,8
.Taiwan 97,1 108,7 11,9
.Korea (Rep.) 79,5 97,4 22,5
.Japan 115,7 91,8 -20,7
.Deutschland 25,4 42,2 66,4

Quelle: UN Comtrade

(F.B.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Vietnam Kunststoffe und Gummi, Kunststoff- und Gummimaschinen

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