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24.09.2014

Umsatzsteuer bei der grenzüberschreitenden Dienstleistungserbringung

Bestimmung des Ortes der Dienstleistung, des Steuerschuldners und des Zeitpunkts des Entstehens der Steuerschuld nach der europäischen Mehrwertsteuerrichtlinie / Von Mandy Nicke

Bonn (gtai) - Dienstleistungen, die ein Steuerpflichtiger in der EU gegen Entgelt erbringt, unterliegen der Mehrwertsteuer. Erbringt ein Unternehmen seine Dienstleistungen nicht nur im In-, sondern auch im EU-Ausland, muss insbesondere beantwortet werden, wo die Dienstleistung besteuert wird und wer dem Fiskus die Umsatzsteuer schuldet. Davon hängt u.a. ab, welcher Mehrwertsteuersatz angesetzt werden muss, welche Rechnungsvorschriften einschlägig sind und ob sich das Unternehmen im EU-Ausland zu Mehrwertsteuerzwecken registrieren lassen muss.

Rechtlicher Rahmen

Die Umsatzsteuer ist in der Europäischen Union (EU) grundsätzlich einheitlich gestaltet. Den rechtlichen Rahmen bildet die europäische Mehrwertsteuerrichtlinie 2006/112/EG (in der Fassung der Richtlinie 2008/8/EG) (im Folgenden abgekürzt MwStRL), die durch die Durchführungsverordnung (EU) Nr. 282/2011 (im Folgenden abgekürzt MwStVO) präzisiert wird. Letztere ist durch die Durchführungsverordnungen (EU) Nr. 967/2012 und Nr. 1042/2013 geändert worden. Die Änderungen treten zum 1.1.2015 in Kraft.

Da die Vorgaben der MwStRL im Gegensatz zur MwStVO in den EU-Mitgliedstaaten nicht unmittelbar gelten, müssen sie diese in nationales Recht umsetzen. Daher kann von einer endgültigen Vereinheitlichung noch keine Rede sein. Denn die MwStRL lässt zahlreiche nationale Ausnahmebestimmungen und unterschiedliche Steuersätze zu. Außerdem legen die Mitgliedstaaten die Vorschriften zum Teil unterschiedlich aus.

Die europarechtlichen Vorgaben sind im deutschen Recht insbesondere im Umsatzsteuergesetz (UStG) eingearbeitet. Der Artikel stellt die Regelungen der MwStRL vor und verweist am Ende jedes Abschnitts auf die entsprechenden Vorschriften im UStG. Diese können jedoch im Detail von den Regelungen der MwStRL abweichen.

Begriff der Dienstleistung

Als "Dienstleistung" gilt jeder Umsatz, der keine Lieferung von Gegenständen ist (Artikel 24 Absatz 1 MwStRL). Sie kann auch in der Verpflichtung, eine Handlung zu unterlassen oder eine Handlung oder einen Zustand zu dulden, bestehen (Artikel 25 lit. b MwStRL). Weitere Einzelheiten enthalten die Artikel 25-29 MwStRL.

Entsprechungstabelle:
MwStRL UStG
Artikel 24-29 § 3 Absatz 9 und 9a *)

*) im UStG ist nicht von "Dienstleistung", sondern von "sonstiger Leistung" die Rede

Bestimmung des Ortes der Dienstleistung

Um die Frage beantworten zu können, wo die Dienstleistung besteuert wird, muss man zunächst bestimmen, ob der Leistungsempfänger Steuerpflichtiger oder Nichtsteuerpflichtiger ist. Im Anschluss muss man sich die Tätigkeit, die der Dienstleistungserbringer ausübt, anschauen.

Status des Leistungsempfängers

Zunächst ist zu bestimmen, ob der Leistungserbringer eine Leistung an einen Steuerpflichtigen oder an einen Nichtsteuerpflichtigen erbringt. Dafür muss man die Frage beantworten, ob der Leistungsempfänger als Steuerpflichtiger angesehen wird. Ist dies der Fall und handelt er in seiner Eigenschaft als Steuerpflichtiger, befindet man sich im B2B-Verhältnis (business-to-business). Wird er nicht als Steuerpflichtiger angesehen, gilt er im Umkehrschluss als Nichtsteuerpflichtiger. Dann befindet man sich im B2C-Verhältnis (business-to-consumer).

Grundsätzlich gilt als Steuerpflichtiger, wer eine wirtschaftliche Tätigkeit unabhängig von ihrem Ort, Zweck und Ergebnis selbständig ausübt (Artikel 9 Absatz 1 MwStRL).

Für die Bestimmung des Ortes einer Dienstleistung wird auch eine nicht steuerpflichtige juristische Person mit Mehrwertsteuer-Identifikationsnummer als Steuerpflichtiger angesehen (Artikel 43 Nr. 2 MwStRL, Artikel 17 Absatz 2 MwStVO). Darüber hinaus gilt ein Steuerpflichtiger, der auch Tätigkeiten ausführt oder Umsätze bewirkt, die nicht als steuerbare Dienstleistungen im Sinne von Artikel 2 Absatz 1 MwStRL angesehen werden, für die Ortsbestimmung der Dienstleistung in Bezug auf alle an ihn ausgeführte Dienstleistungen als Steuerpflichtiger (Artikel 43 Nr. 1 MwStRL, Artikel 19 Satz 3 MwStVO).

Artikel 18 MwStVO präzisiert, unter welchen Voraussetzungen der Dienstleistungserbringer davon ausgehen kann, dass der Dienstleistungsempfänger den Status eines Steuerpflichtigen hat. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn der Dienstleistungsempfänger dem Dienstleistungserbringer seine individuelle Mehrwertsteuer-Identifikationsnummer mitgeteilt hat. Außerdem muss sich der Dienstleistungserbringer die Gültigkeit der Nummer bestätigen lassen sowie den dazugehörigen Namen und die dazugehörige Adresse erlangen. Außerdem dürfen ihm keine Informationen vorliegen, die dagegen sprechen, dass der Dienstleistungsempfänger den Status eines Steuerpflichtigen hat.

Entsprechungstabelle:
MwStRL UStG MwStRL UStG
Artikel 2 Absatz 1 lit. c § 3 Absatz 9 und 9a Artikel 43 Nr. 1 § 3a Absatz 2 Satz 1
Artikel 9 Absatz 1 § 2 Absatz 1 *) Artikel 43 Nr. 2 § 3a Absatz 2 Satz 3

*) im UStG ist nicht vom "Steuerpflichtigen", sondern vom "Unternehmer" die Rede

Art der sonstigen Dienstleistung zur Bestimmung des Besteuerungsortes

Steht fest, ob die Dienstleistung im B2B- oder B2C-Verhältnis erbracht wird, kann der Ort der Besteuerung der Dienstleistung festgelegt werden. Dies richtet sich nach der Art der ausgeübten Tätigkeit des Dienstleistungserbringers.

Im B2B-Verhältnis wird die Dienstleistung grundsätzlich an dem Ort besteuert, an dem der Dienstleistungsempfänger den Sitz seiner wirtschaftlichen Tätigkeit hat. Etwas anderes gilt, wenn der Dienstleistungserbringer die Dienstleistung an eine feste Niederlassung des steuerpflichtigen Dienstleistungsempfängers, die an einem anderen Ort als dem Sitz seiner wirtschaftlichen Tätigkeit liegt, erbringt. Dann wird die Dienstleistung an dem Ort besteuert, an dem der Dienstleistungsempfänger seine feste Niederlassung hat. Hat der steuerpflichtige Dienstleistungsempfänger weder einen Sitz seiner wirtschaftlichen Tätigkeit noch eine feste Niederlassung, wird die Dienstleistung an dem Ort besteuert, wo der steuerpflichtige Dienstleistungsempfänger seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat (Artikel 44 MwStRL). Weitere Einzelheiten regeln Artikel 20-22 MwStVO.

Im B2C-Verhältnis wiederum wird die Dienstleistung grundsätzlich an dem Ort besteuert, an dem der Dienstleistungserbringer den Sitz seiner wirtschaftlichen Tätigkeit hat. Etwas anderes gilt, wenn der Dienstleistungserbringer die Dienstleistung von einer festen Niederlassung, die an einem anderen Ort als dem des Sitzes seiner wirtschaftlichen Tätigkeit liegt, aus erbringt. Dann wird die Dienstleistung an dem Ort besteuert, an dem der Dienstleistungserbringer seine feste Niederlassung hat. Hat der steuerpflichtige Dienstleistungserbringer weder einen Sitz seiner wirtschaftlichen Tätigkeit noch eine feste Niederlassung, wird die Dienstleistung an dem Ort besteuert, wo der Dienstleistungserbringer seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat (Artikel 45 MwStRL).

Abweichend von der Grundregel bestimmt sich der Ort der Besteuerung bei folgenden Tätigkeiten. Die Ausnahmeregelungen gelten zum Teil nur im B2B-Verhältnis und zum Teil nur im B2C-Verhältnis:

Art der Dienstleistung Dienstleistung an Steuerpflichtigen (B2B) Dienstleistung an Nichtsteuerpflichtigen (B2C)
Von einem Vermittler erbrachte Dienstleistung - *) Ort, an dem der vermittelte Umsatz erbracht wird (Artikel 46 MwStRL)
Dienstleistung im Zusammenhang mit einem Grundstück Ort, an dem das Grundstück belegen ist (Artikel 47 MwStRL) Ort, an dem das Grundstück belegen ist (Artikel 47 MwStRL)
Begutachtung von beweglichen körperlichen Gegenständen oder Arbeiten an solchen Gegenständen - *) Ort, an dem sie tatsächlich erbracht wird (Artikel 54 Absatz 2 lit. b MwStRL)
Personenbeförderungsleistungen jeweils nach den zurückgelegten Strecken (Artikel 48 MwStRL) jeweils nach den zurückgelegten Strecken (Artikel 48 MwStRL)
Güterbeförderung, die keine innergemeinschaftliche Beförderung darstellt - *) jeweils nach den zurückgelegten Strecken (Artikel 49 MwStRL)
Innergemeinschaftliche Güterbeförderung (Güter, die von einem EU-Mitgliedstaat in einen anderen befördert werden) - *) Abgangsort (Artikel 50 MwStRL)
Nebentätigkeiten zur Beförderung - *) Ort, an dem sie tatsächlich erbracht wird (Artikel 54 Absatz 2 lit. a MwStRL)
Dienstleistung, die die Eintrittsberechtigung zu Veranstaltungen auf dem Gebiet der Kultur, der Künste, des Sports, der Wissenschaft, des Unterrichts, der Unterhaltung und ähnlicher Veranstaltungen betrifft Ort, an dem die Veranstaltung tatsächlich stattfindet (Artikel 53 MwStRL) -
Dienstleistung im Zusammenhang mit Tätigkeiten auf dem Gebiet der Kultur, der Künste, des Sports, der Wissenschaft, des Unterrichts, der Unterhaltung und ähnlicher Veranstaltungen - *) Ort, an dem die Tätigkeit tatsächlich ausgeführt wird (Artikel 54 Absatz 1 MwStRL)
Restaurant- / Verpflegungsdienstleistung, die nicht an Bord eines Schiffs oder Flugzeugs oder in der Eisenbahn während des innerhalb der EU stattfindenden Teils einer Personenbeförderung erbracht wird Ort, an dem sie tatsächlich erbracht wird (Artikel 55 MwStRL) Ort, an dem sie tatsächlich erbracht wird (Artikel 55 MwStRL)
Restaurant- / Verpflegungsdienstleistung, die an Bord eines Schiffs oder Flugzeugs oder in der Eisenbahn während des innerhalb der EU stattfindenden Teils einer Personenbeförderung erbracht wird Abgangsort der Beförderung (Artikel 57 MwStRL) Abgangsort der Beförderung (Artikel 57 MwStRL)
Vermietung von Beförderungsmitteln über einen kürzeren Zeitraum Ort, an dem das Beförderungsmittel dem Empfänger tatsächlich zur Verfügung gestellt wird (Artikel 56 MwStRL) Ort, an dem das Beförderungsmittel dem Empfänger tatsächlich zur Verfügung gestellt wird (Artikel 56 MwStRL)
Langfristige Vermietung von Beförderungsmitteln - *) Ort, an dem der Dienstleistungsempfänger ansässig ist oder seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat, außer wenn der Vermieter eines Sportboots im selben Mitgliedstaat niedergelassen ist, in dem er dem Empfänger das Boot zur Verfügung stellt (Artikel 56 MwStRL)
Elektronisch erbrachte Dienstleistung, die ein in einem Drittland niedergelassenes Unternehmen für einen in der EU ansässigen Nichtsteuerpflichtigen erbringt - *) Ort, an dem der Nichtsteuerpflichtige seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat (Artikel 58 MwStRL)
Rundfunk-, Fernseh- sowie Telekommunikationsdienstleistung, die ein in einem Drittland niedergelassenes Unternehmen an einen Nichtsteuerpflichtigen in der EU erbringt - *) Ort, an dem die Dienstleistung tatsächlich genutzt und ausgewertet wird (Artikel 59b MwStRL)
Bestimmte Dienstleistungen, die außerhalb der Gemeinschaft erbracht werden - *) Ort, an dem der Kunde ansässig ist, sofern dieses Land außerhalb der EU liegt (Artikel 59b MwStRL)

*) Hier ist die Ausnahmeregelung nicht einschlägig. Daher kommt die Grundregel zur Anwendung

Bei Dienstleistungen, deren Erbringungsort sich nach den Artikeln 44, 45, 56 und 59 MwStRL bestimmt, können die Mitgliedstaaten abweichend von diesen Regelungen festlegen, dass der Ort dieser Dienstleistung, der außerhalb der Gemeinschaft liegt, so behandeln wird, als läge er in ihrem Gebiet, wenn die tatsächliche Nutzung oder Auswertung tatsächlich in ihrem Gebiet erfolgt (Artikel 59a Satz 1 Nr. 2 MwStRL). Umgekehrt dürfen sie bestimmen, dass der Ort dieser Dienstleistung, der in ihrem Gebiet liegt, so behandelt wird, als läge er außerhalb der Gemeinschaft, wenn die tatsächliche Nutzung außerhalb der Gemeinschaft erfolgt (Artikel 59a Satz 1 Nr. 1 MwStRL).

Im Bereich der elektronisch erbrachten Dienstleistungen sowie der Rundfunk-, Fernseh- und Telekommunikationsdienstleistungen werden ab 1.1.2015 neue Regelungen gelten. Hiermit befasst sich ausführlich der gtai-Artikel "Umsatzsteuer bei grenzüberschreitend erbrachten elektronischen Dienstleistungen". Die Ausführungen zu den Neuerungen im Bereich der elektronisch erbrachten Dienstleistungen gelten im Grundsatz auch für Rundfunk-, Fernseh- und Telekommunikationsdienstleistungen.

Wenn feststeht, wo die Dienstleistung besteuert wird, weiß man, welches nationale Recht heranzuziehen ist. Dieses beantwortet die Frage, ob, in welcher Höhe, wie und wann Mehrwertsteuer anzusetzen ist, wer sie zu zahlen hat sowie was bei der Rechnungslegung zu beachten ist.

Entsprechungstabelle:
MwStRL UStG MwStRL UStG
Artikel 44 § 3a Absatz 2 Artikel 54 Absatz 2 lit. b § 3a Absatz 3 Nr. 3c
Artikel 45 § 3a Absatz 1 Artikel 55 § 3a Absatz 3 Nr. 3b
Artikel 46 § 3a Absatz 4 Artikel 56 § 3a Absatz 3 Nr. 2
Artikel 47 § 3a Absatz 3 Nr. 1 Artikel 57 § 3e
Artikel 48 § 3b Absatz 1 Satz 1 und 2 Artikel 58 § 3a Absatz 5
Artikel 49 § 3b Absatz 1 Satz 3 Artikel 59 § 3a Absatz 4
Artikel 50 § 3b Absatz 3 Artikel 59a Nr. 1 § 3a Absatz 7 und 8
Artikel 53 § 3a Absatz 3 Nr. 5 Artikel 59a Nr. 2 § 3a Absatz 6 Satz 1 Nr. 1 und 2
Artikel 54 Absatz 1 § 3a Absatz 3 Nr. 3a Artikel 59b § 3a Absatz 6 Satz 1 Nr. 3
Artikel 54 Absatz 2 lit. a § 3b Absatz 2

Bestimmung des Steuerschuldners

Wenn feststeht, wo die Dienstleistung besteuert wird, muss noch bestimmt werden, wer Steuerschuldner ist, d.h. wer die Steuer zahlen muss.

Als Grundsatz gilt: Der Steuerpflichtige, der eine Dienstleistung steuerpflichtig erbringt, ist Schuldner der Mehrwertsteuer (Unternehmersitzprinzip) (Artikel 193 MwStRL). Das Besteuerungsverfahren richtet sich nach dem Recht des Landes, wo die Dienstleistung besteuert wird. Wird demnach die Leistung in Deutschland besteuert, kommt deutsches Umsatzsteuerrecht zur Anwendung. Wird die Leistung dagegen im Ausland besteuert, findet das ausländische Umsatzsteuerrecht Anwendung.

Von dem Grundsatz gibt es jedoch eine wichtige Ausnahme: Im Rahmen des sogenannten Reverse-Charge-Verfahrens ist der Dienstleistungsempfänger Steuerschuldner (Empfängersitzprinzip). Die Mitgliedstaaten können es vorsehen, wenn ein Steuerpflichtiger eine steuerpflichtige Dienstleistung erbringt, er aber in dem Mitgliedstaat, in dem die Mehrwertsteuer geschuldet wird, nicht ansässig ist (Artikel 194 MwStRL).

In den in Artikel 195-198 MwStRL geregelten Fällen, müssen die Mitgliedstaaten das Reverse-Charge-Verfahren vorsehen. Im Rahmen der Dienstleistungserbringung ist der Fall des Artikels 196 MwStRL von Bedeutung: Im B2B-Verhältnis kommt es zur Umkehr der Steuerschuldnerschaft, wenn der steuerpflichtige Dienstleistungserbringer für den steuerpflichtigen Dienstleistungsempfänger oder eine nichtsteuerpflichtige juristische Person mit einer Mehrwertsteuer-Identifikationsnummer eine steuerpflichtige Dienstleistung nach Artikel 44 MwStRL erbringt und der Dienstleistungserbringer nicht im Mitgliedstaat, in dem der Dienstleistungsempfänger den Sitz seiner wirtschaftlichen Tätigkeit hat, ansässig ist (Artikel 196 MwStRL).

Darüber hinaus ist es den Mitgliedstaaten für eine Reihe von Dienstleistungen im B2B-Verhältnis freigestellt, ob sie für diese das Reverse-Charge-Verfahren gelten lassen wollen (Artikel 199 und 199a MwStRL). Insofern sind die jeweiligen nationalen Vorschriften zu prüfen, ob es zum Übergang der Steuerschuldnerschaft kommt.

Kommt das Reverse-Charge-Verfahren zur Anwendung, muss der Dienstleistungserbringer nur eine Nettorechnung (d.h. ohne Mehrwertsteuer) unter Hinweis auf den Übergang der Steuerschuldnerschaft ausstellen. Hierfür gelten dann Vorschriften zur Rechnungslegung des EU-Mitgliedstaats, in dem der Dienstleistungserbringer ansässig ist. Er muss sich im EU-Ausland nicht für Mehrwertsteuerzwecke registrieren. Allerdings muss er die sogenannte zusammenfassende Meldung abgeben. Der Dienstleistungsempfänger führt die Mehrwertsteuer ab.

Ist der Dienstleistungserbringer in mehreren EU-Mitgliedstaaten Steuerschuldner, muss er sich grundsätzlich in all diesen EU-Mitgliedstaaten zur Umsatzsteuer anmelden. Im Falle der Erbringung von Rundfunk-, Fernseh- und Telekommunikations- sowie elektronisch erbrachten Dienstleistungen an Nichtsteuerpflichtige ist dies ab 1.1.2015 nicht mehr zwingend erforderlich. Ab diesem Zeitpunkt kann sich der Dienstleistungserbringer bei der kleinen einzigen Anlaufstelle in dem Mitgliedstaat, in dem er steuerlich identifiziert ist, registrieren. Über diese kann er die auf diese Dienstleistungen geschuldete Mehrwertsteuer abrechnen. Der gtai-Artikel "Neues Besteuerungsverfahren für die Mehrwertsteuer: Kleine einzige Anlaufstelle (KEA)": beschäftigt sich ausführlich mit dieser Neuerung.

Entsprechungstabelle:
MwStRL UStG MwStRL UStG
Artikel 193 § 13a Absatz 1 Nr. 1 Artikel 194-199a § 13b Absatz 5

Zeitpunkt des Entstehens der Steuerschuld

Die Steuerschuld entsteht grundsätzlich zu dem Zeitpunkt, zu dem die Dienstleistung erbracht wird (Artikel 63 MwStRL).

Werden Dienstleistungen stückweise abgerechnet und bezahlt, so gelten sie mit Ablauf des Zeitraums bewirkt, auf den sich diese Abrechnungen oder Zahlungen beziehen (Artikel 64 Absatz 1 MwStRL). Schuldet der Leistungsempfänger nach Artikel 196 MwStRL für Dienstleistungen, die kontinuierlich länger als ein Jahr erbracht werden und die in diesem Zeitraum weder abgerechnet noch bezahlt werden, die Steuer, so gelten diese mit Ablauf eines jeden Kalenderjahres bewirkt, solange die Dienstleistung nicht eingestellt ist (Artikel 64 Absatz 2 MwStRL). Leistet der Dienstleistungsempfänger noch vor der Dienstleistungserbringung eine Anzahlung, entsteht die Steuerschuld entsprechend dem vereinnahmten Betrag zum Zeitpunkt der Vereinnahmung (Artikel 65 MwStRL).

Abweichend von diesen Regelungen können die Mitgliedstaaten vorsehen, dass die Steuerschuld zu einem anderen Zeitpunkt entsteht. Möglicher Zeitpunkt kann sein (Artikel 66 Satz 1 MwStRL):

- spätestens bei Ausstellung der Rechnung

- spätestens bei der Vereinnahmung des Preises

- falls keine Rechnung ausgestellt wird oder falls dies zu spät geschieht, spätestens nach Ablauf der von Mitgliedstaaten gemäß Artikel 222 Absatz 2 MwStRL gesetzten Frist für die Ausstellung der Rechnung oder in Ermangelung einer solchen, binnen einer bestimmten Frist nach Vorliegen aller Voraussetzungen des Steuertatbestands.

Diese Abweichungen dürfen jedoch nicht für Dienstleistungen, für die der Dienstleistungsempfänger nach Artikel 196 MwStRL die Mehrwertsteuer schuldet, gelten (Artikel 66 Satz 2 MwStRL).

Entsprechungstabelle:
MwStRL UStG
Artikel 63-66 §§ 13, 13b Absatz 1-3 *)

*) das UStG sieht zum Teil vor, dass die Steuer mit Ablauf des Voranmeldungszeitraums, in dem die Leistungen ausgeführt worden sind, entsteht

Zum Thema

- Richtlinie 2006/112/EG des Rates vom 28. November 2006 über das gemeinsame Mehrwertsteuersystem: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?qid=1408632798669&uri=CELEX:02006L0112-20140101 (konsolidierte Fassung zum 1.1.2014)

- Richtlinie 2008/8/EG des Rates vom 12. Februar 2008 zur Änderung der Richtlinie 2006/112/EG bezüglich des Ortes der Dienstleistung: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?qid=1408624415301&uri=CELEX:32008L0008

- Durchführungsverordnung (EU) Nr. 282/2011 des Rates vom 15. März 2011 zur Festlegung von Durchführungsvorschriften zur Richtlinie 2006/112/EG über das gemeinsame Mehrwertsteuersystem: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?qid=1408633055511&uri=CELEX:32011R0282

- Verordnung (EU) Nr. 967/2012 des Rates vom 9. Oktober 2012 zur Änderung der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 282/2011 hinsichtlich der Sonderregelungen für nicht ansässige Steuerpflichtige, die Telekommunikationsdienstleistungen, Rundfunk- und Fernsehdienstleistungen oder elektronische Dienstleistungen an Nichtsteuerpflichtige erbringen: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?qid=1408633127628&uri=CELEX:32012R0967

- Durchführungsverordnung (EU) Nr. 1042/2013 des Rates vom 7. Oktober 2013 zur Änderung der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 282/2011 bezüglich des Ortes der Dienstleistung: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?qid=1409076783515&uri=CELEX:32013R1042

- Umsatzsteuergesetz (UStG): http://www.gesetze-im-internet.de/ustg_1980/

- Gesetz zur Anpassung des nationalen Steuerrechts an den Beitritt Kroatiens zur EU und zur Änderung weiterer steuerrechtlicher Vorschriften" vom 25.7.2014: http://www.bgbl.de/banzxaver/bgbl/text.xav?SID=&tf=xaver.component.Text_0&tocf=&qmf=&hlf=xaver.component.Hitlist_0&bk=bgbl&start=%2F%2F*%5B%40node_id%3D'335667'%5D&skin=pdf&tlevel=-2&nohist=1

- "Leitfaden zur kleinen einzigen Anlaufstelle für die Mehrwertsteuer" der EU-Kommission (Stand: 23.10.2013): http://ec.europa.eu/taxation_customs/resources/documents/taxation/vat/how_vat_works/telecom/one-stop-shop-guidelines_de.pdf

- gtai-Artikel "Umsatzsteuer bei grenzüberschreitend erbrachten elektronischen Dienstleistungen ": http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Recht-Zoll/wirtschafts-und-steuerrecht,did=1086838.html

- gtai-Artikel "Neues Besteuerungsverfahren für die Mehrwertsteuer: Kleine einzige Anlaufstelle (KEA)": http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Recht-Zoll/wirtschafts-und-steuerrecht,did=1086834.html

- Informationen der EU-Kommission zum Thema Mehrwertsteuer: http://ec.europa.eu/taxation_customs/taxation/vat/index_de.htm

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