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31.07.2018

Zentralamerikas Lebensmittelindustrie fragt hochwertige Technik nach

Familienkonglomerate als wichtige Kunden / "Kaum chinesische Konkurrenz" / Von Ulrich Binkert

San José (GTAI) - Brauereien, Keksfabriken und ganze Industriezweige - zwischen Guatemala und Panama geben bei der Lebensmittelproduktion oft familiendominierte Unternehmensgruppen den Ton an. Mexikanische Firmen und internationale Multis produzieren ebenfalls in Zentralamerika. Zumindest die größeren Kunden fordern gute Technikqualität, importierte Gebrauchtmaschinen spielen für sie keine Rolle. Bei den Nahrungsmittelherstellern gibt es einen Trend zur Auslagerung der Beschaffungsabteilungen.

Wichtigste Lieferanten von Nahrungsmittelmaschinen bleiben in Zentralamerika Anbieter aus etablierten Industrieländern mit den USA an der Spitze; Italien und Deutschland folgen mit einigem Abstand. Der Anteil Chinas nahm von 2014 bis 2016 laut der Datenbank von UN Comtrade nur leicht zu (auf 5,4 Prozent), wichtiger noch waren Malaysia und Brasilien. Importierte Gebrauchtmaschinen spielen, zumal in größeren Betrieben, keine Rolle bei Beschaffungen, wie Branchenvertreter aus Guatemala und Costa Rica übereinstimmend berichten.

Chinesische Konkurrenz bleibt noch auf Abstand

"Im Moment habe ich kaum Konkurrenz durch Chinesen", sagt in Costa Ricas Hauptstadt San José der deutsche Maschinenvertreter Niels Peters, der mit seiner Firma Corpit vor allem europäische Technik für die fleischverarbeitende Industrie im Programm hat. "Einige Kunden sind mit chinesischen Maschinen schon böse auf die Nase gefallen, sie sorgen sich auch um den Service."

Auch Juan Carlos Chacón, Beschaffungsmanager Zentralamerika beim Kekshersteller Pozuelo in San José, sieht für seine Firma "keine Tendenz zu chinesischen Maschinen". Man orientiere sich am europäischen und US-amerikanischen Angebot und habe erst jüngst einen Ofen aus Deutschland für eine Million US-Dollar (US$) installiert, davor einen aus Italien.

Gleichwohl unterhält die kolumbianische Gruppe Nutresa, zu der Pozuelo gehört, ein Beschaffungsbüro in Shanghai. Gebrauchte Maschinen kauft Pozuelo seit der Übernahme durch Nutresa 2006 nicht mehr, so Chacón. Der Betrieb in San José sei mit seinen 600 Mitarbeitern in der Produktion die größte Keksfabrik zwischen Guatemala und Panama, der Marktanteil in Zentralamerika liege bei gut einem Drittel.

Einheimische Kunden dominieren die Nachfrage

Für Maschinenverkäufer sind in Zentralamerika die einheimischen Nahrungsmittelproduzenten die wichtigsten Kunden. Mit dieser Gruppe tätigt zum Bespiel ein großer deutscher Anbieter von Verpackungsmaschinen gut zwei Drittel seiner Umsätze. Der Rest entfalle auf die regionalen Betriebe internationaler Multis.

Mit der wichtigste Käufer von Nahrungsmittelmaschinen dürfte die Corporación Multi Inversiones (CMI) sein. Die Familiengruppe mit Hauptsitz in Guatemala und insgesamt 45.000 Mitarbeitern produziert unter anderem Teigwaren, Kekse und andere Getreideerzeugnisse (Gruppenfirma Molinos Modernos) sowie Fleischwaren (Pollo Rey, Toledo und andere).

Mexikaner und Multis auf dem Vormarsch

Mexikanische Lebensmittelhersteller haben in den letzten Jahren kräftig in Zentralamerika investiert. Brotgigant Bimbo mit einer Fabrik in Guatemala gilt in Zentralamerika als Marktführer, der Milchriese Lala hat etliche Molkereien in Guatemala, Honduras, Nicaragua und El Salvador aufgekauft. Erst kürzlich hat Lala bei Amatitlán südlich der guatemaltekischen Hauptstadt für 30 Millionen US$ eine Molkerei errichtet. Abzuwarten bleibt, ob die Multis ihre Produktionskapazitäten ausbauen. Technikvertreter Peters glaubt daran, andere Beobachter meinen eher das Gegenteil festzustellen.

Demnach kaufen die Multis einheimische Betriebe und legen sie zusammen, schließen also Fabriken und bauen wenige andere aus. Es gebe eine Tendenz zur Belieferung von außen, so wie Mondelez dies mit seiner riesigen Keksfabrik im mexikanischen Monterrey tue. In Zentralamerika betreibt nach Angaben von Pozuelo kein internationaler Multi eine Keksfabrik. Nestlé etwa sei in der Region generell schwach vertreten.

Die Multis treffen strategische Entscheidungen für die Region häufig im Ausland und entscheiden von dort aus tendenziell auch die Beschaffung von Maschinen, sagt Peters. Sigma, einer der weltgrößten Hotdog-Produzenten, trifft demnach alle Entscheidungen in Mexiko, der mexikanische Coca-Cola-Abfüller Femsa die strategischen. Pozuelo befinde über große Anschaffungen am Stammsitz in Kolumbien. Bei Cargill laufe viel über ein Beschaffungsbüro in London.

Getränkehersteller und Brauereien von einheimischem Kapital bestimmt

Die in Zentralamerika verkauften Getränke stammen normalerweise von einheimischen oder mexikanischen Produzenten, die eigene Marken anbieten oder für internationale Konzerne abfüllen. Die Central American Bottling Corporacion mit Sitz in Guatemala ist als Pepsi-Partner Marktführer bei Sprudelgetränken in Guatemala und die Nummer zwei in El Salvador und Honduras. Mexikos Femsa betreibt in Zentralamerika fünf Fabriken. Der weltgrößte Coca-Cola-Abfüller gab im April 2018 die Übernahme des guatemaltekischen Konkurrenten Los Volcanes mit einem Abfüllbetrieb bekannt.

Die führenden Brauereien in der Region gehören typischerweise einem einheimischen Familienkonglomerat und dominieren, bei eher geringen Importen, den jeweiligen Heimatmarkt. In Guatemala ist dies die Cervecería Centro Americana, die ihren Marktanteil 2015 mit 80 Prozent bezifferte. In Costa Rica beherrscht Fifco mit seiner Cervecería Costa Rica den Heimatmarkt mit einem geschätzten Anteil von ebenfalls 80 Prozent. Fifco füllt in Lizenz auch für den Heineken-Konzern ab, der wiederum am costa-ricanischen Partner beteiligt ist. Biermarktführer in Panama ist der Multi InBev mit der Firma Cervecería Nacional.

Größter Milchverarbeiter in Zentralamerika dürfte die costa-ricanische Genossenschaft Dos Pinos sein. Sie liefert in Costa Rica geschätzt 90 Prozent aller Frischmilchprodukte und ist mit ihren Marken auch gut in den Supermärkten der Nachbarländer vertreten. Ihre Maschinen und Anlagen beschafft Dos Pinos fast ausschließlich aus Deutschland, sagt ein einheimischer Berater der Firma.

Kunden lagern Beschaffung aus

Bei großen Nahrungsmittelherstellern haben es Anbieter von Maschinen inzwischen regelmäßig mit zwei Kunden zu tun, mit der Produktionsfirma selbst und deren rechtlich ausgelagertem "Shared Service Center". So auch bei der Keksfabrik Pozuelo in San José. Mit einem Dutzend Mitarbeiter managt dort Juan Carlos Chacón die Beschaffungen. Angestellt ist er nominell bei der Firma "Servicios Nutresa", deren insgesamt rund 70 Mitarbeiter sich auch um die IT und andere Dienstleistungen für die Nutresa-Werke als "Kunden" kümmern - auch wenn sie in Büros direkt neben den Produktionshallen sitzen. Chacón und seine Leute verhandeln mit Maschinenanbietern Preise und Konditionen, während Manager und Ingenieure der Produktionsfirma selbst das Budget und technische Spezifikationen vorgeben.

Seit fünf oder sechs Jahren haben Nahrungsmittelhersteller in ganz Zentralamerika auf diese Weise ihre Beschaffungen ausgelagert, sagt Maschinenvertreter Peters. Die Manager der Produktionsfirmen forderten bei den Beschaffern vor allem einen niedrigen Kaufpreis und seien bei den eigentlichen Verhandlungen oft nicht mehr dabei. Qualitätsaspekte blieben dadurch schon mal auf der Strecke. Um im Rennen zu bleiben, müssten Maschinenanbieter zum Beispiel beim Service knapper kalkulieren.

Genau dies wiederum rügt Chacón von Servicios Nutresa: Nach dem erfolgreichen Geschäftsabschluss machten sich auch Vertreter europäischer Maschinen rar und kümmerten sich zu wenig um den Service. Nach Peters´ Aussage merken die Kunden allmählich, dass die starke Fixierung auf den Preis ihre Nachteile hat. Mittlerweile installierten sie bei den Einkaufseinheiten Fachleute, die auch Aspekte jenseits des Preises wieder stärker berücksichtigen. Dadurch habe teure, aber höherwertige Technik wieder bessere Karten.

Dieser Artikel ist relevant für:

Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua, Panama Geschäftspraxis allgemein, Nahrungsmittel- u. Verpackungsmaschinen, Nahrungsmittel

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