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21.04.2016

Zäher Ausbau des Schienenverkehrs in Brasilien

Ernüchternde Zwischenbilanz / Langfristig aber viel Bedarf / Von Oliver Döhne

Sao Paulo (GTAI) - Die sportlichen Großereignisse halfen Brasiliens Metropolen wenig beim Ausbau ihres Personennahverkehrs. Zahlreiche Projekte verzögerten sich und Kosten explodierten. Nun sind auch noch die öffentlichen Kassen leer. Ähnliches gilt für die Güterverkehrsstrecken, an deren Ausschreibungen es noch zu haken scheint. Hersteller von Bahntechnik setzen angesichts der langfristig guten Perspektive und dem enormen Nachholbedarf dennoch auf Brasilien und investieren in eine lokale Produktion.

Die politische Lage mit dem laufenden Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff erlaubt keine detaillierten Prognosen, welchen Stellenwert der Ausbau der urbanen Mobilitätsinfrastruktur unter einem neuen Präsidenten haben wird. Einerseits ist der Bedarf an neuen Nahverkehrslinien so groß, dass sich die künftig Verantwortlichen diesem Thema intensiv werden widmen müssen. Von den 63 Ballungsräumen im Land besitzt erst ein Dutzend einen öffentlichen Personenschienenverkehr. Andererseits beschneidet gerade das Haushaltsdefizit, über das Rousseff zu stürzen scheint, den Infrastrukturausbau. Die nationale Entwicklungsbank BNDES wird 2016 vorerst 20 bis 25% weniger für urbane Mobilität bereitstellen. Im Vorjahr waren es rund 8,5 Mrd. R$ (Real; gut 2 Mrd. Euro; 1 Euro = derzeit 4,00 R$). Dafür legt die Bank eine Sonderkreditlinie für Projektstudien für öffentlich-private Partnerschaften (PPP) im städtischen Nahverkehr auf. Mit Sicherheit wird dem Privatsektor eine erhöhte Bedeutung bei Ausbau und Betrieb zukommen.

Monorail in Sao Paulo soll weitergebaut werden

Sao Paulo hatte sich 2010, gegen den globalen Trend, dafür entschieden, auf Monorail-Bahnen über der Straße zu setzen. Als Grund führte die zuständige Regierung des Bundesstaates Sao Paulo die im Vergleich zu U-Bahnen geringeren Baukosten und die schnellere Fertigstellung an. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil. Die verwaisten Pfeiler der unfertigen "goldenen" Linie 17, die sich wie das Skelett eines prähistorischen Tieres an der Avenida Roberto Marinho entlangwinden, sind zu einem Symbol des Stillstands geworden. Sollte die Linie ursprünglich in zwei Jahren und für 3,9 Mrd. R$ fertig werden, explodierten die Kosten in der Folge, bis die beauftragten Baukonzerne Andrade Gutierrez und CR Almeida den Bau verließen und die Metro den Vertrag Anfang 2016 kündigen musste.

Mitte April vereinbarte der Bundesstaat mit den Baufirmen Tiisa und DP Barros, die für einen anderen Teil der Linie verantwortlich sind, den verlassenen Bauabschnitt mit zu übernehmen. Die jetzige, wie stets optimistische, Prognose ist eine Fertigstellung bis Juli 2019. Die Monorailbahn 15 (Silber) in der Ostzone Sao Paulos ging zwar im August 2015 in Betrieb, wird bis auf weiteres aber nur zwischen zwei Stationen verkehren. Die Monorail 18 (Bronze) in die benachbarte Industrieregion Sao Bernardo do Campo ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Der malaysische Hersteller Scomi legte dennoch im März 2016 den Grundstein seiner Fabrik in Taubate, wo das Unternehmen 70 Monorailwagen für die Linie 17 und 135 Wagen für die Linie 18 produzieren wird. Die Fabrik soll in sechs Monaten in Betrieb gehen.

In Rio de Janeiro wird die Zeit immer knapper, um die wichtige U-Bahn zwischen Ipanema und dem Vorort Barra da Tijuca, dem Zentrum der olympischen Wettbewerbe, fertigzustellen. Momentan deutet alles bestenfalls auf einen sehr eingeschränkten Betrieb für Karteninhaber der Olympiade hin. In Salvador steht nach weitgehender Fertigstellung der Linie 1 nun die Verbindung des Zentrums an den recht weit stadtauswärts gelegenen Flughafen und den Vorort Lauro de Freitas auf dem Programm. Die Wagen wird Hyundai-Tochter Rotem in ihrem im März 2016 eröffneten Werk in Araraquara im Bundesstaat Sao Paulo produzieren, von wo das Unternehmen auch die S-Bahn in Sao Paulo (CPTM) beliefern wird.

Schienenprojekte warten auf Staatsgeld

Andere Metropolen wie Belo Horizonte, Porto Alegre, Curitiba und Goiania müssen mit ihren Schienenprojekten voraussichtlich darauf warten, dass wieder staatliches Geld verfügbar wird. Der begonnene Bau der beiden Straßenbahnen in Cuiaba und Fortaleza, die ursprünglich für den Transport von Besuchern der Fußball-WM 2014 gedacht waren, stand seit Ende 2014 still, soll aber wieder ernsthafter aufgenommen werden.

Ausgewählte Schienenprojekte für den Personentransport in Brasilien
Projekt Stand
Linie 4, U-Bahn, Rio de Janeiro (General Osorio-Barra da Tijuca) fortgeschritten, bis Olympia nur teilweise fertig
VLT-Straßenbahnen Porto Maravilha, Rio de Janeiro fortgeschritten
Linie 5, U-Bahn, Sao Paulo (Adolfo Pinheiro-Chacara Klabin) Bohrphase abgeschlossen, 10 Stationen im Bau, Bau staatlich, privater Betrieb, frühestens ab 2018
Linie 15, Monorail, Sao Paulo (Vila Prudente-Cidade Tiradentes) 2 Stationen in Betrieb, weitere 7 im Bau, weitere 8 geplant
Linie 17, Monorail, Sao Paulo (Morumbi-Congonhas-Jabaquara) Wiederaufnahme des Baus nach längerem Stopp, Stützpfeiler stehen
Linie 2, Stadtbahn Salvador, Acesso Norte-Flughafen-Lauro de Freitas 12 Stationen bis Flughafen im Bau (24% fertig), 10 weitere geplant, 5 Integrationsterminals, Bau: CCR
Linie 4, U-Bahn, Sao Paulo zum Teil in Betrieb, Bau neuer Stationen verzögert, neue Ausschreibung seit Juli 2015 suspendiert
Linie 6, U-Bahn, Sao Paulo (Brasilandia-Sao Joaquim) 15,3 km, 15 Stationen, nicht vor 2020 fertig
Linie 2, U-Bahn, Sao Paulo (Vila Prudente-Guarulhos) Ausbau vorerst vertagt, 12,5 km in Richtung Guarulhos geplant
Linie 18, Monorail, Sao Paulo (Tamanduatei-ABC-Region) aus Kostengründen verschoben
VLT-Straßenbahn, Fortaleza Wiederaufnahme des Baus, 50% fortgeschritten, 12,7 km, Bau: AZVI (Spanien)
VLT-Straßenbahn, Cuiabá unterbrochen, laut Bestandsaufnahme von KPMG in 19 Monaten fertigstellbar
VLT-Straßenbahn, Goiania Entwurf steht, Projekt hängt aber wegen Finanzierungsfragen fest, 1 Mrd. R$ an öffentlichen Geldern nötig
U-Bahn Porto Alegre Planungsphase, 15 km, 15 Stationen, Metro Madrid berät, PPP, rund 3,5 Mrd. R$ an öffentlichen Geldern nötig
Linha Verde, U-Bahn, Curitiba Ausschreibung im Mai 2014 gestoppt, 17,3 km, 15 Stationen, 5,5 Mrd. R$, PPP, driverless
S- und U-Bahn, Belo Horizonte zusätzliche 196 km und 106 Stationen, stark verzögert
VLT-Straßenbahn Brasilia, Asa Norte, Monumentalachse und W3-Achse Ende 2015 Absichtserklärung Regierung und Städteministerium, Machbarkeitsstudie
VLT-Straßenbahn, Santos-Sao Vicente Startphase, noch nicht integriert, Ausbau geplant

Quelle: Recherche Germany Trade & Invest

Im Güterverkehr plante die Regierung Rousseff mehrere Ausschreibungen von Schienenstrecken. Sie will insbesondere die Häfen im Norden und Nordosten besser an die Bergbau- und Agrarproduktion anbinden. Es bleibt vorerst abzuwarten, wie viel davon eine Folgeregierung übernehmen wird. Offenbar ist das Modell in der derzeitigen Form noch nicht ausgereift, da bislang keine der schon länger geplanten Vergaben erfolgte. Auch der Ausbau der bestehenden Cargo-Schienenstrecken kommt immer wieder ins Stocken. Die Transnordestina zwischen dem Agrarstaat Piaui und den Häfen Suape und Pecem ist nach zehn Jahren Bauzeit erst zu 56% fertig. Die Ferrovia Norte Sul funktioniert selbst auf den eingeweihten Teilstrecken nur sporadisch, und der Bau einer transkontinentalen Strecke bis zu den Häfen in Peru mit Unterstützung Chinas bleibt vorerst ein Versprechen.

Brasilien importierte 2015 rund 1 Mrd. R$ an Bahntechnik. Davon entfiel rund die Hälfte auf Triebwagen und Schienenbusse mit externer Stromquelle, 197 Mio. R$ auf Dieselelektroloks, 103 Mio. R$ auf Teile von Achslagern, Wagenkästen und Untergestellen, 53 Mio. R$ auf Teile von Dreh- und Lenkgestellen, 35 Mio. R$ auf elektrische Verkehrssignal-, Verkehrssicherungs-, Verkehrsüberwachungs- und Verkehrssteuergeräte für Schienenwege und 34 Mio. R$ auf gesenkgeschmiedete Achsen, Radsätze und Räder aus Stahl inklusive Teile. Wichtigste Lieferländer sind die VR China, die USA und Frankreich.

(O.D.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Eisenbahnbau, Schienenfahrzeuge, Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV)

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