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17.10.2019

Weg vom Diesel - Kanadas Norden braucht saubere Energie

Mikronetze für lokale Energielösungen gesucht / Von Daniel Lenkeit

Toronto (GTAI) - Kanadas nördliche Gebiete wollen in Zukunft eine sichere und saubere Energieversorgung. Dafür fehlt es an Insellösungen und kälteerprobter Technik.

Über 280 kanadische Gemeinden und etwa 200.000 Menschen haben keine Anbindung an das nordamerikanische Stromnetz oder an eine Gasversorgung. Sie verbrennen zumeist Diesel, um ihren Strombedarf zu decken. Auch das in diesem Bezug am weitesten entwickelte Yukon-Territorium, das 95 Prozent seines Strombedarfs durch Wasserkraft deckt, muss für Spitzenlastzeiten Diesel und Flüssiggas verstromen.

Energie im Norden Kanadas ist teuer und wird stark subventioniert. Der bezuschusste Strompreis liegt für das Territorium Nunavut beispielsweise bei etwa 28 kanadischen Dollarcent pro Kilowattstunde (kWh) für die ersten 1000 kWh pro Monat im (dunklen) Winter (700 kWh im dauerhaft hellen Sommer). Danach wird der "Marktpreis" fällig und der beträgt mindestens das Doppelte bis hin zum Vierfachen - je nach Gemeinde. Ähnlich verhält es sich mit den Preisen in den Northwest Territories (NWT).

Das riesige Yukon-Territorium erreicht zwar über zwei mit Wasserkraft gespeiste Stromnetze viele Gemeinden, jedoch ist durch die Abhängigkeit von Niederschlägen die Versorgung nicht immer gesichert. In trockenen Jahren (zuletzt von 2014 bis 2016) beispielsweise deckt der Strom aus Wasserkraft nur etwa 65 Prozent. Die restlichen 35 Prozent werden wiederum durch Diesel generiert.

Potenzial für Mikronetze

Kleinere Gemeinden wie Tuktoyaktuk (NWT) an der Beaufortsee hängen zu 100 Prozent am Dieseltropf und hoffen, mit dem 2017 neu gebauten Highway nun auf LNG umstellen zu können. Allerdings böten sich für diese abgelegenen Gebiete auch witterungsbeständige Wind- und Solaranlagen an. Das gilt ebenfalls für die Bergbauoperationen in den NWT, die - bis auf eine Diamantenmine mit eigenen Windturbinen - alle zu 100 Prozent auf Dieselgeneratoren zurückgreifen.

Diese Gemeinden suchen nach Alternativen, um Preise sowie CO2-Emissionen zu senken und Energiesicherheit zu stärken. Sowohl Mikronetze gespeist von erneuerbaren Energien als auch Flüssiggasanlagen oder Übertragungsinfrastruktur zum Anschluss an das südliche Netz sind Optionen. Insgesamt benötigt der kanadische Norden einen massiven Infrastrukturausbau.

Siehe dazu auch: http://www.gtai.de/MKT201910168004

Die nur per Flugzeug erreichbare Gemeinde Old Crow im Yukon, deren Strombedarf bis zuletzt vollständig durch Diesel gedeckt wurde, installierte 2018 eine 940 Kilowatt Fotovoltaikanlage (PV), welche Ende 2019 erstmals ein Viertel der 800.000 Liter Diesel ersetzen soll, die die Gemeinde pro Jahr zur Stromgewinnung nutzt.

Vorangetrieben wurde das Projekt maßgeblich durch die jüngere Generation der indigenen Bevölkerungen des Nordens, die sich zunehmend Gehör verschafft. Sie ist technologieoffen, und gerade nördlich des Polarkreises hängt ihre Zukunft unmittelbar mit den Konsequenzen des Klimawandels zusammen.

Für den Ausbau grüner Energien in den nördlichen Gemeinden Kanadas sprechen verbraucherseitig also neben Versorgungsgründen auch ökonomische und klimapolitischen Belange. Vielleicht eher als dies in den südlichen Gebieten Kanadas der Fall ist, bieten sich hier Chancen, (kleine) Projekte umzusetzen.

Bedarf an Komplettlösungen dürfte steigen

Anbieter von anpassungsfähigen, individuell gestaltbaren Komplettlösungen haben gute Chancen in Kanadas entlegenen Gebieten. Vor allem Planer, Ingenieure und Projektmanager für den Aufbau von Insel- oder Mikrogridsystemen, die Wind- oder Solarenergie sowie Speicherlösungen anbieten. Sie dürften in Zukunft immer mehr gefragt sein, auch in bevölkerungsreicheren Gebieten.

Die Provinz Alberta hat seit einigen Jahren unter anderem für Privatverbraucher (micro generation) den Weg zur Nutzung und Regulierung solcher Energieprojekte geebnet. Seit Anfang 2019 gilt dies auch für größere kommunale Zusammenschlüsse, Schulen oder landwirtschaftliche Genossenschaften (small scale generation).

Die Provinz Saskatchewan schuf mit ihrem "Net Metering" und dem "Small Power Producers Program" ebenfalls Regelungen für eine unabhängige Energieversorgung. Der Yukon und die Northwest Territories bieten diese Chancen ebenfalls und haben sogar finanzielle Anreizsysteme installiert, um den Ausbau von Privatanlagen (PV, Wind, Wasser, Biomasse, Geothermie) zu fördern.

An der Umsetzung hapert es teilweise noch aus technischen Gründen. So starteten in Nunavut einige Windprojekte in den letzten Jahren, die am Ende wenig Energie erzeugten. Die kaltwettersensitive Technik, der hohe Wartungsaufwand und der Mangel an ausgebildeten Techniker für die Instandhaltung ließen viele Anlagen scheitern.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/kanada Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
Yukon - staatliches Rückvergütungsprogramm https://yukon.ca/en/housing-and-property/home-energy-rebates/get-reimbursed-your-surplus-renewable-energy Finanzielle Förderung für Erneuerbare Energien
Arctic Energy Alliance http://aea.nt.ca/programs Förderprogramme für Haushalte und Unternehmen für erneuerbare Energieprodukte
Canada's Arctic and Northern Policy Framework http://www.rcaanc-cirnac.gc.ca/eng/1560523306861/1560523330587 Arktisplan der Regierung

Weitere Informationen zu Kanada finden Sie unter: http://www.gtai.de/kanada

Dieser Artikel ist relevant für:

Kanada alternative Energien, Energie- und Wasserpreise, Energiepolitik, Strom-/ Energieerzeugung, sonst. erneuerb. Energien

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Robert Matschoß

‎+49 228 24 993 244

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