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17.04.2019

Westbalkan-Staaten schaffen Roaming ab

Mit dem Roaming-Abkommen setzen diese Länder eine zentrale Maßnahme ihrer digitalen Agenda um / Von Dominik Vorhölter

Belgrad (GTAI) - Breitbandausbau, bessere Vernetzung, kein Roaming: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien realisieren eine gemeinsame digitale Agenda.

Geschäftsleute, Touristen und Verbraucher in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien können ab 1. Juli 2019 günstiger telefonieren. Dann tritt das Roaming-Abkommen in Kraft, das die Minister für Telekommunikation der sechs Länder beim 2. Digitalgipfel für den Westbalkan am 4. April 2019 in Belgrad unterzeichnet hatten. Sie einigten sich, bis zum 1. Juli 2021 die Roaming-Gebühren abzuschaffen.

Koordinierungsausschuss legt Roaming-Preise fest

Welcher Roaming-Tarif letztlich ab 1. Juli 2021 gelten soll, ist noch unklar. Der serbische Anbieter vip mobile habe um Auskunft der in Serbien zuständigen Behörde für digitale Kommunikation und Postdienste (RATEL) gebeten, teilte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage von Germany Trade & Invest mit. Die zuständigen politischen Vertreter müssen sich zunächst über den endgültigen Preis für das Roaming einigen. Dafür soll ein WB6-Kooperationssauschuss einberufen werden.

Ab 1. Juli 2019 verlangt Telekom Macedonia, eine Tochterfirma der Deutschen Telekom, für ein Telefongespräch im Mobilfunknetz der anderen Westbalkan-Länder 22 Cent pro Minute. Aktuell kostet das Balkan-Roaming bei Telekom Macedonia noch zwischen 1,40 Euro und 2,5 Euro pro Minute. Die Kosten, die durch die Umsetzung des Roaming-Abkommens entstehen, müssen die Mobilfunkbetreiber tragen, heißt es in der serbischen Mobilfunkbranche.

Westbalkan-Staaten harmonisieren Gesetze

Mit dem Roaming-Abkommen realisieren die sechs Westbalkan-Länder (WB6) eine von vier zentralen Maßnahmen ihrer gemeinsamen digitalen Agenda. Ziel der Agenda ist es, die westlichen Balkanstaaten wettbewerbsfähiger zu machen und sie bis 2025 auf den Eintritt in den europäischen Digital Single Market vorzubereiten. Dadurch hoffen die Staaten auf eine langfristige Verbesserung des Investitionsklimas und bis zu 300.000 mehr Arbeitsplätze für hochqualifizierte Fachkräfte in der Region.

Das Abkommen weise den Weg zu mehr gegenseitigem Verständnis für die wirtschaftliche Entwicklung und die Bedürfnisse der Menschen auf dem westlichen Balkan, sagte Serbiens Ministerpräsidentin Ana Brnabic beim Digitalgipfel am 4. April 2019.

MKT201904168000.14

Die digitale Agenda für den westlichen Balkan ist ein Baustein des Aktionsplans zur Entwicklung des regionalen Wirtschaftsraums der westlichen Balkanländer (MAP REA), über den die Premierminister auf dem Westbalkangipfel 2017 in Trier abgestimmt hatten. Sie einigten sich, den Handel, Investitionen, Mobilität und die digitale Integration in der Region zu stärken.

Dafür müssen die westlichen Balkanstaaten nationale an die europäischen Gesetze anpassen. Sie erarbeiten neue Regeln zu E-Commerce, E-Government, Breitband-Kommunikation, Datenaustausch und Öffentlich-Privaten Partnerschaften. Dabei unterstützt die Europäische Union die sechs Länder mit 30 Millionen Euro.

Die Westbalkan-Länder werden noch bis Ende dieses Jahres damit beschäftigt sein, die landesweite Versorgung mit Breitband zu ermitteln und Atlanten zu erstellen. Der flächendeckende Ausbau ist für 2020 geplant und soll größtenteils über Öffentlich-Private-Partnerschaften organisiert werden.

Aktuelle Daten zur digitalen Konnektivität in der Region Westbalkan 2017
Land/Kategorie SIM-Karten-Besitzer (pro 100 Einwohner) Mobile Breitband-Nutzung -Datenraten von mindestens 256 Kilobit pro Sekunde (pro 100 Einwohner) Anteil der Internetnutzer an der Bevölkerung (in Prozent) Breitband-Internet-Zugang - Datenraten von mindestens 256 Kilobit pro Sekunde (pro 100 Einwohner) Bevölkerung (in Millionen)
Albanien 119,4 52,6 66,4 8,3 2,9
Bosnien und Herzegowina 98,1 37,4 69,3 14,4 3,5
Kosovo k.A. k.A. 61,3 k.A. 1,9
Montenegro 167,5 60,7 70,0 18,5 0,6
Nordmazedonien 100,7 59,0 72,2 17,9 2,1
Serbien 120,6 67,4 67,1 19,0 7,0
Zum Vergleich:
Deutschland 114,5 80,2 90,0 38,1 82,7

Quellen: Internationale Fernmeldunion; ITU; Germany Trade & Invest "Wirtschaftsdaten kompakt"

Digitale Transformation verläuft auf unterschiedlichem Niveau

Bosnien und Herzegowina hat erst Ende März 2019 die gesetzliche Grundlage für ein Mobilfunknetz der vierten Generation (4G - Download-Geschwindigkeit mindestens 100 Kilobit pro Sekunde) geschaffen. Demgegenüber rechnet die serbische Regierung damit, schon Ende dieses Jahres mit dem Ausbau des Mobilfunknetzes der fünften Generation (5G - Datenraten bis zu 20 Gigabit pro Sekunde) zu starten. Die serbischen Anbieter vip, Telenor und Telekom Srbija erklärten auf Anfrage, dass sie technisch bereit dafür seien. Bisher mangele es am Infrastrukturausbau, teilten beide Unternehmen mit.

Bereit für den 5G-Ausbau sind auch Montenegro und Nordmazedonien. Beide Länder haben ihre Gesetze entsprechend harmonisiert. In Albanien, Kosovo und Bosnien-Herzegowina müssen die Regierungen noch die gesetzlichen Grundlagen schaffen.

Der ungleiche Fortschritt beim Breitbandausbau hat zur Folge, dass Kosovo, Albanien und Bosnien-Herzegowina im Wettbewerb um Kapazitäten hinten anstehen. In Albanien finanzierte der Westernbalkan Investment Fonds (WBIF) eine Projektstudie für den Breitbandausbau mit 0,5 Mio. Euro. Insgesamt wollen die EU und der WBIF bis 2024 dafür 50 Millionen Euro in Albanien investieren.

Mehr Austausch erforderlich

Das unterschiedliche Entwicklungsniveau der sechs Länder steht einer gemeinsamen digitalen Entwicklung entgegen. Bosnien-Herzegowina und Kosovo hinken hinterher. Politische Irritationen und Korruption in den regionalen und kommunalen Verwaltungsstrukturen bremsen zudem den Fortschritt bei der digitalen Agenda.

Eine große Herausforderung stellt die Vernetzung der nationalen Verwaltungsstrukturen dar. Sie steht noch am Anfang, da die Entwicklung von E-Government in den WB6-Ländern verschieden schnell verläuft. Im kommenden Jahr 2020 sollen die Handelsregister der westlichen Balkanstaaten auf der Basis einer gemeinsamen Datenbank zusammengefasst werden.

Eine weiteres Ziel der WB6-Länder ist es, die digitalen Kompetenzen und die Innovationskraft der Unternehmer zu fördern und zu stärken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Es bedarf künftig mehr Investitionen in innovative Unternehmen, Industrie 4.0-Lösungen und in Bildung. Eine Gelegenheit für konkrete Projektplanungen bietet das Businessforum der EBRD, das vom 8. bis 9. Mai in Sarajewo stattfindet.

Kontaktadressen

Bezeichnung der Internetadresse
Westbalkan - Regional Cooperation Council https://www.rcc.int
Albanien https://akep.al
Bosnien und Herzegowina https://www.rak.ba
Kosovo http://www.kpm-ks.org
Montenegro http://aemcg.org
Nordmazedonien http://www.aek.mk
Serbien https://www.ratel.rs

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien sind unter http://www.gtai.de erhältlich.

Dieser Artikel ist relevant für:

Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien Digitalisierung

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