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18.06.2019

Widersprüchliche Energiepolitik in Pakistan

Widersprüchliche Energiepolitik in Pakistan

Regierung will erneuerbare Energien forcieren, aber China finanziert und baut Kohle- und Kernkraftwerke / Von Robert Espey

Dubai (GTAI) - Die pakistanische Regierung berät über neue Zielmarken für den Energiesektor. Nur noch 40 Prozent der Kraftwerkskapazitäten sollen 2030 auf konventionelle Kraftwerke entfallen.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Ausbau der Kraftwerkskapazitäten dringend erforderlich. Zu wenige private in- und ausländische Investoren.
Chinesische Seidenstraßen-Projekte. Abhängigkeit von ausländischen, insbesondere chinesischen Finanzierungen.
Große Braunkohlevorkommen. Politische Unwägbarkeiten.

Quelle: Analyse von Germany Trade & Invest

Neue Energiepolitik erfordert erhebliche Korrekturen

Die seit August 2018 amtierende Regierung unter Premierminister Imran Khan möchte im Energiesektor innerhalb der nächsten zehn Jahre einen deutlichen Strukturwandel herbeiführen. . Wie die neuen Ziele erreicht werden sollen, ist noch unklar. Die chronischen Versorgungsengpässe müssen beseitigt werden. Beim Ausbau der Kraftwerkskapazitäten spielen erneuerbare Energien weiter eine untergeordnete Rolle. In der Vergangenheit wurden erneuerbare Energien gefördert, aber lediglich Orientierungsgrößen und keine verbindlichen Ziele vorgegeben

Der 2003 gegründete Alternative Energy Development Board (AEDB) fördert private Investitionen in erneuerbare Energien. Damals wurde bis 2015 ein Anteil erneuerbarer Energien an den Kraftwerkskapazitäten von 10 Prozent angestrebt. Tatsächlich waren es 2015 nur 1,8 Prozent. Die Regulierungsbehörde National Electric Power Regulatory Authority (NEPRA) hat bislang erneuerbare Energien als "ergänzenden Energieträger" eingestuft oder als Option, wenn keine anderen Energieträger verfügbar sind.

Die neue Regierung strebt als Gesamtkapazität aller Kraftwerktypen 2030 etwa 60 Gigawatt an. Sie will dann für erneuerbare Energien (Sonne, Wind, Biomasse) eine Quote von 30 Prozent erreichen. Der Entwurf einer Renewable Energy Policy 2019 sieht 2030 auch einen 30 Prozent Anteil für große Wasserkraftwerke vor. Die verbleibenden 40 Prozent würden sich auf fossile Brennstoffe und Atomkraft verteilen.

Die Realisierung der bisher geplanten Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke würde die für 2030 anvisierten 24 Gigawatt aller konventionellen Kraftwerke deutlich überschreiten. Notwendige Korrekturen könnten zu erheblichen Konflikten mit Akteuren der Energiewirtschaft führen. Insbesondere der Einstieg in die massive Nutzung der Braunkohlevorkommen müsste gestoppt werden. Auch einige der ölbefeuerten Kraftwerke dürften außer Betrieb genommen oder umgerüstet werden, neue wird es nicht geben.

Zukunft des konventionellen Kraftwerksektors ungewiss

Nach Angaben der NEPRA stiegen von 2008 bis 2017 die installierten Kraftwerkskapazitäten von 20,1 auf 28,4 Gigawatt. Das Energieministerium gibt Ende 2018 sogar eine installierte Gesamtkapazität von 33,8 Gigawatt an.

NEPRA zufolge hatten konventionelle Kraftwerke einschließlich Kernkraft 2008 einen 68 Prozent Anteil an den Kraftwerkskapazitäten. Die restlichen 32 Prozent entfielen auf Wasserkraft. Bis 2013 wuchs der Anteil konventioneller Kraftwerke auf 71 Prozent, Wasserkraft ging auf 29 Prozent zurück. Erneuerbare Energien lagen bei 0,2 Prozent.

Der konventionelle Kraftwerksektor kam 2017 auf 70 Prozent, Wasser auf 25 Prozent und erneuerbare Energien auf 5 Prozent. Daten für 2018 liegen noch nicht vor. Aufgrund der 2018 erfolgten Fertigstellung von konventionellen Kraftwerken und Wasserkraftanlagen ist von einem leicht gesunkenen Anteil erneuerbarer Energien auszugehen.

Der jährliche Energiebericht State of the Industry der NEPRA zeigt für das Netz der staatlichen National Transmission and Despatch Company (NTDC) bis 2025 einen Rückgang des Anteils konventioneller Kraftwerke an den Gesamtkapazitäten auf 59 Prozent, Wasserkraft steigt auf 33 Prozent, erneuerbare Energien erreichen 8 Prozent. Die NTDC ist für 90 Prozent der pakistanischen Stromversorgung (alle Regionen außer Karachi) zuständig. Der Großraum Karachi wird von K-Electric versorgt.

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NEPRA prognostiziert von 2017 bis 2025 einen Zuwachs von 36 Gigawatt der im NTDC-Netz installierten Kapazitäten auf über 62 Gigawatt. Der größte Kapazitätszuwachs wird bei Wasserkraft erwartet, um 13,6 auf 20,7 Gigawatt. NEPRA weist allerdings darauf hin, dass bei Wasserkraftprojekten mit Verzögerungen gerechnet wird. Kohlekraft soll um 11,4 auf 12,2 Gigawatt wachsen, gasbetriebene Kraftwerke um 3,8 auf 12,6 Gigawatt. Bei erneuerbaren Energie wird eine Expansion um 3,7 auf 5,2 Gigawatt erwartet.

Die im März 2019 von der NTDC vorgelegte langfristige Planung (Indicative Generation Capacity Expansion Plan 2018-2040) weicht ebenfalls deutlich vom neuen Regierungskonzept ab. Diese NTDC-Planung geht Pressemeldungen zufolge von einer massiven Nutzung der lokalen Braunkohle, einem deutlichen Ausbau des Wasserkraftsektors und einem 16 Prozent Anteil erneuerbarer Energien bis 2040 aus. Die Gesamtkapazität des Kraftwerksektors soll 80 Gigawatt erreichen.

Auch die bisherigen Planungen für die Stromversorgung des Großraums Karachi sind nicht mit der neuen Ausrichtung der Energiepolitik kompatibel. K-Electric setzt vor allem auf neue konventionelle Kraftwerke, die mit importiertem RLNG (Regasified Liquefied Natural Gas) oder Importkohle betrieben werden.

Kohle: Fluch oder Segen?

Der Großteil der seit 2017 in Betrieb genommenen Kraftwerke verfeuert Kohle. Die Haltung der neuen Regierung zum Kohlesektor ist widersprüchlich. Herr Malik Amin Aslam, Berater des Premierministers für Klimapolitik, bezeichnete im August 2018 das von chinesischen Investoren 2017 in Betrieb genommene 1,3 Gigawatt Sahiwal Importkohlekraftwerk als "mögliches Desaster".

Gleichzeitig erklärte Aslam, dass man bei laufenden und geplanten Kohleprojekten, angesichts der von den Vorgängerregierungen geschlossenen langfristigen Vereinbarungen, über wenig Spielraum verfüge. Die neue Regierung müsse das Beste aus einer schlechten Situation machen.

Die von China im Rahmen des China Pakistan Economic Corridor (CPEC) forcierte Erschließung der Braunkohle in der Region Thar macht Kohle zum "Energieträger der Zukunft". China fördert darüber hinaus den Bau von Kraftwerken, die importierte Kohle benötigen werden.

Die Thar Lagerstätten umfassen 175 Milliarden Tonnen Braunkohle. Derzeit gibt es Projekte in vier von vermutlich neun Blöcken. Ein erstes Braunkohlekraftwerk (660 Megawatt) wurde 2019 fertig. Projekte mit insgesamt rund 9 Gigawatt werden geplant.

Beobachter gehen davon aus, das die Khan-Regierung nichts gegen die chinesischen Projekte unternehmen werde, aber bei nicht chinesisch geförderten Kohleprojekten möglicherweise bremsen könnte. Dies würde einige im Thar-Braunkohlerevier geplante Kraftwerke treffen.

Kernkraft wird mit chinesischer Hilfe ausgebaut

China könnte auch den Ausbau der Kernenergie unterstützen. Fünf Atomkraftwerke sind in Betrieb. Die Kapazitäten des Atomenergiesektors werden sich nach Fertigstellung von zwei Projekten auf 3,6 Gigawatt erhöhen. Die beiden im Bau befindlichen Atomkraftwerke sind KANUPP 2 und 3 (Karachi Nuclear Power Plant) mit jeweils 1,1 Gigawatt. Ihre Fertigstellungen sind 2020 beziehungsweise 2021 geplant. Die China National Nuclear Corporation baut die beiden AKW und die chinesische Export-Import Bank (Exim) finanziert 80 Prozent der Kosten.

Im Chashma Nuclear Power Complex in der Provinz Punjab arbeiten vier Reaktoren (Chashma 1 bis 4), die zwischen 2000 und 2017 fertiggestellt wurden. Ihre Gesamtleistung beträgt 1,3 Gigawatt. Auch die Chashma-Reaktoren wurden mit chinesischer Hilfe errichtet. Als Chashma 5 ist ein 1,1 Gigawatt-Kraftwerk geplant, eine Vereinbarung wurde mit China unterzeichnet. Baubeginn ist 2020 geplant, die Inbetriebnahme 2025.

Kontaktadressen:

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/pakistan Außenhandels-informationen für die deutsche Export-wirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
Exportinitiative Energie http://www.german-energy-solutions.de Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen
Factsheets der Exportinitiative Energie https://www.german-energy-solutions.de/GES/Redaktion/DE/Publikationen/Kurzinformationen/2019/fs_pakistan_2019.pdf?__blob=publicationFile&v=2 Allgemeine Energieinformationen zum Land
Ministry of Energy, Power Division http://www.mowp.gov.pk Ministerium
National Electric Power Regulatory Authority (NEPRA) https://www.nepra.org.pk Behörde
Private Power and Infrastructure Board (PPIB) http://www.ppib.gov.pk Zuständig für private Investitionen in konventionelle und Wasserkraftwerke
Pakistan Atomic Energy Commission http://www.paec.gov.pk Steuerung des Atomkraftsektors
Pakistan Water and Power Development Authority (WAPDA) http://www.wapda.gov.pk Zuständig für Entwicklung der Wasserwirtschaft und Wasserkraft
Pakistan Electric Power Company (PEPCO) http://pepco.gov.pk Zuständig für staatliche konventionelle Kraftwerke und das nationale Stromnetz (außer Region Karachi)
Thar Coal and Energy Board (TCEB) http://sindhcoal.gos.pk Förderung der Braunkohleprojekte in Thar
Alternative Energy Development Board (AEDB) http://www.aedb.org Zuständig für erneuerbare Energien
National Transmission & Despatch Company (NTDC) http://ntdc.com.pk Betreiber des nationalen Stromnetzes (außer Region Karachi)
K-Electric http://ke.com.pk Betreiber von Kraftwerken und des Stromnetzes in der Region Karachi

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Pakistan Kraftwerksbau, Wärme- und Gasversorgung, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien, Strom-/ Energieerzeugung, Kernkraft

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