Suche

15.03.2017

Vom Bergbauboom in Eritrea profitiert nur die Elite des Landes

Flüchtlinge sorgen für hohe Transferzahlungen / Deutsche Exporte minimal / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Eritrea gilt als eines der am schlechtesten regierten Länder Afrikas. Menschenrechte sind für die herrschende Militärdiktatur kein Thema, UN-Sanktionen greifen kaum. Profitable Bergbauprojekte spülen noch auf Jahrzehnte Millionen US-Dollar in die Taschen der Machthaber, die so keinerlei Anreiz haben, irgendetwas zu verändern. Und auch fliehende Eritreer sind für das Regime von Vorteil, weil sie die Arbeitslosigkeit verringern und zurückgebliebene Familienmitglieder finanziell unterstützen.

Eritrea kann 2017 mit einem realen Wirtschaftswachstum von 4,9% rechnen und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt in Subsahara-Afrika. Zu verdanken hat Eritrea dies nennenswerten Bergbauaktivitäten und leicht steigenden Weltmarktpreisen für die entsprechenden Produkte. Grundsätzlich könnte das Wirtschaftswachstum sogar deutlich höher ausfallen, würde Eritrea auch außerhalb des Bergbaus privates Engagement zulassen. Stattdessen aber liegt die Wirtschaft mehrheitlich in den Händen schlecht geführter Staatsbetriebe, die mit ihren Einnahmen den aufgeblähtem Militärhaushalt alimentieren, nicht aber die breite Armut der Bevölkerung angehen. Die Landwirtschaft bleibt rudimentär, gilt als wenig produktiv und extrem wetterabhängig. Die Inflation galoppiert, weil die Nahrungsmittelproduktion unzureichend ist und Fiskaldefizite durch die Notenpresse ausgeglichen werden. Hinzu kommt ein Mangel an Devisen, was Großteils der völlig überbewerteten Inlandswährung geschuldet ist.

Wirtschaftliche Entwicklung 2016 bis 2018 (Veränderungen in%)
2016 1) 2017 2) 2018 2)
BIP, real 4,8 4,9 3,4
Wareneinfuhr, fob, in US$, nominal 2,8 9,3 -2,7
Warenausfuhr, fob, in US$, nominal 16,8 31,0 -1,2
Verbraucherinflation, real 11,8 15,0 12,5

1) Schätzung; 2) Prognose, 3) Waren und Dienstleistungen

Quelle: Economist Intelligence Unit (EIU), Stand: 5.3.17

Wirtschaftliche Eckdaten
Indikator 2015 2016 Vergleichsdaten Deutschland 2015
BIP (nominal, Mrd. US$) 4,41 1) 4,94 1) 3.357,6
BIP pro Kopf (US$) 847,8 1) 914 1) 41.147
Bevölkerung (Mio.) 5,2 1) 5,4 1) 81,6
Wechselkurs (1 US$ = Nakfa)2) 15,38 15,38 -

1) Schätzung; 2) Der Wechselkurs des Nakfa ist seit 2005 fest an den US-Dollar gebunden.

Quellen: EIU, Stand: 5.3.17; Statistisches Bundesamt

Massive Steigerung der Bergbauexporte

Trotz steigender Importrechnung sinkt das Handelsbilanzdefizit spürbar, weil die Bergbauexporte vor allem 2017 einen Sprung machen, bevor sie sich 2018 erst einmal auf hohem Niveau stabilisieren dürften. Die massiven Zuwächse gehen vornehmlich auf das Konto der Bisha-Mine der kanadischen Nevsun Resources, die ihren Kupfer-Output erhöhen und eine neue Zinkanlage in Betrieb nehmen kann. Hinzu kommt Gold aus dem Koka-Bergwerk der chinesischen Zara Mining Share Co. sowie Kupfer, Zink, Gold und Silber aus dem Asmara-Projekt der kanadischen Sunridge Gold.

Interessantestes Bergbauprojekt in der Pipeline ist das Colluli Potash Project, ein 50:50-Gemeinschaftsvorhaben der australischen Danakali und der staatlichen Eritrean National Mining Corporation. Vorgesehen ist eine Förderung von 425.000 jato in einer ersten fünf-jährigen Projektphase und danach eine Steigerung auf 850.000 jato - ein Niveau, das in den folgenden 25 Jahren beibehalten werden soll. Nach Ansicht der beteiligten Firmen ist das Vorhaben wenig kapitalintensiv und im Betrieb extrem kostengünstig. Darüber hinaus können potentielle Exportmärkte leicht erreicht werden.

Kostengünstiges Kali-Mega-Projekt

Die in Texas firmierende Flour Corp. wurde Mitte Januar 2017 mit der Vorplanung (Front-end Engineering and Design; FEED) beauftragt. Die Projektkosten werden auf lediglich 298 Mio. US$ veranschlagt. Nach Ansicht von Beobachtern dürfte es vergleichsweise leicht sein, Geldgeber und internationale Abnehmer zu finden, während die eritreische Staatsbürokratie derweil ein potentieller Verzögerungsfaktor ist. Pläne, bereits 2018 die Produktion aufnehmen zu können, erscheinen deshalb als überoptimistisch.

Soweit die Bergbauprofite in Eritrea bleiben, wandern sie mehr oder weniger direkt in die Taschen der herrschenden Elite und dem mit ihr verknüpften Militär. Die Bevölkerung hat wenig davon: Fast alles, was die Bergbauprojekte brauchen, wird importiert. Zudem sind die Vorhaben maschinen-, nicht aber arbeitsintensiv. An den politischen Verhältnissen in Eritrea dürfte sich unterdessen wenig ändern: Präsident Isaias Afewerki und seine People's Front for Democracy und Justice - die einzige Partei im Land - sitzen fest im Sattel und denken nicht daran, sich an demokratische und rechtstaatliche Spielregeln zu halten. Daran ändern auch erschreckende Berichte des UN Human Rights Council über Menschenrechtsverletzungen und außergerichtliche Hinrichtungen nichts.

Flüchtlingsstrom hält an

Bereits 12% aller Eritreer sind schon als Flüchtlinge registriert, sagt die UN. Internationale Kritik und Opposition außerhalb von Eritrea nehmen zwar zu, ändern bislang aber nichts. Die Sanktionen der UN bleiben bestehen, ebenso wie deren Verletzungen. Die in der Vergangenheit immer mal wieder aufkeimende Hoffnung, Eritrea könnte sich doch noch zu Reformen durchringen, hat sich bislang nicht erfüllt. Dank der Einnahmen aus den Bodenschätzen und wirtschaftlichen Kooperationen mit der VR China und einigen arabischen Staaten sieht die Elite keine Veranlassung, an dem Status-quo irgendetwas zu verändern.

Und auch Europa bremst bislang Vorstöße der UN-Menschenrechtskommission, die eritreische Regierung wegen Menschenrechtsverletzungen vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Dabei ist die hohe Zahl der Flüchtlinge für das Land von ökonomischem Vorteil: Arbeitslosigkeit wird so exportiert und die substantiellen Transfers aus dem Ausland an zurückgebliebene Familienangehörige - ob auf offiziellen oder inoffiziellen Wegen - verringert das akute Devisenproblem.

Denkbar schlechtes Abschneiden selbst im Regionalvergleich

Im "Ease of Doing Business Ranking 2017" der Weltbank liegt Eritrea auf dem vorletzten Platz. Nur Somalia steht auf Rang 190 schlechter da. Und im "Index of Economic Freedom" ist Eritrea ebenfalls ein Schlusslicht. Nicht verwunderlich ist auch ein schlechter Platz im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International: Rang 164. Noch korrupter sind in der Nachbarschaft nur Sudan, Südsudan und Somalia (Rang 176). Im 2016 Ibrahim Index of African Governance liegt Eritrea auf Platz 50; noch schlechter regiert werden nur Libyen, die Zentralafrikanische Republik, Südsudan und Somalia.

Deutschland ist aus eritreischer Sicht eines der führenden Lieferländer. Für deutsche Firmen ist das Land als Absatzmarkt dennoch uninteressant. Nach (noch vorläufigen) Angaben des Statistischen Bundesamtes importierte Eritrea 2016 für lediglich 8,4 Mio. Euro Waren aus Deutschland, 40% weniger als im Jahr zuvor. Bezogen wurden vornehmlich Maschinen, Apparate und Geräte für verschiedene Zwecke (SITC-74: 1,7 Mio. Euro), elektrische Maschinen, Apparate und Geräte (SITC-77: 1,5 Mio. Euro) sowie Kraftmaschinen und -ausrüstungen (SITC-71: 1,1 Mio. Euro).

Wenn etwas von Deutschland nach Eritrea verkauft wird, dann kümmern sich in der Regel die Handelsvertreter deutscher Firmen in den VAE, Kenia oder Ägypten um das Geschäft. Dabei entspricht eine Geschäftsanfrage aus Eritrea wohl nur selten den deutschen Vorstellungen von einem ordentlichen Geschäftsbrief, kann aber dennoch völlig seriös und ortsüblich sein.

Lieferungen der wichtigsten Partnerländer Eritreas (in Mio. US$) *)
2013 2014 2015 2016
VR China 138 88 135 k.A.
VAE 127 151 53 k.A.
Ägypten 63 50 50 k.A.
Italien 36 17 19 k.A.
Deutschland 40 26 16 k.A.
Saudi-Arabien 17 16 k.A. k.A.
Türkei 1 6 14 16
Südafrika 9 11 18 13
Belgien 7 6 9 k.A.
Sudan k.A. k.A. k.A. k.A.

*) Basierend auf den Exportangaben der Partnerländer.

k.A. = keine Angaben

Quelle: Comtrade, Stand: 5.3.17

(M.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Eritrea Außenwirtschaft, allgemein, Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Bergbaumaschinen, Geo-Bohrtechnik

Funktionen

Kontakt

Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche