Europäische Union

EU-Sektorseminar und Kooperationsbörse zum Thema "Landwirtschaft, ländliche Entwicklung und Ernährungssicherheit in EU-Außenhilfeprogrammen“

EU fördert Drittländer mit mehr als 8 Mrd. Euro für den Agrarsektor von 2014 bis 2020

Am 18.6.2015 fand in Brüssel das EU-Sektorseminar zum Thema "Landwirtschaft, ländliche Entwicklung und Ernährungssicherheit“ statt. Mit diesen Veranstaltungen, die die GTAI gemeinsam mit 21 Vertretungen und Handelsförderorganisationen anderer Mitgliedstaaten organisiert, unterstützt die GTAI deutsche Firmen beim Zugang zu Ausschreibungen im Rahmen der EU-Außenhilfeinstrumente. Insgesamt gab es 71 Teilnehmer aus der ganzen EU, darunter 15 Deutsche aus 11 Beratungsunternehmen. EU-weit waren auch Zulieferer und Bauunternehmen vertreten.

Für 60 Partnerländer der EU ist nachhaltige Landwirtschaft und Ernährungssicherheit ein Schwerpunktsektor im Finanzrahmen 2014 bis 2020, insbesondere Staaten in Subsahara-Afrika, Süd- und Südost- sowie Zentralasien und Mittelamerika. Die EU-Außenhilfeprogramme ermöglichen Geschäftschancen für Unternehmen aus der EU wie  Stärkung der landwirtschaftlichen Produktion, Unterstützung umweltfreundlicher Technologien und Praktiken, Veterinär- und Pflanzenschutz sowie Forschung und Schulungen. Je nach Weltregion greifen verschiedene Außenhilfeprogramme, die von verschiedenen Generaldirektionen (GD) der EU-Kommission verwaltet werden.

Melinda Wezenaar, Branch Director von MFD Training & Consultancy, eröffnete das Seminarprogramm mit einem Einführungsvortrag zu den Beteiligungsmöglichkeiten im Rahmen der EU-Außenhilfen. In Anbetracht der Neuerungen des Finanzrahmens 2014-2020 war dieser Überblick auch für erfahrene Teilnehmer relevant.

Jean Pierre Halkin, Referatsleiter der GD Development and Cooperation – EuropeAid (DEVCO) erläuterte den Teilnehmern die EU-Förderung in seinem Arbeitsbereich ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit. Bereits heute leiden 800 Mio. Menschen an Hunger und weitere 2 Mio. Menschen an Mangelernährung. Um die insgesamt bis 2050 erwarteten  9 Mrd. Menschen weltweit zu ernähren, bedarf es neuer Ansätze. Dazu kommt, dass Ernährungssicherheit die Basis von Entwicklung in den Bereichen Umweltschutz, Geschlechtergerechtigkeit, Bildung etc. ist. Die Vision der EU im Agrarsektor basiert auf vier Säulen: Nachhaltige Landwirtschaft, Ernährungssicherheit, Krisenvorsorge und Einbindung des Privatsektors. Dieser stellt laut Halkin 90% der Arbeitsplätze, erbringt Investitionen und führt Innovationen und Nachhaltigkeit ein. Während öffentliche Entwicklungsbudgets an Relevanz verlieren, werden wirtschaftliche Akteure immer wichtiger, damit die EU ihre anvisierten Entwicklungsziele erreicht. Sie sucht eine „wahre Partnerschaft“ mit dem Privatsektor. Im Agrarsektor bereiten vor allem das Wissensdefizit und unsichere Geschäftsklima vor Ort sowie der Vorwurf des Landgrabbings Probleme für Unternehmen. Hier setzt die EU mit Technischer Hilfe, Unterstützung lokaler Behörden der Partnerländer und Investitionsfazilitäten im Agrarbereich an.

Lateinamerika sowie Kuba werden durch das Instrument für Entwicklungszusammenarbeit (EZI) gefördert, während die Karibik unter den Europäischen Entwicklungsfonds (EEF) fällt. Die EU-Agrarförderung erfolgt global betrachtet vor allem bilateral mit den Partnerländern (80%), in Lateinamerika aber betrifft dies laut Galina Karamalakova von DG DEVCO nur sechs Partnerländer. Das neu ausgestaltete EZI sieht für Lateinamerika vor allem regionale Kooperation vor. Relevant ist ferner das thematische Programm „Instrument für globale öffentliche Güter und Herausforderungen“, Fokus „Ernährungssicherheit“, das mit 1,4 Mrd. Euro länderübergreifend 20% der weltweiten EU-Agrarvorhaben fördert. Spitzenreiter bei EU-Agrarförderung sind von 2014 bis 2020 Honduras und Haiti (je 100 Mio. Euro).

EU-Förderung in der Nachbarschaft sowie in EU-Beitrittsländern wird von der GD Neighbourhood and Enlargement Negotiations (NEAR) verwaltet. José Román León Lora von der Support Group für Ukraine stellte das Europäische Nachbarschaftsinstrument (ENI) sowie die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität (NIF) vor. Die EU fördert in der Ukraine vor allem den Aufbau des Privatsektors, allerdings sind keine Ausschreibungen für die Landwirtschaft vorhersehbar. Stéphane Halgand, Programm-Manager für Regionale Programme und die südliche Nachbarschaft in GD NEAR erläuterte das European Neighborhood Partnership for Rural Development (ENPARD) II, in das über 30 Monate hinweg rund 4 Mio. Euro fließen. Die Umsetzung allerdings erfolgt wie auch vermehrt bei anderen Vorhaben durch öffentliche Institutionen ohne Beschaffungswesen. Obwohl die südlichen Mittelmeeranrainer von Nahrungsmittelimporten abhängen und Landwirtschaft teils einen Schwerpunktsektoren darstellt, ist laut Halgand somit mit wenigen Ausschreibungen zu rechnen. Diese aber wird es für Technische Hilfe geben, um Budgethilfen der EU zu begleiten. Ebenfalls können Ausschreibungen zur Förderung des ländlichen Raums unter Vorhaben der sozialen Entwicklung wie in Marokko fallen.

Anna Nowak ist als Programm-Managerin in der GD Landwirtschaft (AGRI) für das Instrument Heranführungshilfe (Instrument for Pre-Accession Assistance, IPA II) zuständig. IPA II sieht u.a. Förderung für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung vor. In diesem Sektor unterstützt die EU den Aufbau von Institutionen und Kapazitäten durch Projektausschreibungen. Auch das IPA Rural Development Programme (IPARD) zielt auf Nahrungsmittelsicherheit, Wettbewerbsfähigkeit, Anpassung an die EU-Standards und Investitionsförderung ab. Hierzu werden Zuschüsse an lokale Bauern und KMU im Agrarsektor vergeben. Europäische Unternehmen aber können mit Technischer Hilfe (Beratung, Schulung) sowie Lieferungen von u.a. Maschinen an den Projekten teilhaben.

Laurent Sarazin, Referatsleiter und Vertragsexperte in GD DEVCO stellte die Neuerungen im Vergabehandbuch PRAG - Practical Guide to Contract Procedures for EU External Actions vor, das die Kriterien für die öffentliche Auftragsvergabe im EU-Außenhandel festlegt. Der PRAG 2015 wird nach dem Sommer veröffentlicht und umfasst auf Nutzerstimmen basierte Vereinfachungen, Abänderungen und das neue Vorhaben „Youth for development“ zur Einbindung von Trainees in Projekte.

Céline Maertens erläuterte als Programm-Managerin für Finanzinstrumente in GD DEVCO die Funktionsweise der Kombination von Zuschüssen und Darlehen. Bei diesem sogenannten blending finanzieren die EU und ihre Mitgliedstaaten regionale Investitionsfazilitäten für diverse Weltregionen, um mittels Zuschüssen vorteilhafte Kredite der europäischen Finanzinstitute zu ermöglichen. So werden riskante Vorhaben im Agrarbereich abgesichert und privates Budget gehebelt. Planungssicherheit und Nachhaltigkeit der Landwirtschaft steigen. Auch die Europäische Investitionsbank (EIB), vertreten durch Mihail Juc (Senior-Ingenieur im Bereich Natürliche Ressourcen und Agroindustrie), ermöglicht blending sowie diverse Instrumente für verschiedene Investitionen. Die EIB vergibt nicht nur direkte Kredite an Unternehmen, sondern auch sogenannte APEX-Kredite an Finanz-Intermediäre. Diese Art von Krediten unterstützt landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten, die alle Unternehmen von Produzenten und Beratern über Logistiker und Lagerbetreiber bis hin zu Verpackungsfirmen, Großhändlern und Vertreiber einschließt. Auch im Bereich Technische Hilfe vergibt die EIB Gelder über Investitionsfazilitäten und Trust Fonds, die auch den lokalen Agrarsektor stärken.

Der Nachmittag diente den teilnehmenden Unternehmen aus verschiedenen EU-Staaten zum Kontaktknüpfen und Netzwerken im Hinblick auf mögliche gemeinsame Projekte und Bildung von Konsortien. Auch die EIB und die Vertragsexperten zu PRAG hatten einen Stand. Jan Dröge, Teilhaber von Schuman Associates, moderierte das EU-Sektorseminar.

Nähere Informationen wie das Programm und die Präsentationen sind auf der Internetseite der EU-Sektorseminare sowie in der rechten Spalte zu finden.