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27.11.2018

Windenergie in Polen hofft auf neuen Rückenwind

Nach einer Flaute stehen neue Ausschreibungen an / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Neue Auktionen für Windenergie beleben den Markt für erneuerbare Energien in Polen. Experten zufolge gibt es aber noch Hindernisse, welche den Ausbau ausbremsen.

Die Windenergie ist die wichtigste erneuerbare Energiequelle in Polen, sie soll weiter ausgebaut werden. Noch im November 2018 findet die nächste Auktion für den Bau und Betrieb von Anlagen statt. Für Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von weniger als 1 MW belaufen sich die Gesamtkapazitäten auf 120 MW. Auch für den Offshore-Bereich sowie für Solarenergie werden im November Energiemengen versteigert.

Die erste Auktionsrunde ist bereits geschafft: Am 5. November 2018 hatte das Land - nach eineinhalb Jahren Pause - den Bau- und Betrieb von Onshore-Windenergieanlagen mit einer installierten elektrischen Leistung von mehr als 1 Megawatt (MW) ausgeschrieben. Hier summierte sich die Gesamtkapazität auf 1 Gigawatt (GW). Der Zuwachs ist beträchtlich, denn insgesamt bringen es die Windparks in Polen bis dato auf 6 GW-Kapazität.

Gesetzesnovelle bringt Bewegung in den Markt

Mit einer im Juni 2018 verabschiedeten Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes forciert und reguliert die Regierung den Ausbau alternativer Energien weiter. So sieht die Novelle unter anderem Steuererleichterungen für neue Energien vor: Bis zur Novellierung konnten Immobiliensteuern auf Bausubstanz und technische Ausstattung der Anlagen fällig werden, nunmehr wird nur noch für die Anlage gezahlt.

Ein zweiter Punkt der Novellierung ist die teilweise Zurücknahme der umstrittenen Abstandsregel für Windfarmprojekte, die Mitte 2016 beschlossen worden war. Die sogenannte 10h-Regel legt den Mindestabstand einer Windanlage von Wohngebäuden auf mindestens das Zehnfache seiner Höhe, inklusive Rotor, fest. Dadurch sind Onshore-Projekte in der Praxis oft schwer realisierbar.

Zwar ist die 10h Regel mit der Novellierung nicht abgeschafft, doch erlaubt der Gesetzgeber Unternehmen, die bereits vor Mitte 2016 eine Baugenehmigung für eine Anlage hatten, diese trotz 10h wahrzunehmen - dabei darf aber nur genau so gebaut werden wie beantragt, möglicherweise also mit veralteter Technologie und nur mit den geplanten Kapazitäten. Zudem wurde der Zeitraum für den Bau und die Inbetriebnahme von Windparks mit einer Baugenehmigung bis Mitte 2021 verlängert.

Windenergiesektor sieht positive Zeichen

Von einigen Marktteilnehmern wird die Novelle als ein positives Zeichen für den Windenergiesektor gedeutet. So sieht Pawel Przybylski, Geschäftsführer von Siemens Gamesa Renewable Energy Poland, im Rahmen der neuen Auktionen eine verstärkte Investitionsaktivität im Onshore-Bereich. In den vorherigen zwei oder drei Jahren herrschte laut Experten eine Stagnation. Das Unternehmen führt Gespräche mit Firmen, die sich an den Auktionen beteiligen wollen. Aufträge für neue Turbinen erwartet Przybylski allerdings frühestens in den ersten beiden Quartalen 2019.

Jacek Glowacki, Vorstandsvorsitzender von Polenergia, gibt sich im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin WI ebenfalls zuversichtlich. Polenergia hat im Mai 2018 einen Vertrag mit Equinor über den Bau von Offshore-Windparks in der Ostsee unterzeichnet. Neben der Novelle bewertet Glowacki die Äußerungen des Geschäftsführers des staatlichen Netzbetreibers PSE, dass es eine Möglichkeit geben wird, Offshore-Windparks anzuschließen, als gutes Signal.

Auch die Onshore-Windenergie kommt in Schwung. Eine neue Studie des Forschungs- und Beratungsunternehmens Wood Mackenzie schätzt die zukünftige Entwicklung in Osteuropa optimistisch ein: Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden dem Bericht zufolge 16 GW an neuen Kapazitäten am Festland für die Region entstehen. Polen spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Sohaib Malik, leitender Autor der Studie, erwartet durch die im Juni 2018 verabschiedete Novelle einen großen Schub für den Onshore-Windsektor. Steigende Emissionsvorschriften und alternde Kohlekraftwerke in Kombination mit sinkenden Technologiekosten für Windenergie könnten den Sektor laut Malik nach 2020 in eine starke Position bringen, Kapazitäten der Kohleförderung zu übernehmen.

Polen könnte Hauptakteur beim Bau von Offshore-Windparks in der Ostsee werden

Verhaltener zeigt sich Michal Kaczerowski, Präsident des Umwelt-Beratungsunternehmens Ambiens. Er warnt davor, im Zuge der Auktionen von einem bevorstehenden Investitionsboom zu sprechen. Experten zufolge würde nur die Aufhebung der 10h-Regel einen Boom im Windenergiesektor hervorrufen. Der Präsident des Polnischen Windenergieverbandes Janusz Gajowiecki sagt, dass Firmen, die den Zusammenbruch des Marktes nach 2015 überlebt haben, vorsichtiger geworden sind. Insbesondere, wenn für Aufträge neue Ausrüstung oder zusätzliches Personal benötigt wird.

Einer Studie des Instituts für Strukturforschung IBS (Instytut Badan Strukturalnych) vom September 2018 zufolge ist Polen einer der vielversprechendsten Märkte für erneuerbare Technologien. Als Grund nennt das Institut neben den Klimazielen der Europäischen Union (EU) den Rückgang der Kohlevorkommen. Polen könnte laut der Studie einer der Hauptakteure beim Bau von Offshore-Windparks in der Ostsee werden.

Gleichzeitig sieht das Institut jedoch verschiedene Herausforderungen für die Entwicklung des Offshore-Sektors in Polen: die Unvorhersehbarkeit der Politik, eine limitierte Netzinfrastruktur und eine schwache Qualität der wissenschaftlichen Institutionen. Auch die Zusammenarbeit von Forschung und Unternehmen wird in der Studie bemängelt. Die Bekanntgabe von Langezeitzielen für Offshore-Windparks sowie das Aufsetzen einer Roadmap sind laut IBS notwendig, um den Sektor im polnischen Energiesystem zu etablieren und seine Entwicklung zu unterstützen.

Mehr Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Strom-/ Energieerzeugung, Wind

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Fabian Moepert

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